KarriereSPIEGEL

Frag Anne

Wie bremse ich meinen kontrollwütigen Chef?

Obwohl es rund läuft, will der Vorgesetzte alles wissen, alles regeln. Arne, Projektleiter in einem Biotech-Unternehmen, fühlt sich unter Druck gesetzt. Managementexpertin Anne Weitzdörfer sagt, was er jetzt tun kann.

Corbis

Alles unter Kontrolle? Chefs müssen auch loslassen können

Dienstag, 23.06.2015   08:12 Uhr

Ich arbeite in einem Biotech-Unternehmen, das derzeit in einem Pilotprogramm weltweit eine neue Technologie ausrollt. Mein Chef leitet das Programm, ich verantworte eins von vier Ländern. Mein Problem: Obwohl ich mein Land voll im Griff habe und das Projekt innerhalb der vereinbarten Zeit- und Budgetlinie läuft, greift mein kontrollwütiger Chef aus der Distanz immer wieder mit schlauen Tipps in mein Tagesgeschäft ein. Das setzt mich unter Druck und stresst mich wahnsinnig. Auf Dauer das ist kein Zustand - was tun?
Arne, 34, Projektleiter

Zur Autorin

Anne Weitzdörfer antwortet:
Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie auf der Autobahn Strich 130 Stundenkilometer fahren, obwohl 120 erlaubt sind? Und dann hinter Ihnen einer auftaucht, der etwas zu nah auffährt und drängelt? Nicht übertrieben mit Blinker und Lichthupe, sondern subtiler - durch schlichtes Unterschreiten des richtigen Abstands, Ihrer Wohlfühlgrenze.

Sie befürchten, dass er gleich an Ihre Stoßstange rauscht. Obwohl Sie gerade eigentlich ganz ruhig Ihr Ding machen, schafft es einer, Sie in Millisekunden auf hundertachtzig zu bringen. Insofern klug, einmal innezuhalten und das Ganze kritisch zu hinterfragen.

Bei Ihrer Beschreibung entsteht der Eindruck, als hätte Ihr Chef direkten Zugriff auf Ihre Emotionen. Kaum kommt ein Ratschlag, steigt der Blutdruck und Sie sind gestresst - ich überspitze bewusst. Warum eigentlich? Könnte doch sein, dass er es gut meint. Er hat das weltweite Unternehmensprogramm im Blick, etwas mehr Distanz und grundsätzlich das gleiche Interesse wie Sie. Anmerkungen könnte man also genauso gut als Hilfestellung verstehen.

Wenn ich jetzt weiter davon ausgehe, dass Sie Erfahrung und Ihr Projekt im Griff haben, agieren Sie bestimmt souverän und selbstbewusst. Und distanzieren sich professionell von zu viel ungebetenem Rat: Danke, gut gemeint, aber ich mache es in meinem Verantwortungsbereich, wie ich es für richtig halte.

Nicht ständig Updates, aber gezielt

Vielleicht ist es aber auch so, dass an der Art des Umgangs etwas nicht stimmt. Kann es sein, dass Sie sich von der Art Ihres Chefs angegriffen fühlen? Was genau unternimmt er, dass es Sie aus der Bahn wirft? Stellt er Ihre Kompetenz in Frage, ist er gar bossig und macht Sie klein? Hier müssten Sie für sich einmal einzelne Situationen auseinandernehmen und genau beobachten, was passiert.

Ich vermute, dass Ihr Chef einfach für ein riesiges Programm geradesteht. Und vielleicht aus eigener Unsicherheit ein übersteigertes Kontrollbedürfnis hat. Wenn wir das als Arbeitshypothese stehen lassen, hat das wahrscheinlich nur wenig mit Ihrer Person zu tun. Was braucht es wohl, damit Ihr Chef ein besseres Gefühl bekommt? Mehr E-Mails? Sicher nicht. Aber vielleicht eine gezielte.

Ich empfehle Ihnen, zweimal die Woche ein kompaktes Update von wenigen Zeilen zu schicken: Ergebnisse der letzten Tage, offene Punkte und nächste Schritte - bei denen Sie ihn vielleicht sogar proaktiv um Rat fragen. Das führt dazu, dass er sich eng genug informiert sieht, ohne hundert E-Mails in Kopie zu erhalten. Sein Rat ist gefragt, und zwar an relevanten Stellen.

Mich würde das beruhigen. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Ihnen diese kleine Maßnahme hilft, den Drängler abzuschütteln und innerlich "rechts rüberzugehen".

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Typologie der Bosse: Ich Chef, du nix

insgesamt 19 Beiträge
karx11erx 23.06.2015
1. Wie wär's mit einem Rat aus der Praxis?
Ich bin selber Projektmanager und hatte so einen Chef. Frau Weitzdörfers Rat ist sicher bedenkenswert, und regelmäßige kurze Statusberichte und je nach Chef auch informelle, kurze mündliche Updates sind nie ein Fehler und [...]
Ich bin selber Projektmanager und hatte so einen Chef. Frau Weitzdörfers Rat ist sicher bedenkenswert, und regelmäßige kurze Statusberichte und je nach Chef auch informelle, kurze mündliche Updates sind nie ein Fehler und vermitteln die Gewissheit, dass der Projektmanager sowohl das Projekt als auch die berechtigten Bedürfnisse des Chefs im Blick hat. Wenn aber die eigene "Wohlfühlgrenze" als Projektmanager ständig überschritten wird, sollte man die Angelegenheit in einem sachlich, ruhig und klar geführten Gespräch mit dem Chef zu klären versuchen. Es gibt nämlich Chefs, die unabhängig von dessen Wichtigkeit einfach einen starken Hang haben, alles bis ins Kleinste zu kontrollieren. In diesem Fall greift der Chef in das Aufgabengebiet des Projektmanagers ein, für das er ihn eigentlich eingestellt hat. Meinem Chef habe ich damals gesagt, dass er mir jetzt entweder genügend vertraut, um mich meinen Job auch machen zu lassen, oder es selber macht. Bei mir hat das funktioniert, und ich würde es wieder so machen, denn anders kann ich nicht arbeiten - in diesem Fall gibt es für mich also beim Grundsatz "love it, change it, or leave it" nur die Möglichkeiten zwei und drei.
marthaimschnee 23.06.2015
2.
Das Verhalten des Chefs wird nachvollziehbar, wenn er die Realität und nicht das Mangementgeschwubbel vor Augen hat. In der Realität passiert es nämlich zu häufig, daß jeder versucht, sich so toll wie möglich zu verkaufen, [...]
Das Verhalten des Chefs wird nachvollziehbar, wenn er die Realität und nicht das Mangementgeschwubbel vor Augen hat. In der Realität passiert es nämlich zu häufig, daß jeder versucht, sich so toll wie möglich zu verkaufen, auch und besonders gerne wenn eigentlich bereits alles am Zusammenbrechen ist. Eine solche Situation will sich kein Verantwortlicher mit wirklichem Verantwortungsbewußtsein leisten, er muß also feststellen, ob die gelieferten Daten dem tatsächlichen Zustand des Projektes entsprechen, oder ob sie evtl geschönt sind und man einen möglicherweise bedrohlichen Mißstand zu verbergen versucht in der Hoffnung, das wird schon gut gehen. Auf der anderen Seite kann es natürlich sein, daß der Chef die Erfahrung gemacht hat, daß jeder Fehler macht und er selber meint, die unfehlbare Instanz darüber zu sein. Das Problem kann man meist nicht lösen, denn selbst wenn man dem plausibel macht, daß man jemand ist, auf den man sich verlassen kann, wird er immer mit dem Argument kontern, daß andere nicht so sind und er kontrollieren müsse. Und er wird dann den geringsten Fehler zum Anlaß nehmen zu sagen "Sehen Sie, auch bei Ihnen muß ich kontrollieren!" Wenn das Projekt sowohl finanziell als auch zeitlich im vorgesehenen Rahmen läuft, kann man auf alle Fälle den Chef (eben mit dem Argument, daß es gut läuft) mal fragen, warum er ständig eingreift. Dann wird vermutlich die Motivation klarer und man kann spezifischer darauf eingehen und das Verhalten professionell kritisieren, wenn es unbegründet scheint.Wenn er ein guter Chef ist, sollte auch er Kritik annehmen (bei Chefs mit Neigung zum Psychopathen sollte man da aber eher vorsichtig sein).
thomweb 23.06.2015
3. Passt fast
Das Verhalten in dem Biotechnologie-Unternehmen passt fast auf das Biotechnologie-Unternehmen, das ich letztes Jahr nach 13 Jahren verlassen habe. Aber auch nur fast. Denn dann hätte ich noch die Worte Mobbing, Terror, [...]
Das Verhalten in dem Biotechnologie-Unternehmen passt fast auf das Biotechnologie-Unternehmen, das ich letztes Jahr nach 13 Jahren verlassen habe. Aber auch nur fast. Denn dann hätte ich noch die Worte Mobbing, Terror, nächtliche Telefonterroranrufe, Mailterror, Drohungen und nicht zu erfüllende Benchmarks zwecks Ausmerzung des aus der Firma zu vertreibenden Mitarbeiters gelesen. Alles das fehlte in der Beschreibung. Also ist der Druck des Vorgesetzten vollkommen harmlos. Wer sich nicht wegen Selbstmordgedanken und permanentem Terror durch einen perversen Vorgesetzten und einer Personalerin, die mit extremen Sadismus gesegnet ist, krankschreiben lassen muss, wer nicht zehnmal am Tag kotzen muss und kein Magengeschwür hat, wer ohne Drogen den Terror am Arbeitsplatz übersteht, der hat kein Problem.
herr wal 23.06.2015
4. Birnen mit Birnen vergleichen
Es gibt Chefs (und auch Untergebene), die gehen einmal pro Stunde zur Tür hinaus, um sich eine zu rauchen. Und es gibt Chefs (und auch Untergebene), die gehen einmal pro Stunde zu einer Tür hinein (oder greifen zum Telefon), um [...]
Es gibt Chefs (und auch Untergebene), die gehen einmal pro Stunde zur Tür hinaus, um sich eine zu rauchen. Und es gibt Chefs (und auch Untergebene), die gehen einmal pro Stunde zu einer Tür hinein (oder greifen zum Telefon), um eine Anweisung zu erteilen. Wenn sie nicht im Büro sind, sondern auf der Autobahn, verhält es sich folgendermaßen: Der erstgenannte Typ steckt sich einmal pro Stunde einen Glimmstängel an, egal ob im Stau oder bei seiner persönlichen Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h. Der zweitgenannte Typ fährt lieber dem vorausfahrenden Fahrzeug subtil auf, um ihm seinen Herrschaftsanspruch (auf freie Fahrt für freie Bürger) zu demonstrieren. Was man dagegen machen kann, weiß ich aber nur bzgl. Fall 1: Einfach sein lassen, und gut is. Bei Fall 2 bin ich eher skeptisch, ob ohne psychiatrische Hilfe was zu machen ist. (Weil die Suchtintensität einfach viel höher ist, wohl infolge der von den Nebennieren und der Zirbeldrüse ausgeschütteten EndoMorphine und Dopaminderivate.)
Antaeus79 23.06.2015
5. Kontrollzwang? Sie wissen nicht, was Zwänge sind.
Niemand anderem fliegt das Expertentum so zu wie den Beratern (Volker Pispers sprach treffend von Eunuchen: Sie wissen, wie man's macht). In einer Melange aus Binsenweisheiten und Trivialpsychologie entstehen [...]
Niemand anderem fliegt das Expertentum so zu wie den Beratern (Volker Pispers sprach treffend von Eunuchen: Sie wissen, wie man's macht). In einer Melange aus Binsenweisheiten und Trivialpsychologie entstehen Handlungsempfehlungen, die keine solidere Basis haben als elterliche Ratschläge an den Sohnemann, der im Sportunterricht wieder nicht in die Mannschaft gewählt wurde -- nur viel teurer natürlich. Ich möchte Arne, Projektleiter, folgendes mit auf den Weg geben: Erstens, man rollt Teppiche aus, aber keine "Technologie". Zweitens, wenn Sie von sich behaupten, ein Teilprojekt voll im Griff zu haben, haben Sie es bestimmt nicht. Drittens, wenn Sie eine so niedrige Frustrationsgrenze haben, sind Sie für eine leitende Stellung ungeeignet. Viertens, wenn Sie Probleme mit Ihrem Chef haben, sagen Sie es ihm und nicht einer Beraterin, die weder Sie noch Ihren Chef kennt. Projekte fahren gegen den Baum, weil es keine Kommunikationskultur mehr gibt. In Meetings wird heiße Luft produziert (sowohl vom Beamer als auch vom Redner), und am Schreibtisch herrscht Grabesstille. Niemand spricht offen, alle haben Angst, der Chef weiß nicht, was Sache ist, die Mitarbeiter sehen das Unheil kommen, und am Ende will's niemand gewesen sein. Tag für Tag gehen Forschungsprojekte, groß und klein, den Bach runter, und -- Überraschung! -- Berater können nichts daran ändern. Bitte, fragt nicht Anne!

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