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Nach Diktat verreist

Kavalier im Chaos

In der Welt der Etikette lauern schlimme Fallstricke. Mittelmanager Achtenmeyer hielt sich stets für vorbildlich galant - doch schon die Frage nach der korrekten Gruß-Reihenfolge bringt ihn aus dem Tritt, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt.

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E wie Etikette: Beim Grüßen hilft zuweilen die Formel "Ich fange einfach mal hier an"

Dienstag, 05.06.2012   13:42 Uhr

In der company wird mal wieder umstrukturiert. Für Achtenmeyer dräut damit nach einer angenehm langen Erholungsphase ein Zusammentreffen mit seiner Widersacherin Frau Bengt, der Abteilungsleiterin Controlling. Was ihm jedes Mal schmerzlich bewusst werden lässt, wie angenehm einfach doch die Vergangenheit war.

Es fängt schon mit Kleinigkeiten an. Zu seinen Tanzschulzeiten, irgendwann im frühen 18. Jahrhundert, galt Achtenmeyer als eleganter Charmeur. Seine Verbeugung vor den Damen - vollendet. Sein Small Talk während des langsamen Walzers - erfrischend. Und sein Handkuss zum Schluss - zum Niederknien. Kurz: Auf dem glatten Parkett komplizierter Etikette machte Achtenmeyer seit je eine ausnehmend gute Figur. Schade nur, dass sich die Etikette seither ein wenig verändert hat, insbesondere was den Umgang mit dem weiblichen Teil der Bevölkerung angeht.

Kürzlich erst, es regnete in Strömen, lief Achtenmeyer nach einem Meeting eilfertig zum wartenden Taxi und öffnete seiner Geschäftspartnerin die Tür hinten rechts. Die Dame warf ihm einen Blick zu, der Superman zum Abstürzen gebracht hätte, und setzte sich indigniert auf den Beifahrersitz.

Wen grüße ich zuerst?

Derlei Ereignisse haben Achtenmeyers Vertrauen in seine Fähigkeiten als Kavalier ziemlich erschüttert. Dass er demnächst ein Meeting hat, in dem er unter anderem auf Dr. Karl sowie auf Frau Bengt trifft, macht die Sache nicht einfacher. Denn wen soll er zuerst begrüßen? Dr. Karl, weil das sein Vorgesetzter und der Ranghöchste im Raum ist? Oder Frau Bengt, weil sie eine Frau ist?

Tagelang wälzt Achtenmeyer die Frage, bis er schließlich entscheidet, sie als Rechercheauftrag an Frau Schnitzel weiterzugeben. Selbst dieses Delegieren - an sich ein durchaus üblicher Vorgang für eine Führungskraft - stürzte ihn kurzzeitig in Unsicherheit: Sicher, Frau Schnitzel ist seine Sekretärin, aber ist nicht das Erteilen von Aufträgen auch Teil des Patriarchats, das überwunden werden muss?

Immerhin gelingt es Achtenmeyer, diese Bedenken herunterzupriorisieren, und so wartet Frau Schnitzel tags darauf mit einer beeindruckenden Perlenkette bunter Trouvaillen aus dem Reich von Sitte und Anstand auf. Etwa die Tatsache, dass zwar Restauranttische oder Ablagen im Badezimmer stets "halbe-halbe" geteilt werden, diese Regel jedoch aus verständlichen Gründen nicht zur Anwendung kommt bei Sitzlehnen im Theater und im Flugzeug. Oder die Frage, wie man den etwas strengen Körpergeruch eines Kollegen anspricht, wozu der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband die Empfehlung bereithält, ein solches Gespräch müsse von einer Person gleichen Geschlechts sowie gleicher Hierarchiestufe geführt werden.

"Entscheiden Sie sich im Zweifel für den traditionellen Postweg"

Als sich Frau Schnitzel schließlich in den Niederungen angemessener Weihnachtsgrüße zu verlieren droht ("Entscheiden Sie sich im Zweifelsfall besser für den traditionellen Postweg"), vergisst Achtenmeyer dann doch für einen Augenblick seine Galanterie und fragt brüsk: "Jaja, gut und schön, aber was ist denn jetzt mit der Begrüßung?"

Mit einem Blick, der Achtenmeyer fatal an die Dame im Taxi erinnert, kramt Frau Schnitzel in ihren Ausdrucken. Die Lösung ist dann eher banal: Bei Begrüßungen im Businesskontext sind Geschlecht und Alter zweitrangig, es zählt nur die berufliche Position der Anwesenden. Heißt: Immer zuerst den Chef begrüßen, anschließend Senioren und das weibliche Geschlecht. "Anders ist das bei gesellschaftlichen Anlässen", fährt Frau Schnitzel fort, die ganz offensichtlich ein neues Steckenpferd gefunden hat. "Hier werden Damen vor Herren, Ältere vor Jüngeren und dann erst Ranghöhere vor Rangniedrigeren begrüßt."

Doch Achtenmeyer verliert schlagartig das Interesse, sobald ein Problem gelöst ist. Statt zuzuhören, checkt er lieber rasch seine E-Mails. Eine ist von Dr. Karl und geht an alle Abteilungen, was immer ein schlechtes Zeichen ist. Und tatsächlich: Im dürren Verlautbarungs-Style verkündet Dr. Karl die Beförderung von Frau Bengt zur Controlling-Chefin Europe, Middle East and Africa.

Ärgerlich klappt Achtenmeyer sein Notebook zu, wobei ihm selbst nicht ganz klar ist, was ihn mehr aufregt: die Beförderung einer Konkurrentin, oder die Tatsache, dass sein Ausflug in die Welt der Etikette vertane Zeit war. In ihrer neuen Position steht Frau Bengt jetzt auf einer Stufe mit Dr. Karl, wird aber als Frau zuerst begrüßt. Das hätte Achtenmeyer nun wirklich auch selbst gewusst.


+++ Lessons learned +++

insgesamt 1 Beitrag
16n64 08.06.2012
1. Aus welchem Universum wird hier berichtet?
Irgendwo da draussen gibt es neben der beruflichen noch eine gesellschaftliche Rangordnung, und bei dem komplizierten Gerangel um den Aufstieg ist an Arbeit nicht zu denken. Dazu die bedrohliche Damenwelt, ein Blick genügt und [...]
Irgendwo da draussen gibt es neben der beruflichen noch eine gesellschaftliche Rangordnung, und bei dem komplizierten Gerangel um den Aufstieg ist an Arbeit nicht zu denken. Dazu die bedrohliche Damenwelt, ein Blick genügt und das Ego ist futsch - von welchem fantastichen Ort wird hier berichtet? Öffentlicher Dienst? Spiegel Redaktion?

Gut gebrüllt, Löwe!

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