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Kündigungen wegen Digitalisierung

Kann mein Chef mich gegen einen Roboter austauschen?

Die Digitalisierung beunruhigt viele Angestellte. Martina Benecke, Professorin für Arbeits- und Wirtschaftsrecht, erklärt, was der Einsatz von Algorithmen und Robotern bedeutet - und ob Grund zur Panik besteht.

DPA

Ein Roboter reicht bei den Aufbauarbeiten für die Messe Cebit ein Putzmittel an (2018)

Ein Interview von
Freitag, 17.05.2019   11:25 Uhr

Wird die Digitalisierung massenhaft Jobs vernichten? Oder schafft sie, im Gegenteil, jede Menge neue Arbeitsplätze? Forscher sind sich uneinig: Mal prognostizieren sie Jobgewinne durch den Technologiewandel, mal gehen sie davon aus, dass in Zukunft jegliche Erwerbsarbeit von Maschinen, Robotern und Algorithmen übernommen wird.

Klar ist: Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt tiefgreifend verändern. Etliche Berufe könnten verschwinden, neue Arbeitsfelder entstehen - und so gut wie alle werden sich wandeln.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat ermittelt, dass im Jahr 2016 bereits mehr als die Hälfte (58 Prozent) einfacher Helfertätigkeiten, für die keine oder eine einjährige Berufsausbildung nötig ist, von Maschinen erledigt werden können - ein Plus von zwölf Prozentpunkten innerhalb von drei Jahren.

Zwang zur Fortbildung?

Auch das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat in einer Studie gezeigt, dass die Digitalisierung deutlich höhere Anforderungen an die Arbeitnehmer stellt und die Jobs komplexere Anforderungsprofile aufweisen.

Doch wie sieht die Situation für Arbeitnehmer aus? Können sie einfach gekündigt werden, wenn auch eine Maschine ihren Job erledigen kann? Müssen sie sich weiterbilden - und was geschieht, wenn sie dies nicht wollen oder können?

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Martina Benecke, Professorin für Arbeits- und Wirtschaftsrecht an der Universität Augsburg, worauf sich Beschäftigte einstellen müssen - und ob Grund zur Panik besteht.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Die Vorstellung, seinen Job an einen Algorithmus zu verlieren, klingt beunruhigend. Kann mein Chef mich einfach gegen eine Maschine austauschen?

Martina Benecke: Für die Digitalisierung gibt es zunächst keine rechtlichen Sonderregeln. Es ist eine Sache des Arbeitsrechts und hier vor allem des Kündigungsschutzgesetzes, das seit den Sechzigerjahren gilt. Seither hat es durch die Einführung von Computern und Robotern schon viele Rationalisierungswellen gegeben. Eine Kündigung vor dem Hintergrund des technologischen Wandels ist aus zwei Gründen möglich: Entweder kann sich der Arbeitnehmer nicht an die veränderten Bedingungen am Arbeitsplatz anpassen, oder sein Arbeitsplatz fällt weg. Nur dann ist eine betriebsbedingte Kündigung möglich. Beschäftigte müssen sich trotzdem nicht allzu große Sorgen machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Benecke: Das Gesetz beruht auf der Annahme, dass wirtschaftliche Entscheidungen des Arbeitgebers nicht hinterfragt werden. Es setzt dem Arbeitgeber aber auch strenge Grenzen. Eine betriebsbedingte Kündigung muss verhältnismäßig sein. Danach hat der Mitarbeiter drei Wochen Zeit, Kündigungsschutzklage zu erheben. Der Arbeitgeber muss dann beweisen, dass der Arbeitsplatz entfällt und keine andere adäquate Beschäftigung besteht. Das ist nicht ganz einfach, daher versuchen Arbeitgeber, Beendigungskündigungen zu vermeiden. Ungefähr die Hälfte aller Arbeitsverhältnisse enden mit Aufhebungsverträgen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann? Kann der Mitarbeiter etwas raushandeln?

Benecke: Grundsätzlich gibt es bei Kündigungen keinen Anspruch auf Abfindungen. Bei den in der Praxis häufig vorkommenden Aufhebungsverträgen einigen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf die Beendigung des Arbeitsverhältnisses gegen Abfindung. Hier können Beschäftigte, deren Job der Digitalisierung zum Opfer gefallen ist, ansetzen. Die Arbeitgeber sparen durch die Personalreduzierung auf der anderen Seite viel Geld. Zudem ist der Aufhebungsvertrag rechtssicher, man kann praktisch nicht dagegen vorgehen, so dass auch hohe Abfindungen gezahlt werden.

SPIEGEL ONLINE: In anderen Fällen verändern sich Jobs im Zuge der Digitalisierung. Sind Beschäftigte verpflichtet, neue Fertigkeiten zu lernen?

Benecke: Das ist ein Knackpunkt: Arbeitnehmer müssen grundsätzlich zumutbare Fortbildungen durchführen, um sich an die geänderten Anforderungen ihres Berufsbildes anzupassen. Aber: Was ist zumutbar? Welche Anforderungen gehören zu einem Berufsbild? Welche Sprachkenntnisse werden auf welchem Niveau vorausgesetzt? Das ist eine Grauzone, die diskutiert werden wird. Grundsätzlich ist es aber so: Wenn Mitarbeiter bereit und in der Lage sind, Neues zu lernen, ist eine Kündigung praktisch ausgeschlossen. Denn dann gilt sie als unverhältnismäßig.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn sich Beschäftigte nicht fortbilden wollen oder können?

Benecke: Wer sich nicht fortbilden will, dem kann verhaltensbedingt gekündigt werden. Der andere Fall ist problematischer und vergleichbar mit jemandem, der dauerhaft krankgeschrieben ist. Wenn sich jemand große Mühe gibt und in diesem Sinne schuldlos daran ist, etwas nicht zu können, kann ihm personenbedingt gekündigt werden. Aber auch da ist die Hürde hoch, denn es muss verhältnismäßig sein.

SPIEGEL ONLINE: Werden diese Fälle möglicherweise zunehmen - vor allem, da Tätigkeiten komplexer werden?

Benecke: Das ist schwer zu prognostizieren. Einerseits wird die Technik ja auch immer einfacher zu bedienen. Andererseits gibt es auch jetzt schon in Einzelfällen Arbeitnehmer, die mit dem Einsatz moderner Technik an ihrem Arbeitsplatz nicht umgehen können. Es gibt immer Extremfälle. Das Lustige an der Beschäftigung mit Arbeitsrecht ist, dass man auf beiden Seiten auf Neurosen stößt. Es gibt immer Mitarbeiter, die vollständig alles verweigern und es gibt genauso Chefs, die von ihren Angestellten verlangen, Übermenschen zu sein. Aber: Je größer das Unternehmen, desto vernünftiger ist das Miteinander.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Im Kleinbetrieb gibt es größere Probleme?

Benecke: Wenn man in einem Kleinbetrieb arbeitet, muss man sich immer bewusst sein, dass man einen geringeren Kündigungsschutz hat. Denn das Gesetz gilt nur für Betriebe, die mehr als fünf Arbeitnehmer haben. Aber auch hier gilt: Mitarbeiter in Deutschland sind verhältnismäßig gut geschützt. Denn Kündigungen dürfen auch hier nicht willkürlich sein. Und auch diskriminierende Kündigungen, beispielsweise wenn ein Arbeitgeber einen älteren Mitarbeiter loswerden will, weil der nicht so gut mit Computern umgehen kann, sind nicht möglich.

insgesamt 20 Beiträge
Marvel Master 17.05.2019
1.
Als jemand, der ein wenig Ahnung von dieser Materie hat, kann zumindest all denen versichern, die ein Handwerk ausüben, dass die auf lange Zeit nicht gegen Maschinen ausgetauscht werden. Maschinen können zum Bsp keine Haare [...]
Als jemand, der ein wenig Ahnung von dieser Materie hat, kann zumindest all denen versichern, die ein Handwerk ausüben, dass die auf lange Zeit nicht gegen Maschinen ausgetauscht werden. Maschinen können zum Bsp keine Haare schneiden oder Fliesen legen. Auch können sie keinen Klinker am Haus hoch ziehen. Alleine ein Loch buddeln können sie auch nicht. Maschinen werden auch keine offene Herz OP oder einen Gehirntumor wegschneiden können. Sorgen müssen sich allerdings die Leute machen, die Routinearbeiten am PC machen. Zum Bsp Rechnungen prüfen bei einem Krankenkassenabrechner. Oder Leute generell in der Buchhaltung. Mahnverfahren vom Anwalt. Das können heute schon Algorithmen. Auch die Analyse von Röntgenbildern kann heute schon Software übernehmen. Auch werden wohl langfristig LKW Fahrer, Busfahrer, Taxi, Bahnfahrer etc. von autonomer Software ersetzt. In den nächsten 10 bis 50 Jahren. In Singapur fährt heute zum Bsp kein Mensch mehr die UBahn. Lagerarbeiter kann man auch durch Roboter ersetzen.
isi-dor 17.05.2019
2.
Die Lösung wäre relativ einfach: Die Digitalisierungsgewinne sollten so hoch besteuert werden, dass die Sozialkassen davon infolge der Digitalisierung geschaffene Arbeitslosigkeit finanzieren und sozial abfedern kann. Nur so [...]
Die Lösung wäre relativ einfach: Die Digitalisierungsgewinne sollten so hoch besteuert werden, dass die Sozialkassen davon infolge der Digitalisierung geschaffene Arbeitslosigkeit finanzieren und sozial abfedern kann. Nur so macht Digitalisierung überhaupt Sinn.
Georg_Alexander 17.05.2019
3. Freut euch doch
Die Produktivität steigt von Jahr zu Jahr - seit Jahrzehnten! Dies ist auch und gerade den neuen Technologien zu verdanken. Weniger Arbeit bei steigender Produktivität muss zu verringerter Lebensarbeitszeit bei mindestens [...]
Die Produktivität steigt von Jahr zu Jahr - seit Jahrzehnten! Dies ist auch und gerade den neuen Technologien zu verdanken. Weniger Arbeit bei steigender Produktivität muss zu verringerter Lebensarbeitszeit bei mindestens gleichbleibendem Lebensstandard für alle führen. Aber man kann natürlich auch weiter in der 40-Stundenwoche (+ÜS) verharren und die drastisch gestiegenen Gewinne den großen Kapitalanlegern gönnen... Es gab Zeiten, da ist man auch bei der 60-Stundenwoche noch fast verhungert. Es wird höchste Zeit für eine 30 Stundenwoche! Gewinne müssen auch bei den Leistungsträgern ankommen - und nicht nur bei den Frühstücksdirektoren.
isi-dor 17.05.2019
4.
Die Lösung wäre relativ einfach: Die Digitalisierungsgewinne sollten so hoch besteuert werden, dass die Sozialkassen davon infolge der Digitalisierung geschaffene Arbeitslosigkeit finanzieren und sozial abfedern kann. Nur so [...]
Die Lösung wäre relativ einfach: Die Digitalisierungsgewinne sollten so hoch besteuert werden, dass die Sozialkassen davon infolge der Digitalisierung geschaffene Arbeitslosigkeit finanzieren und sozial abfedern kann. Nur so macht Digitalisierung überhaupt Sinn.
flaps25 17.05.2019
5. Wer es glaubt wird selig...
... es gibt zahlreiche Unternehmen, in denen es nur junge Mitarbeiter gibt. Die schaffen es also doch irgendwie, ältere Arbeitnehmer wegzumobben. Die Aussagen der Professorin in allen Ehren, aber das ist sehr theoretisch, was sie [...]
... es gibt zahlreiche Unternehmen, in denen es nur junge Mitarbeiter gibt. Die schaffen es also doch irgendwie, ältere Arbeitnehmer wegzumobben. Die Aussagen der Professorin in allen Ehren, aber das ist sehr theoretisch, was sie da sagt. Die konkrete Praxis ist oft anders.

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