KarriereSPIEGEL

Understatement im Beruf

Abschied von der dicken Hose

Befördert wird, wer am lautesten krakeelt - obwohl der stille Kollege den Job viel besser machen würde. Ein Grund zur Resignation? Nein. Denn Understatement zahlt sich langfristig aus.

DPA

Nur wer sich größer macht, kommt im Beruf voran. Oder?

Ein Gastbeitrag von
Dienstag, 24.05.2016   06:24 Uhr

Kennen Sie den Dunning-Kruger-Effekt? Ganz bestimmt. Es handelt sich um eine Faustregel, die von den Psychologen Justin Kruger und David Dunning von der Universität Cornell aufgestellt worden ist. Nach umfangreichen Studien, versteht sich. Sie lautet: Wer am wenigsten Ahnung hat, neigt dazu, sich am stärksten zu überschätzen.

Diese Regel gilt auch im Berufsleben. Allerdings scheint sich das nicht überall herumgesprochen zu haben. Häufig werden diejenigen belohnt, die den Mund besonders voll nehmen: Die Erfolgstypen, Narzissten, Vordrängler. Dass sie unfähig sind, fällt nicht weiter auf. Ihre Imagepflege reicht schon. Und so haben wir es hier gleich mit einem doppelten Dunning-Kruger-Effekt zu tun: Die Inkompetentesten werden von denen am stärksten gefördert, die am wenigsten in der Lage sind, ihre Leistung zu beurteilen. Eben weil sie selbst solche Erfolgstypen, Narzissten und Vordrängler sind.

Umgekehrt sind oftmals die Fähigsten besonders still. Sie vertrauen darauf, dass ihre Qualitäten schon bemerkt werden - leider nicht immer zu Recht. Doch was sollen sie machen? Schaumschlägerei ist ihnen zuwider. Sie können gar nicht anders, als so aufzutreten, unaufdringlich, zurückhaltend, kurz gesagt: mit Understatement.

Unterschätzt zu werden, kann ein Vorteil sein

Understatement ist die Kunst der feinen Untertreibung. Widrigkeiten werden als harmloser hingestellt, als sie sind, Leistungen und Erfolge kleingeredet. Warum sollten Sie das tun? Weil Sie sich damit subtil aufwerten. Und zwar stärker als derjenige, der "auf dicke Hose" macht. Der zeigt nämlich vor allem eins: Dass er diese Showveranstaltung nötig hat.

Der besondere Clou beim Understatement liegt darin, dass Sie damit auch diejenigen aufwerten, die es durchschauen. Sie verlassen sich darauf, dass andere sich nicht vom Anschein täuschen lassen, sondern beurteilen können, was Sie eigentlich geleistet haben. Understatement ist eine Sache für Kenner, während plakative Selbst-PR auch der Dümmste versteht.

Darüber hinaus ist Understatement ein Zeichen von Unabhängigkeit. Sie sind nicht darauf angewiesen, Beifall einzusammeln. Sie kennen Ihren Wert und müssen sich den nicht immer wieder bestätigen lassen. Doch wenn Sie sich gegenüber Konkurrenten behaupten müssen? Dann müssen Sie doch Ihre Stärken zur Geltung bringen. Oder?

Es muss nicht immer ein Nachteil sein, unterschätzt zu werden. Es kann Ihnen nützen, wenn Konkurrenten Sie nicht auf der Rechnung haben. Umso ungestörter können Sie Ihre Fähigkeiten aufbauen, Kontakte knüpfen und Pläne machen - und bei der passenden Gelegenheit zeigen, was in Ihnen steckt. Ihre Leistung kommt umso stärker zur Geltung, weil man sie Ihnen nicht zugetraut hätte. Außerdem ist kaum jemand geeigneter als Sie, Schaumschläger zu entlarven. Die Sympathien sind auf Ihrer Seite. Und wenn Sie mit einer gewissen Beiläufigkeit zeigen, was Sie auf dem Kasten haben, stinkt der andere umso dramatischer ab.

Die schlimmsten Chef-Sprüche (4)

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Das ist das Schöne am Understatement: Sie behalten immer etwas in Reserve. Sie setzen Ihre Ziele so, dass Sie noch darüber hinausgehen können. Das gibt Ihnen nicht nur das beruhigende Gefühl zu erreichen, was Sie sich vorgenommen haben. Es hat auch Einfluss darauf, wie Sie wahrgenommen werden. Sie klopfen keine Sprüche, Sie sind ernst zu nehmen.

Allerdings wird es uns immer schwerer gemacht, solche Reserven aufzubauen. Wir sollen Höchstleistungen bringen, an unsere Grenzen gehen oder besser noch darüber hinaus. Wir sollen uns möglichst hohe Ziele setzen. Für Understatement ist das der Todesstoß. Wenn die Ziele so hochgesteckt sind, kann man sie nur noch unterschreiten. Die Aufgabe besteht dann darin, den Eindruck zu erwecken, als hätte man sie doch erreicht. Und genau in dieser Disziplin sind die Showtalente unschlagbar.

Auf den höheren Positionen sitzen überdurchschnittlich viele Narzissten, also Menschen, die zur Selbstherrlichkeit neigen und den eigenen Vorteil über alles andere stellen. Ihr überentwickeltes Geltungsbedürfnis ist der Motor, der sie antreibt und früher oder später an der Konkurrenz vorbeiziehen lässt. Es gibt durchaus die Ansicht, dass dies völlig in Ordnung geht. Weil nur solche Typen die Dinge vorantreiben und die Leute mitreißen.

Ob die Aufgabe einer Führungskraft darin besteht, die Mitarbeiter zu begeistern, wollen wir mal offenlassen. Auf jeden Fall hat es schon immer Führungspersönlichkeiten gegeben, die sich nicht durch äußeren Glanz ausgezeichnet haben, sondern durch Bescheidenheit.

Chefs dieser Kategorie halten sich im Hintergrund. Sie stellen nicht die eigene Person in den Vordergrund, sondern die gemeinsame Aufgabe. Um die zu bewältigen, werden verschiedene Talente gebraucht. Und die ordnen sich keineswegs so bereitwillig unter, wie es die machtbewussten Alphatiere gerne hätten. Gerade hoch qualifizierte Fachkräfte reagieren allergisch auf selbstherrliches Imponiergehabe.

Und doch werden Führungskräfte, die zum Understatement neigen, gerne unterschätzt. Das macht aber gar nichts. Denn Understatement legt es ja eben darauf an. Understatement ist Ausdruck innerer Stärke. Es ist die wirksamste und rücksichtsvollste Art, Selbstbewusstsein zu zeigen.

Vote

Bescheidene Chef

Understatement bei Führungskräften - was meinen Sie?

Zum Autor

insgesamt 76 Beiträge
eunegin 24.05.2016
1. Träumerei
Ja, das wäre nette Träumerei und mag im Einzelfall zutreffen (wie beim Lotto). Leider schaut die Realität aber anders aus. Oben sitzt der Macher (laut verkündet - aber andere machen...). Ich habe nur allzu oft den Typ [...]
Ja, das wäre nette Träumerei und mag im Einzelfall zutreffen (wie beim Lotto). Leider schaut die Realität aber anders aus. Oben sitzt der Macher (laut verkündet - aber andere machen...). Ich habe nur allzu oft den Typ Klassenbully in der Chefetage miterlebt, der zu hierarchisch Gleich- oder Höhergestellten durchaus einnehmend sein kann, alle anderen müssen ihm allerdings dienen. Fachlich nicht auf der Höhe, aber laut und instinktiv das Wissen und Können anderer nutzend. Deren Motivation und auch die Bereitschaft, sich für den Betrieb einzusetzen leidet und schadet letztlich den Geschäftszielen. Interessanterweise sieht sich dieser Typus als guter Vorgesetzter, da er sich insgesamt überlegen und unfehlbar fühlt. So geht es in großen deutschen Unternehmen zu. Der SPON-Artikel wirkt daher eher therapeutisch und liest sich nett. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
ekel-alfred 24.05.2016
2. Understatement?
Brave Kinder sagen nix, brave Kinder kriegen nix. Ein alter Spruch, der heute immer noch gilt. Stille Kollegen(innen) verkaufen sich zu schlecht. Du musst mit deinen Vorzügen wuchern gehen. "Chef, im Bad brannte noch [...]
Brave Kinder sagen nix, brave Kinder kriegen nix. Ein alter Spruch, der heute immer noch gilt. Stille Kollegen(innen) verkaufen sich zu schlecht. Du musst mit deinen Vorzügen wuchern gehen. "Chef, im Bad brannte noch Licht, aber ICH habe es ausgemacht!"
troy_mcclure 24.05.2016
3. Ach ja?
Meine Erfahrung ist da leider anders, die Stillen/Zurückhaltenden, die sich nicht gut verkaufen können, kommen häufig nicht voran.
Meine Erfahrung ist da leider anders, die Stillen/Zurückhaltenden, die sich nicht gut verkaufen können, kommen häufig nicht voran.
lindenbast 24.05.2016
4.
Eindeutig zu optimistisch. Bis jemand bemerken könnte, dass Kollege X zum understatement neigt, ist der längst auf Hartz IV.
Eindeutig zu optimistisch. Bis jemand bemerken könnte, dass Kollege X zum understatement neigt, ist der längst auf Hartz IV.
Mister Stone 24.05.2016
5.
Denn Understatement zahlt sich langfristig aus. Kaum Job ist heutzutage langfristig. Langfristig zahlt sich nur aus, was kurzfristig Erfolge bringt: Schnelle wirksame Erfolge. Wer abwartet, wird überholt oder überrollt.
Denn Understatement zahlt sich langfristig aus. Kaum Job ist heutzutage langfristig. Langfristig zahlt sich nur aus, was kurzfristig Erfolge bringt: Schnelle wirksame Erfolge. Wer abwartet, wird überholt oder überrollt.

Verwandte Themen

Noble Mitarbeitergeschenke

Anzeige

Anzeige

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP