Gesundheit

Nach der Psychotherapie

"Schaffe ich das jetzt allein?"

Jemand, der zuhört, hilft, fordert - und da ist, wenn es einem schlecht geht. So erleben viele Patienten ihre Psychotherapeuten. Endet die Behandlung, gilt es, diese Lücke zu füllen.

imago

Neue Wege gehen

Donnerstag, 11.08.2016   11:12 Uhr

Petra Hartmann (Name geändert) war bereits mehrere Male in psychotherapeutischer Behandlung, weil sie unter Depressionen litt. Im Sommer 2015 hat sie ihre letzte Verhaltenstherapie abgeschlossen. "Ich habe mich damals schon gefragt, ob ich es jetzt allein schaffe", erinnert sie sich. Nach mehreren Jahren mit psychotherapeutischer Begleitung war sie das erste Mal wieder auf sich selbst gestellt.

"Das Ende der Psychotherapie kann eine besonders sensible Phase sein, insbesondere, wenn die Patientin oder der Patient negative Vorerfahrungen mit Trennung oder Abschied gemacht hat", sagt Kerstin Sude, stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV).

"Meist thematisiert man das Ende in den letzten acht bis zehn Sitzungen, abhängig von der Therapielänge. Man fragt, wie es dem Patienten bei dem Gedanken geht und wägt gemeinsam ab, ob man eine Verlängerung beantragt oder nicht", sagt Sude, die als Psychotherapeutin in Hamburg arbeitet.

Etwas Wehmut

Auch Petra Hartmann konnte in den letzten Sitzungen Wünsche äußern, woran sie speziell arbeiten wollte. Trotzdem: "Endgültig loslassen war schon seltsam. Da kam auch etwas Wehmut oder Angst auf. Vorher wusste ich, da ist immer jemand da, mit dem ich Dinge besprechen kann", beschreibt die ehemalige Patientin aus Saarbrücken ihre Gefühle.

Worauf müssen sich Patienten also einstellen? "Es kann sein, dass zum Ende der Therapie die Anfangssymptomatik noch mal auftritt", sagt Kerstin Sude. "Das ist durchaus ein typisches Phänomen. In einem solchen Fall kann man beruhigen und sagen: Das ist vorübergehend, das wird besser!" Eine Krise zum Ende hin bedeutet nicht, dass die Therapie erfolglos war. Gerade in solchen Fällen sei es wichtig, gemeinsam mit den Patienten Bilanz zu ziehen. Das führe die Fortschritte vor Augen.

Wer sich auf die Zeit ohne psychotherapeutische Hilfe vorbereiten will, kann gemeinsam mit dem Therapeuten eine Notfallliste erstellen. Kerstin Sude erklärt: "Es werden dann beispielsweise Frühwarnzeichen festgehalten, die ein Patient vor einer möglichen Krise spürt oder eine Vertrauensperson, die im Notfall kontaktiert werden kann."

Auch Fragen zur Selbstfürsorge gehörten dazu: Habe ich mich oder den Sport vernachlässigt? Habe ich zu viele Überstunden gemacht? All dies hilft, für den Fall eines Rückschlags vorbereitet zu sein oder es erst gar nicht so weit kommen zu lassen.

Nicht in Watte packen

Petra Hartmann geht in ihrem engeren Umfeld offen mit ihrer Depression und der Psychotherapie um. Entsprechend sprach sie mit ihrer Familie auch über das Ende der Therapie. Dies müsse jeder individuell entscheiden, sagen Psychotherapeuten. Für Angehörige gilt: "Man sollte einen Patienten nach der Therapie nicht in Watte einpacken. Kleine Rückschläge sind durchaus normal", sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP). Sinn einer Therapie sei es, dass der Betroffene gelernt hat, damit umzugehen.

Petra Hartmann findet zudem Rückhalt und Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe: "Durch die Erfahrungen der anderen bekommt man einen veränderten Blick auf die eigenen Probleme." Zudem sei es schön, anderen Menschen helfen zu können. Roth-Sackenheim empfiehlt: "Auch in Onlineforen oder Sozialen Netzwerken kann man sich austauschen, sodass nicht immer ein echtes Treffen nötig ist." Ebenso könnten kirchliche Seelsorger oder telefonische Krisendienste nach einer Therapie Ansprechpartner werden, sagt Sude.

Schwierige Phasen erlebt Petra Hartmann trotz allem hin und wieder. Bisher kommt sie aber ohne therapeutische Hilfe aus. "Im Nachhinein bin ich auch ein bisschen stolz auf mich, dass ich bestimmte Dinge allein gemeistert habe", sagt sie. "Ich merke, dass ich jetzt adäquat auf Situationen reagieren kann ohne gleich in Panik zu verfallen und sei es auch nur bei Streitigkeiten mit dem Nachbarn."

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Mira Fricke, dpa/wbr

insgesamt 9 Beiträge
mijobi 11.08.2016
1. Soziale Netzwerke
Das halte ich für eine nicht sehr gute Empfehlung. Bei z.B. Facebook (insbesondere wenn die Privatsphäre-Einstellungen nicht oder nicht ausreichend eingestellt wurden) sollte nicht allerprivatestes geteilt werden. Zum einen [...]
Das halte ich für eine nicht sehr gute Empfehlung. Bei z.B. Facebook (insbesondere wenn die Privatsphäre-Einstellungen nicht oder nicht ausreichend eingestellt wurden) sollte nicht allerprivatestes geteilt werden. Zum einen sammelt FB die Daten um Profile zu erzeugen, die im Zweifel verkauft werden oder die ein möglicher, künftiger Arbeitgeber einsehen kann. Zum anderen besteht die Gefahr, dass man stigmatisiert oder gar gemobbt wird. Alles in Allem imho keine gute Idee.
C-Hochwald 11.08.2016
2. Es ist zu schaffen
Vergleicht man die Psychotherapie mit einem Medikament, könnte man empfehlen sich allmählich rauszuschleichen. Geht man über mehrere Monate wöchentlich zum Therapeuten, wäre es aus meiner Sicht ok, ab einem bestimmten [...]
Vergleicht man die Psychotherapie mit einem Medikament, könnte man empfehlen sich allmählich rauszuschleichen. Geht man über mehrere Monate wöchentlich zum Therapeuten, wäre es aus meiner Sicht ok, ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch 1x/Monat einen Termin zu machen. So gewinnt die Therapie den Charakter einer Supervision, der Patient gewinnt wieder Selbstvertrauen und lernt wieder eigenständig mit seinen Problemen umzugehen. Wichtig wäre aus meiner Sicht, dass ein Therapeut etwas besser über den therapeutischen Ansatz aufklärt. Es ist schliesslich das Ziel, den Patienten soweit möglich zu heilen, damit er wieder selbstbestimmt und mutig sein Leben angehen kann. Die Gespräche sind im besten Falle ja keine Ratschläge, sondern Erkenntisse des Patienten aus dessen Erzählungen, Reflektionen und Rückfragen des Psychologen. Ein guter Psychologe kann situativ entscheiden, wie sehr belastbar der Patient ist, um an evtl. verborgene Traumata zu gehen (welche oft die Ursache für Angststörungen oder Depressionen sind). Hilfe zur Selbsthilfe, keine Schaffung von (neuen) Abhängigkeiten ist das Ziel einer Therapie. Wenn später ähnliche Probleme anstehen, wie die welche in die Therapie führten, und man als (ehemaliger) Patient in der Lage ist, sich selbst zu helfen, ist es das schönste Geschenk, das man sich selbst geben kann.
petra.stein 11.08.2016
3.
Es gibt SEHR GUTE Foren, in die man gehen kann..zb "Depri.ch". Da wurde ich "damals" aufgefangen...weil gute Therapeuten...da muss man ewig lange warten (teilweise 5-6 Monate) und dann, wenn man Pech hat, kommt [...]
Es gibt SEHR GUTE Foren, in die man gehen kann..zb "Depri.ch". Da wurde ich "damals" aufgefangen...weil gute Therapeuten...da muss man ewig lange warten (teilweise 5-6 Monate) und dann, wenn man Pech hat, kommt man an einen, der einem nicht sympatisch ist (oder nicht auf Wellenlänge). Und dann Therapeuten wechseln- wieder 4-5 Monate warten? Leider ist man mit Depressionen von vorneweg schon stigmatesiert: "Die ist doch nur faul!"--"boah- hat die heute wieder ne laune"... usw..Dann die Kraft finden, einen Therapeuten zu finden--bzw in eine Klinik zu kommen (ich war ja kein "Notfall" mit Suicid..sondern bin "nur" im Geschäft zusammengebrochen und war ewig krank geschrieben) Und eine Derpi heilt eben nicht innerhalb 2 Wochen. Und dann die fragen der "lieben Familie" "Wann gehst du endlich wieder arbeiten ?"
scheera 11.08.2016
4.
..also bin ich anfangs der 90er mal zu den Fachdoktores in Uniklinik Eppendorf gegangen.Klaustrophobie,Albträume.Facit: lauter seltsam gestörte Weisskittel,die sich immer etwas notierte,keine Fragen stellten.Überweisung ins [...]
..also bin ich anfangs der 90er mal zu den Fachdoktores in Uniklinik Eppendorf gegangen.Klaustrophobie,Albträume.Facit: lauter seltsam gestörte Weisskittel,die sich immer etwas notierte,keine Fragen stellten.Überweisung ins Kellerbüro eines weiteren Dr. Seltsam.Der überwies-nach gleichem Vorgehen: keine Fragen,immer Notizen machen.. - an einen Psychologen in Eppendorf.Nach div.,schon vorher bekannten Entspannungsmethoden,die Aussage: die Ursachen erorsche ih demnächst durch Hypnose..Das kam aber nie.Beste Anweisung u.erfolgreich: meine Albträume kommen-aber sie stören mich nicht mehr...Arme Irre,arme Kassen,noch ärmere Patienten.Der eigentlich starke Charakter ...war ich selbst.Die übrigen Darsteller würde ich dringend zu ihren Kollegen empfohlen haben....zum anschl. Schämen fremd und eigen...
Dokwart 11.08.2016
5. Psychoanalyse | Psychotherapie ?
Ich hatte niemals den Gedanken des alleingelassen werdens, ich hatte mein Studium abgebrochen, habe die Stadt gewechselt und einen langjährigen Prozesss gestartet, wieder in die arbeitende Gesellschaft zu gelangen, dabei aber [...]
Ich hatte niemals den Gedanken des alleingelassen werdens, ich hatte mein Studium abgebrochen, habe die Stadt gewechselt und einen langjährigen Prozesss gestartet, wieder in die arbeitende Gesellschaft zu gelangen, dabei aber vorallem positiv und aktiv eingestellt zu sein. Das habe ich geschafft weil ich mich selbst in den knapp drei Jahren der Therapie kennengelernt habe, besser als ich es hätte träumen können. Der Psychologe war nach wenigen Monaten nur noch ein Spiegel für mich, keine Person im Sinne von 'Bekannter', 'Vertrauter' oder 'Freund'. Bei den Sitzungen habe ich mich mehr mir selbst auseinandergesetzt, als in all den inneren Monologen zuvor. Ich habe schon gehört, dass Verhaltenstherapie ein aktiverer und modernerer Ansatz ist. Aber man sollte ja mindestens lernen, sich selbst mit den Techniken der Therapie helfen zu können, oder? Am Ende der Psychoanalyse war ich in der Lage durch Selbstreflektion die wahren (ok, fair bleiben: wahrscheinlichen) Widerstände zu ergründen, wenn ich mal wieder schwerere Phasen hatte. Ich verstehe die Angst gut, wieder in diesen Horror aus Bedeutungslosigkeit zu versinken, oder was man eben durchgemacht hat. Ich bin jetzt schon 4 Jahre sehr stabil. Man sollte aber schon Vertraute haben, bei denen man sich ausREDEN kann, ich denke offenherzige communities wie von einigen hier vorgeschlagen wären ein super start, wenn Familie und bisherige Freunde diesen Halt nicht bieten können. Aber da kommen auch Online Gruppierungen in Frage, die schlicht offen und herzlich mit neuen Mitgliedern umgehen, dort kann man auch Halt finden. Das ist kein Scherz, Nischen-Communities wie Furries zeichnen sich durch sehr offenherzige Mitglieder aus. Die Gemeinsamkeit muss nicht zwingend geteiltes Leid in der Verganhmgenheit sein um Unterstützung für den eigenen Weg zu finden. Ich hatte das große Glück meine Sicherheit in meiner Arbeit zu finden und bin ein glücklicher Workaholic geworden, nach schweren Depressionen. Angst vor Rückfällen habe ich kaum noch und wünsche jedem hier, die oder der aktuell mit solcher Art an Problemen zu kämpfen hat oder sich alleine gelassen fühlt alles erdenklich gute auf diesem abspruchsvollen Weg, der (nicht immer konstant, aber auf lange sicht) wieder bergauf führen wird!

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