KarriereSPIEGEL

Expat-Ehefrauen

Wenn mit 27 beruflich Schluss ist

Sie haben eine exzellente Ausbildung, einen guten Job - und folgen dann ihrem Partner ins Ausland. Wie gehen Frauen damit um, wenn sie als Expats ihre Karriere aufgeben?

Privat
Von
Samstag, 18.05.2019   13:07 Uhr

Vier Mal hat Sabine Hartmann in den vergangenen zwölf Jahren ein neues Leben angefangen, auf vier Kontinenten: in Detroit, in Shanghai, in Budapest und in Kairo. Welches Leben das sein würde, entschied die 51-Jährige nicht selbst. Das taten die Chefs ihres Mannes. Der arbeitet in der Finanzbranche und bei jedem neuen, lukrativen Angebot für ihn hieß es auch für seine Frau: den Wohnort, das Land, die Freunde wechseln.

Als die Hartmanns nach Detroit zogen, waren ihre Kinder sechs und neun Jahre alt und sprachen kein Englisch. "Die ersten sechs Monate waren hart. Damals half nur die Hoffnung, dass es besser werden würde", sagt Hartmann. Sie ist eine von vielen Ehefrauen, die ihrem Mann ins Ausland gefolgt sind.

Wieviele Deutsche insgesamt im Ausland leben, dazu gibt es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes keine Daten. In Europa seien es rund 900.000. Laut einer Umfrage des internationalen Expat-Netzwerks InterNations, an der sich im vergangenen Jahr 18.000 im Ausland lebende Menschen beteiligten, sind 86 Prozent aller mitziehenden Partner weiblich. Und von diesen haben 85 Prozent einen Hochschulabschluss. Oft führt der Umzug zu einem Knick in ihrer Karriere.

Nur ein Viertel der mitgereisten Partner arbeitet Vollzeit

"Vor allem diejenigen, die einen guten Job oder eine exzellente Ausbildung haben, müssen sich darüber klar werden, was es für die eigene Karriere bedeuten kann, dem Partner ins Ausland zu folgen", sagt Theresa Häfner, Head of Internations Business Solutions. Sie sollten sich fragen, ob sie in einem anderen Land arbeiten können und wenn ja, wo. Nur 25 Prozent der mitgereisten Partner arbeiteten Vollzeit, nur 17 Prozent seien jobsuchend.

"In Ländern wie China und Indien ist es mit großen Herausforderungen verbunden, überhaupt eine Arbeitserlaubnis zu bekommen", sagt Häfner. Und falls die Ehepartner im Ausland doch einen Job fänden, handle es sich meist um eine Arbeit, die unter ihrem fachlichen Niveau liege.

Privat

Familie Hartmann in Shanghai

Hartmann hatte als Lehrerin vergleichsweise gute Chancen, berufstätig zu sein. Sie fand in den USA einen Job an einer deutschen Schule. "Arbeiten ist ein riesiges Privileg", sagt sie. Auch in Shanghai und in Budapest habe sie berufstätig sein können, nur jetzt in Kairo sei es schwierig. Die Lehrerin bekommt keine Arbeitserlaubnis in Ägypten, nur freiberuflich kann sie sich etwas Geld hinzuverdienen. Sie fasst Nachrichten für Unternehmen zusammen.

Karriere beendet - mit 27

Für Expat-Ehefrau Helene Manuba dagegen schrumpfte die Chance, eigenes Geld zu verdienen, im Laufe ihres Lebens immer weiter: Mit 27 Jahren musste sie aufhören zu arbeiten, ihre Karriere war beendet - dabei hatte sie so erfolgreich angefangen. Die Französin hatte viel gelernt und hart gearbeitet, um ihren Abschluss an einer renommierten Business-School in Paris zu bekommen. Mit 21 Jahren schloss sie diese erfolgreich ab - und folgte ihrem Mann dann nach Hongkong.

Fotostrecke

Expat-Ehefrauen: Auf der ganzen Welt zuhause

Eigentlich wollte Manuba, die ihren richtigen Namen nicht in den Medien lesen will, nur einen Sommer dort bleiben - doch daraus wurden sechs Jahre. Zunächst fand sie in Hongkong noch einen Job als Inspekteurin für europäische Unternehmen. Aber als ihr Mann dann auf die Nördlichen Marianen, eine Inselgruppe südlich von Japan, die zu den USA gehört, geschickt wurde, war beruflich für sie Schluss.

Manuba erhielt keine Arbeitserlaubnis mehr, ihre Karriere war vorbei. Es folgten Stationen in Japan, Shanghai, Vietnam und wieder China. Mehr als 20 Jahre, in denen die Ehefrau kein Geld verdiente, sich um den Haushalt und die Kinder kümmerte. "Die Aufgabe der Expat-Ehefrau ist es zu warten", sagt die Französin. "Sie wartet auf den Mann, der von der Arbeit kommt, und auf die Kinder, die von der Schule kommen."

Manuba musste Wege finden, mit diesem Leben klarzukommen. Sie engagierte sich ehrenamtlich, organisierte Wohltätigkeitsevents, um Spenden zu sammeln. Das habe ihrem Leben zwar einen Sinn gegeben, sagt sie, aber es sei frustrierend, wenn der Mann Karriere mache, Geld verdiene und die Frau nur unbezahlt arbeiten könne.

"Ich habe oft darüber nachgedacht, zurück nach Frankreich zu gehen", sagt Manuba. "Aber ich hätte es nie getan. So ein abwechslungsreiches Leben hätte ich in Paris nie führen können. Dort hätte ich mich wahrscheinlich 30 Jahre lang in die Metro gesetzt und wäre zur Arbeit gefahren." In jedem Land gebe es neue Dinge zu entdecken, interessante Menschen kennenzulernen. "Wir überleben alle, weil wir so ein enges Netzwerk mit anderen Expats haben."

"Zuerst fällt man in ein Loch"

Dafür, dass Frauen im Ausland nicht auf dem Abstellgleis landen, kämpft Katarina Lerch. Die interkulturelle Trainerin bei den gemeinnützigen Carl Duisberg Centren in Köln berät Deutsche, die ins Ausland gehen und Expats, die nach Deutschland kommen. "Man packt nicht nur ein paar Sachen ein und fährt irgendwo hin", sagt Lerch. "Gerade, wenn Kinder mit im Spiel sind, ist das ein emotionaler Einschnitt und recht belastend. Zuerst fällt man in ein Loch."

Lerch rät dazu, sich nach dem Umzug in ein neues Land erstmal um die Kinder zu kümmern, sie gut in den neuen Kindergärten oder Schulen einzugewöhnen, ihnen Zeit zu geben, viel für sie da zu sein, Nachhilfe zu organisieren. "Wenn die Eltern durchdrehen, geht es gar nicht", sagt Lerch.

Um im Ausland auch beruflich Fuß zu fassen, sei es wichtig, sich mit der Kultur des anderen Landes intensiv auseinanderzusetzen, die Sprache zu lernen, Bücher zu lesen und sich nicht nur in Expat-Kreisen zu bewegen. "Wenn man wirklich gute Tipps bekommen möchte, muss man den Kontakt zu Einheimischen suchen - etwa durch Gesangs- oder Sportvereine oder andere Hobbys."

Mitreisende Partner, die im Ausland arbeiten wollten, sollten es zunächst beim Arbeitgeber des Mannes probieren, rät Lerch. Wenn dieser ins Ausland geschickt werde, sei es nur verständlich einmal anzuklopfen und zu fragen, ob das Unternehmen nicht auch einen Job für die Frau habe. Inzwischen seien durchaus viele Personalabteilungen schon auf den Gedanken gekommen, dass es auch den Partnern ihrer entsendeten Mitarbeiter gut gehen müsse. Sie böten Karriereberatungen an und unterstützten bei Bewerbungen.

Fotostrecke

Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Das Hobby zum Beruf machen?

Auch Theresa Häfner von InterNations sagt, viele Firmen kümmerten sich um den mitreisenden Partner, teilweise mit zweckgebundenen Pauschalbeträgen. Sie kümmerten sich zudem um Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Hilft der Arbeitgeber des Mannes allerdings nicht, sollten mitreisende Frauen laut Katarina Lerch vor allem eigene Netzwerke aufbauen, zu Vorträgen gehen, möglichst viele Visitenkarten einsammeln.

Und, so rät die interkulturelle Trainerin, sie sollten sich fragen, bei welcher Firma und was sie unter den neuen Umständen beruflich tun könnten, welche Arbeit für sie infrage käme, ob sie zum Beispiel das Hobby zum Beruf machen könnten.

Genau das hat Luise Gutsche getan. Die 46-Jährige folgte ihrem Mann mit Anfang 30 zuerst nach Mailand, dann nach Mexiko-Stadt, dann wieder nach Deutschland und im Sommer zieht sie hinter ihm her nach Shanghai.

Gutsche hat Volkswirtschaftslehre studiert. Sie hörte auf berufstätig zu sein, als sie mit dem zweiten Kind schwanger wurde. In Mexiko kamen dann noch Zwillinge hinzu. "An Arbeiten war gar nicht mehr zu denken", sagt Gutsche.

Privat

Auch Luise Gutsche folgte ihrem Mann ins Ausland. Erst nach Mailand und Mexiko-Stadt, bald nach Shanghai

Nach vielen Jahren der Kinderbetreuung wollte sie nicht zurück in ihren alten Beruf, sondern orientierte sich neu. Sie studierte Fotografie - per Fernstudium. Nun arbeitet sie als Freiberuflerin, dokumentiert Sportereignisse und bloggt. Sie sei ohnehin nie eine leidenschaftliche Volkswirtin gewesen, sagte sie, dafür nun aber "mit Leib und Seele Mutter. Ich mache das gern." Durch ihre Freiberuflichkeit sei sie unabhängig, trotz niedriger Einkünfte. "Davon kann ich zwar nicht die Miete zahlen, aber damit bin ich glücklich."

Hätte sie sich entschieden, Karriere zu machen, hätte das Lebensmodell der Familie nicht funktioniert, glaubt Gutsche. "Ich wollte Zeit für meine Kinder haben, ihnen nicht früh vor der Schule schnell ein Brötchen zum Frühstück kaufen müssen, weil ich im Kostümchen zur Arbeit muss."

Was, wenn der Mann sie verlässt?

Gutsche sagt, sie habe eine tolle Großfamilie und könne mehr und mehr selbstständig arbeiten, da sie die Kinder nicht mehr so viel bräuchten. Der älteste Sohn, 17, geht inzwischen auf ein Internat in Schottland. Die Tochter, 15, folgt dem Bruder im September ebenfalls dorthin. Die Zwillinge, 12, kommen mit nach Shanghai und werden dort eine internationale Schule besuchen.

Angst davor, dass ihr Mann sie eines Tages verlassen könnte, hat Gutsche nicht. "Ich habe keinen Grund. Wir führen seit 20 Jahren eine glückliche Ehe", sagt sie. Und falls ihr Mann sich dennoch trennen würde, "würde ich nicht ins Bodenlose fallen." Beide Partner gingen schließlich Verpflichtungen in einer Ehe ein.

Helene Manuba, die Französin, sieht es ähnlich. "Wenn meinem Mann etwas passieren würde, wäre ich zwar in Schwierigkeiten, aber verhungern würde ich nicht." Nach knapp 30 Jahren schreibe sie nun wieder Bewerbungen.

Kulturschock

insgesamt 82 Beiträge
Marellon 18.05.2019
1. Unverschämte, arrogante Geringschätzung
Es ist eine unverschämte, arrogante Geringschätzung zu schreiben, diese Frauen - oder Hausfrauen ganz allgemein und egal wo - "arbeiteten" nicht. Diese Frauen arbeiten sehr wohl und in den meisten Fällen mit [...]
Es ist eine unverschämte, arrogante Geringschätzung zu schreiben, diese Frauen - oder Hausfrauen ganz allgemein und egal wo - "arbeiteten" nicht. Diese Frauen arbeiten sehr wohl und in den meisten Fällen mit größerem Sinn und Nutzen als manche Angestellte in manchem Unternehmen. Korrekt ist es zu schreiben, sie seien nicht erwerbstätig. Noch übler ist es, dass dieser Text von einer - was wohl? - Frau verfasst worden ist. Wenn die Frau Journalistin bitte ihre Terminologie anpassen würde. - PS. Ich erführe gerne den Namen der "renommierten Business-School in Paris", die man mit 21 Jahren "erfolgreich abschließt"...
coyote38 18.05.2019
2. Nervig ...
Warum muss eigentlich immer so getan werden, als ob es für die Frauen ein geradezu unmenschliches Opfer darstellen würde, an der Seite eines erfolgreichen Mannes ohne jegliches Zutun die ganze Welt zu sehen. Die Damen müssen [...]
Warum muss eigentlich immer so getan werden, als ob es für die Frauen ein geradezu unmenschliches Opfer darstellen würde, an der Seite eines erfolgreichen Mannes ohne jegliches Zutun die ganze Welt zu sehen. Die Damen müssen nicht arbeiten, bekommen höchstwahrscheinlich eine (oder mehrere) Haushaltshilfen und der werte Gatte schleppt sackweise das Geld nach Hause. Wahrlich kein Schicksal, was mir die Tränen in die Augen treibt. —- Interessant zu lesen wäre mal gewesen, was die Damen denn tatsächlich alleine und ohne ihre Männer auf die Beine gestellt und erreicht haben ...? Ich bezweifle ganz stark, dass sie über einen Quotenjob im ÖD hinaus "erfolgreich" gewesen wären ... ^^
spmc-12355639674612 18.05.2019
3. Sorry, liebe Ehefrauen,
aber solange Frauen sich selbst aufgeben, um den Partner als Anhängsel ins Ausland zu folgen und fürchten zu müssen, dort auf die Rolle eines Kindermädchens reduziert zu werden, wird das nichts mit der Emanzipation. Warum [...]
aber solange Frauen sich selbst aufgeben, um den Partner als Anhängsel ins Ausland zu folgen und fürchten zu müssen, dort auf die Rolle eines Kindermädchens reduziert zu werden, wird das nichts mit der Emanzipation. Warum bleiben sie nicht einfach dort, wo sie selbst eine eigene Zukunft haben? Die Männer verdienen i. d. R. genug, um zwei- oder dreimal im Monat nach Hause zu fliegen. Gibt es eigentlich auch Männer, die ihren Ehefrauen als Hausmann ins Ausland folgen? Wie auch immer, der Anteil dürfte gering sein.
awoth 18.05.2019
4. Sorry,
aber das ist doch wieder mal so eine mainstream Geschichte: Der böse weisse Mann entführt die gute weisse Frau und hindert sie daran, ihre mit 21 so erfolgreich begonnene Karriere im. Buisiness Bereich zu ungeahnten [...]
aber das ist doch wieder mal so eine mainstream Geschichte: Der böse weisse Mann entführt die gute weisse Frau und hindert sie daran, ihre mit 21 so erfolgreich begonnene Karriere im. Buisiness Bereich zu ungeahnten Höhenflügen zu bringen! Puh! Gähn!
svizzero 18.05.2019
5. Mir kommen die Tränen....
.... und wieder eine zu Tränen rührende Geschichte über die ach so benachteiligten Frauen. Fakt ist, diese Frauen unterwerfen sich dem Diktat ihrer Männer und bleiben "wegen der Liebe und der Kinder" in unerfüllten [...]
.... und wieder eine zu Tränen rührende Geschichte über die ach so benachteiligten Frauen. Fakt ist, diese Frauen unterwerfen sich dem Diktat ihrer Männer und bleiben "wegen der Liebe und der Kinder" in unerfüllten Beziehungen. Sprechen wir doch Klartext. Jede dieser Frauen könnte jederzeit einfordern, dass der nächste Lebensabschnitt nicht durch ihren Mann sondern durch sie bestimmt wird. Aber eben, Kohle, Dienstangestellte, schönes Zuhause, exklusive Kreise, usw. scheinen immer noch mehr zu zählen als Selbstbestimmung. Trotz bester Ausbildung wagen diese weiblichen Wesen es nicht, ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Da bewundere ich manche alleinerziehende Mutter, die sich, und ihre Kinder, mit einfachen Jobs durchbringt. Diese Frauen haben wenigstens Grösse und Stolz, auch wenn es für viele nicht einfach ist.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP