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Jeder Kündigung wohnt ein Zauber inne

Lieber Kapitänin als Krankenschwester, lieber Winzer als Molekularbiologe: Viele sehnen sich nach einem ganz anderen Beruf, nicht nur nach einer neuen Stelle. Doch ein Totalumstieg ist riskant. Beraterin Uta Glaubitz schreibt, was jeder bedenken sollte, der sich reif für den Wechsel fühlt.

Corbis

Frust im Job: Vielleicht sollte man etwas ganz anderes wagen

Montag, 16.05.2011   08:54 Uhr

Ich bin Berufsberaterin, aber nicht bei der Agentur für Arbeit. In den letzten Jahren habe ich aus einer Krankenschwester eine Kapitänin, aus einer Buchhalterin eine Fotografin und aus einem Molekularbiologen einen Winzer gemacht. Ein Kunde von mir arbeitete jahrelang als Banker und hat heute eine Agentur für Wassersport, eine Kundin begann mit 39 Jahren, noch einmal Medizin zu studieren, eine andere Geschichte auf Lehramt.

Mein Beruf ist ähnlich dem einer Ärztin: Die Patienten kommen in die Sprechstunde, und wir überlegen, was im Sinne der Gesundheit zu tun ist. Eine Orthopädin diagnostiziert vielleicht, der Meniskus müsse entfernt werden. Ein Internist meint, die Schwindelgefühle seien Anzeichen eines Rheumaschubs.

Bei meinen Leuten muss häufig der Beruf operiert werden.

Wenn sich auf einer Party herumspricht, was ich mache, passiert folgendes: In den nächsten drei Stunden kommt jeder zu mir und berichtet von seinen Wehwehchen. Zum Beispiel, dass er nur durch Zufall in seinem Beruf gelandet ist, dass er zwar zurecht kommt, aber nicht glücklich ist. Manche haben bereits Magengeschwüre vom Frust im Job, womit wir wieder bei der Medizin wären. Die meisten, die mich ansprechen, denken immer wieder darüber nach zu wechseln. Aber wie? Und wohin? Welcher Beruf könnte denn passen?

Woran liegt es, dass viele Deutsche so unzufrieden mit ihrem Beruf sind? Warum ist Dienst nach Vorschrift so verbreitet? Die meisten haben sich nicht wirklich für einen Beruf entschieden. Sie sind zufällig hineingeraten, haben gemacht, was ihre Eltern vorgaben oder haben den Auguren des Arbeitsmarkts geglaubt. Mal hieß es, Ingenieure hätten keine Chance, weil die Produktion nicht mehr in Deutschland stattfindet. Dann war abwechselnd von Lehrer-, Juristen- und Medizinerschwemme die Rede.

Gegen ein Magengeschwür hilft kein vierzehntes Monatsgehalt

Diese Lust am Katastrophismus führte zu Legionen von Banklehrlingen. Denn das Gerücht hielt sich hartnäckig, mit einer Banklehre könne man immer etwas werden. Was bislang keine Bank davon abgehalten hat, ihre Mitarbeiter (berechtigt oder unberechtigt) zu entlassen. Darüber hinaus bedeutet diese angebliche Sicherheit nicht, dass Sie als Banker erfolgreich oder gar glücklich werden. Gegen ein Magengeschwür oder eine Depression hilft auch kein vierzehntes Monatsgehalt.

Wenn man also aus Angst oder Unwissenheit heraus im falschen Beruf ist - was könnte man tun? Am besten fragen Sie sich zuerst, ob Sie sich ernsthaft an die Berufsfindung machen wollen. Wenn Sie beispielsweise gerade mit Hausbau oder Familiengründung beschäftigt sind oder einfach nur Dampf ablassen wollen, dann ist das möglicherweise nicht die richtige Grundlage für Berufsfindung. Denn seinen Beruf zu wechseln kostet Schweiß, Blut und Tränen, es braucht den ganzen Mann und die ganze Frau.

Wenn es aber ernst ist und Sie sich auf einen neuen Weg einlassen wollen, dann beginnt alles damit, sich für ein berufliches Ziel zu entscheiden. Bevor Sie sich bewerben oder bevor Sie irgendeine Weiterbildung buchen (bevor Sie nur über solche Sachen nachdenken), legen Sie fest, was Sie machen wollen. Grundlage dafür sind die Fragen: Was will ich, was motiviert mich, was bin ich für ein Mensch, wofür stehe ich freiwillig früh morgens auf? Die Antworten darauf sind erste Hinweise auf Ihren Traumberuf.

Zum Beispiel: Wenn Sie am liebsten segeln und Fußball spielen, dann bedeutet das nicht automatisch, dass Sie Sportprofi werden sollten. Aber über Sportreporter, Physiotherapeut im Olympiastützpunkt, Sportmodedesignerin oder Pressesprecherin eines Fußballclubs könnte man nachdenken. Wenn Ihnen die Natur wichtig ist, kommen nicht nur Biologielehrer und Umweltpolitiker in Frage, sondern auch Gärtner, Förster oder Ingenieurin für Windkraftanlagen. Das als erste Ideen. Erst aus dem Ziel heraus lässt sich ableiten, welche Weiterbildung sinnvoll ist und wo Sie sich bewerben sollten. Über all diese Fragen werden wir in Zukunft im KarriereSPIEGEL diskutieren.

Noch ein Tipp zum Schluss: Oft steht am Anfang der Berufsfindung, dass man aufhört damit, sich seinen aktuellen Beruf schönzureden. Wenn Sie nur deshalb noch im Büro versauern, weil Ihre Kollegen nett sind, das Weihnachtsgeld stimmt oder Sie immerhin viele Meilen auf Ihrem Miles-and-more-Konto haben, dann ist es vielleicht Zeit zu gehen. Jeder Kündigung nämlich wohnt ein Zauber inne.

insgesamt 7 Beiträge
MaxiScharfenberg 16.05.2011
1. Festgelegt!
Stärker als uns das vermutlich Recht ist, sind wir mit der ersten Dienststelle in der Berufswahl dauerhaft festgelegt. Wenn wir wechseln wollen, wird das nicht als qualitative Stärke der Persönlichkeit des Bewerbers [...]
Zitat von sysopLieber Kapitänin als Krankenschwester, lieber Winzer als Molekularbiologe: Viele sehnen sich nach einem ganz anderen Beruf, nicht nur nach einer neuen Stelle. Doch ein Totalumstieg ist riskant. Beraterin Uta Glaubitz schreibt, was jeder bedenken sollte, der sich reif für den Wechsel fühlt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,762506,00.html
Stärker als uns das vermutlich Recht ist, sind wir mit der ersten Dienststelle in der Berufswahl dauerhaft festgelegt. Wenn wir wechseln wollen, wird das nicht als qualitative Stärke der Persönlichkeit des Bewerbers registriert, sondern als Quittung für eine falsche Berufswahl. Und wer weiss, schon, ob die zweite Berufsentscheidung tatsächlich die Bessere ist? Deshalb Vorsicht.
olli08 16.05.2011
2. ...
Tja, leider leben wir hier in Deutschland, und das bedeutet unter anderem: 1. Ohne den passenden (und anerkannten) Abschluss bist du für einen Job nicht geeignet. Viele Arbeitgeber stellen immer noch nach Aktenlage ein. 2. [...]
Tja, leider leben wir hier in Deutschland, und das bedeutet unter anderem: 1. Ohne den passenden (und anerkannten) Abschluss bist du für einen Job nicht geeignet. Viele Arbeitgeber stellen immer noch nach Aktenlage ein. 2. Ab einen gewissen Alter ist schon der Wechsel innerhalb des eigenen Ausbildungsberufes schwer, ein Neuanfang mit über 40 ist praktisch unmöglich, da viele Arbeitgeber einen schon zum Alteisen zählen. Also kann man sich im Grunde nur noch selbstständig machen ...
sappelkopp 16.05.2011
3. Jeder Kündigung...
...wohnt ein Zauber inne! Dieser Satz hat Substanz, ich habe ihn so erlebt. Nur wer mit seinem Job so richtig unzufrieden ist, selbst kündigt und eine Perspektive sieht, kann den Satz nachfühlen. Easy going ist etwas anderes. [...]
...wohnt ein Zauber inne! Dieser Satz hat Substanz, ich habe ihn so erlebt. Nur wer mit seinem Job so richtig unzufrieden ist, selbst kündigt und eine Perspektive sieht, kann den Satz nachfühlen. Easy going ist etwas anderes. Wer den Job wechseln möchte, wer gar vom Beruf zur Berufung kommen möchte, der hat viel Arbeit vor sich. Aber es lohnt sich! Auch über 40 @olli08. Deutschland krankt sicherlich nicht nur daran, dass Arbeitgeber nach Aktenlage einstellen; das mag auf viele zutreffen, ist aber längst nicht die Regel. Natürlich werden Sie als Buchhändler niemals Ingenieur, doch darum geht es ja nicht. Deutschland krankt daran, dass Arbeitnehmer immer nur die absolute Sicherheit möchten. Darum sind sie zum Wechsel meist nicht bereit; 100000 vorgeschobene Gründe sprechen dagegen. Lieber werden sie krank, als sich einen neuen Job zu suchen.
Willem55 16.05.2011
4. Klare Argumente gegen den Beamtenstatus
Der Artikel liefert klare Argumente gegen den Beamtenstatus. Die entsprechenden Berufe werden häufig nur aus Angst gewählt, weil sie kündigungssicher sind. Das Ergebnis sind dann Beamte, die sich mit 55 nicht mehr auf ihrem [...]
Der Artikel liefert klare Argumente gegen den Beamtenstatus. Die entsprechenden Berufe werden häufig nur aus Angst gewählt, weil sie kündigungssicher sind. Das Ergebnis sind dann Beamte, die sich mit 55 nicht mehr auf ihrem Sessel halten können, während ihre Altersgenossen noch 12 Jahre z.B. Dächer decken. Auch die aktuellen Vorgänge um die Rektorin auf Zeit in Leipzig und die Unterschlagungen in Detmold zeigen das der Beamtenstatus ein unzeitgemässes Relikt ist.
McSteph 16.05.2011
5. Also ich traue
mich das hier kaum zu schreiben: Aber ich bin mit meinem Job zufrieden. Die Bezahlung stimmt zwar - gemessen an der allgemeinen Marktlage - nicht so richtig, aber man kommt immerhin bis zum nächsten Monat, hat nette Kollegen, [...]
mich das hier kaum zu schreiben: Aber ich bin mit meinem Job zufrieden. Die Bezahlung stimmt zwar - gemessen an der allgemeinen Marktlage - nicht so richtig, aber man kommt immerhin bis zum nächsten Monat, hat nette Kollegen, keinen übermäßigen Stress, Kaffe und Wasser umsonst ... :-) Ach ja - und keiner will mir kündigen, wenn ich mein privates Handy auf Arbeit auflade, oder mal ein Fax oder eine Fotokopie für privat anfertige.

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