KarriereSPIEGEL

Jobprotokoll einer Rettungsschwimmerin

"Viele Gäste stehen nur da und gucken"

Für 22 Euro pro Tag rettet sie Ertrinkende und kassiert dazu noch blöde Sprüche. Hier erzählt eine Rettungsschwimmerin von ihrem Ehrenamt - und von der Untätigkeit anderer Badegäste, wenn jemand in Not ist.

DPA

DLRG-Rettungsschwimmer bei einer Übung an der Ostsee: "Die arbeiten wohl nie!"

Aufgezeichnet von
Mittwoch, 17.07.2019   05:08 Uhr

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Jobprotokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuerin im Jobcenter.

"Es wird immer schwieriger, für Sicherheit am Strand zu sorgen. Die Freiwilligen sterben aus und wir können an manchen Strandabschnitten nicht mehr für die Sicherheit garantieren.

Die Menschen verlassen sich auch zu sehr auf uns. Wenn ich nach Dienstschluss am Strand entlanggehe, sehe ich immer wieder Menschen, die kopfschüttelnd vor dem DLRG-Häuschen stehen. 'Warum sind die denn schon wieder nicht da?', fragen sie sich dann, 'die arbeiten wohl nie!'

Auch Eltern lassen ihre kleinen Kinder unbeaufsichtigt am Wasser spielen. Das ist sehr gefährlich! Ich rate allen Eltern, das erst zu tun, wenn das Kind das silberne Schwimmabzeichen hat. Erst dann kann man davon ausgehen, dass es einigermaßen sicher schwimmen und auch mit den Wellen umgehen kann, die es bei uns gibt. Von den Eltern wünsche ich mir mehr Verständnis. Ich bin schon mehrfach beschimpft worden, weil ich Kinder bat, nicht allein im Wasser zu spielen. Das geht einfach nicht. Denn wenn etwas passiert, geben genau diese Eltern mir die Schuld.

Fotostrecke

Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Was viele offenbar vergessen: Die Arbeit bei der DLRG ist ehrenamtlich. Eigentlich bin ich ausgebildete Fachkrankenschwester für Intensiv- und Anästhesiepflege und arbeite im Schichtdienst. Jedes zweite Wochenende habe ich frei und bin dann oft am Strand, um für die DLRG Leben zu retten, wenn es drauf ankommt.

Einmal ging ich am Strand entlang und sah eine ältere Frau in größerer Entfernung wild mit den Armen rudern. Offenbar war sie in Schwierigkeiten, das Wasser schlug immer wieder über ihren Kopf. Sofort rannte ich los und half ihr aus dem Wasser. Sie hatte die Wassertiefe falsch eingeschätzt.

Was mich besonders erschreckte, war die Reaktion der anderen Gäste. Viele standen da und guckten, einige gingen achtlos vorbei. Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr aufeinander achten und sich gegenseitig helfen. Dann müsste sich nicht alle Welt auf uns verlassen.

In meiner Ausbildung zur Krankenschwester habe ich gelernt, Leben zu retten. Ich kann Menschen intubieren und Infusionen verabreichen. Aber bei der DLRG darf ich das alles nicht machen. Sobald ich das rote T-Shirt mit dem gelben Schriftzug trage, bin ich nicht mehr als Krankenschwester im Einsatz, sondern darf nur noch Aufgaben eines Sanitäters übernehmen: Pflaster kleben und Wunden desinfizieren. Auch Medikamente verabreichen darf ich nicht.

Mehr zum Thema

Für meinen Einsatz an den Stränden für die DLRG bekomme ich 22 Euro Aufwandsentschädigung pro Tag. Ich passe dann von 9 bis 18 Uhr auf die Badegäste auf. Von dem Geld muss ich mich auch noch selbst verpflegen. Auch meine Arbeitskleidung zahle ich selbst.

Das ist im Sommer auch kein Problem. Im Winter allerdings gehören nicht nur Badekleidung, T-Shirt und Hose zu unserem Outfit, sondern zum Beispiel auch Sicherheitsstiefel und spezielle Winterjacken. Da kommen schnell mehrere hundert Euro zusammen. Die meisten Jugendlichen können sich das nicht leisten, daher haben wir für die Jugendlichen, die bei uns helfen wollen, einen Kleiderfundus eingerichtet.

Ich bin seit 1996 als Rettungsschwimmerin bei der DLRG, bin Ausbilderin im Bereich Schwimmen und leite seit vielen Jahren unsere Gliederung als erste Vorsitzende. Eine Freundin nahm mich damals mit und ich bin geblieben. Mir macht die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen viel Spaß und der Zusammenhalt ist großartig.

Ein Kollege kommt schon seit 30 Jahren aus München an die See. Auch aus anderen Bundesländern kommen Freiwillige. Ohne sie würden wir die Arbeit nicht schaffen."

insgesamt 39 Beiträge
alabama110 17.07.2019
1. Bravo....
Gut dass es immer noch Menschen gibt, die ihre freie Zeit für uns andere "opfern". Vielen Dank an alle Ehrenamtlichen in allen Bereichen, Ihr macht tolle Arbeit und erhaltet viel zu wenig Dank von uns, der Gesellschaft, [...]
Gut dass es immer noch Menschen gibt, die ihre freie Zeit für uns andere "opfern". Vielen Dank an alle Ehrenamtlichen in allen Bereichen, Ihr macht tolle Arbeit und erhaltet viel zu wenig Dank von uns, der Gesellschaft, dafür. Zum Thema Hilfe: Ich glaube, viele Menschen bewegen sich nicht weil sie Angst haben, was falsch zu machen und dann zur Verantwortung gezogen werden. Oder der Gedanke: Hier stehen 50 Leute, ich warte bis jemand den ersten Schritt macht, wenn das leider alle 50 denken, bewegt sich da nichts. Und gerade im Bereich jemanden aus dem Wasser zu holen ist glaube ich die Angst vorhanden, dass man das nicht schaffen könnte, weil man selbst nicht gut genug schwimmen kann. Alles keine Ausreden, aber Erklärungsversuche
sven2016 17.07.2019
2. Respekt für diese uneigennützige
Arbeit. Man muss fragen, weshalb es nicht möglich sein soll, den Menschen, die solche verantwortungsvolle Arbeit tun, wenigstens genügend Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie nicht auch noch finanziell draufzahlen. [...]
Arbeit. Man muss fragen, weshalb es nicht möglich sein soll, den Menschen, die solche verantwortungsvolle Arbeit tun, wenigstens genügend Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie nicht auch noch finanziell draufzahlen. Eine solide Aufwandsentschädigung steuerfrei kann da zusätzlich helfen. Irgendwie ist der Sozialstaat in vielen Bereichen unentwickelt. Danke den Menschen, die trotzdem engagiert helfen!
schulz.dennis.84 17.07.2019
3. Mal ganz sachlich und pragmatisch!
Ich bin ausgebildeter Rettungsschwimmer und kann jeden nur abraten einen Ertrinkenden aus dem Wasser zu ziehen. Ein Ertrinkender hat Todesangst und klammert sich an alles was sich ihm nähert. Mit dem Effekt, dass dann nicht nur [...]
Ich bin ausgebildeter Rettungsschwimmer und kann jeden nur abraten einen Ertrinkenden aus dem Wasser zu ziehen. Ein Ertrinkender hat Todesangst und klammert sich an alles was sich ihm nähert. Mit dem Effekt, dass dann nicht nur der Ertrinkende zu Tode kommt, sondern im Normalfall auch der Retter. Um einen Ertrinkenden zu retten muss man für solche Notfälle ausgebildet, extrem fit und durchtrainiert sein und oder ein Boot oder ähnliches haben. Es bringt nichts wenn es dann zum Schluss zwei Tode gibt.
neutron76 17.07.2019
4. Ehrenämter im Sanitätsbereich
Respekt, vor allem da hier die Frau auf sich allein gestellt arbeitet. Allgemein beeindruckt es mich auch wie wenig Freizeitsanitäter bei Veranstaltungen kosten.
Respekt, vor allem da hier die Frau auf sich allein gestellt arbeitet. Allgemein beeindruckt es mich auch wie wenig Freizeitsanitäter bei Veranstaltungen kosten.
awes 17.07.2019
5. Ehrenamt stirbt aus
Ich finde, Sie leisten einen tollen Dienst am Menschen und haben eine bewundernswerte soziale Einstellung. Ich bin ehrenamtlich in einem Sportverein tätig. Auch wir müssen uns von Mitgliedern beschimpfen lassen- hier ist es eine [...]
Ich finde, Sie leisten einen tollen Dienst am Menschen und haben eine bewundernswerte soziale Einstellung. Ich bin ehrenamtlich in einem Sportverein tätig. Auch wir müssen uns von Mitgliedern beschimpfen lassen- hier ist es eine ansprüchliche Haltung, warum wir dieses und jenes nicht für die Mitglieder leisten. Obwohl der Mitgliedsbeitrag gering ist, wird eine edel Fitnessclub-Betreuung von ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern erwartet. Das kann es geben und wäre tolerabel, bedrückend ist, dass dieses ICH ICH ICH und MEHR MEHR MEHR rasant zunimmt.

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP