KarriereSPIEGEL

Kündigen oder bleiben

Diese sieben Phasen durchlebt jeder im Job

Sie sind zufrieden mit Ihrem Gehalt, haben nette Kollegen - und zweifeln plötzlich an Ihrem Job? Keine Sorge, damit sind Sie nicht allein. Die Begeisterung für die Arbeit verläuft phasenweise.

Von "Karrierebibel"-Autor Nils Warkentin
Montag, 21.11.2016   16:27 Uhr

Jeder Job ist anders. Aber eines haben alle gemeinsam: Die Begeisterung für die tägliche Arbeit schwankt - und zwar fast immer nach einem vorgeschriebenen Muster. Wir zeigen die sieben typischen Phasen in jedem Job und erklären, wie sich die eigene Karriere am besten steuern lässt.

1. Begeisterung und Motivation

Es ist dieses Hochgefühl, nachdem Sie einen Arbeitsvertrag unterschrieben haben. Die Mühen der Jobsuche haben sich ausgezahlt. Jemand weiß Ihre Fähigkeiten zu schätzen und hat Sie allen anderen Bewerbern vorgezogen. Alles ist aufregend, Sie gehen jede Aufgabe mit vollem Elan an, möchten jeden Kollegen kennenlernen, die Abläufe verstehen und sich in jeder Frage einbringen.

Erschöpfung oder Probleme? Nicht in dieser Phase. Sie wollen dem Chef und allen Mitarbeitern zeigen, dass Sie die Erwartungen nicht nur erfüllen, sondern bei Weitem übertreffen können.

Typische Anzeichen für diesen Jobzyklus: Motivation und Tatendrang, gute Laune, Aufregung und Vorfreude auf das, was noch kommen wird.

2. Ernüchterung und Zweifel

Irgendwann verfliegt die erste Euphorie leider. Der Alltag kehrt ein, und Sie müssen sich eingestehen, dass der neue Job doch nicht nur positive Seiten hat. Sie stoßen auf die ersten Probleme oder Meinungsverschiedenheiten und merken, dass auch der neue Job manchmal anstrengend und nervenzehrend sein kann.

Besondere Ernüchterung folgt der Erkenntnis, dass die vielen und hohen Erwartungen, die Sie an die neue Position gestellt haben, nicht alle erfüllt werden können. Es sollte doch alles anders und vor allem besser werden. In einigen Punkt trifft dies zu, in anderen weniger.

Klassischerweise werden Entscheidungen mit der Zeit infrage gestellt. Die abgelehnten Optionen werden noch einmal aufgerollt und es entstehen Zweifel, ob ein anderer Weg nicht doch besser gewesen wäre - oder ob gar der alte Arbeitgeber der bessere war.

Typische Anzeichen für diesen Jobzyklus: Gedanken an die Vergangenheit, Unsicherheit und einige Selbstzweifel.

3. Anpassung und Kennenlernen

In der dritten Phase gewöhnen Sie sich wirklich im neuen Job ein. Sie lernen, worauf es ankommt, wissen, welche Anforderungen gestellt werden und wie Sie diesen gerecht werden. Auch die Kollegen lernen Sie immer besser kennen, sind über den anfänglichen Smalltalk hinaus und haben sich vielleicht auch schon einmal privat getroffen.

Das Tief der Ernüchterung haben Sie zu diesem Zeitpunkt wieder überwunden. Sie identifizieren sich mehr und mehr mit Ihrer neuen Position und dem Arbeitgeber. Dem Chef gegenüber wollen Sie unter Beweis stellen, dass Sie bereit für größere Aufgaben und Verantwortung sind.

Typische Anzeichen für diesen Jobzyklus: Positivere Stimmung, Ehrgeiz, Gewöhnung an das neue Umfeld.

4. Vertrauen und Konstanz

Zu diesem Zeitpunkt sind Sie nicht nur fester Bestandteil des Teams, sondern befinden sich mitten in der Routine. Sie haben ein klares Aufgabenfeld und Verantwortungen, die Sie übernehmen und in denen Sie regelmäßig gute Leistungen präsentieren. Das entgeht glücklicherweise auch Ihrem Chef nicht, der lobende Worte findet.

In dieser Phase erarbeiten Sie sich viel Vertrauen - von Kunden, Kollegen und Führungskräften. Bei Fragen wendet man sich gerne an Sie und Ihr Status im gesamten Unternehmen steigt.

Noch sind Sie allerdings selbst nicht vollkommen zufrieden mit sich und der Situation. Sie wissen, dass Sie eigentlich zu noch mehr in der Lage sind und wollen dies auch gerne zeigen. Deshalb suchen Sie nach Chancen, um sich verstärkt einzubringen.

Typische Anzeichen für diesen Jobzyklus: Routine, konstante Leistungen, erste Anerkennung, eigener Antrieb zu mehr.

5. Erfolge und Wachstum

Dies ist die absolute Hochphase in jedem Jobzyklus. Sie sind auf dem Zenit Ihrer Leistungsfähigkeit und liefern einen Erfolg nach dem anderen ab, was sich in Gehaltserhöhungen oder auch Beförderungen zeigt. Sie avancieren zum Vorbild für Kollegen und bekommen immer größere Verantwortung übertragen.

Der Erfolg bestätigt Ihre Einstellung, Sie sind motiviert und entwickeln den Ehrgeiz, noch besser zu werden. Dafür besuchen Sie beispielsweise Fortbildungen oder suchen nach Möglichkeiten, die Abläufe und Prozesse im Unternehmen zu verbessern.

Typische Anzeichen für diesen Jobzyklus: Erfolg, wachsende Verantwortung, Motivation, Anerkennung und nicht zuletzt auch Stolz auf die eigenen Leistungen.

6. Rückgang und Wünsche

Einmal an der Spitze angekommen, gibt es leider nur noch den Weg nach unten. Irgendwann bleiben die Erfolge, die fast schon zur Gewohnheit geworden sind, plötzlich aus. Die eigenen Leistungen lassen mehr und mehr nach und mit ihnen sinkt die Zufriedenheit.

Wo vorher noch Motivation war, entsteht das anfangs noch vage aber zunehmend stärker werdende Gefühl von Zweifeln. Der Job scheint nicht mehr richtig zu passen, Sie fühlen sich unwohl und hegen insgeheim den Wunsch nach beruflicher Veränderung.

Diesem ersten Impuls steht meist das Sicherheitsbedürfnis entgegen, das Ihnen sagt, dass der Job gut bezahlt ist und Sie wissen, was Sie daran haben. Anstatt zu handeln, folgt die Schockstarre oder es wird versucht, die Situation schön zu reden.

Typische Anzeichen für diesen Jobzyklus: Schlechtere Leistungen, Unzufriedenheit, Zweifel, Suche nach Veränderungen, zunehmender Stress.

7. Schlusspunkt und Konsequenzen

Ab einem gewissen Punkt geht es einfach nicht mehr weiter. Jeder Tag ist der pure Stress, die Arbeit wird mehr und mehr zur Belastung. Sie müssen sich der harten Realität stellen: In diesem Job werden Sie nicht mehr glücklich.

Je länger diese letzte Phase andauert, desto schlimmer werden mögliche Konsequenzen. Wer sich über einen langen Zeitraum zwingt, in einem Job zu bleiben, der unglücklich macht, bringt irgendwann keine nennenswerten Leistungen mehr - was aber viel schlimmer ist: Er riskiert seine Gesundheit. Das Ende liegt dann in der Kündigung, die leider meist viel zu spät erfolgt.

Typische Anzeichen für diesen Jobzyklus: Motivations- und Antriebslosigkeit, stressbedingte Probleme, Kündigung.

Bitte verstehen Sie diesen Jobzyklus nicht falsch: Das Modell ist eine Verallgemeinerung. Die einzelnen Phasen sind nicht in Stein gemeißelt, sondern unterliegen individuellen Faktoren. Während Sie beispielsweise mehrere Jahre in einer Phase zubringen können, durchläuft ein Kollege diese vielleicht in wenigen Wochen oder Monaten.

Es geht hier auch nicht darum, zu zeigen, dass Spaß und Zufriedenheit spätestens nach ein paar Jahren durch Frust, Stress und Unzufriedenheit ersetzt werden. Stattdessen soll der Jobzyklus verdeutlichen, dass es durchaus sinnvoll sein kann, sich frühzeitig für einen Jobwechsel zu entscheiden. Gerade die sechste Phase ist der prädestinierte Zeitpunkt, um sich nach neuen Möglichkeiten umzusehen, sich auf Jobsuche zu begeben und die eigene Karriere zu planen.

Das hat gleich mehrere Vorteile: Zunächst verkauft es sich im Lebenslauf immer besser, wenn Sie von sich aus die nächsten Schritte angehen und nicht aus dem Zwang heraus, gekündigt worden zu sein. So können Sie Ihre Motivation unterstreichen und im besten Fall gleich den erwünschten Job an Land ziehen.

Der zweite große Vorteil: Sie umgehen all die negativen Aspekte und möglichen Konsequenzen der letzten Phase. Bevor die Unzufriedenheit alles andere überdeckt, stellen Sie sich neuen Herausforderungen und Aufgaben.

Jobwechsel sind kein Zeichen von Schwäche, kein Eingeständnis, dass man es im alten Job nicht zu etwas gebracht hat, sondern eine berufliche Entscheidung, die in den meisten Fällen gut überlegt ist. Ist diese Erkenntnis erst einmal durchgesickert, fällt es auch weniger schwer, über seinen Schatten zu springen und die Veränderung zu wagen.

insgesamt 14 Beiträge
joe_ann 21.11.2016
1. Lol
''Das entgeht glücklicherweise auch Ihrem Chef nicht, der lobende Worte findet.'' Wer das erlebt hat, egal in welcher Phase, bitte melden :) Gibt es mit Sicherheit, aber bei unseren konservativen Steinzeitsaurier-Chefs in [...]
''Das entgeht glücklicherweise auch Ihrem Chef nicht, der lobende Worte findet.'' Wer das erlebt hat, egal in welcher Phase, bitte melden :) Gibt es mit Sicherheit, aber bei unseren konservativen Steinzeitsaurier-Chefs in Deutschland leider viel zu wenig. In unserer Dienststelle ist es egal, was man macht oder nicht macht, ist man einmal in einer Schublade, kommt man nicht mehr raus. Da ist Dienst nach Vorschrift vorprogrammiert. Ein Zitat vom Abteilungsleiter zu meinem direkten Vorgesetzten, welcher wiederum super zufrieden war mit meiner Arbeit, bei einem Beurteilungsgespräch: ich weiß ja gar nicht so richtig, was sie eigentlich da hinten machen...autsch.Und beim direkten Gespräch:''Sie müssten irgendwie noch etwas mehr bringen, ich weiß nicht, wo oder wie, aber etwas mehr''...doppelautsch. Aber ein kleiner Lichtblick ist bei den Nachwuchsführungskräften erkennbar. Explizite Aussagen, was gefällt und was weniger- damit kann man etwas anfangen, auch wenn es noch etwas lehrbuchhaft wirkt.
bluestar2000 21.11.2016
2. 4. Vertrauen & Konstanz
Es wird einem leider permanent eingeimpft, dass man sich entwickeln MUSS, das gesamte Leben lang, dass eine Jobverweildauer von über 5 Jahren schon fast negative ausgelegt würde. Dem widerspreche ich entschieden! Nicht alle [...]
Es wird einem leider permanent eingeimpft, dass man sich entwickeln MUSS, das gesamte Leben lang, dass eine Jobverweildauer von über 5 Jahren schon fast negative ausgelegt würde. Dem widerspreche ich entschieden! Nicht alle Arbeitnehmer, vielleicht sogar die Mehrheit, haben langjährig diese Entwicklungsbestrebungen. Bei vielen ebbt das nach einiger Zeit ab, andere sind einfach froh, einen Job zu haben, dem sie langfristig gewachsen sind und der einfach ausreichend Geld einbringt, um die Familie zu ernähren und um Rentenpunkte zu sammeln. Dieser ewige Hamsterkäfig Jobmaschine ist heute nerviger und untragbarer als er es je war und last nur die Jobnomaden gut aussehen. Das sind aber nunmal die wenigsten. Wenn man es sich in und um den Job (im Privatleben) zufriedenstellend eingerichtet hat - was nicht bedeuten soll, dass man da seinen Job lax ausführt und nur durchschnittliche Ergebnisse abliefert - gibt es mehr Gründe, dies zu konservieren und statisch beizubehalten als auf Teufel komm raus zu wechseln. Und ich behaupte mal, dass dies bei der überwiegenden Anzahl an Leuten der Fall ist.
silentio79 21.11.2016
3. Ist der Autor Personalberater
Der Artikel beschreibt verschiedene Phasen, von denen die ersten vier in der Literatur zur Teamdynamik als "forming", "storming", "norming", "performing" bezeichnet werden. Leider geht der [...]
Der Artikel beschreibt verschiedene Phasen, von denen die ersten vier in der Literatur zur Teamdynamik als "forming", "storming", "norming", "performing" bezeichnet werden. Leider geht der Artikel kaum auf die dahinter liegenden Ursachen, sondern nur auf die Symptome ein. Insbesondere der scheinbar unvermeidbare Fall vom Erfolg zum Misserfolg mit der Überleitung auf den verspäteten Jobwechsel halte ich für sehr fragwürdig. Die Gründe dafür bleiben unbeleuchtet. Die Erklärung "an der Spitze angekommen gibt es nur noch den Weg nach unten" würde schon jedes halbwegs aufgeweckte Kind kritisch hinterfragen. Der Artikel passt aber Wunderbar in die Argumentation von Personalberatern, die mit dem Jobwechsel Geld verdienen. Was die Arbeitgeber tun können und und tun sollten um Mitarbeiter nachhaltig zu motivieren bleibt vollkommen im Dunkeln. Schade.
reiner-hohn 21.11.2016
4. Liebes SPON team
nach diesem Artikel bin ich mir sicher das Ihr Euch in der 7. Phase befindet und leider vergessen habt einen neuen Job zu suchen.
nach diesem Artikel bin ich mir sicher das Ihr Euch in der 7. Phase befindet und leider vergessen habt einen neuen Job zu suchen.
von_hintendrop 21.11.2016
5.
Einmal ganz oben angekommen, geht es nur noch bergab? Gilt das auch für Topmanager?
Einmal ganz oben angekommen, geht es nur noch bergab? Gilt das auch für Topmanager?

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP