KarriereSPIEGEL

Vorstellungsgespräch

Nächstes Mal bitte den Lebenslauf lesen

Personaler vergessen den Namen des Kandidaten, Geschäftsführer schlecken nebenbei ein Eis: Vorstellungsgespräche laufen oft nicht so ab, wie sich Bewerber das wünschen, zeigt eine Umfrage. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Corbis

Vorstellungsgespräch: "Schön, dass Sie sich bewerben, Herr, äh..."

Von
Freitag, 13.02.2015   12:03 Uhr

Leseraufruf

Wenn auch Sie von ungewöhnlichen Erfahrungen bei Ihrem Jobinterview berichten wollen, schicken Sie uns eine Mail mit Ihren Erlebnissen. Wie lief das Vorstellungsgespräch? Hat man Sie zuvorkommend oder abweisend behandelt? Und wie haben Sie auf absurde Sprüche oder Verhaltensweisen reagiert?
(Einsendung gilt als Zustimmung zur Veröffentlichung. Wir werden die Beispiele im Artikel anonymisieren.)
Ein Vorstellungsgespräch ist ein großer Auftritt - und ein folgenreicher dazu. Viele Bewerber bereiten sich wochenlang vor, auf alle möglichen und unmöglichen Fragen, wollen den perfekten ersten Eindruck hinterlassen. Was dabei oft vergessen wird: Nicht nur der Bewerber will sich in einem guten Licht präsentieren. Auch das Unternehmen stellt sich vor.

Das ist oft ernüchternd: In einer aktuellen Umfrage kritisieren die Bewerber, dass potenzielle Vorgesetzte oft sehr schlecht vorbereitet zum Gespräch erscheinen. Wenn sie die Bewerbungsunterlagen überhaupt kennen, dann wurden sie nur hastig vor dem Termin überflogen. Nur gut die Hälfte der Kandidaten hat den Eindruck, dass der Chef sich wirklich mit der Bewerbung beschäftigt hat.

Führt das Gespräch ein Mitarbeiter der Personalabteilung, liegt der Wert immerhin bei 73 Prozent - richtig beeindruckend ist aber auch das nicht. Und aus Sicht der Bewerber ist das Gespräch mit dem Personaler ohnehin meist nur zweite Wahl. Schließlich wollen sie die Leute kennenlernen, mit denen sie vielleicht in den nächsten Jahren eng zusammenarbeiten.

Eis am Stiel beim Interview

Das wünschen sich 89 Prozent der Teilnehmer der Umfrage der Recruiting-Plattform Softgarden. "Unbedingt sprechen" wollen fast alle mit Führungskräften des Unternehmens, 52 Prozent auch mit künftigen Kollegen und lediglich 44 Prozent mit Mitarbeitern der Personalabteilung. Ebenso eindeutig ist die Antwort auf die Frage, wer über eine Einstellung entscheiden soll: Für 75 Prozent der Kandidaten sollen es Vorgesetzte sein, nur für zwölf Prozent die Personalabteilung.

Diese Ergebnisse hat Softgarden im Januar bei einer Umfrage auf ihrem eigenen Bewerbungsportal ermittelt. Repräsentativ sind sie nicht, trotz einer Zahl von fast 1200 Teilnehmern, Durchschnittsalter 32 Jahre. Doch angesichts dieser Größenordnung sollten Unternehmen das Thema ernst nehmen. Die Ergebnisse passen leider auch zu den Erfahrungen vieler Arbeitnehmer: Sei es, dass sie im Vorstellungsgespräch mit falschem Namen angeredet wurden, oder dass der Geschäftsführer während des Gesprächs ein Eis am Stiel gegessen hat.

Für das Image des Unternehmens sind solche Bewerbererfahrungen verheerend, denn sie sprechen sich herum. Wer so was erlebt, rät Freunden und Bekannten von einer Bewerbung dort ab, manche boykottieren sogar die Produkte der Firma.

Die Teilnehmer der Softgarden-Umfrage haben auch ihre Wünsche für bessere Vorstellungsgespräche aufgeschrieben. Die prägnantesten:

Was Bewerber sich fürs Vorstellungsgespräch wünschen (aus einer Umfrage des Recruiting-Portals Softgarden)

"Vorgesetzte sollten sich vor einem Gespräch mit einem Bewerber auch mit dessen Bewerbung beschäftigen. Teilweise werden die Bewerbungen erst zu Beginn eines Vorstellungsgespräches kurz überflogen."

"Es würde sehr helfen, wenn im Vorstellungsgespräch ein normaler Tagesablauf im Unternehmen zur Veranschaulichung beschrieben würde."

"Bitte die Vorauswahl der Bewerber nicht ausschließlich den Assistenten überlassen."

"Mir wäre schon mit klaren, realistischen Bewerberprofilen geholfen."

"Von abgegriffenen Fragen wie 'Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?' oder 'Warum sollen wir uns für Sie entscheiden?' sollten Personaler absehen."

"Das Vorstellungsgespräch wäre besser, wenn ein Kollege aus dem ausgeschriebenen Bereich dazugeholt würde, damit er mitentscheiden kann über den Bewerber."

"Sie sollten offene Gepräche führen und nicht über 'dialektische Umwege' die Persönlichkeit ergründen."

"Sie sollten unbedingt ein Mindestmaß an Wertschätzung zeigen. Ich habe von Skype-Interviews gehört, bei denen man mit zwei CEOs sprach, wobei einer seine Fragen einfach hastig abarbeitete, während der andere am Smartphone arbeitete."

"Ein Verbesserungsvorschlag wäre, wenn der Vorgesetzte sofort auch beim ersten Vorstellungsgespräch anwesend ist, und nicht nur der Personaler."

Wir möchten von Ihnen, liebe Leser, wissen: Welche ungewöhnlichen Erfahrungen haben Sie im Vorstellungsgespräch gemacht? Sind Sie auf gepflegtes Desinteresse gestoßen? Oder ganz besonders aufmerksam behandelt worden? War das Verhalten der Personalers eher schräg - oder vielleicht unerwartet herzlich? Und: Wie haben Sie reagiert?

Schicken Sie uns eine Mail mit Ihren Erlebnissen!

insgesamt 100 Beiträge
ontwoone 13.02.2015
1. Will ich jede Bewerbung lesen?
In den letzten Jahren fallen immer mehr Bewerbungen bei mir in der ersten Sichtung durch, weil voll mit Fehlern oder unordentlich. Manchmal besser nicht drauf schauen und dem Menschen vor sich eine persönliche Chance geben. [...]
In den letzten Jahren fallen immer mehr Bewerbungen bei mir in der ersten Sichtung durch, weil voll mit Fehlern oder unordentlich. Manchmal besser nicht drauf schauen und dem Menschen vor sich eine persönliche Chance geben. Bewerben gehört in den Schulunterricht!
howard_phillips 13.02.2015
2.
Schön ist :"Wo sehen Sie sich un fünf Jahren?", wenn die Stelle aus ein Jahr befristet ausgeschrieben ist. ;-) Es gibt in Ratgebern diese Liste "40 Frage mit denen Sie in Vorstellungsgesprächen rechnen [...]
Schön ist :"Wo sehen Sie sich un fünf Jahren?", wenn die Stelle aus ein Jahr befristet ausgeschrieben ist. ;-) Es gibt in Ratgebern diese Liste "40 Frage mit denen Sie in Vorstellungsgesprächen rechnen müssen". Leider arbeiten viele Personaler einfach nur diese Liste ab.
Shelly 13.02.2015
3. Als Berufsanfängerin (!) wurde ich im ersten
Vorstellungsgespräch kurz vor Beendigung des Studiums regelrecht gemobbt. Aussagen von mir wurden angezweifelt, mein Zeugnis (techn Studium, Durchschnitt 1,7) wurde als nicht gerade gut bezeichnet usw. Am Ende des [...]
Vorstellungsgespräch kurz vor Beendigung des Studiums regelrecht gemobbt. Aussagen von mir wurden angezweifelt, mein Zeugnis (techn Studium, Durchschnitt 1,7) wurde als nicht gerade gut bezeichnet usw. Am Ende des Vorstellungsgesprächs wurde ich um meine Meinung gefragt, wie ich das Gespräch denn gesehen habe und habe dann wahrlich kein Blatt vor den Mund genommen, ich war wirklich sehr verärgert. 2 Wochen später kam der Anruf, ich könnte anfangen. Obwohl ich noch keine andere Zusage hatte, habe ich noch am Telefon abgesagt. In so eine Firma gehe ich nicht.
metastabil 13.02.2015
4.
Zumindest die Bewerbungen der Bewerber, die sie in einem Vorstellungsgespräch beurteilen sollen, sollten sie aber schon mal aufmerksam gelesen haben. Es geht nicht darum, ob miserable Bewerbungen nicht gelesen werden, es geht [...]
Zitat von ontwooneIn den letzten Jahren fallen immer mehr Bewerbungen bei mir in der ersten Sichtung durch, weil voll mit Fehlern oder unordentlich. Manchmal besser nicht drauf schauen und dem Menschen vor sich eine persönliche Chance geben. Bewerben gehört in den Schulunterricht!
Zumindest die Bewerbungen der Bewerber, die sie in einem Vorstellungsgespräch beurteilen sollen, sollten sie aber schon mal aufmerksam gelesen haben. Es geht nicht darum, ob miserable Bewerbungen nicht gelesen werden, es geht darum, dass sich Entscheidungsträger in manchen Fällen scheinbar kein bisschen auf das Vorstellungsgespräch vorbereitet haben. Nun ist das eigene Vorstellungsgespräch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das einzige, das an diesem Tag durchgeführt wird, aber ein wenig Vorbereitung ist da definitiv zumutbar.
bernd.stromberg 13.02.2015
5.
Es geht im Artikel u.a. darum, dass Personaler im Vorstellungsgespräch, wenn also die Bewerbungen schon gefiltert und ggfs. das Assessment durch sind, nicht mal vor dem Gespräch noch einmal den Lebenslauf durchgelesen hat. [...]
Zitat von ontwooneIn den letzten Jahren fallen immer mehr Bewerbungen bei mir in der ersten Sichtung durch, weil voll mit Fehlern oder unordentlich. Manchmal besser nicht drauf schauen und dem Menschen vor sich eine persönliche Chance geben. Bewerben gehört in den Schulunterricht!
Es geht im Artikel u.a. darum, dass Personaler im Vorstellungsgespräch, wenn also die Bewerbungen schon gefiltert und ggfs. das Assessment durch sind, nicht mal vor dem Gespräch noch einmal den Lebenslauf durchgelesen hat. Bewerben *ist* meiner Erfahrung nach seit Jahrzehnten bestandteil des Schulunterrichts (trotzdem können es viele nicht).

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