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Bürokunst beim Bürgermeister

Giraffe im Amtszimmer

Protzgemälde in Öl, eine Giraffe, abstrakte Quadrate: In deutschen Bürgermeisterzimmern findet sich jede Menge Kunst. Aber was soll das? Fünf Stadtchefs erklären, was es mit den Werken in ihren Büros auf sich hat.

Jörg Winde/ Kerber
Protokolliert von
Dienstag, 04.02.2014   11:11 Uhr

Ein Bürgermeister muss repräsentieren, empfangen und, ja, ein bisschen Macht zur Schau stellen. Auch im Büro. Der Fotograf Jörg Winde hat 120 Bürgermeisterzimmer abgelichtet und dokumentiert damit auch die unterschiedlichen Arten, wie in diesen städtischen Diensträumen Kunst zum Einsatz kommt.

Zwischen Ölschinken mit Goldrahmen und Marmorskulpturen aus der eigenen Werkstatt ist alles dabei. Fünf Stadtchefs zwischen Füssen im Allgäu und der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn erzählen, welche Kunstwerke sie sehen, wenn sie am Morgen in ihr Büro kommen:

Füssen: "Der Bürgermeister spinnt genauso wie ich"

Jörg Winde/ Kerber

Giraffe in Füssen: Der Bürgermeister Paul Iacob setzt auf Stofftier-Kunst

"Seit die Giraffe neben meinem Schreibtisch steht, merke ich, dass sie bei manchen, die zu mir kommen, Hemmungen abbaut. Die denken dann vielleicht: Der Bürgermeister spinnt genauso wie ich. Die Giraffe ist ein Erbstück der Gräfin Pocci und natürlich kein Kunstwerk, sondern eher ein großes Stofftier. Ich habe sie extra so hingestellt, dass es aussieht, als würde sie von der Topfpflanze essen, sie soll ja nicht verhungern.

Peter Samer

Paul Iacob, Füssen

Unser Rathaus ist ein ehemaliges Benediktinerkloster, auch das Stadtmuseum ist hier im Haus, ich kann mich also aus dem Depot bedienen. Links hinter mir an der Wand hängt das Porträt vom Prinzregenten Luitpold: Er ist unterwegs zur Jagd, trägt kurze Lederhosen, in der linken Hand hat er eine brennende Zigarre, in der rechten die Flinte. So san's halt, die Bayern, eine typische bayerische Frohnatur.

Eigentlich schätze ich den Luitpold nicht so sehr wie den Ludwig, aber ich finde das Bild sehr originell. Die kleine weiße Marmorskulptur da auf der Kommode habe ich übrigens selbst gemacht: 15 Jahre lang habe ich am Wochenende regelmäßig an neuen Werken gearbeitet, das war sehr erfüllend. Aber seit ich Bürgermeister bin, fehlt mir dazu die Zeit."

Ravensburg: "Gleiches Recht für alle"

Jörg Winde/ Kerber

Büro in Ravensburg: "Je nachdem, wo man steht, wirkt es konkav oder konvex"

"Das Bild neben meinem Schreibtisch ist eine Leihgabe von Hermann Waibel, einem konkreten Künstler aus Ravensburg. Er hatte lange eine blaue Werkphase, im Alter begann seine goldene Phase, er ist jetzt fast 90. Er bestand darauf, es selbst zu hängen und auszuleuchten.

DPA

Daniel Rapp, Ravensburg

Ich mag Op-Art, mir war wichtig, dem 14.-Jahrhundert-Ambiente des Rathauses etwas entgegenzusetzen. Und das funktioniert mit diesem großen quadratischen Relief sehr gut: Je nachdem, wo man steht, wirkt es konkav oder konvex. Vor allem aber reflektiert das 1,60 auf ein 1,60 Meter große Bild das Licht und leuchtet den ganzen Raum aus, der ja eher dunkel ist.

Der Raum war früher das Büro des Salzmeisters, als Ravensburg noch vor der Ära der Fugger die wichtigste Handelsstadt nördlich der Alpen war. Etwa aus der Zeit stammen auch die Schriftbänder an den Wänden, auf einem steht auf Latein sinngemäß: 'Gleiches Recht für alle'. Ein Merksatz für jeden OB, bloß keine Präzedenzfälle schaffen. Bevor ich hier gewählt wurde, war ich Bürgermeister in Sigmaringen und habe immer gesagt: Wenn ich wechsle, dann nur in eine Stadt, in der mir das Rathaus gefällt. Das hat geklappt."

Bonn: "Eine schützende Hand über die Kunst"

Jörg Winde/ Kerber

Kunst-Geschichte in Bonn: "Das könnte die Stadt nicht bezahlen"

"Wer in den Raum kommt, blickt meist zuerst auf das Porträt von Kurfürst Clemens August, das hinter meinem Schreibtisch hängt. Kein Wunder, es ist drei Meter hoch. Der Kurfürst hat den Grundstein gelegt und ist somit der Ahnherr des Hauses, das Bild gilt als Hauptwerk von George Desmarées.

DPA

Jürgen Nimptsch, Bonn

Gegenüber über dem Kamin hängt der Kurfürst Max Franz. Er ist zwar klein und dick, strahlt aber viel Freundlichkeit aus - und er hat immer eine schützende Hand über die Kunst gehalten.

Die Bilder sorgen dafür, dass der Raum einen Teil der Geschichte Bonns atmet. Sie sind alle frisch restauriert, dank des Vereins 'Altes Rathaus', den ich mit Amtsantritt gegründet habe - das könnte die Stadt nicht bezahlen.

Das Zimmer ist übrigens das beliebteste Trauzimmer der Stadt. Die Brautpaare stellen sich dann fürs Foto meist unter Clemens August. Dass er rauschende Partys feierte, die er mit Geld aus dem Ausland bezahlte, und dass er seinen Nachfolgern horrende Schulden hinterließ, wissen die meisten wahrscheinlich nicht."

Aachen: "Drei Kunstwerke blieben"

Jörg Winde/ Kerber

Dienstzimmer in Aachen: "Ich finde es sehr angenehm"

"Als ich hier einzog, war mir wichtig, dass drei Kunstwerke blieben, die schon mein Vorgänger in seinem Dienstzimmer hatte. Das eine ist das Bild von 1766 im Goldrahmen hinter mir, es zeigt den Heiligen Ivo - das ist der Schutzheilige der Juristen. Man sieht einen Alten und eine Frau mit Kind auf ihn zukommen, es war ihm wichtig, auch für die Armen da zu sein, er zeigte immer karitativen Einsatz.

DPA

Marcel Philipp, Aachen

Ich finde es sehr angenehm, dass mir bei der Arbeit ein Jurist über die Schulter schaut - ich selbst bin keiner. Ich bin Restaurator und habe 18 Jahre lang vor allem in Kirchen gearbeitet. Die Holzskulptur, die auf dem Foto zu sehen ist, ist nicht mehr hier, seit ich im Amt bin. Behalten habe ich aber die Pferde auf dem Schreibtisch. Es ist die Miniatur einer Skulptur, die vor dem Eingang des Reitstadions steht. Aachen ist schließlich berühmt für seinen Reitsport.

Und dann ist da noch ein abstraktes Schwarzweißgemälde von Karl Otto Götz, das ist aber gerade ausgeliehen. Es kommt in die große Ausstellung, die im Februar hier eröffnet wird, zu Ehren des Aachener Malers: Er wird 100 Jahre alt."

Schwäbisch Hall: "Den Rest konnte ich ja nicht verändern"

Jörg Winde/ Kerber

Pracht-Büro in Schwäbisch Hall: "Üblicherweise sehen Büros ja anders aus"

"Als ich vor 17 Jahren mein Amt antrat, musste ich mich anfangs schon ein wenig an die Pracht in diesem Zimmer gewöhnen. Üblicherweise sehen Büros ja anders aus. Darum habe ich mir als Kontrapunkt auch moderne Möbel ausgesucht, den Rest konnte ich ja nicht verändern.

Wolfgang Stahr

Hermann-Josef Pelgrim, Schwäbisch Hall

Das Fresko hinter mir zeigt eine Allegorie der Stadt: Rechts von ihr ist ein Lagerfeuer - die Stadt wärmt eben. Und sie ist recht attraktiv und wohlgenährt, produziert sogar Überschuss: Die Milch spritzt aus ihrer Brust bis auf die Erde, die Hunde zu ihren Füßen lecken das Rinnsal auf. In anderen Worten: Die Stadt versorgt alle Kreaturen.

Am besten gefällt mir aber das Deckengemälde. Wegen seines Bezugs zu Schwäbisch Hall: Links unten bewacht der Haalgeist die Quelle, aus der unsere Stadt entstanden ist, die Putten rechts schöpfen das Wasser und sieden es, um Salz zu gewinnen.

Die Fresken sind strenggenommen keine Kunstwerke, sondern gute Handwerksarbeit: Das Haus ist im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt, die Originale wurden zerstört. Anhand von Farbfotos haben Profis beim Wiederaufbau Repliken angefertigt. Die Originale entstanden 1728, von italienischen Malern. Denn Schwäbisch Hall war damals eine freie Reichsstadt, und man engagierte die Architekten, die derzeit das Schloss Ludwigsburg erbauten - und deren Maler gleich mit."

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