KarriereSPIEGEL

Deutsche auf den Cookinseln

Vom Glück, jeden Tag barfuß zu gehen

Carina Wenzel, 39, lebt auf den Cookinseln im Südpazifik. Für ihre Arbeit als Tauchlehrerin steht sie früh auf und macht spät Feierabend. Und fühlt sich doch frei wie nie zuvor.

privat
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Samstag, 09.03.2019   07:43 Uhr

"Fünf Jahre lang hatte ich ihn nicht gesehen: einen Freund aus meinem Abi-Jahrgang. Dann besuchte ich ihn auf Rarotonga, einer der Cookinseln, mitten im Südpazifik. Und verliebte mich - in die Insel, das Meer, die Menschen und in den Schulfreund. Er sagte mir, das müsse wohl der Tauchlehrereffekt gewesen sein.

Nach dem Abi hatte ich erst einmal eine Ausbildung als Schreinerin gemacht und bin dann nach Italien gezogen, um die Sprache zu lernen. Ich habe sieben Jahre lang dort gelebt - es war eine gute Zeit, ich mochte das Land. Nur richtig glücklich wurde ich da nicht. Also machte ich eine Weltreise, um herauszufinden, was ich wirklich wollte: Ich flog nach Hongkong, Australien, Neuseeland, auf die Cookinseln, in die USA und nach Kanada.

Auf den Cookinseln fühlte ich mich am wohlsten, hier hat alles gepasst. Die Menschen, die Natur, ich sammelte Muscheln und ging tauchen. Und entschied mich dazu, mein Leben in Italien hinter mir zu lassen, um nach Rarotonga zu ziehen.

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Rarotonga: "Hier passt einfach alles"

Ich löste mein Leben in Italien auf, verkaufte meine Sachen, kündigte meine Verträge, verabschiedete mich von den Menschen, die ich lieb gewonnen hatte. Es fiel mir relativ leicht zu entscheiden, welche Sachen ich in mein neues Leben mitnehmen wollte: alles, was ich gern hatte, meine Lieblingsklamotten, eine Decke, Tauchzeug, eine Edelstahlpfanne und andere Kochutensilien. Auf den Flug nahm ich nur einen Reiserucksack und eine Tasche fürs Handgepäck mit.

Es ist schon etwas anderes, wenn man mitten im Südpazifik auf einer 67 Quadratkilometer großen Insel lebt, die nur 9000 Einwohner hat. Ich bin in einer Großstadt aufgewachsen, hatte nie zuvor in einem wirklich kleinen Dorf gelebt, wusste nicht, ob mir das nicht zu einsam werden würde. Ich reiste mit einem Touristenvisum ein, das sechs Monate gültig war - und sagte mir, wenn es nicht passt, dann fliege ich wieder zurück.

In Rarotonga angekommen, zog ich bei meinem Schulfreund ein - der inzwischen mein Lebenspartner ist - und half in seiner Taucherbasis aus. Hier verleiht er unter anderem auch Motorroller, Fahrräder, Kajaks. Es hat gepasst, ich bin nicht zurückgeflogen und arbeite immer noch im Geschäft mit.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Inzwischen wohne ich seit acht Jahren hier und bereue keinen einzigen Tag davon. Ich habe eine Arbeitsgenehmigung, mit der ich im Land bleiben darf. Sie muss aber jedes Jahr erneuert werden. Nach zehn Jahren hier kann ich eine Daueraufenthaltsgenehmigung beantragen. Ich würde wirklich gern hier bleiben. Es ist aber nicht garantiert, dass ich die Genehmigung bekomme.

Jeden Tag stehe ich um 6.45 Uhr auf, bin kurz vor acht im Shop. Ich gehe mit den Touristen tauchen, verleihe Ausrüstung, repariere Fahrräder oder Roller, mache sauber, gebe Tauchkurse. Kein Tag ist wie der andere. Zwischen 17 und 18 Uhr mache ich Feierabend. Ich bin die einzige richtige Angestellte und arbeite von Montag bis Freitag, an den Wochenenden habe ich normalerweise frei.

Und obwohl mein Freund und ich gemeinsame Tagesabläufe haben und wir in einem 20 Quadratmeter großen Bungalow wohnen, gehen wir uns nicht auf die Nerven. Die meiste Zeit verbringen wir ohnehin draußen in der Natur. Wir wohnen 700 Meter vom Meer entfernt und ich bin auch ganz froh darüber, nicht direkt am Strand zu leben. Manchmal kann es da schon ziemlich stürmisch werden und Zyklone können viel Schaden anrichten.

Um die Ecke haben wir einen Tante-Emma-Laden, aber Lebensmittel kaufen wir meist in einem großen Supermarkt. Für einen Liter Milch zahlen wir 2,40 Neuseeland-Dollar, das sind umgerechnet 1,50 Euro. Ein 500g Stück Gouda kostet 7,30 Euro und ein Kilo Hackfleisch 6,60 Euro. Das ist nicht günstig. Ich verdiene hier umgerechnet 850 Euro netto im Monat und wir zahlen knapp 410 Euro Miete.

Wenn man viele westliche Lebensmittel oder Milchprodukte braucht, ist das Einkaufen eher kostspielig. Aber wenn man zum Beispiel ein Kilo frischen Gelbflossenthunfisch möchte, bezahlt man zwischen zehn und 15 Euro dafür.

Auf dem Markt gibt es frische Gemüsesorten zu erschwinglichen Preisen. Und vieles wächst je nach Saison einfach im Garten oder beim Nachbarn auf dem Feld, der uns gern mal einen Sack Tomaten abgibt. Ein Freund von uns versorgt uns mit Bananen und anderem Obst.

Alle zwei Jahre fliegen wir nach Deutschland. Das ist selbstverständlich teuer und umständlich. Die Flüge gehen entweder über Los Angeles und London oder über Auckland und Asien und wir zahlen meist zwischen 1200 und 1700 Euro dafür.

Ich freue mich immer riesig, wenn ich meine Familie und Freunde in Deutschland besuche. Und natürlich tut mir das Abschiednehmen von geliebten Menschen weh, doch ich merke bei jedem meiner Besuche wieder aufs Neue, wie nach ein paar Wochen die Sehnsucht nach meiner Insel wächst. WhatsApp und Skype machen das Kommunizieren heutzutage sehr viel einfacher. Mit meinem Vater telefoniere ich einmal in der Woche.

Meine Zeit in Italien vermisse ich überhaupt nicht. Ich fühle mich frei und ungebunden, alles passt. Allein, dass ich jeden Tag barfuß laufen kann, ist für mich ein großes Glück.

Jedem, der so etwas vorhat, rate ich, seinem Herzen zu folgen, aber sich auch zu fragen, ob er auf der anderen Seite der Erde wirklich arbeiten könnte. Natürlich braucht man Geld zum Überleben und muss flexibel sein, sollte nicht stur an einem Plan festhalten.

Ich werde dieses Jahr 40 und ich habe keine Kinder. Hätte ich welche, könnte ich dieses Leben hier nicht so führen wie jetzt. Mutterschutz gibt es nur für vier Wochen, und ohne zu arbeiten habe ich kein Anrecht auf eine Arbeitserlaubnis und müsste das Land verlassen. Klar mag ich Kinder, aber ich finde es nicht schlimm, dass ich keine habe.

In Rarotonga gibt es sehr viele Expats, jedoch verlassen die meisten nach zwei, drei Jahren wieder die Insel. Einer Expat-Gemeinschaft würde ich mich nicht zuordnen. Unser enger Freundeskreis besteht aus Ausländern und Insulanern.

An freien Tagen sind wir sind auch mal froh, allein zu sein. Wenn es regnet, bleiben wir auch gerne zu Hause, schauen uns den 'Tatort' auf YouTube an oder lesen. Wenn ich neue Bücher brauche, dann bestelle ich sie mir einfach hierher - zum Glück kommen sie normalerweise auch hier an - am Ende der Welt."

Kulturschock

insgesamt 61 Beiträge
thomas.verheyen 09.03.2019
1. Den Traum leben oder träumend durchs Leben?
Das klingt erst mal herrlich - Corinna hat ihren Traum gefunden und lebst ihn, das freut mich für sie. Allerdings frage ich mich, was in 20 oder 30 Jahren ist - wie lange kann man eigentlich Tauchlehrere sein? Welche Rente [...]
Das klingt erst mal herrlich - Corinna hat ihren Traum gefunden und lebst ihn, das freut mich für sie. Allerdings frage ich mich, was in 20 oder 30 Jahren ist - wie lange kann man eigentlich Tauchlehrere sein? Welche Rente bekommt man als Angestellte mit einem Einkommen von 850 Euro? Ist die vielleicht erreichbare Daueraufentaltgenehkmigung auf für einen Rentner gültig oder muss sie dann wider Willen nach Deutschland und was kann sie dann mit der Rente ausrichten, die auf den Cookeinseln vielleicht zum Leben ausreicht? Der Beruf hat doch nur eine Perspektive, solange es ausreichend Touristen gibt, die zu de Cookeinsen kommen. Hoffentlich für Corinna und ihren Lebenspartner - der dort im Gegensatz zu Corinna ja mit dem Geschäft und dem zu verleihenden Material durchaus Kapital aufgebaut zu haben scheint - wird des noch lange Touristen geben. Ich halte eine Reportage, die auf solche Themen nicht eingeht, für etwas halbherzig.
Riven 09.03.2019
2.
Da werd ich ja schon ein bisschen neidisch. Eigentlich gibt es nicht viel, was mich in Deutschland hält. Problem ist vor allem meine Ausbildung als Jurist. Wen interessiert schon deutsches Recht im Ausland? Natürlich gibt es [...]
Da werd ich ja schon ein bisschen neidisch. Eigentlich gibt es nicht viel, was mich in Deutschland hält. Problem ist vor allem meine Ausbildung als Jurist. Wen interessiert schon deutsches Recht im Ausland? Natürlich gibt es immer mal wieder Unternehmen, die eine solche Beratung wünschen, aber der Regelfall ist das nicht. Man braucht dann schon die Bereitschaft, sich etwas neues anzueignen.
f-rust 09.03.2019
3. Danke!
sehr schöner, ermunternder Beitrag von/über einen Menschen, der/die das Leben soweit es halt möglich ist, aktiv selbst mit gestaltet. Danke sehr! (War auch 12 Jahre in Santa Fe, New Mexico; dann nach kurzen Jahren in D nun in [...]
sehr schöner, ermunternder Beitrag von/über einen Menschen, der/die das Leben soweit es halt möglich ist, aktiv selbst mit gestaltet. Danke sehr! (War auch 12 Jahre in Santa Fe, New Mexico; dann nach kurzen Jahren in D nun in Österreich.)
Cannonier 09.03.2019
4. Geschichte wie diese habe ich schon dutzendfach gehört
Bin selbst Sporttaucher und war an exotischen Plätzen unterwegs. Tauchlehrer, Surflehrer, etc. Wie sie dann abends bei Meeresrauschen erzählen wie sie von einem Paradies zum nächsten zogen. Meist 30-40 Jährige, locker drauf, [...]
Bin selbst Sporttaucher und war an exotischen Plätzen unterwegs. Tauchlehrer, Surflehrer, etc. Wie sie dann abends bei Meeresrauschen erzählen wie sie von einem Paradies zum nächsten zogen. Meist 30-40 Jährige, locker drauf, easy life. In der Regel wohnt man kostenlos und hat freie Verpflegung...dann noch das Hobby zum Beruf gemacht und man kann barfuss laufen. Da glänzen die Augen der Gäste die sich zuhause im Grossraumbüro unter Neonlicht von 8-5 abrackern. Werft aber mal einen Blick hinter die Kulissen. Altersvorsorge klingt langweilig, nicht wahr? Aber die allermeisten haben nichts. Wer sich nicht zum Basisleiter hocharbeiten kann hat irgendwann ein Problem. Zuviele neue, junhe drängen nach....wer will also noch mit einer Oma tauchen? Nichts zur Seite gelegt und dann in Ländern gelebt die kein Sozialversicherungssystem kennen. Und irgendwann zwickt und knackt es im Körper. Paradiesen fehlt es meist an flächendeckender medizinischer Versorgung von hoher Qualität. Und wer sich im Paradies keine eigene Familie (mit einer/einem local) aufbaut hat im Alter keinen der ihm hilft. Man ist dann von Almosen der Einheimischen abhängig. Also was machen dann alle?: richtig....kommen heim nach Deutschland und lassen die bezahlen die bislang in Grossraumbüros unter Neonlicht von 8-5 fleissig in die Sozial- und Krankenkassen eingezahlt hatten.
Geopolitik 09.03.2019
5. Schön
Einfach mal interessant. Ein schöner Beitrag ohne Empfehlungen, political correctness, et al. Bin selbst nach dem Wehrdienst ins europäische Ausland zum studieren gegangen und dann für 25 Jahre ins asiatische Ausland zum [...]
Einfach mal interessant. Ein schöner Beitrag ohne Empfehlungen, political correctness, et al. Bin selbst nach dem Wehrdienst ins europäische Ausland zum studieren gegangen und dann für 25 Jahre ins asiatische Ausland zum arbeiten. Mache jetzt Langzeiturlaub auch in Deutschland wo es mir gefällt. Der Mensch kann in vielerlei Umgebung zufrieden sein, auch wenn er im selben Dorf geboren wird wo er arbeitet und stirbt. Unsere Freiheit sich den passenden Weg auszusuchen ist wunderbar.

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