KarriereSPIEGEL

Aufstiegsverweigerer

Karriere? Ohne mich!

2. Teil: Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck

Boris Schmalenberger
Von
Montag, 27.08.2012   09:42 Uhr

Für sich persönlich hat Martin Steinmetz, 42, schon vor langer Zeit Antworten gefunden. Als Hauptreferent für Patentfragen ist der Physiker Topexperte rund um Patentanmeldungen und -verletzungen bei Bosch. Als er 1998 im Einstellungsgespräch gefragt wurde, wo er sich in fünf Jahren sehe, lautete seine Antwort noch forsch: "Ich will Abteilungsleiter werden."

Schon bald aber ahnte Steinmetz, "dass ich keine glückliche Führungskraft werden würde". Die zahllosen Koordinierungstreffen, die Personalgespräche, die unflexiblen Zeiten - nicht sein Ding. Dabei gab es immer wieder Angebote für Führungsjobs, intern wie extern, doch Steinmetz winkte ab. "Ich wollte immer viel Ahnung von Dingen haben, mich richtig in die Materie vertiefen. Als Manager geht das nicht." Steinmetz' Frau ist Kirchenmusikerin, sie haben drei Kinder, das erste kam kurz nach dem Studium - Arbeiten bis in die Nacht, Auslandsstationen gar machte das nicht einfacher.

Anstatt mit jeder Hierarchiestufe also mehr Mitarbeiter führen zu müssen, schlug Steinmetz die Expertenlaufbahn ein, die Bosch seit vielen Jahren anbietet. "Führungs- und Fachpfad laufen parallel und sind gleichgestellt bei Gehaltsbändern und sonstigen Leistungen", sagt Personalgeschäftsführer Christoph Kübel. "Die Fachleute haben bei Fachentscheidungen sogar ein Vetorecht."

Auch die Experten können sich bei guter Leistung weiterentwickeln. Steinmetz wurde kürzlich zum Hauptreferenten befördert, dem Äquivalent zum Abteilungsleiter auf dem Führungspfad. "Aber viel Administratives bleibt mir erspart, und ich kann meine Kinder zur Schule fahren, weil ich nicht ständig von einem Meeting ins nächste muss."

Nicht weniger arbeiten, aber selbstbestimmter

Etwas mehr Zeit für sein Hobby, das Fliegen, bleibt obendrein. Obwohl auch die Fachkarriere längst nicht nur auf dem Sonnendeck des Joblebens stattfindet: Steinmetz bildete sich in seiner Freizeit weiter, machte einen Master in Jura und legte die Prüfungen zum Patentanwalt ab, um auch für Tochtergesellschaften von Bosch vor Gericht streiten zu können. "Die fachlichen Auseinandersetzungen machen mir mehr Spaß, als mit 20 Mitarbeitern Gehaltsgespräche zu führen." Das gleiche Muster wie bei Stefan Lang: nicht weniger, aber selbstbestimmter arbeiten.

Während Bosch schon seit vielen Jahren mit Fach- und Projektkarrieren operiert, hat das Gros deutscher Firmen erst in den vergangenen fünf Jahren begonnen, die Expertenlaufbahn energisch auszubauen. Klassischer Treiber waren ursprünglich abgeflachte Hierarchien - nicht jeder konnte Chef werden, aber die Experten sollten trotzdem nicht von der Fahne gehen. "Inzwischen ist die Fachlaufbahn auch für Beschäftigte attraktiv, die man eigentlich gern in der Führungsrolle gesehen hätte", bilanziert der auf Expertenlaufbahnen spezialisierte Unternehmensberater Franz Biehal. Eine Entwicklung, die nicht ohne Ironie ist.

"Ich sehe meine Kinder auch nur im Urlaub."

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Und die absehbar war. Exponiertheit, Getriebenheit, Stress, atemlose Ergebnisverantwortung - was in den Führungsetagen vorgelebt wird, hat so gar nichts mehr vom gelassenen Chef, der souverän die Geschicke seiner Mannschaft zum Besten lenkt. "Führungskräfte von heute suchen den Erfolg, kennen aber auch den Preis: hoher Leistungsdruck und wenig Zeit fürs Privatleben", sagt ULA-Hauptgeschäftsführer Ludger Ramme. "Der Verzicht auf einen weiteren Karrieresprung und die Konzentration auf gute fachliche Arbeit sind ein naheliegender Weg, die Belastung wenigstens konstant zu halten."

Viele Unternehmen in Deutschland haben beschlossen, die Schattenseiten der klassischen Karriere zu ignorieren. Daimler und die Commerzbank etwa mochten sich zu dem Thema nicht äußern; andere verwiesen treuherzig darauf, es gebe keine Probleme, Führungskräfte zu finden.

Führung gilt als dröge, Macht als peinlich

Das mag sogar sein - und erspart den Konzernen die lästige Auseinandersetzung mit den Motiven der Karriereverweigerer: Da sind die Jungen, die mehr Freiraum und Sinn wollen. "Auch weil sie nach den tradierten Maßstäben die Karriere ihrer Eltern oft nicht mehr toppen können", wie Stephan Jansen sagt, Präsident der Zeppelin Universität. "Was soll denn der Sohn eines doppelt promovierten Bereichsvorstands in diesem Spiel noch werden?"

Da sind die "Opting out"-Frauen, die gegen alle Widerstände fast die Spitze in Kanzleien, Konzernen und Beratungen erklommen haben und freiwillig aussteigen, weil ihnen der Kampf gegen männliche Dominanz plötzlich sinnlos erscheint. So wie Anne-Marie Slaughter, ehemals Chefin des Planungsstabs im US-Außenministerium, die ihren Topjob schmiss, um mehr Zeit für ihre Söhne zu haben. Oder die Generation der Vermögensnachfolger, die sich den Führungstort nicht mehr geben muss, weil das Geld auch so reicht, und die Fachlaufbahn oft auch nicht schlechter bezahlt wird.

Doch die wenigsten Karriereverweigerer wollen bloß die Füße auf den Tisch legen oder wochenlang am Golf-Handicap "arbeiten"; vielmehr sind es oft die Talentiertesten, die wie Lang oder Steinmetz zwar zu harter Arbeit bereit sind, nur nicht in den gegebenen Strukturen. Wenn aber Führung als dröge und Macht als peinlich gilt, entsteht rasch eine unerfreuliche Selektion: "Ein negatives Bild einer Berufsrolle zieht dann die entsprechenden Leute an", warnt Psychologe Wottawa.

insgesamt 244 Beiträge
tempus fugit 27.08.2012
1. 4. Teil: Warum das eigene Können für Aktionäre verschwenden?
Genau um diese Frage geht es! Sich zum Goldesel 'verfeinern' lassen - für was, für wen? Und in den allermeisten Fällen dann, wenn der Esel kaputt ist, frei nach Shakespeare: "Der ausgebrannte Mohr kann [...]
Genau um diese Frage geht es! Sich zum Goldesel 'verfeinern' lassen - für was, für wen? Und in den allermeisten Fällen dann, wenn der Esel kaputt ist, frei nach Shakespeare: "Der ausgebrannte Mohr kann gehen!"
tinu76 27.08.2012
2. Arbeit
Musste das selber mit meiner jetzigen Frau ausdiskutieren. Ihrer Meinung nach, sollte ich duch Aus- und Weiterbildungen Karriere- und Lohnmässig Schritt für Schritt aufsteigen. Ich wollte meine, ohnehin schon langen, [...]
Musste das selber mit meiner jetzigen Frau ausdiskutieren. Ihrer Meinung nach, sollte ich duch Aus- und Weiterbildungen Karriere- und Lohnmässig Schritt für Schritt aufsteigen. Ich wollte meine, ohnehin schon langen, Präsenzzeiten wegen des höheren Lohnes nicht noch mehr in die Länge ziehen. Ausserdem bedeutet mehr Verantwortung mehr Arbeit = weniger Freizeit, vorallem auch Arbeit zu Hause nach Feierabend. Da ist dann selbst am Wochenende nix mit abschalten, was nicht gerade förderlich für Beziehungsleben ist. Zum Glück gibts auch noch Frauen, die nicht nur des Geldes wegen bei Ihrem Mann bleiben! ;-)
radeberger78 27.08.2012
3. Statement Null Bock 1.0 Generation
Freilich sind es immer die schlausten, die erkennen das Freizeit ein wertvolles Gut ist. Wer hat schon Lust sich den ganzen Tag von irgendwelchen Karrieristen streßen zu lassen, die sollen ihre Arbeit mal schön selber machen. [...]
Freilich sind es immer die schlausten, die erkennen das Freizeit ein wertvolles Gut ist. Wer hat schon Lust sich den ganzen Tag von irgendwelchen Karrieristen streßen zu lassen, die sollen ihre Arbeit mal schön selber machen. Ich persönlich mache schon seit einem halben Jahr nur noch Halbtags, Geld ist natürlich weniger, aber wenn man die Ansprüche anpasst, ist es voll ok.
Tatsache 27.08.2012
4. So isses
Daran sind die Firmen selber schuld. Nach 10 Jahren in einem DAX-Konzern weiß ich jetzt wie man Karriere macht. Erstens: Erst nach Hause gehen, nachdem der Chef gegangen ist. Zweitens: Dem Chef immer recht geben. Drittens: Im [...]
Daran sind die Firmen selber schuld. Nach 10 Jahren in einem DAX-Konzern weiß ich jetzt wie man Karriere macht. Erstens: Erst nach Hause gehen, nachdem der Chef gegangen ist. Zweitens: Dem Chef immer recht geben. Drittens: Im Personalausweis steht unter Geschlecht: "weiblich". Was bei Beförderungen niemals auch nur im entferntesten eine Rolle gespielt hat war fachliche Qualifikation oder generelle Eignung. Wer bei uns pünktlich Feierabend machte, hatte keine Chance, selbst wenn die Arbeitsergebnisse hervorragend waren. Umgekehrt wurden wegen langer Anwesenheit reichlich Leute befördert, deren Leistungen nachweislich schlecht waren. Die guten Leute, die nicht 14 Stunden täglich arbeiten wollen, und in der Regel ihre Arbeit auch in 8 Stunden schaffen, suchen Alternativen oder kündigen innerlich. Fehlleistungen wie die "Energiewende" oder der Berliner Flughafen oder die Finanzkrise oder, oder ... sind auch vor diesem Hintergrund zu sehen.
leser2434 27.08.2012
5.
Prima ! Die Leistungsträger dieses Landes entdecken, dass man die Anforderungen an sich auch selbst bestimmen kann. Das ist aus meiner Sicht eine sehr positive Entwicklung pro Familie und pro Partnerschaft. Für die Firmen [...]
Prima ! Die Leistungsträger dieses Landes entdecken, dass man die Anforderungen an sich auch selbst bestimmen kann. Das ist aus meiner Sicht eine sehr positive Entwicklung pro Familie und pro Partnerschaft. Für die Firmen heißt es jetzt Umdenken, wenn man wirklich gute Leute optimal einsetzen will. Es wird wichtig werden, Führungsfunktionen so zu gestalten, dass diese Leute sie gerne ausfüllen. Es wird höchste Zeit, dass Führungskräfte nicht mehr an ihren Überstunden gemessen werden, sondern an der Qualität Ihrer Arbeit. Meiner Meinung nach kann man sehr wohl Verantwortung tragen ohne Überstunden, denn das ist alles eine Frage der Stellengestaltung. Damit meine ich gar nicht unbedingt, die Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen, sondern viel mehr, sich die Frage zu stellen "müssen wir wirklich alle Themen bearbeiten ?". Ich persönlich bin auch ein Aufstiegsverweigerer, der sich inzwischen erfolgreich von der firmeninternen Liste der "Potentials" hat streichen lassen. Die Ellenbogenmentalität der Ebenen über mir ist mir völlig zuwider. Auch ich tauschte die mögliche Gehaltssteigerung gegen mehr Freizeit mit der Familie, und bin damit sehr zufrieden.

manager magazin

Fotostrecke

Verwandte Themen

Fotostrecke

CEO of the Future



McKinsey und manager magazin suchen die künftige Führungselite
Der Wettbewerb
Wer sich fragt, ob eine Karriere als Manager das Richtige für ihn ist, dem bietet seit dem Jahr 2000 der Wettbewerb "CEO of the Future" die Möglichkeit, genau das herauszufinden. Auch 2012 suchen McKinsey, manager magazin und Spiegel Online wieder die Führungselite der Zukunft, gemeinsam mit Bayer, Bertelsmann, Porsche, ThyssenKrupp und Vodafone sowie dem Medienpartner n-tv. Mitmachen können Young Professionals mit bis zu vier Jahren Berufserfahrung sowie examensnahe Studenten und Doktoranden.
Die Herausforderung
In der ersten Runde sollen die Teilnehmer ins Jahr 2030 blicken – und ihre Ratschläge für einen CEO von heute in einem klugen Essay formulieren. Zusammen mit einem Lebenslauf soll dieser bis zum 16. September auf www.future-ceo.de hochgeladen werden. Die besten Bewerber können sich in Workshops für die zweite Runde qualifizieren. Dort bauen die 20 überzeugendsten Kandidaten in Seminaren ihre Führungskompetenzen aus – und trainieren für das Finale.
Die Gewinner
In der Endrunde am 2. Februar 2013 in Kitzbühel präsentieren die Kandidaten Fallstudien vor den CEOs der Partnerunternehmen. Die drei Sieger erhalten Karrierebudgets in Höhe von 7000, 5000 und 3000 Euro sowie ein Mentoring durch ein Jurymitglied.
Die Jury
Die Talente bewerten Marijn Dekkers, Vorstandsvorsitzender von Bayer, Bertelsmann-Primus Thomas Rabe, Porsche-Lenker Matthias Müller, Frank Mattern, Deutschland-Chef von McKinsey, Herbert Henzler, ehemaliger Europa-Chef von McKinsey, ThyssenKrupp-Vorsteher Heinrich Hiesinger, Jens Schulte-Bockum, designierter Vorsitzender der Geschäftsführung von Vodafone Deutschland, sowie Vertretern der Medienpartner. Mehr Infos bei e-fellows, Facebook und www.future-ceo.de.

Verwandte Artikel

Buchtipp

Buchtipp

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP