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Einsatz bei Großbränden wie Notre-Dame

"Man schwitzt, es ist sehr dunkel und laut"

Stundenlang brannte Notre-Dame in Paris, rund 400 Feuerwehrleute kämpften gegen die Flammen. Wie laufen solche Großeinsätze ab? Ein Feuerwehrmann berichtet.

YOAN VALAT/EPA-EFE/REX

Pariser Feuerwehrleute beim Einsatz in Notre-Dame

Ein Interview von
Mittwoch, 17.04.2019   18:55 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Unger, Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren als Feuerwehrmann. Was sind Ihre Erfahrungen mit Großbränden wie bei Notre-Dame?

Jan Ole Unger: Glücklicherweise war noch nie eine Kirche oder ein historisches Gebäude dabei. Ich war bei einem Lagerhallenbrand im Einsatz, einem Industriekomplex in Hannover. Dem Brand bei VW im Jahr 2002. Mehreren Großbränden in Hamburg und nicht zuletzt 2016 dem Brand des Containerfrachters "Arauco". Die Feuerwehr Hamburg war hier über 80 Stunden im Einsatz. Die technischen und personellen Herausforderungen waren riesig. Und vor denen stand Paris nun ebenfalls.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Belastung für den Einzelnen?

Unger: Etwa alle vier bis sechs Stunden sollte die Mannschaft ausgetauscht werden. Ein solcher Einsatz ist körperlich hochanstrengend und belastend, wie Hochleistungssport. Im Feuer sind wir Feuerwehrleute mit Atemluftflaschen unterwegs, sonst können wir nicht atmen. Eine Flasche reicht etwa zwanzig Minuten lang. Unter den Bedingungen dort im Feuer kann ein Feuerwehrmann maximal zwei Mal für je zwanzig Minuten arbeiten, dann muss er andere Aufgaben übernehmen. Die Kollegen, die im ersten Angriff in Notre-Dame vor Ort waren, wurden sicher ausgetauscht. Einen solchen Einsatz kann man nicht 12 Stunden oder länger durchhalten.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Was macht es so anstrengend?

Unger: Es ist sehr heiß, 1000 Grad können schnell erreicht werden. Die Feuerwehrleute tragen Schutzkleidung, die über zehn Kilo wiegt. Der Anzug ist sehr dick, damit die Haut vor Flammen geschützt ist. Das bedeutet aber auch, dass die körpereigene Hitze nicht entweichen kann und stattdessen von der Kleidung gespeichert wird. Man schwitzt also unheimlich. Das Sichtfeld ist durch die Atemschutzmaske zudem eingeschränkt, es ist sehr dunkel. Außerdem ist es im Feuer laut. Wir arbeiten sehr hart, konzentriert, auch unter Einsatz unserer eigenen Gesundheit, um anderen Menschen ein Maximum an Hilfe zugutekommen zu lassen, oder eben, um Kulturschätze zu retten.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich noch an Ihren ersten Einsatz erinnern?

Unger: Ein Wohnungsbrand. Heiß und dunkel war es. Nah am Feuer ist es schwarz. Man sieht die Hand vor Augen nicht, tastet sich voran. Viele kennen Feuer als hell und leuchtend, aber das stimmt nicht. Ein Feuer ist dunkel. Das sieht man auch an der Rauchsäule, die aus dem Kirchenschiff in Paris herauskam, die war grau, rotbraun oder auch tiefschwarz. Wenn man Innen im Gebäude ist, sieht man nichts.

Video vom Einsatz der Pariser Feuerwehrleute im Innern von Notre-Dame

Foto: REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt man sich bei so einem Einsatz?

Unger: Eine innere Aufgeregtheit gibt es immer. Adrenalin. Aber wir sind gut trainiert und ausgebildet. Angst habe ich nicht, aber Respekt vor dem Feuer.

SPIEGEL ONLINE: Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf?

Unger: Man funktioniert. Es gibt klare Handlungsabläufe, wie eine Checkliste, die man im Kopf immer wieder durchgeht und abhakt. Man denkt nicht an den Urlaub, der gerade gewesen ist, sondern man ist hochkonzentriert und fokussiert. Man will retten, will helfen. Und nach uns kommt ja keiner mehr. Wir müssen die Aufgabe lösen, den Einsatz bewältigen.

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Brand in Notre-Dame: Einsatz an der Kathedrale

SPIEGEL ONLINE: Der Einsatz vor Ort ist das eine, die Koordination in der Zentrale eine andere. Wie wird entschieden, wie viele Einsatzkräfte gebraucht werden?

Unger: Ein Notruf geht über die 112 ein. Dann gibt es für uns ein sogenanntes Meldebild, das könnte wie folgt lauten: Es steigt Rauch aus dem Dach, wir sehen Flammen. Bei einem Kirchenbrand in Hamburg würden wir direkt zwei Löschzüge mit 32 Mann und weiteren Sonderfahrzeugen losschicken, mehr als doppelt so viele wie bei einem klassischen Wohnungsbrand. Das Meldebild und Erkundungsergebnisse bestimmen letztendlich die Anzahl der Einsatzkräfte. Ich vermute, dass in Paris direkt die höchste Alarmstufe ausgelöst wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie organisiert man so einen Großeinsatz?

Unger: Ein solcher Großbrand ist auch ein enormer logistischer Aufwand. Denn 400 Feuerwehrleute, die für Löscharbeiten an Notre-Dame abgezogen werden, fehlen an anderer Stelle. Aber das Leben in Paris geht ja trotzdem weiter.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Unger: Es gab sicherlich Wohnungsbrände, die gelöscht, Verkehrsunfälle oder Rettungseinsätze, die bewältigt werden mussten. Das muss man erst einmal koordinieren. Und im Gegensatz zu Hamburg gibt es in Paris keine freiwillige Feuerwehr, die unterstützen kann. Die Feuerwehren in Frankreichs Hauptstadt - wie auch die unserer Partnerstadt Marseille - sind im Militär verwurzelt und gehen in der Gründung noch auf Napoleon zurück.

SPIEGEL ONLINE: In Paris ist ein Feuerwehrmann schwer verletzt worden. Haben Sie schon erlebt, dass einer Ihrer Kollegen verletzt wurde?

Unger: In Hamburg hatten wir in den letzten Jahrzehnten viel Glück. Zum Beispiel beim Großbrand eines Bunkers. Der Brand breitete sich explosionsartig aus, als schon Feuerwehreinsatzkräfte im Gebäude waren. Es grenzt an ein Wunder, dass niemandem etwas Ernsthaftes passiert ist. Einer meiner Kollegen ist vor wenigen Jahren durch herabstürzende Dachteile schwerer verletzt worden. Das hätte auch anders ausgehen können. Aber das passiert glücklicherweise selten. Ich glaube, wir Feuerwehrleute haben das ein oder andere Mal auch zwei Schutzengel an unserer Seite.

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