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Arbeitswelt

Beim nächsten Meeting drehe ich durch!

Vor lauter Meetings bleibt oft keine Zeit mehr zum Arbeiten. Einige Firmen reagieren verzweifelt: mit Meetings zur Abschaffung von Meetings - was alles noch schlimmer macht. Das weiß Karriereberater Martin Wehrle.

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Mittwoch, 24.10.2018   08:08 Uhr

Es gibt drei Möglichkeiten, wie Sie Ihre Arbeitszeit verschwenden können. Durch Meetings. Durch Meetings. Und durch Meetings. Nicht umsonst lehnt sich der Traum des modernen Angestellten an einen alten Spruch der Friedensbewegung: Stell dir vor, es ist Meeting - und keiner geht hin!

Alle halten Meetings für Zeitverschwendung. Alle sind genervt vom leeren Gerede. Alle wollen ihre Arbeit verrichten, statt nur darüber zu berichten. Und doch: Alle gehen hin. Viele laden dazu ein. Und einige glauben noch daran, dass nach einem Meeting etwas anders sein könnte als davor. Das stimmt sogar: Wer vor dem Meeting ein Sachproblem hatte, hat danach auch noch ein Beziehungsproblem.

Durchgedrehte Firmen veranstalten Meetings, um Probleme zu lösen. Genauso gut könnte man Kettenrauchen gegen Lungenkrebs empfehlen. Denn Management-Spezialisten wie Fredmund Malik sagen mit Recht: Eine gute Unternehmenskultur zeichnet sich nicht durch möglichst viele, sondern möglichst wenige Meetings aus. Die typische Sitzung macht Probleme nicht kleiner, sondern größer.

Wer aber versucht, die Meeting-Seuche zu stoppen, gerät vom Regen in die Traufe. So auch Ulla Hansen, eine Marketing-Expertin. Auf ihren Vorschlag, nicht für jeden Fliegenschiss ein Meeting einzuberufen, reagierte ihr Abteilungsleiter mit einem Reflex: "Das können wir nicht allein entscheiden - das müssen wir in großer Runde diskutieren."

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:56 Uhr
Ohne Gewähr

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Martin Wehrle
Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch!: Was Mitarbeiter in den Wahnsinn treibt

Verlag:
Mosaik
Seiten:
368
Preis:
EUR 15,00

Und so wurde - herrliche Ironie! - ein Meeting einberufen, um zu besprechen, wie viele Meetings eigentlich nötig sind. Als würde man sich in der Raucherecke auf eine Filterlose treffen, um etwas gegen Lungenkrebs zu unternehmen.

Und natürlich galten auch für diese Sitzung die üblichen Meeting-Regeln, die Ihnen sicher bekannt vorkommen:

Zehn Gebote für Durchdreh-Meetings

Das Meeting zur Abschaffung der Meetings versammelte die üblichen Verdächtigen, vor allem Oberindianer. Niemand kam auf die Idee, ein paar einfache Mitarbeiter einzuladen und sie zu fragen: "Wie oft sehen Sie Ihren Chef eigentlich noch? Hat er Zeit für Sie und Ihre Anliegen? Oder verschlucken ihn die Meeting-Räume schon am frühen Morgen?"

Zu Beginn des Meetings war Ulla Hansen noch guter Hoffnung. "Ich wusste ja aus vielen Gesprächen, dass die Kollegen von den Meetings genauso genervt waren wie ich. Also habe ich mit Rückendeckung gerechnet."

Schwups, war das Meeting gedreht

Aber dann holte die Wirklichkeit sie ein: "Als Erster hat der Lieblingsabteilungsleiter des Chefs gesprochen. Er hat gesagt: 'Meetings sind die Brücke vom Management zu den Mitarbeitern und umgekehrt. Je mehr es davon gibt, desto besser. Wollen wir die tatsächlich einreißen?'"

Der Bereichsleiter am Kopfende des Tisches nickte wohlwollend. Ulla Hansen suchte nach einer passenden Antwort. Doch ein Kollege, hinter den Kulissen Meeting-Kritiker, kam ihr zuvor: "Das stimmt schon: Wenn wir nicht mehr miteinander reden, erfahren wir nichts mehr voneinander." Damit war die Richtung der Diskussion vorgegeben: Ein Meeting-Hasser nach dem anderen ging von der Fahne ab.

Ulla Hansen hielt tapfer dagegen - zum sichtbaren Ärger des Bereichsleiters. Je länger das Meeting dauerte, desto mehr wurde sie als weltfremde Querulantin an den Pranger gestellt. Dieselben Münder, die sie selbst gegen Meetings hatte wettern hören, verteidigten jetzt die "Sitzungskultur". Lediglich ein paar Marginalien zu Tagesordnungen und Protokollen wurden in Frage gestellt.

Offene Diskussion mit feststehendem Ergebnis

Später erfuhr Hansen: Der Bereichsleiter hatte seine Truppe im kleinen Kreis auf den Pro-Meeting-Kurs eingeschworen. Lange, ehe die Sitzung begonnen hatte, stand die Stoßrichtung fest. Und die Unentschlossenen? Schluckten ihre Bedenken runter und schwenkten auf die Seite des Chefs.

Die Wissenschaft hat für dieses Phänomen einen Namen: Surface Acting. Die Meeting-Teilnehmer verhalten sich wie Kinder beim Versteckspiel, die ihre Augen schließen, um nicht gesehen zu werden. Nur dass sie die Augen vor den Problemen verschließen. Und Lösungen sehen, wo keine sind. Studien belegen, dass Menschen in Gruppen zu unberechtigtem Optimismus neigen und die Dauer von Projekten unterschätzen.

Und so passierte nach dem besagten Meeting, was in durchgedrehten Firmen nach jedem Meeting passiert: gar nichts. Die Tagung gegen Lungenkrebs beschloss: Wir rauchen fröhlich weiter. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann qualmen beziehungsweise tagen sie noch heute.

Statt zu arbeiten.

Dieser Text ist ein Auszug aus Martin Wehrles neuem Buch "Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch - Was Mitarbeiter in den Wahnsinn treibt" (Mosaik, 2018).

insgesamt 36 Beiträge
der geeduz 24.10.2018
1.
Das kenne ich. Als alleiniger Admin in meiner alten Firma musste ich an vielen sinnlosen Meetings teilnehmen, weil einer aus der IT ja dabei sein muss. Als ich mich dann beschwerte das ich aufgrund der ganzen Meetings meine Arbeit [...]
Das kenne ich. Als alleiniger Admin in meiner alten Firma musste ich an vielen sinnlosen Meetings teilnehmen, weil einer aus der IT ja dabei sein muss. Als ich mich dann beschwerte das ich aufgrund der ganzen Meetings meine Arbeit nicht mehr schaffe, wurde ein wöchentliches Meeting einberufen und meine Zeit neben den Meetings noch besser zu planen. ^^ Da der Chef keinen zweiten Admin einstellen wollte, hab ich mir dann einen neuen Job gesucht und absichtlich der Firma so spät wie möglich bescheid gesagt und dann meinen Resturlaub eingereicht :p
trackingerror 24.10.2018
2.
Die Anzahl an Meetings ist ein Indikator für die Größe/Komplexität (= Abstimmungsbedarf bzw. fachlicher Austausch, der m.E. in den meisten Fällen auch dezentral erfolgen kann) eines Projektes, doch leider auch für die [...]
Die Anzahl an Meetings ist ein Indikator für die Größe/Komplexität (= Abstimmungsbedarf bzw. fachlicher Austausch, der m.E. in den meisten Fällen auch dezentral erfolgen kann) eines Projektes, doch leider auch für die Planlosigkeit der Akteure. Ab einer kritischen Schwelle ist eher von Planlosigkeit/Inkompetenz der Akteure auszugehen. In diesen Fällen wird es schnell politisch, weswegen die eigene Strategie dann nur noch auf die individuelle Absicherung abzielt. Somit kann man m.E. ab einer kritischen Schwelle an Meetings von einer hohen Ineffizienz des Projektes ausgehen (dabei gehe ich natürlich von der Prämisse aus, dass sich die Akteure der Existenz einer solchen Schwelle nicht bewusst sind).
moritz1989 24.10.2018
3.
Und wie soll man Probleme sonst lösen? Durch Telepathie? Man hat doch gar keine andere Wahl als einen Austausch zu fördern, nicht alles kann man in seinem Kämmerchen mit Excel und Outlook lösen. Meetings so zu verteufeln ist [...]
Und wie soll man Probleme sonst lösen? Durch Telepathie? Man hat doch gar keine andere Wahl als einen Austausch zu fördern, nicht alles kann man in seinem Kämmerchen mit Excel und Outlook lösen. Meetings so zu verteufeln ist dämlich, da es sehr sehr sehr darauf ankommt, wie ein Meeting geführt wird, wer eingeladen ist und welches Thema besprochen werden soll. Hat man nur die üblichen Arbeitsverweigerer am Tisch, die Meetings grundsätzlich ablehnen, wird jedes Meeting zur Farce.
xlabuda 24.10.2018
4. So ist es - es gibt ein paar mathematische Grundsätze
Die auch für Projekte gelten. Je mehr Leute meeten, desto größer die Ineffizienz. Schraubt man die Anzahl der Meetings runter, läuft man Gefahr, wichtige Informationen und Abhängigkeiten zu verlieren. Kann man sich [...]
Die auch für Projekte gelten. Je mehr Leute meeten, desto größer die Ineffizienz. Schraubt man die Anzahl der Meetings runter, läuft man Gefahr, wichtige Informationen und Abhängigkeiten zu verlieren. Kann man sich überlegen, was schlimmer ist. Ich meine, das zweite, denn je weniger Fehler zu Anfang gemacht erden, desto geringerer Aufwand bei der Fehlerbehebung (alte Testregel). Der Autor hat zu wenig Praxiserfahrung.
K. Larname 24.10.2018
5.
Nach mehr als einem Vierteljahrhundert IT: Notwendigkeit, Frequenz und Effektivität von Meetings ist ausschließlich von der Qualität der Mitarbeiter abhängig, und dies unabhängig von ihrer Stellung im Unternehmen. Ich [...]
Nach mehr als einem Vierteljahrhundert IT: Notwendigkeit, Frequenz und Effektivität von Meetings ist ausschließlich von der Qualität der Mitarbeiter abhängig, und dies unabhängig von ihrer Stellung im Unternehmen. Ich kenne (zu viele) Abteilungsleiter-Meetings, die die Effektivität eines Kaffeekränzchens haben. Gute Meetings haben Synergieeffekte und gute Meetings produzieren Ergebnisse und To-Do's. Die ganz klare Empfehlung ist: Regelmäßige, z.B. wöchentliche oder zweiwöchentliche Meetings sind sinnvoll, aber nur, wenn sie kurz und knackig gehalten werden und Ergebnisse produzieren. Hierfür (Ergebnisse) gibt es eine simple Empfehlung: Bei Meetings muss ein Protokoll entstehen, das die Topics listet und z.B. mit Vermerken (I)nformation, (T)odo, (D)one, (R)echerche usw. versieht und vor allem mit einer pro Topic verantwortlichen Person. Diese Protokolle sind dann natürlich im Intranet archiviert und einsehbar, jedes Meeting beginnt mit dem Durchgehen des letzten Protokolls hinsichtlich Erledigungen und Verantwortlichkeiten. Wobei es hier nicht um Zeitdruck oder Pranger geht, sondern schlicht um die Effektivität von Meetings und die tatsächliche Erledigung von Punkten.

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