Gesundheit

Magische Zwangsgedanken

Wenn Aberglaube außer Kontrolle gerät

Zahlen und Farben beherrschen Oliver Sechtings Gedanken. Taucht eine 58 auf, muss er sie neutralisieren, am besten mit einer 7. Wie ihm geht es vielen, die meisten holen sich zu spät Hilfe.

Klaus-Dietmar Gabbert/ TMN

Wenn Oliver Sechting der 58 begegnet, muss er sie neutralisieren - mit anderen Zahlen zum Beispiel.

Donnerstag, 18.04.2019   18:21 Uhr

Oliver Sechtings Kopf ist voll. Voll mit der Zahl, die ihn im Griff hat. Sie versetzt ihn in Todesangst, bringt ihn in größte Gefahr. Wenn er sie sieht, passiert etwas Schlimmes, davon ist er überzeugt. Zuerst wird er seine Freunde verlieren. Dann wird der Krebs kommen. Dann der Tod. 58, so lautet die Zahl, sie lauert überall. An Haustüren, auf Plakaten, im Café.

Taucht sie auf, muss ein Gegenmittel her, das sie neutralisiert. Am besten eine 7. Sechting muss suchen. Stehen irgendwo sieben Gläser? Findet er eine 3 und eine 4, die zusammen die 7 ergeben? Eine Hausnummer 7?

Oliver Sechting, 43 Jahre alt, lebt seit 32 Jahren mit magischen Zwangsgedanken. Eine Krankheit, die 80 Prozent seiner Energie raubt, wie er sagt. Die seine Zeit frisst, ihn rund um die Uhr in Anspannung versetzt. Die Zahl 58 ist nur ein Reiz von vielen, die ihn täglich quälen.

Nicht nur Zahlen lösen bei dem 43-Jährigen größten Ängste aus, sondern auch Farben. Sieht er Rot und Schwarz zusammen, muss er die Farbkombination ebenfalls neutralisieren, am besten mit Weiß. Naseputzen hilft manchmal - mit einem weißen Taschentuch. Oder 250 Milliliter Milch trinken. Milch wegen der Farbe. 250 Milliliter, weil die Quersumme 7 ist.

Aberglaube außer Kontrolle

"Magische Zwangsgedanken sind eine Form der Zwangsstörungen", erklärt Wolf Hartmann, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ). Schätzungen zufolge sind zwei Prozent der Menschen in Deutschland von einer solchen Störung betroffen - die Dunkelziffer ist laut Hartmann vermutlich höher. Denn viele suchten erst einen Arzt auf, wenn die Gedanken ihren Alltag erheblich beeinträchtigten.

Dabei kennt das Phänomen vermutlich jeder. "Das Schema gleicht der schwarzen Katze, die Unglück bringen soll, wenn sie von rechts über die Straße läuft", sagt Wolf Hartmann. Was für Gesunde ein Spielchen mit dem Aberglauben ist, gerate bei Menschen mit magischen Zwangsgedanken außer Kontrolle.

So wie bei Oliver Sechting. "Mir ist klar, dass die Zahl 58 nicht meinen Tod auslösen kann", sagt der Berliner. "Aber die Angst ist so übermächtig, dass ich meinen Zwängen nachgehen muss. Ich bin ihnen ausgeliefert." Das geht so, seitdem er 11 Jahre alt ist.

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Alles begann mit kleinen Macken, erzählt der Sozialpädagoge. "Ich bin zum Beispiel nicht mehr auf die Fugen zwischen Pflastersteinen getreten." Dann hatte er als Teenager zwei einschneidende Erlebnisse: Sein Vater starb an Krebs. Außerdem wurde ihm klar, dass er homosexuell ist. "Ich war todtraurig wegen meines Vaters und versuchte gleichzeitig, meine Homosexualität zu verstecken", erinnert sich Sechting.

Die Folge: Die Zwänge ergriffen die Macht. Als sein Verhalten auffälliger wurde, verlagerte der Junge seine Rituale in den Kopf.

Existieren auch aggressive, sexuelle und religiöse Gedanken

"Zwangsgedanken gibt es in unterschiedlichen Variationen", sagt Privatdozent Andreas Wahl-Kordon, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Oberbergklinik Schwarzwald. "Neben magischen Zwangsgedanken gibt es auch aggressive, sexuelle und religiöse Gedanken."

Warum und wie die Krankheit entsteht, ist nicht bekannt. "Wir gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenkommen müssen", erklärt Wahl-Kordon. "Vermutlich basieren Zwangsgedanken auf einer genetischen Veranlagung. Kommt ein Auslöser hinzu, beispielsweise ein einschneidendes Lebensereignis, kann die Krankheit ausbrechen."

Das geschieht laut Wahl-Kordon schleichend. "Die meisten Patienten werden im Schnitt erst zehn bis zwölf Jahre nach Ausbruch der Erkrankung richtig behandelt", sagt der Psychiater. Häufig werde die Krankheit nicht erkannt oder fälschlicherweise als Psychose oder Schizophrenie diagnostiziert. Bei Oliver Sechting vergingen 22 Jahre, bis er Hilfe bekam. Seitdem hat er unzählige Therapien absolviert, zusätzlich nimmt er Medikamente gegen Depressionen, die er als Folge seiner Erkrankung entwickelte.

"Magische Zwangsgedanken lassen sich am besten mit einer Verhaltenstherapie behandeln", sagt Diplom-Psychologe Thomas Hillebrand aus Münster. Wichtig sei, die Betroffenen behutsam mit den Gedanken zu konfrontieren. "Setzt der Patient sich immer wieder seinen Reizen aus, wird die Angst in vielen Fällen weniger", erklärt Hillebrand.

"Wichtig ist, dass die Erkrankung früh erkannt wird."

Individuell müsse gemeinsam mit dem Arzt entschieden werden, ob zusätzlich Medikamente gegeben werden. "Wichtig ist, dass die Erkrankung früh erkannt wird. Häufig sind die Ängste dann noch nicht so intensiv, und man kann schnell gegensteuern." Die Prognose bei Zwangsgedanken sei grundsätzlich gut.

Auch Oliver Sechting konfrontierte sich mit seinen Gedanken. Die Ängste sind seitdem nicht mehr so stark, aber auch nicht verschwunden. Noch immer spult Sechting seine Rituale mehrere hundert Mal am Tag ab. Wohlfühlen würde er sich nur in einem weißen Raum. Trotzdem verkriecht er sich nicht.

"Dann würde genau das eintreten, was ich durch meine Rituale verhindern will. Ich wäre einsam." Seitdem er das begriffen hat, ist sein Leben etwas leichter. Über seine Geschichte hat er ein Buch geschrieben. Und wenn es ihm richtig gutgeht, dann trägt er sogar ab und zu ein schwarz-rotes T-Shirt. Eine riesige Überwindung. Aber an manchen Tagen hält er es aus.

irb/dpa, von Sandra Arens

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