KarriereSPIEGEL

IT-Fachkräftemangel

Deutschland - einfach zu langsam

Deutschlands Unternehmen verschlafen die Digitalisierung - und verschärfen damit das Fachkräfteproblem. Hier sprechen ein Headhunter und ein Unternehmensberater über die größten Fehler.

Getty Images/Caiaimage

Programmierer (Symbolbild)

Ein Interview von
Montag, 04.03.2019   09:40 Uhr
Zu den Personen
  • privat
    Andreas Föller ist Gründer der Münchner Personalberatung Comites. Zu seinen Kunden gehören führende Konzerne in Deutschland und Europa.
  • privat
    René Esteban ist Gründer der Frankfurter Consultingfirma Focus First. Er berät Unternehmen aus verschiedenen Branchen bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle.

SPIEGEL ONLINE: Herr Föller, Deutschlands Konzerne hinken in Sachen Digitalisierung der Konkurrenz hinterher, heißt es. Stimmt das?

Andreas Föller: Ja. Und das ist hochproblematisch, vor allem mit Blick auf die Plattform-Ökonomie. In vielen Branchen ist es doch so: Zwischen die klassischen Unternehmen, oftmals sogar Marktführer aus Deutschland, und ihre Kunden schieben sich Aggregatoren, etwa Preisvergleichsplattformen. Genau dort aber ist die Wertschöpfung am größten, wird also am leichtesten Geld verdient. Und diese Aggregatoren stammen zumeist aus den USA.

SPIEGEL ONLINE : Warum ist das so?

Föller: Deutschland ist ein technikgetriebenes Land mit fantastischen Ingenieuren, auch im Weltmaßstab. Ein deutsches Produkt gilt in der Regel als perfekt. Das Problem: Darum geht es im digitalen Wettbewerb nicht.

SPIEGEL ONLINE : Worum dann?

Föller: Um Geschwindigkeit. Ein Vergleich: Gehen Sie an einem wunderschönen Sommernachmittag an den Eibsee und loben Sie eine Million Euro aus für den, der am schnellsten auf der Zugspitze ist. Unter den Badegästen sind 100 Amerikaner und 100 Deutsche. Was machen die Amerikaner? Rennen los, in Badehose und mit Schlappen, ohne Proviant. 99 werden niemals ankommen, einer aber schon. Die Deutschen? Fahren nach Hause, recherchieren die optimale Route, ziehen sich um und gehen dann erst los. Das Ergebnis? 99 Deutsche erreichen den Gipfel, aber der einzige Amerikaner ist zuerst am Gipfel. Das ist bitter, weil gerade im digitalen Umfeld gilt: The winner takes it all.

SPIEGEL ONLINE : Bei welchen Ländern außer den USA könnten wir uns denn in Sachen Digitalkultur etwas abschauen?

Föller: Etwa im Baltikum oder in Georgien. Da gibt es viele risikofreudige und technisch erstklassige IT-Experten.

SPIEGEL ONLINE : Mehr als in Deutschland? Haben deutsche Unternehmen also die falschen Mitarbeiter für die digitale Revolution?

René Esteban: Nein, Expertise ist vorhanden. Allerdings halte ich drei Aspekte für ausbaufähig. Erstens den Fokus: Digitale Führungskräfte sollen sich auf ihr Kernthema fokussieren - Exzellenz statt Masse! Zweitens Verantwortung: Wir brauchen eine Kultur, in der Mitarbeiter Risiken eingehen, denn Fehler ermöglichen eine steile Lernkurve. Und drittens Empathie: Auch das beste digitale Geschäftsmodell funktioniert nur, sobald Führungskräfte ihre Mitarbeiter überzeugen.

SPIEGEL ONLINE : Wie sieht der perfekte Mitarbeiter aus, um einen Konzern digital neu aufzustellen?

Esteban: Es braucht zweierlei: Mitarbeiter, die Digitalisierung als Wachstumschance begreifen. Und Führungskräfte, die sie positiv erlebbar machen. Das klingt abstrakt, fängt aber im Kleinen an: Sobald ein Produktionsmitarbeiter hört, dass Produktionsstraßen mit künstlicher Intelligenz digitalisiert werden sollen, löst das Ängste aus. Sobald seine Führungskraft allerdings die persönlichen Vorteile der Digitalisierung hervorhebt, etwa dass er zur Maschinenprüfung nicht mehr bei Regen mit dem Fahrrad durchs Werk zu fahren braucht, wird Digitalisierung greifbar und der Mitarbeiter versteht sie als Chance.

SPIEGEL ONLINE : Und wo finden deutsche Unternehmen diese Brückenbauer?

Föller: Im Silicon Valley jedenfalls nicht. Warum sollten die Topleute von dort nach Europa wechseln? Und denen, die nach Europa kommen, fehlt es meist nicht an Selbstbewusstsein, aber an Praxisexpertise. Die verstehen gar nicht, wie ein Konzern funktioniert. Man muss diese Brückenbauer also überall auf der Welt suchen. Das ist mühsam, wie Perlentauchen.

SPIEGEL ONLINE : Muss sich die universitäre Ausbildung in Deutschland ändern, um mehr digitale Fachkräfte hervorzubringen? Oder müssen die Unternehmen mehr zahlen?

Föller: Natürlich gibt es zu wenig Absolventen in Mint-Fächern, aber deutsche Unternehmen können ja auch im Ausland rekrutieren. Viel wichtiger ist die Unternehmenskultur. Konzerne sind für digitale Topleute umso attraktiver, wenn ihre Führungskräfte inspirieren, Fehler verzeihen, integer sind. Wichtig ist auch politische Stabilität. Natürlich muss auch adäquat bezahlt werden, aber das ist für die Generation Y eher nachrangig.

SPIEGEL ONLINE : Die Beharrungskräfte in deutschen Unternehmen scheinen hoch. Hängt das auch mit der stärkeren Mitbestimmung zusammen? In US-Techkonzernen ist von Betriebsräten nichts bekannt. Dafür häufen sich dort die Berichte über ausgebrannte Arbeitskräfte.

Esteban: Beharrungskräfte sind Teil unserer Kultur. Sorgfältige Planung und hochwertige Produkte haben die deutsche Wirtschaft erfolgreich gemacht. Die deutsche Kultur ist einfach anders als die amerikanische. Es ist wichtig, dass Deutschland seine eigene Transformationsgeschwindigkeit findet. Genügend Expertise der digitalen Führungskräfte ist vorhanden. Sobald wir die Menschen mitnehmen, steht der Digitalisierung nichts mehr im Weg.

insgesamt 96 Beiträge
patberlin 04.03.2019
1. Manchmal ist schnell..
...aber auch nicht gut. Ich habe mal in einem Startup gearbeitet - angeschlossen an einem großen Konzern - und die Planungen waren völlig ireal, geradezu phantastisch, so dass das Startup scheitern musste. Das Produkt: Genial, [...]
...aber auch nicht gut. Ich habe mal in einem Startup gearbeitet - angeschlossen an einem großen Konzern - und die Planungen waren völlig ireal, geradezu phantastisch, so dass das Startup scheitern musste. Das Produkt: Genial, Geschäftsführung: Smart aber völlig unerfahren. Ich glaube so einen Zeitplan hätten die auch in Silicon Valley nicht geschafft. Mit oder ohne Badelatschen :)
Prof. X 04.03.2019
2. Oberflächlich
Das Beispiel mit den Badegästen ist nicht sehr durchdacht. Wieso 99 Deutsche? Warum nur 1 Amerikaner? Wieso nimmt keiner die Seilbahn? Digitalisierung scheitert aus meiner Erfahrung nicht am ängstlichen [...]
Das Beispiel mit den Badegästen ist nicht sehr durchdacht. Wieso 99 Deutsche? Warum nur 1 Amerikaner? Wieso nimmt keiner die Seilbahn? Digitalisierung scheitert aus meiner Erfahrung nicht am ängstlichen Produktionsmitarbeiter, sondern am Managment. Die wenigsten oberen in deutschen Konzernen haben einen Bezug zu den Technologien, von Whatsapp und netflix mal abgesehen. Was ich schon Zeit geopfert habe mit PowerPoint pinseln, nur um dem Management irgendwie begreifbar zu machen, was Digitalisierung in der Praxis heißt, was es kosten könnte, was es nutzen könnte, wie riskant es sein könnte... Und immer wieder wird man gestraft mit Unverständnis und Risikoangst. In der Zeit hätte ich schon 3x so viele Projekte einfach umgesetzt. DAS ist der große Bremser in Deutschland.
labuday 04.03.2019
3. 2 excellente Experten -
mag sein, daß man in SV sehr innovativ ist, aber die Adaption zur Unterstützung von Geschäftsprozessen ist etwas ganz anderes. SV ist da der falsche Platz - genauso, wie ein hochinnovatives startup ein Unternehmen [...]
mag sein, daß man in SV sehr innovativ ist, aber die Adaption zur Unterstützung von Geschäftsprozessen ist etwas ganz anderes. SV ist da der falsche Platz - genauso, wie ein hochinnovatives startup ein Unternehmen digitalisieren kann. Schonmal registriert, daß die "startups" nur kleinste Teilprozesse optimieren können, aber kein Unternehmen. Ein Unternehmen zu digitalisieren ist dann schon ein anderes Kaliber.
hpampel 04.03.2019
4. Alles alter Hut
Es doch längst bekannt, dass viele deutsche Unternehmen die Zukunft verschlafen. Alleine die seit Jahren viel zu geringe private Investitionsquote spricht doch Bände. Da wird lieber der Schweißer aus Rumänien für 5€ [...]
Es doch längst bekannt, dass viele deutsche Unternehmen die Zukunft verschlafen. Alleine die seit Jahren viel zu geringe private Investitionsquote spricht doch Bände. Da wird lieber der Schweißer aus Rumänien für 5€ beschäftigt, als in neue Maschinen zu investieren. Höhere Gehälter für Fachkräfte werden gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Und wenn sich abzeichnet, dass sich das Geschäft nicht mehr lohnt, wird das Unternehmen verkauft. Wenn der Preis stimmt auch an China. Indikatoren sind der demographische Wandel und das Abmanagen durch Investitionsabbau. Die Erlöse durch den Verkauf werden in den USA, China und aufstreben kleineren Staaten investiert. In Deutschland wird nur deshalb noch produziert, weil die Politik für die entsprechenden deutschen hegemonialen Strukturen sorgt. Aber dass lässt sich das europäische Ausland eben nicht länger gefallen und die USA schon mal gar nicht.
robbery 04.03.2019
5. Er hat recht
er hat ein wahres Wort gesprochen, mehr machen und weniger planen. Diese digitalen Multi Tier Applikationen die gemeinhin als digitale Revolution darstehen sind eigentlich Modeerscheinungen. Sie basieren auf Datensammeln und [...]
er hat ein wahres Wort gesprochen, mehr machen und weniger planen. Diese digitalen Multi Tier Applikationen die gemeinhin als digitale Revolution darstehen sind eigentlich Modeerscheinungen. Sie basieren auf Datensammeln und Logistik. Wenn da irgendwas nicht mehr erlaubt ist steht der Business Case. Was passieren muss ist digitale allgemeingültige Standards zu bilden! Dann kann die reine Kreativität nur mit SW durchstarten. Und natürlich Programmieren lernen! Das ist das wichtigste!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP