Gesundheit

Entbindung zu Hause

Wehen im Wohnzimmer

Ann Loos betreut Schwangere, die ihr Kind zu Hause bekommen wollen. Die Hebamme erklärt, wie sie mit den Risiken umgeht - und was die Hausgeburt allen Beteiligten abverlangt.

Patrick Junker
Ein Interview von
Donnerstag, 18.01.2018   20:26 Uhr

Zur Person

Ann Loos ist Hebamme in Braunschweig. Nach fünf Jahren Tätigkeit in einer Klinik entschied sie, sich als Hausgeburtshebamme selbstständig zu machen. Auslöser war die Geburt ihres Sohnes, den sie ebenfalls zu Hause zur Welt brachte.

SPIEGEL ONLINE: Frau Loos, Sie sind eine von deutschlandweit rund 430 Hebammen, die Hausgeburten anbieten. Warum?

Ann Loos: Weil es wichtig ist, dass Schwangere den Geburtsort frei wählen können. Wer sich eine Hausgeburt wünscht, setzt sich bewusst mit seiner Haltung zum Leben und mit dem neuem Lebensabschnitt, dem Leben mit einem Kind auseinander. Diese Frauen wollen in der Regel einen natürlichen Geburtsprozess erleben.

SPIEGEL ONLINE: Was spricht dagegen, Frau und Kind klinisch zu überwachen?

Loos: Wenn die Schwangere in die Klinik möchte und sich dort gut aufgehoben fühlt, natürlich nichts. Man muss aber wissen: Eine Hebamme in der Klinik weiß zu Dienstbeginn nie, wie viele Frauen sie an diesem Tag betreuen wird und wer diese Frauen sind. Weil der Stellenschlüssel heutzutage äußerst knapp gefasst ist, müssen Klinik-Hebammen sich oft bis an die Grenze Ihrer Belastbarkeit strapazieren. Die notwendige Überwachung der mütterlichen und kindlichen Vitalität wird dann oftmals nur noch an Maschinen delegiert.

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Hebamme in der Hausgeburt: "Arbeit für alle Beteiligten"

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht denn eine Geburt unter Ihrer Leitung aus?

Loos: Individuell sehr unterschiedlich. Es ist mir daheim bei den Familien möglich, mich ganz auf die Frau und ihr Kind zu konzentrieren. Der Geburtsverlauf bekommt die Zeit, die er naturgemäß braucht. Medikamente kommen nicht zum Einsatz, sie gehören in die Klinik. Das Kind wird genauso wie die werdende Mutter während der Geburt mit geeigneten Methoden überwacht. Die emotionale Unterstützung des Paares ist für mich selbstverständlich.

SPIEGEL ONLINE: Für die Klinik spricht: Wenn es schnell gehen muss, ist der OP-Saal gleich nebenan. Für ein Kind, das zu Hause zur Welt kommen soll, kann der Weg bis in die nächste Klinik zu weit sein.

Loos: Risikoschwangere und Geburten mit erkennbarer Gefahrenkonstellation, bei denen unter Umständen ein Notkaiserschnitt gemacht werden muss, sind zu Hause tatsächlich nicht gut aufgehoben. Bei gesunden Frauen und Kindern ist dies in der Regel nicht der Fall.

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SPIEGEL ONLINE: Eine Verlegung ins Krankenhaus kann hochdramatisch verlaufen. Wie stark traumatisiert so ein Erlebnis?

Loos: Es zählen immer zwei Dinge: Das Kind soll gesund zur Welt kommen und die Mutter gesund bleiben. Ob ein Transport ins Krankenhaus eine Frau traumatisiert, hängt neben persönlicher Vorerfahrung davon ab, ob sie die Situation als Kontrollverlust erlebt, oder ob sie das Geschehene nachvollziehen kann. Eine professionelle Verlegung ist nicht hochdramatisch, sondern eine wohlüberlegte und dann erforderliche Maßnahme. Ist eine Verlegung nötig, kündigt sich das an und sie kann in Ruhe durchgeführt werden. Meine Verlegungsrate lag 2016 bei acht Prozent, ohne dass es hier zu ernsthaften Problemen oder gar Hektik kam.

SPIEGEL ONLINE: Damit liegen Sie unter dem Durchschnitt. In Deutschland werden rund 17 Prozent der Schwangeren, die die Entbindung außerhalb der Klinik beginnen, am Ende doch ins Krankenhaus gebracht. Für die Frauen ist das oft mit einem Gefühl des Versagens verbunden und die gewünschte Idylle ist dann hin, oder?

Loos: Eine Hausgeburt hat weder etwas mit Idylle zu tun, noch mit Leistung. Hausgeburtshilfe ist Arbeit für alle Beteiligten. Und es ist ein sensibler und respektvoller Umgang mit dem werdenden Leben. Die Schwangeren und ihre Begleitpersonen wissen durch die Vorgespräche, dass der Prozess durch die Hebamme unterstützt und überwacht wird. Wenn die Hebamme im Verlauf der Geburt feststellt, dass eine Verlegung notwendig wird, wird sie handeln. Wäre das nicht so und könnte man diese Betreuung nicht lernen, wäre Hebamme für Hausgeburtshilfe doch kein Beruf, sondern Wahnsinn.

SPIEGEL ONLINE: Wie entscheiden Sie, ob eine Hausgeburt bei einer Schwangeren möglich ist?

Loos: Mutter und Kind müssen gesund sein und die Lebensweise und -umstände der Mutter müssen mit dem Wunsch nach einer Hausgeburt zu verbinden sein. Zudem fasst die Berufsordnung der Hebammen recht deutlich zusammen, welche Gründe für oder gegen eine Hausgeburtsentscheidung sprechen. Ich frage auch immer nach der Motivation des Paares, warum es eine Hausgeburt will. Dann kann ich mich mit diesen Wünschen auseinandersetzen und damit, ob ich die richtige Hebamme für das Paar bin.

Außerklinische Geburt: Gründe und Ausschlusskriterien

Motivation
Für knapp 80 Prozent der Schwangeren, die sich im Jahr 2013 für eine außerklinische Geburt entschieden haben, war die Selbstbestimmung dabei eine wichtige Motivation. Für rund 75 Prozent spielte laut dem
"Qualitätsbericht 2013 außerklinische Geburtshilfe in Deutschland"
die vertraute Hebamme eine entscheidende Rolle.
Wer kommt nicht infrage?
Nicht für jede Frau, die sich eine Geburt außerhalb der Klinikmauern wünscht, ist das auch möglich. Wichtige Ausschlusskriterien sind:
- schwere Allgemeinerkrankungen der Mutter
- insulinpflichtiger Diabetes der Schwangeren
- Thrombose in der Schwangerschaft
- vorherige Geburt, bei der die Gebärmutter gerissen ist
- Frühgeburt
- Quer- oder Beckenendlage des Kindes
- Fehllage oder -funktion der Plazenta

SPIEGEL ONLINE: Jedes Jahr kommen in Deutschland rund 10.000 Kinder außerhalb von Kliniken zur Welt, etwa 4000 davon im häuslichen Umfeld. Gleichzeitig haben 2015 hundert Hebammen weniger die Begleitung von Hausgeburten angeboten als 2005, auch aufgrund der massiv gestiegenen Beiträge zur Haftpflichtversicherung. Müssen Sie Schwangeren absagen?

Loos: Im Raum Braunschweig mit sehr weitläufiger ländlicher Region, wo ich tätig bin, gibt es nur noch vier weitere aktive Kolleginnen. Ich betreue derzeit rund 50 Hausgeburten im Jahr und bin damit gut ausgelastet. Die Nachfrage steigt, und ich wünschte mir gut ausgebildete und gut bezahlte Kolleginnen, mit denen eine flächendeckende Versorgung mit Hausgeburtshilfe bundesweit möglich wäre.

insgesamt 83 Beiträge
Kurti23 18.01.2018
1. Potentiell gefährlich.
Im Endeffekt muss jedes Paar selber entscheiden wo die Entbindung stattfinden soll, das ist klar. Aber..... .... ich als Assistenzarzt in der Geburtshilfe sehe eine Entbindung außerhalb einer Klinik mehr als kritisch an. Ich [...]
Im Endeffekt muss jedes Paar selber entscheiden wo die Entbindung stattfinden soll, das ist klar. Aber..... .... ich als Assistenzarzt in der Geburtshilfe sehe eine Entbindung außerhalb einer Klinik mehr als kritisch an. Ich habe in meiner noch nicht sehr langen Zeit mindestens 5 Situationen erlebt, in denen entweder die Mutter oder das Kind oder beide gestorben wären, wenn sie nicht in einer Klinik gewesen wären. Alle diese Geburten sind ohne vorherige Eingriffe seitens der Ärzte, d.h. ohne Einsatz von Medikamenten oder anderen Dingen abgelaufen. Es waren alles gesunde Frauen und gesunde Kinder. Alle waren zum Glück durch schnelles Eingreifen (Fahrt in den OP) auch nach der Geburt noch wohlauf. Diese Situationen waren vorher nicht absehbar und hätten so auch zu Hause ablaufen können. Bis der Rettungsdienst da gewesen wäre wäre es zu spät gewesen. Ich denke wir müssen wieder dahin kommen, dass Kliniken mit ausreichend Hebammen besetzt sind, damit Frauen wieder individuell betreut werden können. Was nicht unbedingt heißt, dass die gesamte Zeit eine Hebamme im gleichen Raum ist. Außerdem sollten die werdenden Mütter aufhören zu denken, dass sie alles über eine Geburt wissen und meinen sie können alles selber einschätzen und den Rat der Spezialisten (Hebammen oder ggf. auch Ärzte) ignorieren. Leider ist vielen Frauen ihr Geburtserlebnis wichtiger als die Gesundheit ihrer Kinder.
wahrsager26 18.01.2018
2. Welche Motivation
hat also ein Paar,wenn es eine Hausgeburt haben möchte? Warum ist es nicht möglich,hier ein oder zwei Beispiele zu nennen? ( ich muss ja schon wieder mal eine krude Ideologie vermuten!) .Reden kann man viel -sollten doch [...]
hat also ein Paar,wenn es eine Hausgeburt haben möchte? Warum ist es nicht möglich,hier ein oder zwei Beispiele zu nennen? ( ich muss ja schon wieder mal eine krude Ideologie vermuten!) .Reden kann man viel -sollten doch Komplikationen auftreten....wie steht es dann um die Motivationen? Nun ja ,wer es so möchte.....nur sollte ruhig dabei auch an die Solidargemeinschaft gedacht werden! Danke
strandeule 18.01.2018
3. guter Artikel, gutes Interview
Danke für den guten und Artikel. Es ist schön, wenn man auch mal eine neutrale Sicht auf Hausgeburten bekommt, die das Krankenhaus nicht ls Sichersten Ort und das Zu Hause nicht als Geburtsort für Aromaöl und Kerzen liebende [...]
Danke für den guten und Artikel. Es ist schön, wenn man auch mal eine neutrale Sicht auf Hausgeburten bekommt, die das Krankenhaus nicht ls Sichersten Ort und das Zu Hause nicht als Geburtsort für Aromaöl und Kerzen liebende darstellt. Für ich kommt eine Klinikgeburt bei normalem Schwangerschaftsverlauf aus eben den genannten Gründen nicht in Frage: Ich möchte eine Hebamme, die sich um mich kümmert und nicht noch um 2-3 andere Gebärende parallel. Sonst ist die ganze vorgespielte Sicherheit durch medizinische Überwachung dahin. Und ich möchte auch in meinem Tempo gebären und nicht in dem, in dem es der Arzt gerne hätte, weil gleich Schichtwechsel ist oder der Kreisssaal für die nächste Schwangere gebraucht wird. Hoffentlich erfahren Hebammen bald wieder die Unterstützung durch die Politik, die sie verdienen.
fussl 18.01.2018
4. Vordergründig eine gute Sache,...
...aber nach meiner Beobachtung eben nur in den (zugegebenermaßen meisten) Fällen, in denen die Hausgeburt dann auch komplikationslos abläuft. Sehr problematisch sind die (nicht so ganz seltenen) Fälle, in denen die im [...]
...aber nach meiner Beobachtung eben nur in den (zugegebenermaßen meisten) Fällen, in denen die Hausgeburt dann auch komplikationslos abläuft. Sehr problematisch sind die (nicht so ganz seltenen) Fälle, in denen die im Beitrag beschriebene Situation eintritt, dass eine Notfallverlegung in eine Geburtsklinik erfolgen muss. Sofern es in der versorgenden Klinik dann gelingt, Mutter und Kind ein gesundes (Weiter-) Leben zu ermöglichen ist auch noch alles bestens. Aber leider sind die Fälle, in denen solche Konstellationen zu einer bleibenden Kindsschädigung führen nicht so selten. Dann allerdings ist's mit der Selbstbestimmung und Verantwortung ganz schnell vorbei und die Schuldzuweisungen beginnen. Zumeist im Rahmen aufwändiger Schadensersatzklagen gegen die Geburtshelfer...
Luemgi 18.01.2018
5.
Eine Freundin hatte eine als sehr schlimm erlebte Geburt ihres ersten Kindes im Krankenhaus. Eingriffe ohne Ende, die so sicher nicht nötig waren und ohne ihr Einverständnis durchgeführt wurden (wie zum Beispiel alle 15 Minuten [...]
Eine Freundin hatte eine als sehr schlimm erlebte Geburt ihres ersten Kindes im Krankenhaus. Eingriffe ohne Ende, die so sicher nicht nötig waren und ohne ihr Einverständnis durchgeführt wurden (wie zum Beispiel alle 15 Minuten Einlegen eines neuen Einmalblasenkatheters). So etwas wollte sie einfach nicht nochmal erleben und hat daher ihr zweites Kind in einer unkomplizierten Hausgeburt entbunden. Kann ich absolut verstehen.
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Schwangerschaftsquiz

Erreger, die in der Schwangerschaft gefährlich sein können

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Röteln
Während die Rötelnerkrankung bei Kindern und Erwachsenen meist ohne Komplikationen abläuft, ist eine Infektion mit Rötelnviren in der Schwangerschaft sehr gefährlich: Breiten sich die Viren im Ungeborenen aus, kann das schwere körperliche Missbildungen zur Folge haben oder zu einer Fehlgeburt führen - je nachdem in welchem Stadium sich die Schwangere angesteckt hat. Übertragen werden die Rötelnviren durch eine Tröpfcheninfektion (Husten, Niesen). Schutz: Impfung im Kindesalter. Inzwischen sind mehr als 90 Prozent der deutschen Bevölkerung geimpft. Behandlung: Röteln in der Schwangerschaft lassen sich nur symptomatisch behandeln. Das heißt, es steht keine spezifische Therapie gegen das Virus zur Verfügung. So kann auch eine Röteln-Infektion des Ungeborenen (Rötelnembryopathie) nicht therapiert werden. Bei Verdacht (wenn etwa eine ungeimpfte Schwangere Kontakt mit einer infizierten Person hatte) spritzt der Arzt Röteln-Antikörper, sogenannte Immunglobuline.
Zytomegalievirus
Zytomegalieviren (CMV) sind für gewöhnlich ungefährlich. Meistens steckt man sich unbemerkt damit an. Problematisch wird eine CMV-Infektion für Schwangere, die vorher noch nicht damit infiziert waren. Sie können sich vor allem beim Kontakt mit Kleinkindern damit anstecken - die Viren sind in Urin, Tränen, Speichel, Blut, aber auch in Samen oder Vaginalflüssigkeit enthalten. Infiziert sich eine Frau während der Schwangerschaft, liegt das Risiko bei 30 bis 40 Prozent, dass sie das Virus auf das Ungeborene überträgt. Das kann beim Kind gravierende Organschäden mit dauerhaften Folgeschäden hervorrufen.Schutz: Eine Impfung gibt es bisher nicht. Schwangere können sich auf eigene Kosten auf CMV testen lassen. Wenn sie CMV-negativ sind, empfiehlt es sich, engen Kontakt mit Kleinkindern zu vermeiden. Behandlung: Treten Komplikationen beim Ungeborenen auf, und besteht der Verdacht einer CMV-Erstinfektion während der Schwangerschaft, kann man in einem sogenannten Heilversuch eine Behandlung mit CMV-Antikörpern durchführen. Allerdings ist das Präparat noch nicht zugelassen. Doch schon jetzt zeigt diese passive Immunisierung deutliche Erfolge.
Parvovirus B19 (Ringelröteln)
Parvoviren werden meistens per Tröpfcheninfektion übertragen. In den Industrieländern stecken sich etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens mit Ringelröteln an. Frauen, die sich während der Schwangerschaft erstmals mit Parvoviren infizieren, können die Infektion auf das Ungeborene übertragen. Weil eine Folge der Infektion die verminderte Bildung von roten Blutkörperchen und damit Blutarmut ist, kann das für den Fötus lebensbedrohlich sein. Deshalb benötigt der Fötus mehrfach Bluttransfusionen, ansonsten kann das Ungeborene sterben. Schutz: Eine Impfung gibt es bisher nicht. Auch die Wirksamkeit von Antikörpern ist noch nicht nachgewiesen. Hygienische Maßnahmen vor allem während der Schwangerschaft sind deshalb wichtig. Behandlung: keine. Lediglich schmerzlindernde und fiebersenkende Medikamente können verabreicht werden.
HIV
Ärzte raten Schwangeren zu einer Untersuchung auf HIV. Denn das Risiko, dass sich das Kind während der Schwangerschaft oder bei der Geburt ebenfalls infiziert, ist hoch: Ohne Behandlung wird es auf 15 bis 30 Prozent geschätzt. Auch beim Stillen kann eine HIV-infizierte Mutter das Virus übertragen. Schutz: Safer Sex. Behandlung: Bestimmte Medikamente, sogenannte antiretrovirale Mittel, verringern das Risiko einer Übertragung auf das Kind. Ebenso eine Geburt per Kaiserschnitt sowie das Abstillen.
Varizella-Zoster-Virus (Windpocken)
Der Erreger der Windpocken ist das Varizella-Zoster-Virus (VZV), das zur Familie der Herpesviren gehört. Das Virus wird durch Tröpfcheninfektion (etwa Husten und Niesen) übertragen. Außerdem kann man sich anstecken, wenn man mit virushaltigem Bläscheninhalt der Pocken in Kontakt kommt. Bei Schwangeren kann eine Windpocken-Erkrankung das ungeborene Kind schädigen. Hatte man als Kind Windpocken, ist man ein Leben lang immun dagegen, es sei denn, die Ersterkrankung verlief schwach oder fand in sehr jungen Jahren statt. Bei über 95 Prozent der Erwachsenen kann man jedoch Antikörper gegen das Virus nachweisen. Schutz: Kontakt mit erkrankten Personen meiden. Behandlung: keine. Lediglich schmerz- und juckreizstillende sowie fiebersenkende Medikamente können verabreicht werden.
Humanes Papillomvirus (HPV)
siehe Kasten unten.
Mumps-und-Masern-Viren
Eine Masern- oder Mumps-Erkrankung in der Schwangerschaft zieht zwar keine so schwerwiegenden Folgen wie eine Rötelninfektion nach sich, doch die Rate an Fehl- und Totgeburten und die Sterblichkeit im Säuglingsalter ist erhöht. Schutz: Seit 2006 ist in Deutschland ein Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln und Varizellen (Windpocken) zugelassen (MMRV-Impfstoff), der meist Säuglingen vom elften bis zum 14. Lebensmonat verabreicht wird.
Toxoplasma gondii (Toxoplasmose)
Der Parasit Toxoplasma gondii ist der Verursacher von Toxoplasmose. Es wird auf vielfältigen Wegen übertragen. Besonders groß ist die Ansteckungsgefahr durch den Verzehr von rohem oder nicht ausreichend gegartem Fleisch. Infiziert sich eine Frau während der Schwangerschaft zum ersten Mal, kann es beim Ungeborenen zu Schädigungen des Zentralen Nervensystems oder der Organe kommen. Zudem steigt das Risiko einer Fehl- oder Totgeburt an. Schutz: Verhindern kann man eine Ansteckung nicht, Schwangere können das Risiko verringern, indem sie rohes oder ungegartes Fleisch und ungenügend gewaschenes Gemüse und Obst sowie den Kontakt mit Katzenkot vermeiden. Behandlung: In den meisten Fällen ist eine Behandlung nicht notwendig - der Körper wird in der Regel allein mit dem Erreger fertig. Allerdings müssen infizierte Schwangere zum Schutz ihrer Neugeborenen mit einer Kombination aus Pyrimethamin mit Folsäure und sowie dem Antibiotikum Sulfonamid behandelt werden.
Listerien (Listeriose)
Für Schwangere und ihr ungeborenes Kind ist eine Listeriose besonders gefährlich: Neben grippeähnlichen Beschwerden können Schwangere auch eine Blasenentzündung und vorzeitige Wehen entwickeln. Hat sich das Kind im Mutterleib infiziert, kann es zu einer Fehl-, Früh- oder Totgeburt kommen. Überlebt das Neugeborene, ist es den Listerien ohne ein funktionsfähiges Immunsystem schutzlos ausgesetzt. Benommenheit, Atemnot, Erbrechen, Krämpfe und zahlreiche Geschwüre auf Haut- und Schleimhaut können die Folge sein. In mehr als 50 Prozent der Fälle versterben die Neugeborenen meist noch innerhalb der ersten Stunden nach der Geburt. Ansonsten können geistige Entwicklungsstörungen auftreten. Schutz: Listerien kommen quasi überall vor, auf Pflanzen sowie im Erdboden. Der Mensch nimmt die Bakterien vor allem durch den Verzehr verunreinigter pflanzlicher und tierischer Lebensmittel auf. Zu ihnen zählen ungewaschene Salate, Rohmilchprodukte und Rohwurstprodukte wie Mett-, Teewurst und Salami. Auch Milchprodukte wie Käse, insbesondere die Käserinde, können Listerien enthalten. Schwangere sollten deshalb solche Nahrungsmittel vermeiden. Behandlung: Antibiotika.
Chlamydien
Infektionen mit Chlamydia trachomatis gehören weltweit zu den häufigsten durch sexuellen Kontakt übertragenen Krankheiten. Eine unentdeckte Infektion kann bei Frauen die Ursache für Eileiter- oder Bauchhöhlenschwangerschaften oder Unfruchtbarkeit sein. Tritt die Infektion in der Schwangerschaft auf, besteht die Gefahr einer Frühgeburt, wobei die Erreger während der Geburt auf das Kind übertragen werden können. Relativ schnell danach treten Symptome wie eine chronische Bindehautentzündung auf. Etwa ein Fünftel aller infizierten Neugeborenen bekommt eine atypische Lungenentzündung. Schutz: Safer Sex. Behandlung: Antibiotika.
Treponema pallidum (Syphilis/Lues)
Unbehandelt durchläuft die Syphilis im Allgemeinen drei unterschiedliche Krankheitsstadien, die zu schweren Schäden vor allem an Herz, Gehirn, Augen und Knochen führen können. Infizierte Schwangere geben die Infektion meist an ihre ungeborenen Kinder weiter, die dadurch oftmals schwer geschädigt werden. In vielen Fällen führt die Infektion zu Fehlgeburten. Schutz: Kondome minimieren das Ansteckungsrisiko, die Bakterien können aber auch durch Küssen weitergegeben werden. Behandlung: Antibiotika.
Gonokokken (Gonorrhö/Tripper)
Eine Gonorrhö kann in der Schwangerschaft zu einem frühzeitigen Blasensprung und so zu einer Fehlgeburt führen. Wird das Ungeborene infiziert, kann dies zu einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung führen. Deshalb werden Schwangere routinemäßig bei der ersten Vorsorgeuntersuchung auf Gonokokken untersucht. Steckt eine infizierte Schwangere ihr Kind während der Geburt an, sind vor allem die Augen des Neugeborenen gefährdet: Unbehandelt kann es innerhalb weniger Tage erblinden. Schutz: Safer Sex. Behandlung: Antibiotika.

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