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Polizeihunde in der Ausbildung

"Max ballert einen weg"

Seine Kollegen springen ihn an und beißen sich in seinen Armen fest: Sven Scharfenberger bildet für die Bundespolizei Hunde aus.

DPA
Mittwoch, 24.08.2016   12:03 Uhr

Auf einer benachbarten Bank sitzt ein verwahrloster Mann: fleckige Jeans, zu große Jacke, klobige Schuhe. Er redet laut und pöbelt. Da nähert sich eine Frau mit Hund. "Guten Tag, die Bundespolizei", stellt sich die Frau mit fester Stimme vor. "Personenkontrolle. Ihren Ausweis bitte."

Der Mann reagiert nicht. "Haben sie Reiseabsichten?", fragt die Polizistin unbeirrt, während der Vierbeiner den Mann nicht aus den Augen lässt. Die Stimmung ist angespannt. Viele Reisende beäugen des Geschehen misstrauisch, filmen mit Smartphones. Plötzlich springt der Mann auf, schreit laut, gestikuliert wild - und hat sofort den Hund am Arm hängen.

"Das war schon sehr gut", lobt Sven Scharfenberger, nachdem die Polizistin den Hund mit dem Ruf "Aus!" vom Arm gelöst hat. Scharfenberger, 46, ist einer von 70 Diensthundelehrwarten der Bundespolizei. Er ist der verwahrloste Mann auf der Bank. Das Rollenspiel am Magdeburger Bahnhof dient der Hundeausbildung. Die Jacke ist übergroß, damit ein Beißarm reinpasst.

"Beeindruckend für einen Jungspund"

Darin hat sich Keks in dem Moment verbissen, als Scharfenberger seine Hundeführerin bedroht hat. "Keks ist gerade einmal 14 Monate alt und macht seit Kurzem eine Ausbildung zum Schutzhund", sagt Scharfenberger. "Und dafür, dass er noch ein Jungspund ist, war das schon beeindruckend." Nicht immer dürfen die Hunde beißen, manchmal reicht ein Verbellen oder ein Stoßen, wenn sie einen Beißkorb tragen.

Dann setzt sich Scharfenberger wieder auf die Bank. Um die Ecke kommen Hundeführer Ulf Ratajski und Max. Der Hund ist größer als Keks, hat einen imposant dunklen Kopf, ist aber von gleicher Rasse: "Das sind Malinois, die kurzhaarige Variante des belgischen Schäferhunds", sagt die Polizistin, Polizeioberkommissarin Katrin Scheller, 34. "Wir sagen einfach nur Malli oder Malli-Mix, wenn ein Schäferhund eingekreuzt ist."

Max hat den Störer auf der Bank längst ausgemacht. An der Seite von Polizeiobermeister Ratajski, 43, geht er langsam auf ihn zu. Gleiches Spiel wie kurz zuvor, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Max ist sieben Jahre alt und ein echter Routinier. Dass er fester und länger zubeißt als Azubi Keks, wird selbst Laien deutlich. "Den merkt man schon", sagt der gebissene Scharfenberger und lacht. Dann gibt es Lob für alle.

Hundeführer und Hund sind wie Eheleute

Die Bundespolizei beschäftigt 40.900 Mitarbeiter - rund 600 davon sind Diensthunde. Sie unterscheidet zwischen Schutzhunden und Sprengstoff-Spürhunden, die unter anderem an Flughäfen und Bahnhöfen im Einsatz sind. Auch Demonstrationen oder Fußballspiele werden von Hundeführer-Hund-Teams begleitet.

Max und Keks gehören zur Bundespolizeiinspektion Magdeburg, die der Direktion in Pirna unterstellt ist. Die kommt auf 3800 Mitarbeiter, darunter mehr als 3000 Vollzugsbeamte. Sie kümmern sich um 1365 Bahnhöfe und Haltepunkte, die Flughäfen Dresden, Leipzig-Halle und Erfurt-Weimar sowie um die Grenzgebiete zu Tschechien und Polen.

Zu Beginn der Ausbildung müssen die Hunde mindestens ein Jahr alt sein, und möglichst nicht älter als drei. Bestimmte Rassen sind nicht vorgeschrieben. "Der Hundeführer sollte sich aussuchen, mit welcher Rasse er am besten arbeiten kann", sagt Scharfenberger, der seit 1993 dabei ist.

Die Tiere leben bei ihren Diensthundeführern im Haushalt und sind Teil der Familie. Früher war die zentrale Zwingerhaltung normal - "in grauer Vorzeit", so Scharfenberger. Pro Monat erhalten die Hundeführer eine Aufwandsentschädigung von 120 Euro. Darin enthalten sind etwa eine Reinigungspauschale für das private Auto und natürlich Futterkosten.

Unterricht in den Fächern Fährte, Unterordnung und Schutzdienst

Unterrichtet werden die Hunde in den Fächern Fährte, Unterordnung und Schutzdienst. Dafür unterhält die Bundespolizei zwei Schulen, in Neuendettelsau in Mittelfranken und in Bleckede im Landkreis Lüneburg. Dem mehrwöchigen Grundlehrgang und der sogenannten intensivierten Ausbildung folgen regelmäßige Jahreseinsatzüberprüfungen. In der Regel ist ein Hund acht bis zehn Jahre im aktiven Dienst.

Für Daniel Klüß, 37, ist das alles neu. Hündin Kim ist seit Juni bei dem Polizeiobermeister und schon "ganz dicke" mit dessen Frau, den drei Kindern und der Katze. Um Diensthundeführer zu werden, hat Klüß von Halberstadt nach Magdeburg gewechselt. Kim ist sein erster Hund überhaupt.

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Sven Scharfenberger (rechts), beim Training mit Kim und ihrem Halter Daniel Klüß

Auf einem ruhigen Gelände neben dem Magdeburger Hauptbahnhof will Lehrwart Scharfenberger sehen, was Kim schon gelernt hat. Klüß klemmt sich einen roten Ball unter den Arm, dann gibt er das Kommando "Fuß". Ganz eng geht Kim an seiner Seite, schaut ihn permanent an. Als der Ball herunterfällt, freut sich die Hündin. "Jeder belohnt, wie er möchte", sagt Klüß. Eine Streicheleinheit und ein Leckerli dürfen auch sein.

"Ein Diensthund kann, einsatztaktisch gesehen, eine Gruppe ersetzen", sagt der stellvertretende Leiter der Inspektion Magdeburg, Thorsten Schmidt-Look. Gerade um Menschen zu suchen und aufzuspüren, etwa Sprayer im Gleisbett, seien die Tiere wichtig. Und die vorbeugende Wirkung auf Menschen sei groß. Will sagen: Die flößen Respekt ein.

Ausbilder Scharfenberger geht zum Streifenwagen. Er zieht sich seine "Hetzklamotten" an, wie er sie nennt. Eine sperrige Jacke und eine Hose aus sehr festem Stoff. Damit sieht er wie ein Kampfsportler aus. Scharfenberger wedelt mit den Armen, dann rennt er plötzlich los. Gleichzeitig setzt sich Max, der 30 Meter entfernt gesessen hat, in Bewegung, fest entschlossen, den Flüchtenden zu stoppen. Als er ihn einholt, setzt er zum Sprung an und verbeißt sich in Scharfenbergers linkem Arm. Mensch und Tier schleudern herum.

Erst als Hundeführer Ratajski die beiden mit einem "Verhalten Sie sich ruhig!" und einem "Aus!" anspricht, kehrt Ruhe ein. Wieder ein Rollenspiel, es heißt "Lange Flucht". Scharfenberger ist aus der Puste: "Der ballert einen fast weg."

mamk/Sabrina Gorges/dpa

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