KarriereSPIEGEL

Als Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf

"Der härteste Umbruch meines Lebens"

Zehntausende Lehrer fehlen künftig bundesweit - eine Chance für Seiteneinsteiger. Christian Wahle hat sich auf das Risiko eingelassen und erzählt, warum das nicht schiefgegangen ist.

Silke Hoock/ SPIEGEL ONLINE

Seiteneinsteiger und Konrektor: Christian Wahle war Mathematiker und Informatiker, dann wurde er Lehrer

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Donnerstag, 11.04.2019   10:19 Uhr

"Gleich am ersten Tag wurde ich Klassenlehrer. Ich stand plötzlich vor 34 Siebtklässlern und sollte unterrichten", erinnert sich Christian Wahle an seinen Einstieg und an das Gefühl, das er damals hatte: "Ich war extrem angespannt." Kein Wunder, schließlich brachte er weder Lehramtsstudium noch Referendariat oder Praktikumserfahrungen in der Schule mit.

Heute ist der 40-Jährige Lehrer am Städtischen Gymnasium in Sundern und Konrektor der Schule. Seine Lehrerkarriere als Seiteneinsteiger bezeichnet er als "härtesten Umbruch meines Lebens". Der promovierte Diplom-Mathematiker und Informatiker sagt rückblickend: "Es hätte auch schiefgehen können." Trotzdem gab er sein Forscherdasein an der Universität auf.

Dass alles gut ging im "Löwenkäfig Klasse", führt Wahle auf seine zweijährige Ausbildung zurück, die sich an der sogenannten Ordnung zur berufsbegleitenden Ausbildung von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern (OBAS) und der Staatsprüfung orientiert.

Dafür musste Wahle, wie alle Seiteneinsteiger in Nordrhein-Westfalen, neben 19 Stunden Unterricht zusätzlich sechs Stunden pro Woche in seine didaktische und methodische Ausbildung investieren. Nach zwei Jahren legen die Seiteneinsteiger eine Staatsprüfung ab und sind dann vollwertige Lehrer.

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Doch diese Ausbildung ist kein länderübergreifender Standard. "Manche Bundesländer haben so einen massiven Lehrermangel, da gibt es keine Ausbildung und kaum Nachqualifizierung. Da muss der Crashkursus reichen. Da heißt es, lieber schlechten Unterricht als gar keinen zu haben", kritisiert Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Die hohe Messlatte für den Seiteneinstieg werde kontinuierlich gesenkt.

Die Leidtragenden der Seiteneinsteiger-Politik, fürchtet Meidinger, seien die Kinder. Vor allem für die Grundschulen warnt er vor einer Verschlechterung der Lese- und Schreibkompetenz. Beispiele seien Berlin und Sachsen, dort seien alle hohen Qualitätsstandards für das Lehramt nur noch Makulatur. Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) waren mehr als 900 der 2700 Lehrkräfte, die zum Schuljahr 2018/2019 in Berlin eingestellt wurden, nicht für den Lehrerberuf qualifiziert.

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Auch Udo Beckmann vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) beklagt die mangelnde pädagogische Weiterqualifizierung der Seiteneinsteiger. Er verweist auf die Ergebnisse einer aktuellen, vom VBE in Auftrag gegebenen forsa-Umfrage:

Beckmann beklagt, dass Seiteneinsteigende überproportional häufig in Schulen in schwierigen sozialen Lagen eingesetzt werden, also bei Kindern, die auf Lehrkräfte angewiesen sind, die mit besonders viel pädagogischem Geschick bilden und erziehen. "Hier setzt sich eine Abwärtsspirale in Gang, die bald nicht mehr aufzuhalten ist."

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Doch im sauerländischen Sundern am Städtischen Gymnasium ist Schulleiter Martin Barthel froh, dass sich Christian Wahle nach seiner Wissenschaftskarriere für den Lehrerberuf entschieden hat. Barthel spricht von einer "unnötigen Neiddebatte", wenn klassisch ausgebildete Lehrer auf Seiteneinsteiger herabblickten. Und wenn sie sich dabei auf ihre in sieben Jahre studierte Didaktik beriefen, die man unmöglich mal eben nebenbei erlernen könne: "Die Theorie ist das eine. Es zeigt sich aber erst in der Praxis, wie die Umsetzung der wissenschaftlichen Lehre im Klassenraum gelingt." Seiteneinsteiger seien immerhin Hochschulabsolventen, Experten in ein oder zwei Fächern und Berufserfahrene, sagt Martin Barthel.

Dass die Seiteneinsteiger ihren Job am Ende so gut machen, dass sie Fachbereichs- oder sogar Schulleiter werden können, findet Peter Luecke, Dezernent für Lehreraus- und -fortbildung bei der Bezirksregierung Arnsberg in NRW, nicht ungewöhnlich: "Sie haben Lebens- und Berufserfahrung. Mit einer bestmöglichen Ausbildung werden viele ganz schnell ausgezeichnete Lehrer. Fachlich haben sie ohnehin selten Defizite." Zwischen Lehrern und Seiteneinsteigern bestehe am Ende kein Unterschied.

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Nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz liegt der durchschnittliche Einstellungsbedarf bis 2030 bei knapp 32.000 Lehrern pro Jahr. Deutlich weniger beenden ihr Studium - ohne Seiteneinsteiger drohen Tausende Stellen an den Schulen unbesetzt zu bleiben.

insgesamt 97 Beiträge
severus1985 11.04.2019
1. Seiteneinsteiger haben wenigstens Lebenserfahrung
Meiner Meinung nach wiegt sich die didaktische Überlegenheit der ausgebildeten Lehrer gut gegen die "komplettere Weltsicht" der Seiteneinsteiger auf. Schule soll auch auf das Berufsleben vorbereiten, dieses haben die [...]
Meiner Meinung nach wiegt sich die didaktische Überlegenheit der ausgebildeten Lehrer gut gegen die "komplettere Weltsicht" der Seiteneinsteiger auf. Schule soll auch auf das Berufsleben vorbereiten, dieses haben die meisten Lehrer aber nie kennengelernt. Von der Schule in die Uni in die Schule qualifiziert nicht dazu, Jugendlichen den richtigen Weg ins Berufsleben beizubringen. Eine gesunde Mischung aus Didakten und Realisten finde ich daher gut.
mangolover 11.04.2019
2. Hohe Messlatte für Seiteneinsteiger?
Das war ein Lehrer angeblich einem Seiteneinsteiger voraus hat, bzw voraus haben sollte ist Pädagogik und Didaktik. Aber das genau habe ich selten an Schulen erfahren. Ansonsten dürfte kaum ein Lehrer an Erfahrung und Fachwissen [...]
Das war ein Lehrer angeblich einem Seiteneinsteiger voraus hat, bzw voraus haben sollte ist Pädagogik und Didaktik. Aber das genau habe ich selten an Schulen erfahren. Ansonsten dürfte kaum ein Lehrer an Erfahrung und Fachwissen an die Messlatte von Seiteneinsteigern herankommen. Das riecht stark nach Angstschweiß der GEW, die sich ja schon einmal vehement gegen Praktika von Lehrern in Betrieben ausgesprochen haben.
BettyB. 11.04.2019
3. Eine Alternative
Klassisch ausgebildete Lehrer, die den Beruf wegen fehlender Alternativen oder Ferienzeiten gewählt haben, aber nur theoretisch wissen, wie man mit Schülern umgeht, oder lebenserfahrene Außenseiter, die sich bewusst sind, was [...]
Klassisch ausgebildete Lehrer, die den Beruf wegen fehlender Alternativen oder Ferienzeiten gewählt haben, aber nur theoretisch wissen, wie man mit Schülern umgeht, oder lebenserfahrene Außenseiter, die sich bewusst sind, was sie in der Schule als Alternative zum bisherigen Berufsleben erwartet. Für Schüler sind die Letzteren wohl von Vorteil.
abortus_bang 11.04.2019
4. Rosarote Geschichte vom Gymnasium
Was mich immer besonders stört, dass in den allermeisten Fällen in den Medien immer von GymnasiallehrerInnen beim Seiteneinstieg berichtet wird. Es ist ein himmelweiter Unterschied sollte man den Gang an eine Gemeinschaftsschule [...]
Was mich immer besonders stört, dass in den allermeisten Fällen in den Medien immer von GymnasiallehrerInnen beim Seiteneinstieg berichtet wird. Es ist ein himmelweiter Unterschied sollte man den Gang an eine Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe (mittlerweile quasi "Resteschule") antreten. Während ein gut ausgebildeter Mensch am Gymnasium auf überwiegend motivierte bzw. zumindest erzogene (respektvoll Erwachsenen und ein Mindestmaß an anständigem Verhalten anderen gegenüber) Kinder trifft, ist dies an anderen Einrichtungen mittlerweile mitnichten der Fall. Am Gym kann man zwar nicht sein Forscherwissen anbringen, dennoch besteht hier die Möglichkeit fachlich zu arbeiten. Völlig im Gegensatz zu anderen Schularten. Hier besteht das Problem! Die Gymnasien können ihren Bedarf an Personal noch gut decken, an den Brennpunktschulen sieht es landesweit aber katastrophal aus und wird sich weiterhin verschlechtern, weil niemand Lust hat sich den höchst ungesunden Stress zu geben. Ich selbst steige in diesem Sommer nach mehreren Jahren an einer solchen Schule (und sie ist noch nichtmal tiefster Brennpunkt) wieder aus, da sich die Arbeitsbedingungen auch gerade in den letzten Jahren noch weiter verschlechtert haben. Meiner persönlichen Meinung nach kann man dort den Beruf nicht mehr mit einer gesunden Lebensführung in Einklang bringen. Leid tun mir alle meine SchülerInnen, die es nicht (direkt) aufs Gym geschafft haben, vernünftigen Unterricht verdient haben aber leider oft nicht gerecht bedient werden können, weil andere pausenlos am Torpedieren sind. Ich behalte die Entwicklung interessiert im Auge, halte zwar nichts direkt von den oft getätigen Aussagen, dass "uns das alles um die Ohren fliegen wird". Es ist jedoch langfristig keine Verbesserung in Sicht und das ist höchst bedenklich.
Schleiter 11.04.2019
5. Ich werde Frau Doktor
Kürzlich las ich, dass uns in D in ländlichen Gebieten ein Ärztemangel droht. Hoffentlich kann ich dann auch meinen Lebenstraum verwirklichen und doch noch Ärztin, am liebsten Kinderärztin, werden. Studiert hab ich auch [...]
Kürzlich las ich, dass uns in D in ländlichen Gebieten ein Ärztemangel droht. Hoffentlich kann ich dann auch meinen Lebenstraum verwirklichen und doch noch Ärztin, am liebsten Kinderärztin, werden. Studiert hab ich auch etwas und viel Erfahrung als Mutter von drei Kindern. Berufsbegleitend ein Tag in der Woche Nachqualifizierung ist okay.

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