KarriereSPIEGEL

Teambuilding im Escape Room

Wenn Personaler ihre Mitarbeiter spielen schicken

Schon Kinder lernen Sozialverhalten spielerisch. Können Firmen das fürs Teambuilding nutzen? Ein Besuch im Escape Room, dem Kollegen nur entkommen können, wenn sie zusammen arbeiten.

manager magazin
Von manager-magazin-online-Autorin Ulrike Hauswald
Montag, 30.09.2019   21:25 Uhr

"Wir stehen hier vor der Casa Moretta. Die Familie ist bekannt für ihre windigen Geschäfte. Falschgeld, Erpressung, Steuerhinterziehung, sogar von Menschenhandel war schon die Rede. Ihr, eine Gruppe top-ausgebildeter Spezialpolizisten, braucht nun belastende Beweise, um die Morettas endlich hinter Gitter zu bringen. Dafür bleibt euch eine Stunde Zeit!"

Was nach einem Fernsehkrimi klingt, wird genauso tagtäglich in einem abgedunkelten Raum in der Hamburger Speicherstadt erzählt. Escape Rooms liegen schon seit Jahren im Trend. Rund 420 Betriebe gibt es in Deutschland, die zusammen 110 Millionen Euro im Jahr erlösen. Von der Weltrettung über Laborexplosionen bis hin zu Zeitreisen - es gibt keine Geschichte, keine Aufgabe, die nicht schon zum Escape-Room-Storytelling genutzt wurde.

Was bisher vor allem Hobby-Detektive und Knobel-Fans in die geschlossenen vier Wände gelockt hat, entdecken jetzt Unternehmen für sich: gemeinsames Rätsel lösen als Teambuilding-Maßnahme.

Viele Firmen buchen die Räume im Zuge der Weihnachtsfeier oder als reines Event. Etwas fünf bis zehn Prozent nutzen sie jedoch bereits als Teambuilding-Maßnahme, schätzt Max Giesen, Escape-Room-Betreiber und Vorstand im Fachverband der Live Escape & Adventure Games. Tendenz steigend. Inzwischen gibt es neben den stationären Escape Rooms auch Anbieter, die mit mobilen Varianten zum jeweiligen Unternehmen fahren und das Spiel vor Ort durchführen.

Nur, wenn das Team kooperiert, kommt es weiter

Im Alltag arbeiten Renate, Tristan, Lena, Tanja und Antje bei einem IT-Konzern zusammen. Heute sind sie die "Spezialpolizisten" - und stehen vor dem ersten Rätsel: der Tür zur Casa Moretta. Während Tristan die ausgehändigten Unterlagen in Augenschein nimmt, tastet Lena den Türrahmen ab, dreht an der Lampe, doch das schummrige Licht wird nur noch schwacher. Tanja fühlt unter dem Briefkasten nach ungewöhnlichen Auskerbungen, rückt an jedem einzelnen Ziegel, verschiebt Steine, als die schwere Holztür mit einem Quietschen aufschwingt. Der Eingang ist geöffnet.

"Bei klassischen Escape Rooms werden Logik und Kreativität angesprochen, es geht darum, out of the box und um die Ecke zu denken, sich von gewöhnlichen Denkmustern zu befreien", erklärt René Wittek, Diplom-Psychologe und Geschäftsführer von "Spielgestalter". Die Agentur bietet Teambuildings und -Trainings, auch mobil.

"Kompetenzen wie zuhören und sich gegenseitig ausreden lassen werden geschult, man muss gewillt sein, auf andere Vorschläge einzugehen. Dabei muss man immer die Zeit im Blick haben. Es ist so angelegt, dass man es nicht alleine schaffen kann, sondern mit der Gruppe kommunizieren muss." Genau deshalb sei dies auch eine so gute Möglichkeit, um ein Kollegenteam näher zusammen zu bringen.

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Teambuilding: Wir wollen hier raus!

Im Kaminzimmer der Morettas angekommen sucht Renate weiter, sie öffnet Kisten und Schränke, Schubladen und Truhen, findet ein Zahlenschloss. Bücher werden umgedreht, Stühle hochgehoben, Kerzen verrückt. Alles kann eine Bedeutung haben - muss es aber nicht. Belanglose Deko oder wichtiger Anhaltspunkt?

Während Antje die linke Ecke des Zimmers durchsucht, macht sich Lena am Regal in der rechten Ecke zu schaffen und findet ein weiteres Schloss, diesmal mit Buchstaben. Immer mehr Hinweise finden den Weg auf den Tisch in der Mitte des Raums, wo sich nach und nach alle wieder zusammenfinden. Wie geht es nun weiter? Tristan nimmt das Zahlenschloss in die Hand und spricht ein Machtwort: "Wir fangen jetzt damit an, dann können wir mit dem anderen weiter machen." Alle nicken.

Spielen ist eine universelle Sprache

Beim Spielen von Escape Rooms kommt es nicht darauf an, aus welchen Sektoren die Spieler kommen. Vielmehr ist es sogar förderlicher, wenn viele verschiedene Charaktere aus unterschiedlichen Abteilungen zusammenarbeiten.

"Es geht nicht nur um reine analytisches Denken oder Intelligenz, und es werden auch nicht ausschließlich handwerkliche Aufgaben gestellt", so Wittek. "Der Austausch untereinander ist entscheidend." Die unterschiedlichen Stärken verschiedener Personen sei einer der Erfolgsfaktoren. Auf lange Sicht fördere das essentiell das Verständnis für- und das Arbeiten miteinander.

Zurück bei den Morettas. Das Schachbrett wirft mehr Fragen auf als es beantwortet. "Ist das ein korrektes Set an Spielern? Bauer? Dame? Läufer?" - "Vielleicht bedeutet die Aufstellung was?" Was bedeutet der Hinweis "A3 nach B2, C3 nach C8, G1 nach G8" auf einem der Zettel? Ein leises "Können wir nicht erstmal ein anderes Rätsel machen?" wird mit einstimmigem "NEIN" quittiert. Also noch mal von vorne: A3 nach B2. C3 nach C8. G1 nach G8.

Schon Kinder lernen Sozialverhalten spielerisch, erklärt Wittek. "Dabei bauen Spiele auf eine universelle Sprache auf, sie sind kultur-, geschlechts- und altersunabhängig." Wenn ein Escape Room als Teambuilding-Maßnahme gespielt werden soll, sei eine sinnvolle Nachbesprechung unabdingbar, so Wittek. "Was lief gut, was schlecht? Was können wir daraus lernen und welche Folgen hat das für unseren Arbeitsalltag? Solche Fragen müssen resümiert und miteinander diskutiert werden, um das Erlebte reflektiert in die Arbeitswelt transferieren zu können."

Warum der Spielleiter so wichtig ist

In der Casa Moretta klingelt das Telefon. Spielleiterin Fatma gibt beim kniffligen Schach-Problem einen kleinen Tipp. Die Spielleiter erfüllen eine besondere Aufgabe: Sie überwachen per Monitor den Raum und helfen den Spielern gegebenenfalls auf die Sprünge, um sie zum Ziel zu führen. Nutzt man die Rätselräume als Teambuilding, müssen sie aber weitere Aufgaben übernehmen und besonders geschult werden, damit die Teilnehmer das Ganze professionell reflektieren können.

Die Branche hat sich weiterentwickelt, seit Max Giesen 2014 seinen ersten Escape Room eröffnete. Damals gab es gerade einmal drei Räume in ganz Deutschland. Er hat vor allem zu Beginn einen stark wachsenden Trend beobachtet: "Am Anfang gab es noch sehr niedrige Markteintrittsbarrieren, deswegen machten sich dann auf einmal ziemlich viele Leute selbstständig. Heutzutage sind die Auflagen strikter, vor allem, was Brandschutz, Fluchtwege, und Ähnliches angeht." Ein Unglück wie in Polen, als im Januar bei einem Feuer fünf Mädchen zu Tode kamen, sei somit in Deutschland aufgrund der hohen Sicherheitsstandards unmöglich.

Zufriedene Arbeitnehmer fehlen seltener

Dass die Escape Rooms inzwischen auch eingesetzt werden, um Teams zu stärken, ist Teil eines größeren Trends. In verschiedenen Forschungen wurde belegt, dass sich Mitarbeiter, die mit ihrer Arbeitssituation zufrieden sind, psychisch und physisch gesünder sind. "Der Mehrwert von Teambuilding-Maßnahmen ist immens: Wenn sich Arbeitnehmer in ihrem Unternehmen wohl fühlen, bedeutet das gleichzeitig weniger Fluktuation sowie Kosten- und Zeitersparnisse bei einer langfristigen Mitarbeiter-Bindung", sagt Wittek dazu.

Verstärkt wird diese Entwicklung dadurch, dass die Millennials (Geburtsjahrgänge 1982-1996) auf den Arbeitsmarkt drängen. Nächstes Jahr werden sie weltweit mehr als ein Drittel der berufstätigen Bevölkerung stellen - und damit die gesamte Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer neu definieren.

In einer Studie der Manpower Group gaben jüngst 80 Prozent der 19.000 befragten jungen Menschen an, dass "gute Kollegen" eine der fünf wichtigsten Prioritäten bei der Arbeitssuche sei. Zudem sind sie darauf fokussiert, ihre individuellen Fähigkeiten auszubauen: einerseits die fachlichen, aber auch ihre Fähigkeiten in der Kommunikation, ihre Anpassungsfähigkeit und das Teamwork.

Erfolgserlebnis schweißt Team zusammen

Renate, Tristan, Lena, Tanja und Antje haben es mittlerweile aus der Casa herausgeschafft. Gemeinsam haben sie auch das letzte Rätsel, den Tresor, öffnen und so den Ausgang finden können. "Man muss neugierig sein, kombinieren können, analytisch denken, beispielsweise beim Schachbrett, Ideen sammeln und ausprobieren", fasst Tristan zusammen.

Antje ergänzt: "Es kam wirklich viel darauf an, miteinander zu kommunizieren und sich abzustimmen und man ist aufeinander angewiesen." "Es ist schön, etwas gemeinsam geschafft zu haben", sagt auch Lena. "Das Erfolgserlebnis ist auf jeden Fall wichtig dabei."

Was das Erfolgsgeheimnis betrifft, verrät jedoch ein Spielleiter: "Wenn Leute privat zu uns kommen, halten wir uns eher zurück und lassen sie mehr alleine rätseln, das heißt aber auch, dass sie es manchmal nicht in der vorgegebenen Zeit schaffen, alle Rätsel zu lösen. Bei Unternehmensgruppen achten wir schon eher darauf, auch mal den ein oder anderen Tipp mehr zu geben, damit sie hier nicht komplett frustriert rausgehen."

insgesamt 6 Beiträge
Stäffelesrutscher 30.09.2019
1.
Das wäre doch was für die nächste Klausur der Groko!
Das wäre doch was für die nächste Klausur der Groko!
großwolke 30.09.2019
2. Funktioniert sowas bei irgendjemandem nachhaltig?
Nichts für ungut, aber hat irgendjemand über Teambuilding eine nachhaltige Veränderung im Verhältnis zu seinen Kollegen erfahren? Mag ja sein, dass man in so einer Spielsituation die Hilfe von Kollegen braucht. Aber viele von [...]
Nichts für ungut, aber hat irgendjemand über Teambuilding eine nachhaltige Veränderung im Verhältnis zu seinen Kollegen erfahren? Mag ja sein, dass man in so einer Spielsituation die Hilfe von Kollegen braucht. Aber viele von diesen Leuten hat man vorher über Jahre kennenlernen dürfen, im positiven wie im negativen Sinne. Wenn man dann am Tag danach wieder in den alten Trott zurückkehrt, sind die Leute wieder die gleichen wie davor, mit all ihren Stärken und Schwächen.
qoderrat 01.10.2019
3.
Ich könnte mir schon vorstellen, dass man speziell in neuen Teams damit etwas erreichen kann. Wenn die Umgebung hinterher auch zulässt das Gelernte umzusetzen. Meine persönlichen Erfahrungen sind jedoch einigermassen [...]
Zitat von großwolkeNichts für ungut, aber hat irgendjemand über Teambuilding eine nachhaltige Veränderung im Verhältnis zu seinen Kollegen erfahren? Mag ja sein, dass man in so einer Spielsituation die Hilfe von Kollegen braucht. Aber viele von diesen Leuten hat man vorher über Jahre kennenlernen dürfen, im positiven wie im negativen Sinne. Wenn man dann am Tag danach wieder in den alten Trott zurückkehrt, sind die Leute wieder die gleichen wie davor, mit all ihren Stärken und Schwächen.
Ich könnte mir schon vorstellen, dass man speziell in neuen Teams damit etwas erreichen kann. Wenn die Umgebung hinterher auch zulässt das Gelernte umzusetzen. Meine persönlichen Erfahrungen sind jedoch einigermassen unterirdisch, allerdings nicht weil Teambuilding Veranstaltung nicht funktionieren, sondern weil es unsinnig ist so etwas durchzuführen, wenn die Randbedingungen des Arbeitsumfelds am nächsten Tag wieder so gesetzt werden, dass man versucht die MA gegeneinander auszuspielen. Ein Beispiel sind die gerne genutzten Prämiensysteme, bei denen egoistische Einzelleistungen sehr viel höher bewertet werden wie ein Teamergebnis. Am Ende "kämpft" dadurch jeder gegen jeden, einige Arbeitsgebiete mit hohem Prämienpotential werden umkämpft, andere bleiben liegen oder werden zwangsweise angewiesen, was in der Folge zu Frust und Demotivierung führt. In so einem Umfeld wird dann ein Teambuilding Event eher noch als Hohn und Spott empfunden, und man sollte sich diese Zeit und das Geld ehrlicherweise gleich sparen.
Sibylle1969 01.10.2019
4.
Ich habe auch schon mal mit meinem Team an einem Escape Room-Spiel in München teilgenommen. War mehr als Social-Event nach einem anstrengenden Teammeeting gedacht, nicht als Teambuilding. Schließlich verstehen wir uns und [...]
Ich habe auch schon mal mit meinem Team an einem Escape Room-Spiel in München teilgenommen. War mehr als Social-Event nach einem anstrengenden Teammeeting gedacht, nicht als Teambuilding. Schließlich verstehen wir uns und funktionieren bereits super als Team. War ganz nett, aber die Story von dem Spiel war doch etwas konstruiert.
Nonvaio01 01.10.2019
5. Fun
und nicht mehr, wir waren schon ein paar mal in diesen teilen, jedes quater kann unser team einen bestimmten betrag ausgeben. "Personaler" sind da nicht dabei, die haben eh nichts mit unserem beruf oder team zu tun, ich [...]
und nicht mehr, wir waren schon ein paar mal in diesen teilen, jedes quater kann unser team einen bestimmten betrag ausgeben. "Personaler" sind da nicht dabei, die haben eh nichts mit unserem beruf oder team zu tun, ich hab noch nie einen gesehen um ehrlich zu sein. Nicht einmal bei der einstellung. das problem bei solchen sachen ist meist das viele sich nicht trauen, es kommen doch immer wieder die Alpha Menschen durch die dann das ganze steuern. Team Building braucht man aber nicht wirklich wenn der Team leiter etwas von seinem Team versteht und die richtigen leute einstellt.

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