KarriereSPIEGEL

Arbeiten im Kollektiv

So fühlt es sich an, keinen Chef zu haben

Kaffee, Cola, Krankenpflege: In Deutschland gibt es unterschiedlichste Betriebe, die sich ohne Chef selbst verwalten. Sie haben eines gemeinsam: Die Menschen hier arbeiten gern.

Franziska Senkel

Mitarbeiter der Berliner Kaffeerösterei Flying Roasters: Arbeiten ohne Chef kann zufriedener machen

Von
Montag, 05.08.2019   11:34 Uhr

Mehr Lohn und mehr Urlaub: Das sind zwei Vorteile, die Krankenpflegerinnen in einem Berliner Kollektivbetrieb genießen. Trotzdem ist die Wirtschaftsform in Deutschland weitgehend unbekannt. Niemand wisse, wie viele Betriebe ohne Chef oder Chefin es gibt, sagt Jochen Körtner, der deutschlandweit Kollektivbetriebe berät.

Doch ein Relikt aus DDR-Zeiten, wie es nach den Forderungen des Juso-Chefs Kevin Kühnert, Unternehmen zu kollektivieren, behauptet wurde, sind sie nicht. Vielmehr hatten Kollektive ihre Hochzeit in den Siebzigerjahren in der Bundesrepublik.

Selbst verwaltete Betriebe seien bis heute höchst lebendig, sagt die Berliner Historikerin Gisela Notz, die zu Kollektiven geforscht und "Theorien alternativen Wirtschaftens" veröffentlicht hat. "Wenn ich mich in Kreuzberg umschaue, sehe ich sehr viele Kollektivbetriebe. Ich kann ins Café gehen, ins Kino oder in die selbst verwaltete Druckerei."

In der Hauptstadt kann man einen Urlaub lang nur bei Kollektiven konsumieren: Von Bäckerei und Lebensmittelladen über Kneipen, Klubs und Wochenzeitung bis hin zu Taxibetrieb und Hostel gibt es Unternehmen, die der gesamten Belegschaft gehören.

Das Konzept hat auch die New-Work-Bewegung geprägt, deren Fans ebenfalls ein selbstbestimmteres berufliches Miteinander jenseits von traditionellen Hierarchien umsetzen wollen.

Wie viele Kollektive bundesweit bestehen - und wie viele sich schon wieder aufgelöst haben, weil sie schlecht wirtschafteten, sich zerstritten haben oder an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert sind - wird nicht offiziell erfasst. Doch auch in Städten wie Hamburg und München, Dresden und Marburg oder ländlichen Regionen wie dem niedersächsischen Wendland sind Kollektive kein Einzelfall.

Der SPIEGEL hat mit Menschen aus vier unterschiedlichen Kollektiven gesprochen. Sie erzählen hier von den Vorteilen und Problemen, die die Selbstverwaltung mit sich bringt.

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insgesamt 11 Beiträge
Haarfoen 05.08.2019
1. Prima ...
... beweist der Artikel doch, dass Menschen potentiell in der Lage sind, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln: Ohne Investoren, eine Wirtschaftselite und / oder einen autoritären Staat. Natürlich wird es ungemein schwieriger, [...]
... beweist der Artikel doch, dass Menschen potentiell in der Lage sind, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln: Ohne Investoren, eine Wirtschaftselite und / oder einen autoritären Staat. Natürlich wird es ungemein schwieriger, ein großes Unternehmen via Kollektiv zu regeln, man erinnere sich an den Niedergang von "Foto Porst" als Negativbeispiel. Andererseits sind Kollektive zum Beispiel in Form von Wohnbaugenossenschaften (keine staatlichen Wohnbaugesellschaften) bestens in der Lage, die Wohnraummisere zu lindern - wenn sie den Grundstücke oder Vorkaufsrechte hätten. Nur leider "klebt" der Deutsche mit seinem schrecklichen Kadavergehorsam an staatlicher Autorität, der Staat selbst misstraut seinen Bürgern zutiefst. Insoweit delegiert man die Probleme an die besitzenden Klassen, die (wie bekannt) versagen und nur den eigenen Profit im Sinn haben. Bedeutet: Die Bürger sind befähigt, sich in vielen Belangen selbst zu verwalten, man muss sie nur lassen und dabei unterstützen. Willy Brandt meinte einst: "Mehr Demokratie wagen" - das sehe ich auch so.
holger.becker 05.08.2019
2. Größe ist entscheident
In der Unternehmensentwicklung sagt man, dass der Charakter bei ca. 15-20 Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeitern umschlägt. Ich habe das selber erlebt, zwei Jahre durfte ich in so einem Unternehmen arbeiten, dann war die Grenze [...]
In der Unternehmensentwicklung sagt man, dass der Charakter bei ca. 15-20 Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeitern umschlägt. Ich habe das selber erlebt, zwei Jahre durfte ich in so einem Unternehmen arbeiten, dann war die Grenze überschritten. Anfangs wusste jeder, was der oder die andere macht, und Hierarchieebenen bzw. Kommunikationsstrukturen waren einfach nicht notwendig, quasi alles wurde "zwischen uns" besprochen. Beim Lesen der Berichte fühlte ich mich an diese Zeit erinnert. Kommen die richtigen Menschen zusammen, können sehr angenehme und effektive Konstrukte entstehen. Mit zunehmender Größe funktioniert solch eine Art der Zusammenarbeit häufig nicht mehr.
huz6789 05.08.2019
3. Moderne Führung = Wenig Chef
Ich kenne dutzende Stories von Freunden, die unter einem Vollpfosten von Chef/Chefin arbeiten müssen. Bei meinem Arbeitgeber gibt es zwar Chefs, aber Selbstverantwortung wird groß geschrieben und die Chefs mischen sich nur ein, [...]
Ich kenne dutzende Stories von Freunden, die unter einem Vollpfosten von Chef/Chefin arbeiten müssen. Bei meinem Arbeitgeber gibt es zwar Chefs, aber Selbstverantwortung wird groß geschrieben und die Chefs mischen sich nur ein, wenn unbedingt nötig. Das Unternehmen ist extrem erfolgreich, die Leute sind motviert und keiner macht Selbstausbeutung, sondern arbeitet ganz normal. Es wird Zeit, das immer noch weit verbreitete, falsche Menschenbild, dass es einen Chef braucht, damit die Leute richtig arbeiten, einzumotten. In der Selbstverantwortung liegt eine immense Kraft. Nur einige Karrieristen und Herrschsüchtige wollen das nicht wahrhaben.
vox veritas 05.08.2019
4.
Was auffällt: Es handelt sich durch die Bank weg um kleinere Unternehmen. Sobald eine gewisse Größe überschritten ist, stösst das System an seine Grenzen. Das ist wie mit der Direkten Demokratie; die funktioniert auch nur [...]
Was auffällt: Es handelt sich durch die Bank weg um kleinere Unternehmen. Sobald eine gewisse Größe überschritten ist, stösst das System an seine Grenzen. Das ist wie mit der Direkten Demokratie; die funktioniert auch nur begrenzt in größeren Ländern. Für kleinere Unternehmen kann ein solches Kollektiv u.U. aber eine Alternative sein.
im_ernst_56 05.08.2019
5.
Man kennt das auch bei Freiberuflern (Ärzten, Zahnärzten, Anwälten), die in einer Art Kollektiv arbeiten. Nach meiner Kenntnis funktioniert das nur so lange, wie alle dieselbe Geschäftsphilosophie haben. Und bei [...]
Zitat von holger.beckerIn der Unternehmensentwicklung sagt man, dass der Charakter bei ca. 15-20 Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeitern umschlägt. Ich habe das selber erlebt, zwei Jahre durfte ich in so einem Unternehmen arbeiten, dann war die Grenze überschritten. Anfangs wusste jeder, was der oder die andere macht, und Hierarchieebenen bzw. Kommunikationsstrukturen waren einfach nicht notwendig, quasi alles wurde "zwischen uns" besprochen. Beim Lesen der Berichte fühlte ich mich an diese Zeit erinnert. Kommen die richtigen Menschen zusammen, können sehr angenehme und effektive Konstrukte entstehen. Mit zunehmender Größe funktioniert solch eine Art der Zusammenarbeit häufig nicht mehr.
Man kennt das auch bei Freiberuflern (Ärzten, Zahnärzten, Anwälten), die in einer Art Kollektiv arbeiten. Nach meiner Kenntnis funktioniert das nur so lange, wie alle dieselbe Geschäftsphilosophie haben. Und bei Unternehmen von der Größe von BMW (um das Beispiel von Kevin Kühnert zu bemühen), wird die kollektive Führung schon gar nicht funktionieren.

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