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Der Schimmelpilz der Intrige

Wie verhält man sich, wenn Chefs sich gegenseitig mobben? In Deckung gehen? Hinterrücks eingreifen? Karriereberater Martin Wehrle rät dringend von Heimlichtuerei ab. Denn auch, wer sich raushalten will, gerät zwangsläufig zwischen die Fronten.

Corbis

Viel Spaß beim Intrigieren: Welche soll Ihre eigene Rolle sein?

Mittwoch, 05.10.2011   08:52 Uhr

Sabine S., Ingenieurin, fragt: "In m einer Abteilung ist die Atmosphäre vergiftet: Wir haben seit vier Monaten einen neuen Chef, der Stellvertreter dagegen ist schon seit sieben Jahren im Amt. Nun macht der Vize seinen Vorgesetzten vor mir und den Kollegen am laufenden Band schlecht. Er behauptet, der neue Chef habe in seiner letzten Aufgabe versagt und die unternehmensinterne Versetzung zu uns sei eine Art Strafexpedition. Überhaupt verstehe der Chef nichts vom Führen und sei fachlich 'die reinste Null'.

Mein Bild vom neuen Chef ist ein anderes: Ich halte ihn für kompetent, ehrlich und geradlinig. Doch ich merke immer mehr: Der Neue gerät ins Trudeln, weil einige Mitarbeiter gegen ihn arbeiten, angestiftet vom Stellvertreter. Meine Frage: Wie verhalte ich mich? Soll ich den Chef unter dem Siegel der Vertraulichkeit auf die Äußerungen seines Vizes hinweisen? Oder laufe ich Gefahr, dass er mich als Petze verurteilt? Und was, wenn der Stellvertreter von meinem 'Verrat' Wind bekäme?"

Was Sie beschreiben, ist in deutschen Betrieben keine Ausnahme: Der Schimmelpilz der Intrige wuchert vor allem in der Führungsetage, wo die Räume für den weiteren Aufstieg eng, die Ellbogen hart und die Sitten rau sind.

Mir kam bei der Lektüre Ihres Falls folgender Gedanke: Kann es sein, dass der Stellvertreter nach sieben Jahren selbst auf eine Beförderung spekuliert hat? Und dass jeder, der ihm nun "vor die Nase gesetzt" wurde, der falsche Kandidat sein musste? Diese gekränkte Eitelkeit könnte die Triebfeder für die Intrige gegen Ihren Abteilungsleiter sein. Statt seinem Vorgesetzten den Rücken zu stärken, streut der Stellvertreter Wort-Arsen aus: Er möchte den Ruf des Chefs vergiften.

Wichtig finde ich: Welche Rolle spielen Sie dabei? Wie haben Sie zum Beispiel bislang reagiert, wenn der Stellvertreter Sie mit solchen Horrorgeschichten behelligt hat? Schon das widerspruchslose Zuhören kann als Zustimmung gewertet werden. Aber was geschähe, wenn Sie geradeheraus sagen: "Wissen Sie, ich habe von unserem neuen Chef eine hohe Meinung. Und die Bedenken, die Sie hier äußern, teile ich nicht. Deshalb bitte ich Sie, solche Kritik künftig direkt dem Chef vorzutragen - und nicht mehr mir." Wie wäre das?

Und jetzt drehen wir das Gedankenrad noch ein Stück weiter: Angenommen, Sie würden das Thema mit Ihren Kollegen besprechen und dabei feststellen, dass mindestens die Hälfte von diesem Kleinkrieg genervt ist - was passierte, wenn all diese Mitarbeiter dem Stellvertreter gegenüber ähnlich reagierten?

Mit diesem Vorgehen könnten Sie das Problem wahrscheinlich abstellen, ohne den neuen Chef direkt anzusprechen. Denn das wäre aus zwei Gründen riskant: Erstens hört es niemand gerne, dass negativ über ihn gesprochen wird; der Bote wird oft für die Botschaft geköpft. Und zweitens müssten Sie mit der Frage rechnen: "Haben Sie meinem Stellvertreter denn einmal gesagt, wie Sie über seine Aussagen denken?" Wenn Sie jetzt den Kopf schütteln müssten, wäre das kein Ruhmesblatt für Sie.

Die richtige Reihenfolge: Weisen Sie selbst die negativen Äußerungen über Ihren Chef zurück. Bringen Sie möglichst viele Kollegen dazu, genauso zu reagieren. Und überlegen Sie erst dann, wenn all das nicht fruchtet, Ihren Chef anzusprechen - dann aber nicht als Einzelne, sondern in einer Gruppe von Kollegen. Das verleiht Ihrer Äußerung mehr Glaubwürdigkeit und schützt Sie vor Repressalien - auch solchen des Stellvertreters, der offenbar keine Skrupel kennt.

insgesamt 6 Beiträge
Pega123 05.10.2011
1. Ist diese Lösung nicht etwas einfach gedacht....
Vorab... glücklicherweise habe ich in meinem Berufsleben so einen Fall noch nicht erlebt, zumindest nicht in meinem näheren Umfeld. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass Ratschlag hier doch etwas einfach ist. Es kann [...]
Vorab... glücklicherweise habe ich in meinem Berufsleben so einen Fall noch nicht erlebt, zumindest nicht in meinem näheren Umfeld. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass Ratschlag hier doch etwas einfach ist. Es kann ja sein, dass ich meinen derzeitigen Chef schätze. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Mehrheit ebenso denkt. Folglich würde ich mich erst im Kollegenkreis umhören, um herauszufinden, was die anderen so denken. Hieran würde ich festmachen, wie aktiv ich Stellung beziehe. Wie gesagt, bisher kenne ich diese Situation nicht. Zudem hatte ich bisher immer den Vorteil innerbetrieblich sehr gut vernetzt zu sein, um schnell mitzubekommen, wenn irgendetwas komisch läuft.
jonwalker 05.10.2011
2. mobbing
Wenn man in England "gemobbt" wird,kann das auch eine Umarmung sein.Es sei dann, der Chef ist ein "Bully".
Wenn man in England "gemobbt" wird,kann das auch eine Umarmung sein.Es sei dann, der Chef ist ein "Bully".
thomasaugspurger 05.10.2011
3. Durchbrechen Sie die Dreieckskommunkation
Ich finde es hilfreich, dass dieses Thema hier angestoßen wird, weil derartige Kommunikationsformen auch nach meiner Erfahrung als Trainer und Berater häufig vorkommen. Die Lösung, die hier vorgeschlagen wird, ist jedoch [...]
Ich finde es hilfreich, dass dieses Thema hier angestoßen wird, weil derartige Kommunikationsformen auch nach meiner Erfahrung als Trainer und Berater häufig vorkommen. Die Lösung, die hier vorgeschlagen wird, ist jedoch aus meiner Sicht nur bedingt "richtig". Die Rückfrage an den "Schlechtmacher" halte auch ich für wichtig: "Ich wundere mich über Ihre Anklage in Richtung Herrn XYZ. Ich kenne ihn anders und schätze ihn". Und auch die zweite Frage danach kann ich nur empfehlen: "Haben Sie denn schon einmal mit Herrn XYZ gesprochen?". So weit, so gut. Wenn der Autor des Artikels jedoch empfiehlt, mit anderen Kollegen zu sprechen und diese zu "aktivieren", dann weise ich darauf hin, dass diese Aktion wiederum ein "Hintergehen" des "Schlechtmachers" ist. Vielleicht gibt es ja Kollegen, die sich mit ihm gut verstehen und wiederum Ihr "Schlechtreden" an ihn kommunizieren. Es handelt sich also um einen klassichen Teufelskreis des Hinter-dem-Rücken-Redens, der nur durchbrochen werden kann, wenn jeder für sich sorgt und andere Dreiecksgespräche unterlässt. Fazit: Teils 1 des Artikels sehr nachvollziehbar, Teil 2 ist mit Vorsicht zu genießen. Meine Empfehlung: Weisen Sie die Kritik zurück und nutzen Sie bspw. eine Ich-Botschaft: "Ich kenne Herrn XYZ wirklich anders und schätze ihn. Bei derartigen Anklagen gegen ihn fühle ich mich offen gesagt sehr unwohl. Bitte sprechen Sie ihn direkt an. Dies hat zwar immer noch die Gefahr, dass Ihr Gesprächspartner es Ihnen übel nimmt, aber einen "Tod" muss man hier "sterben". Sie haben übrigens auch keine Garantie dafür, dass man hinter Ihrem Rücken nicht auch so spricht,von daher sollten Sie sich unangreifbar machen, ohne jedoch die anderen Kollegen "an zu stiften". Thomas Augspurger.
Quintus 05.10.2011
4. Naja...
Ich behaupte der Vize Chef ist schlicht dumm/unfaehig. Anstelle des neuen Chef wuerde ich sein Verhalten als Kuendigungsgrund auffassen. Wenn der neue Chef faehig ist wird er sich das ganze nicht lange gefallen lassen. Im [...]
Ich behaupte der Vize Chef ist schlicht dumm/unfaehig. Anstelle des neuen Chef wuerde ich sein Verhalten als Kuendigungsgrund auffassen. Wenn der neue Chef faehig ist wird er sich das ganze nicht lange gefallen lassen. Im Grunde demontiert der Vize Chef sich damit selbst. Der Hauptfehler war in meinen Augen dem Vize nach 7 Jahren einen "Chef" vorzusetzen ohne klaerendes Gespraech/klare Fronten. Jetzt ist boeses Blut in der Abteilung und das ist niemals gut. Anstelle des Vizes haette ich in dem Fall falls irgendwie moeglich gekuendigt. Als Mitarbeiter wuerde ich mich von dem Vize Chef soweit wie moeglich distanzieren. Das Ganze wird kein gutes Ende nehmen und desto weiter man weg ist desto besser. Die Sache sauber zu regeln ist Sache der Fuehrung/des Managments.
Liechtenstein 06.10.2011
5. Gefährlich
Die "Lösung" von Herrn Wehrle halte ich für sehr gefährlich. Hier beharken sich Chef und sein Vize. Das sollen die bitte unter sich ausmachen. Über kurz oder lang wird einer von beiden gehen. Sich da auf eine [...]
Die "Lösung" von Herrn Wehrle halte ich für sehr gefährlich. Hier beharken sich Chef und sein Vize. Das sollen die bitte unter sich ausmachen. Über kurz oder lang wird einer von beiden gehen. Sich da auf eine Seite zu schlagen birgt das Risiko nacher auf der "Verliererseite" zu stehen. Was ist wenn der neue Chef geht und der Vize bleibt, sogar der neue Chef wird? In diesem Fall steht die Mitarbeieterin bald sehr schlecht da und kann sich wohl bald selber einen neuen Job suchen.

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