KarriereSPIEGEL

Frust im Job

"Hauptsache, ihr werdet billiger"

3. Teil: Personaler im Konzern - quengelnd und wehleidig

Brainpool / Willi Weber
Von Eva Buchhorn und
Montag, 20.02.2012   10:49 Uhr

Schon von ihrer Ausbildung her sind viele HRler für komplexe Gestaltungsaufgaben kaum gerüstet. Psychologen, Juristen, Geisteswissenschaftler und nicht allzu ehrgeizige Betriebswirte wählen den Hafen Personal, um nicht zu eng mit dem operativen Geschäft in Berührung zu kommen. "Die Auffassung, in erster Linie den Mitarbeitern Gutes tun zu wollen, ist noch weit verbreitet", sagt Kai Anderson von der auf Personal spezialisierten Unternehmensberatung Promerit.

Über eine "entsetzliche Deprofessionalisierung" schimpft Christian Scholz. Obwohl wie stets eine Spur zu laut, legt der Saarbrücker Professor für Personalmanagement den Finger in eine schon lange schwärende Wunde: Der seit Jahrzehnten mit quengeliger Wehleidigkeit vorgetragene Anspruch der HRler, als strategischer Partner im Konzern wahr- und ernst genommen zu werden, ist deshalb noch immer Wunschdenken.

Strategische Partner, die keiner sieht

Zudem hat eine Dekade des Rationalisierens die Schlagkraft der Personaler kräftig dezimiert, sagt Sven Fitz, der als Berater bei Steria Mummert den Zustand des deutschen Personalwesens untersucht hat: "Die Mannschaften wurden stark verkleinert, die Übriggebliebenen ertrinken in Bürokratie."

So igelt sich mancher in seiner kleinen, sehr eigenen Welt ein. Eine aktuelle Studie der Fachhochschule Koblenz zeigt die bizarre Kluft zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung der Personaler: Fast 70 Prozent der HR-"Kunden" (im Wesentlichen Mitarbeiter) sehen in der Personalabteilung "administrative Experten", nur jeder Dritte betrachtet sie als "strategischen Partner". Die HRler selbst nehmen das genau umgekehrt wahr.

Zur Schwäche der Personaler trägt bei, dass Umfragen zufolge nur 44 Prozent der Unternehmen dem Ressort einen Sitz in Vorstand oder Geschäftsführung einräumen. Abgeschnitten vom Kreis der wirklich Mächtigen, lassen sich viele von ihnen leicht mundtot machen mit dem Vorwurf, sie verstünden nichts vom operativen Geschäft.

Tatsächlich sind Manager, die auch außerhalb der Personalfunktion gearbeitet haben, immer noch eher die Ausnahme. Führungskräfte wie Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth etwa, der von 27 Jahren im Konzern nur 5 in Personalfunktionen verbrachte, sind im HR-Bereich Exoten.

Frust schmälert den Firmengewinn

Kein Wunder, dass Vorstandschefs verstärkt klassische Strategieberatungen beauftragen, wenn es wirklich wichtige HR-Probleme zu lösen gilt. Allzu oft tun McKinsey, Boston Consulting & Co. dann genau das, was die Personaler jahrelang vergeblich forderten - doch weil ihnen Nähe zur Spitze und unternehmerische Perspektive fehlten, ohne Erfolg. Geringes Selbstvertrauen und schlechtes Image lähmen das HR-Ressort nachhaltig: "Die ganze Zunft leidet an kollektiver Kränkung", sagt eine Personalmanagerin.

Wenn das so weitergeht, kann sich die Funktion bald gänzlich abschaffen, externe Dienstleister für alle Aufgaben von der Gehaltsabrechnung bis zum Komplettprogramm für die Führungskräfteentwicklung stehen längst bereit.

Oder die Personaler nehmen die Herausforderungen endlich an: Leitplanken zu schaffen, innerhalb derer die Belegschaft selbstbewusst und produktiv arbeiten kann. Lohnenswert wäre es: Eine Studie der Universität St. Gallen zeigt, dass Begeisterung und Identifikation der Mitarbeiter direkt auf den Firmenerfolg durchschlagen.

Den umgekehrten Fall beschreibt die Autorin der Studie, Heike Bruch, so: "Mitarbeiter leiden unter schlechter Führung, Überlastung und ständigen Veränderungen." Das sorgt für Frust - und schmälert den Firmengewinn.

Ein Ziel könnte darin liegen, die Aufgabe der "Mitarbeiterförderung" in den Job Descriptions der Führungskräfte vom hintersten Platz weiter nach vorn zu rücken: "Nicht wenige Manager sagen, dass sie ihre Leute nur einmal im Jahr persönlich sprechen", kritisiert Joachim Bohner, der bei Russell Reynolds die Manager-Assessments verantwortet. "Und da sind die auch noch stolz drauf."

Ein anderes Ziel: Klare Kompetenzen definieren, die beschreiben, welche Mitarbeiter gesucht werden - damit nicht jeder Linienmanager bei Einstellungen nur seinen eigenen Vorlieben huldigt.

Rahmenbedingungen für effizientes Arbeiten und zufriedene Mitarbeiter setzen

Auch das Leistungsprinzip müsste von den HR-Experten häufig konsequenter durchgesetzt werden. "Doch vor der meritokratischen Auswahl schrecken die meisten Personaler zurück", sagt Manuel Hoffmann von der Personalberatung BaileyHoffmannCurcio. So werden engagierte Mitarbeiter demotiviert, und viele Firmen bleiben auf der Führungsebene im Mittelmaß stecken.

Vielleicht reicht es auch zu beherzigen, was Wilfried Porth, der schwäbisch-nüchterne Chefpersonaler bei Daimler, als vornehmste HR-Aufgabe definiert: "Die Personalabteilung muss die Rahmenbedingungen für effizientes Arbeiten und zufriedene Mitarbeiter setzen. Punkt." Nicht mehr, nicht weniger.

Das klingt schlicht, ist aber selbst in ansonsten professionell gemanagten Großkonzernen keine Selbstverständlichkeit. Das zeigt das Beispiel HypoVereinsbank (HVB).

Nach der Übernahme durch die italienische kündigte deren Chef Alessandro Profumo den ganz großen HR-Wurf an: Plötzlich stand Transparenz hoch im Kurs, der Vorstand ließ einen Kanon gemeinsamer Werte entwickeln und auf die Mitarbeiterausweise drucken. Eine schöne Sache, doch in der Praxis blieben wichtige Dinge liegen: Die Personalabteilung zeigte wenig Engagement, wenn es etwa darum ging, Mitarbeiter aufgelöster Abteilungen in neue Positionen zu bringen; das Talentmanagement blieb ausbaufähig und die HVB auch strategisch Unicredit-Tochter statt Teil einer wahrhaft europäischen Großbank. "Man muss die Ankündigungen auch leben, sonst bleiben sie nur Schmuck am Nachthemd", sagt ein HVBler. Viele gute Leute gingen von Bord, die Restrukturierungen halten bis heute an und sorgen in der Belegschaft für Stimmungstiefs.

Nach dem Abgang von Profumo wurden Human-Resources-Budgets gekürzt, über Werte sprach kaum noch jemand. Personal-Bereichsvorstand Oliver Maassen warf entnervt hin, und der Betriebsrat beklagt eine extreme Zunahme von Burn-out-Opfern.

insgesamt 12 Beiträge
der_rookie 20.02.2012
1. Hm
Wann hören Journalisten endlich auf Trends zu behaupten ohne auch nur ein Indiz zu liefern. Im Einleittext steht prominent platziert "immer weniger Menschen sind im Job glücklich". Wo im Text finde ich den [...]
Zitat von sysopBrainpool / Willi WeberDie Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist hoch wie nie - doch immer weniger Menschen sind im Job glücklich. Das liegt auch daran, dass viele Personalmanager ihre Aufgabe falsch begreifen. Ein Blick auf die verborgenen Problemzonen der deutschen Wirtschaft. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,806993,00.html
Wann hören Journalisten endlich auf Trends zu behaupten ohne auch nur ein Indiz zu liefern. Im Einleittext steht prominent platziert "immer weniger Menschen sind im Job glücklich". Wo im Text finde ich den Vergleich zu früher? Merke: "Immer mehr" ist nicht gleichbedeutend mit "Viele". Manchmal wirkt es auf mich als ob sich ein Journalist zum ersten Mal ernsthaft mit einem Thema auseinandergesetzt hat (musste ja den Artikel schreiben), damit ihm zum ersten Mal die Zustände aufgefallen sind. Da diese ihm früher nicht bewusst waren denkt er früher war es wohl nicht so schlimm, also wird alles immer schlimmer.
spügel 20.02.2012
2.
Das kommt nun mal davon, das man früher mit weniger Arbeitseinsatz das doppelte verdient hat. Und wenn es einem auf seinem Arbeitsplatz nicht mehr gefallen hat, konnte man mit dem Wissen kündigen, das man in zwei Wochen etwas [...]
Zitat von der_rookieWann hören Journalisten endlich auf Trends zu behaupten ohne auch nur ein Indiz zu liefern. Im Einleittext steht prominent platziert "immer weniger Menschen sind im Job glücklich". Wo im Text finde ich den Vergleich zu früher? Merke: "Immer mehr" ist nicht gleichbedeutend mit "Viele". Manchmal wirkt es auf mich als ob sich ein Journalist zum ersten Mal ernsthaft mit einem Thema auseinandergesetzt hat (musste ja den Artikel schreiben), damit ihm zum ersten Mal die Zustände aufgefallen sind. Da diese ihm früher nicht bewusst waren denkt er früher war es wohl nicht so schlimm, also wird alles immer schlimmer.
Das kommt nun mal davon, das man früher mit weniger Arbeitseinsatz das doppelte verdient hat. Und wenn es einem auf seinem Arbeitsplatz nicht mehr gefallen hat, konnte man mit dem Wissen kündigen, das man in zwei Wochen etwas besseres gefunden hat. Mit Verlaub, Ihnen geht es wohl zu gut, wenn Ihnen das bisher nicht in brüllender Lautstäke aufgefallen ist.
gsm1800 20.02.2012
3. Kein Inflationsausgleich?
Danke Chef, dafür mache ich doch gerne unbezahlte Überstunden.
Zitat von sysopBrainpool / Willi WeberDie Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist hoch wie nie - doch immer weniger Menschen sind im Job glücklich. Das liegt auch daran, dass viele Personalmanager ihre Aufgabe falsch begreifen. Ein Blick auf die verborgenen Problemzonen der deutschen Wirtschaft. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,806993,00.html
Danke Chef, dafür mache ich doch gerne unbezahlte Überstunden.
wurmfortsatz 20.02.2012
4. Dienstleistungstrend
Deutschland entwickelt sich zur Dienstleistungsgesellschaft. Ein alter Hut. Damit sind nicht mehr die teuren Maschinen (die regelmäßig durch TÜV und Firmen selbst) gepflegt und gehegt wurden das Kapital der Firma, sondern [...]
Zitat von sysopBrainpool / Willi WeberDie Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist hoch wie nie - doch immer weniger Menschen sind im Job glücklich. Das liegt auch daran, dass viele Personalmanager ihre Aufgabe falsch begreifen. Ein Blick auf die verborgenen Problemzonen der deutschen Wirtschaft. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,806993,00.html
Deutschland entwickelt sich zur Dienstleistungsgesellschaft. Ein alter Hut. Damit sind nicht mehr die teuren Maschinen (die regelmäßig durch TÜV und Firmen selbst) gepflegt und gehegt wurden das Kapital der Firma, sondern die Mitarbeiter. Nur leiten solche Firmen immernoch die Managertypen, die Stahlfirmen geleitet haben. Oder Banken. Bei ersteren ist die Maschine und icht der Mensch wichtig, bei letzteren ist der Mensch das ja auch nicht. Erst wenn in der Firmenleitung klar wird, dass ein Dienstleister nur so gut ist, wie seine Mitarbeiter und nicht wie sein Sortiment, kann das klappen! Eine Klobrille gibt es überall. Aber wenn sie für vielleicht 50 Cent mehr von einem Verkäufer mit Lust und Wissen verkauft wird ist das allemale einen 2. Besuch wert statt in einer leeren großen Halle mit 100 Klobrillen verschiedenster Formen und Größen völlig hilflos zu stehen.
The Captain 20.02.2012
5. Gute Arbeit, schlechte Arbeit
So sieht's aus. Heute mutiert der eigene Arbeitsplatz immer öfter und immer schneller zu etwas, was wie eine "unglückliche Ehe" wirkt. Man ist zwar absolut unglücklich damit, aber mal eben Scheiden ist nicht, denn [...]
Zitat von spügelDas kommt nun mal davon, das man früher mit weniger Arbeitseinsatz das doppelte verdient hat. Und wenn es einem auf seinem Arbeitsplatz nicht mehr gefallen hat, konnte man mit dem Wissen kündigen, das man in zwei Wochen etwas besseres gefunden hat. Mit Verlaub, Ihnen geht es wohl zu gut, wenn Ihnen das bisher nicht in brüllender Lautstäke aufgefallen ist.
So sieht's aus. Heute mutiert der eigene Arbeitsplatz immer öfter und immer schneller zu etwas, was wie eine "unglückliche Ehe" wirkt. Man ist zwar absolut unglücklich damit, aber mal eben Scheiden ist nicht, denn die Konsequenzen, meist finanzieller Natur, sind kaum zu bewältigen. Sich vom ungeliebten Arbeitsplatz zu trennen, weil man: [_] überlastet ist (60+ Stundenwoche über Monate hinweg) [_] an Burnout leidet [_] mit den Kollegen nicht auskommt [_] andauernd unterfordert ist [_] eigentlich nur wegen des Arbeitsamtes die Stelle angenommen hat [_] die Bezahlung unterirdisch ist [_] man nicht ewig und drei Tage pendeln mag [_] usw. usf. ... ist meistens nicht möglich, weil nix anderes in Aussicht steht. Dazu die Sperre von 3 Monaten vom Arbeitsamt, da heutzutage prinzipiell alles zumutbar ist und das Verursacherprinzip gilt: wird man gekündigt, gibt's keine Sperre. Ich hab gegenwärtig das fast schon unfassbare Glück, Arbeitsbeginn und -ende selbst festlegen zu können, aber die allermeisten Leute, die ich kenne, kennen feste Arbeitszeiten und Schichtbetrieb. Dazu ist die Arbeit angemessen bezahlt und kein körperlich belastender Knochenjob - durchaus ein Sechser im Lotto. Aber ich kenn das auch anders, inkl. Nachtschicht (Praktikum Industriereiniger) und knallharte verordnete Überstunden (Maschinenbau/Servicetechniker) ... und da möchte ich nicht wieder hin.

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