KarriereSPIEGEL

JVA-Mitarbeiterin

"Der Frühdienst beginnt mit der Lebendkontrolle"

Sie schaut nach, ob Gefangene Drogen oder Waffen versteckt haben, ob sich jemand das Leben genommen hat und wie sich die Menschen in Haft entwickeln: Eine JVA-Mitarbeiterin berichtet von ihrem Alltag.

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Im Gefängnis (Symbolbild)

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Mittwoch, 24.04.2019   15:53 Uhr
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Mörder, Räuber und Drogendealer - ich habe täglich mit Schwerverbrechern zu tun. Eigentlich klingt das sehr bedrückend und gefährlich. Aber ich habe Spaß an meinem Job und komme jeden Tag gern zur Arbeit. Ich arbeite mit normalen Menschen, die in ihrer Vergangenheit etwas Schlimmes gemacht haben. Ich weiß von jedem Gefangenen, was er getan hat, aber darüber urteile ich nicht.

Wenn die Leute an eine Justizvollzugsanstalt (JVA) denken, haben sie oft wild aussehende Männer im Kopf, die, bekleidet mit Sträflingskleidung und mit Handschellen gefesselt, hinter dem vergitterten Fenster auf ihre Freilassung warten. Über solche Vorurteile muss ich immer lachen.

Bei uns gibt es keine einheitliche Kleidung, die Gefangenen ziehen einfach ihre private Kleidung an. Und auch Handschellen müssen sie nicht tagtäglich tragen. Es gibt sogar Zeiten, in denen sie sich auf dem Gelände der JVA frei bewegen dürfen.

Seit zwei Jahren arbeite ich im Justizvollzug einer Großstadt. Als ich das erste Mal in das Gebäude der JVA kam, war ich sehr beeindruckt: So viele Menschen waren um mich herum. Jugendliche und Erwachsene, Männer und Frauen sind getrennt voneinander untergebracht.

Der Frühdienst beginnt mit der Lebendkontrolle

Es gibt viele Hafträume, die Gefangenen haben die Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen, zum Beispiel als Tischler. Sie bekommen auch ein Gehalt. Das Geld kriegen sie aber nicht ausgezahlt, sondern sie bekommen Wertmarken, die sie dann zum Beispiel gegen Lebensmittel eintauschen können. Einige holen auch ihren Schulabschluss nach. Es ist wie in einer kleinen, in sich geschlossenen Stadt.

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JVA-Mitarbeiter (Symbolbild)

Ich begleite den Alltag der Gefangenen. Wir arbeiten im Schichtdienst. Die JVA ist natürlich auch nachts und am Wochenende besetzt. Gemeinsam mit meinen Kollegen bin ich im Dienst für 15 bis 25 Gefangene zuständig. Der Frühdienst beginnt morgens mit der sogenannten Lebendkontrolle. Dabei gehe ich durch alle Hafträume und schaue nach, ob die Gefangenen vollzählig und gesund sind. Es kommt zwar selten vor, aber es ist durchaus möglich, dass sich über Nacht ein Gefangener das Leben nimmt. Deshalb sind diese Kontrollen auch jeden Tag nötig.

Mit der Lebendkontrolle erfolgt der Aufschluss. Die Gefangenen dürfen ihre Hafträume verlassen, in denen sich ein Bett, ein Tisch und ein Schrank, WC und Waschbecken befinden, und frühstücken. Auch die Mahlzeiten werden von uns überwacht.

Wenn die Gefangenen nicht in ihrem Haftraum sind, ist einer von uns für die Haftraumdurchsuchungen zuständig. Wir kontrollieren jede Räumlichkeit, in der sich Gefangene bewegen und schauen, ob der Gefangene verbotene Dinge wie Drogen oder Waffen versteckt hat. Auch Handys sind nicht erlaubt.

Wenn ich etwas Verbotenes entdecke, informiere ich die Dienststelle und den Gefangenen selbst. Für ihn hat es unterschiedliche Konsequenzen. Wenn ich ein Handy finde, ist es nur ein Verstoß gegen die Hausordnung, und der Gefangene kommt mit einer geringen Disziplinarmaßnahme davon. Finde ich Drogen, muss ich hingegen die Angelegenheit der Polizei melden. Das kann ein Strafverfahren nach sich ziehen und unter Umständen zu einer Verlängerung der Haft führen.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Viele Gefangene haben ein bisschen Angst vor der Zukunft

Wenn die Gefangenen bei der Arbeit sind, setze ich mich an den Schreibtisch. Ich muss Beurteilungen schreiben, einschätzen, wie sich die Gefangenen entwickeln. Das Ziel des Aufenthalts bei uns ist, dass ein Mensch später ein Leben in Freiheit führen kann, ohne wieder straffällig zu werden. Leider klappt das nicht immer, und es gibt durchaus auch Insassen, die bereits fünf Mal oder öfter im Gefängnis saßen. Ein Patentrezept, wie man das verhindern kann, habe ich aber nicht.

Nachmittags gibt es in der JVA ein Sport- und Freizeitprogramm für die Gefangenen. Auch hier bin ich mit dabei. Wenn ein Gefangener Redebedarf hat, habe ich immer ein offenes Ohr. Viele Gefangene haben ein bisschen Angst vor der Zukunft in Freiheit. Ich helfe ihnen dann, die erste Zeit nach der Entlassung zu planen. Wenn ein Gefangener entlassen ist, habe ich zu ihm aber keinen Kontakt mehr.

Oft wollen die Gefangenen aber auch über ihre Familien sprechen. Sie möchten gern den Kontakt zu ihren Eltern, Geschwistern und Kindern aufrechterhalten. Einmal die Woche dürfen sie Besuch empfangen. Dann kommen Freunde und Familie und treffen die Insassen in extra dafür vorgesehenen Räumlichkeiten.

Einige Gefangene bekommen über Jahre hinweg nie Besuch. Aber ich denke nicht darüber nach, ob das traurig ist. Ich muss einen professionellen Kontakt pflegen. Falls mir aber doch einmal etwas nahegeht, kann ich mit meinen Kollegen darüber reden.

Sobald ich die JVA verlasse, beginnt mein Privatleben. Bisher habe ich es geschafft, die Arbeit emotional nicht mit nach Hause zu nehmen und privat viel über die Arbeit nachzudenken. Mir ist eine professionelle Distanz zu den Gefangenen sehr wichtig. Trotzdem freue ich mich, wenn sie Fortschritte machen und zum Beispiel eine Ausbildung beginnen können oder ihren Schulabschluss schaffen."

insgesamt 28 Beiträge
velbart 24.04.2019
1. Mehr
Schönfärberei geht nun wirklich nicht. Ich unterrichte in einem Halboffenen Vollzug nebenbei. Was dort i.d.R. los ist, hat mit dem hier Geschilderten Alltag nichts zu tun. Viellicht gehen Sie selbst einmal nach Tegel oder Moabit [...]
Schönfärberei geht nun wirklich nicht. Ich unterrichte in einem Halboffenen Vollzug nebenbei. Was dort i.d.R. los ist, hat mit dem hier Geschilderten Alltag nichts zu tun. Viellicht gehen Sie selbst einmal nach Tegel oder Moabit und schauen sich die Realität an. Glauben Sie mir, ein Tag und nie wieder schreiben Sie eine derartigen Artikel; außer im Auftrag.
quidquidagis1 24.04.2019
2. So so..
..der Beamte beurteilt,wie sich ein Häftling entwickelt.Haben die Herrschaften eine psychologische Ausbildung?
..der Beamte beurteilt,wie sich ein Häftling entwickelt.Haben die Herrschaften eine psychologische Ausbildung?
Der_schmale_Grat 24.04.2019
3. Ambivalent
Einerseits kann ich dem ersten Kommentator teilweise recht geben, doch gleichzeitig handelt es sich hier um eine noch frische Dienstperson, die einige Basics gut widergegeben hat. Aber das interne Bild, was ich von einem harten [...]
Einerseits kann ich dem ersten Kommentator teilweise recht geben, doch gleichzeitig handelt es sich hier um eine noch frische Dienstperson, die einige Basics gut widergegeben hat. Aber das interne Bild, was ich von einem harten und großen "Knast" im Südwesten habe, geht wohl eher auch in Richtung Tegel. Es gibt viel Gewalt und zuweilen auch Willkür in dem Gefängnis. Resozialisierung, die ja eigentlich einen wichtigen Stellenwert einnehmen sollte laut Gesetzgeber, kann ich nur in Ansätzen sehen. Das ganze Konzept Gefängnis leuchtet mir bei den meisten Gefangenen nicht ein, viele brauchen etwas anderes. Es müssten echte Reformen her, doch kann ich im Süden Deutschlands keinen Willen erkennen. Falls sich jemand genötigt sieht, mir Kuschelknastmentalität vorhalten zu wollen, möchte ich proaktiv entgegenhalten: Erstens, aktuell würde ich keinem Menschen auch nur einen kurzen Aufenthalt dort wünschen, es gibt schönere Orte, doch was ich sehe ist, dass es immer restriktiver wird. Militärgefängnisse aus den USA sind Vorbilder von Regierungsbeamten hierzulande, dies wurde mir nicht nur einmal zugesteckt; völlig falscher Weg. Zweitens, und hier wird es meines Erachtens spannend, sind mittlerweile auch sehr viele Justizvollzugsbeamte und Menschen vom Revier (Krankenstation) so ausgebrannt, dass viele Stellen unbesetzt bleiben, hoher Krankenstand, viele Frührenten, schlechte Qualifikation der Beamten usw. die Folgen sind. Es wird wahrscheinlich immer so weiter gehen, weil man sich als Politiker nur die Karriere versauen kann, wenn man sich auf dem Gebiet für bessere Bedingungen einsetzt. Wer mich hier beeindruckt hat, war Obama, der kurz vor seinem Ausscheiden noch ein Gefägnis besucht hat und er wohl sinngemäß sagte, dass der Grat schmal gewesen sei in seinem Leben und er auch dort hätte enden können. Doch wenn mittlerweile viele Beamte nur noch kaputt sind, dann läuft wirklich etwas ganz schief und könnte irgendwann doch zu einem Umdenken führen.
blsthko 24.04.2019
4. Selbst in ehrlicher Resozialisierung gewesen
Ich bin selbst in einer Haftanstalt gewesen, in der man Erstinhaftierte zusammen verwaltet hat. Das ist bei mir jetzt ca. 20 Jahre her. Seit fast gleicher Zeit arbeite ich als Informatiker. Ohne diese Chance wäre ich mit [...]
Ich bin selbst in einer Haftanstalt gewesen, in der man Erstinhaftierte zusammen verwaltet hat. Das ist bei mir jetzt ca. 20 Jahre her. Seit fast gleicher Zeit arbeite ich als Informatiker. Ohne diese Chance wäre ich mit Sicherheit in irgendeinem Drogensumpf untergegangen.
rheinlandtürke 24.04.2019
5. Regionale Unteschiede
In NRW haben im geschlossenen Vollzug etwa 15 % der Inhaftierten Arbeit. Laut einer Studie der Uni Münster haben ca. 80% der JVA Beamten und der Inhaftierten nach 2 Jahren Dienst/Haft einen psychischen Schaden.
In NRW haben im geschlossenen Vollzug etwa 15 % der Inhaftierten Arbeit. Laut einer Studie der Uni Münster haben ca. 80% der JVA Beamten und der Inhaftierten nach 2 Jahren Dienst/Haft einen psychischen Schaden.

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