KarriereSPIEGEL

Schikane am Arbeitsplatz

Wie Sie Ihren Chef verklagen

3. Teil: Beschwerde über Vorgesetzte: So greifen Sie mit Bedacht an

Corbis

Von
Mittwoch, 30.05.2012   11:11 Uhr

In vielen Fällen ist es ratsam, dass Sie Ihre Beschwerde zunächst an die Personalabteilung herantragen. In einem vertraulichen Gespräch können Sie dort die Probleme, die Sie mit Ihrem Vorgesetzten haben, erläutern und sich beraten lassen, was Sie gegen die Attacken unternehmen können.

Auf Ihren Wunsch hin kann der Personaler Ihren Chef auch direkt mit dem Problem konfrontieren. Das ist allerdings meist nur sinnvoll, wenn er dabei auch Ihren Namen und den konkreten Vorfall ansprechen darf. "Es ist nicht zielführend, anonymisierte, unkonkrete Vorwürfe an den Chef heranzutragen", sagt eine ehemalige Leiterin einer Personalabteilung. "Damit wird das Problem nicht gelöst, und der Chef fühlt sich - zu Recht - hintergangen, da er zu den Vorwürfen nicht seine Sicht der Dinge schildern kann."

Für eine solche Konfrontation spricht, dass der Personaler meist weit wirksamer und diplomatischer mit dem Chef verhandeln kann als der Mitarbeiter selbst. Er kennt den Chef oft besser und ist selbst in einer hierarchisch gehobenen Position. "Ein solches Gespräch kann dazu führen, dass die Attacken gegen den Mitarbeiter aufhören", sagt die Ex-Personalerin.

Seien Sie aber auf der Hut: Bevor Sie sich bei der Personalabteilung beschweren, sollten Sie versuchen, so viel wie möglich über die dort arbeitenden Menschen herauszufinden. "Es kommt zwar nicht oft vor, aber es gibt Unternehmen, in denen der Chef und der Personaler ein sehr enges Verhältnis pflegen", so die frühere Personalerin. "In diesem Fall ist es für den Mitarbeiter möglicherweise riskant, sich an die Personalabteilung zu wenden - da die Gefahr besteht, dass der Personaler beim Chef petzt."

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Neben dem Gang zur Personalabteilung ist - sofern vorhanden - auch eine Beschwerde beim Betriebsrat möglich. Das Problem bleibt so zunächst vertraulich. Der Betriebsrat kann entsprechende Beschwerden zudem sammeln; es ist schließlich gut möglich, dass Ihr Chef nicht nur Sie quält, sondern auch manche Ihrer Kollegen - und dass diese sich ebenfalls schon an den Betriebsrat gewandt haben.

Damit der Betriebsrat Ihnen helfen kann, müssen Sie den Konflikt mit Ihrem Chef möglichst genau beschreiben: Geben Sie konkrete Beispiele. Legen Sie Ihr Protokoll vor. Benennen Sie möglichst Zeugen, die vertraulich befragt werden können.

Der Betriebsrat wird den Chef nun mit der Beschwerde konfrontieren. "In einigen Fällen reicht eine solche Ermahnung schon, um den Konflikt zu entspannen", sagt Arbeitsrechtler Nägele. Sei dies nicht der Fall, könne der Betriebsrat den Geschäftsführer des Unternehmens einschalten - mit der Bitte, dem Problem-Chef ins Gewissen zu reden.

Sollten sich die Bemühungen der Personalabteilung und des Betriebsrats als fruchtlos erweisen, können Sie sich als nächstes persönlich an die Firmenleitung wenden. Am besten, indem Sie einen Beschwerdebrief an den Geschäftsführer schreiben. Wenn Sie in einem größeren Unternehmen arbeiten, können Sie sich auch an das Sekretariat des Personalvorstands wenden.

Der Brief muss das Fehlverhalten Ihres Vorgesetzten konkret beschreiben und möglichst gut belegen. Bevor Sie die Beschwerde abschicken, sollte ein Arbeitsrechtler sie gegenlesen.

Ist der Brief versendet, sollte bald etwas passieren. "Der Arbeitgeber ist verpflichtet, seine Führungskräfte so zu leiten, dass sie Mitarbeiter nicht belästigen oder beleidigen", sagt Nägele. "Verstößt ein Chef gegen diese Pflicht, kann die Unternehmensleitung ihn ermahnen, abmahnen und im Extremfall feuern."

Doch Obacht: Sichern Sie sich ab, ehe Sie sich an die Unternehmensleitung wenden. Welche Personen in der Unternehmensleitung gilt es zu meiden, weil Sie mit Ihrem Chef eng verbündet sind? Von welchen Managern ist Hilfe zu erwarten? Ihren Brief schicken Sie an eine aus Ihrer Sicht besonders vertrauenswürdige Person.

insgesamt 34 Beiträge
honschi 30.05.2012
1.
Sehr interessanter Artikel, leider existiert bei uns im Unternehmen weder ein Betriebsrat noch eine Personalabteilung an die ich mich wenden könnte. Diese Konstellation ist bei den großen Discountern üblich.
Sehr interessanter Artikel, leider existiert bei uns im Unternehmen weder ein Betriebsrat noch eine Personalabteilung an die ich mich wenden könnte. Diese Konstellation ist bei den großen Discountern üblich.
Asirdahan 30.05.2012
2. ohne
Was heißt, ständige Schikanen und Beleidigungen? Schon eine einzige Beleidigung muss ich nicht hinnehmen. Am Ende läuft doch alles darauf hinaus, ob und wie ich mich wehre. Dann kann ich das auch gleich nach der ersten [...]
Zitat von sysopCorbisWas tun, wenn der Vorgesetzte einem Mitarbeiter den Job zur Hölle macht? Ständige Beleidigungen und Schikanen muss niemand ohnmächtig hinnehmen. Es gibt Auswege aus dem Dilemma: Mit Strategien von der Anti-Mobbing-Allianz bis zur Klage können Sie sich wehren. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,835344,00.html
Was heißt, ständige Schikanen und Beleidigungen? Schon eine einzige Beleidigung muss ich nicht hinnehmen. Am Ende läuft doch alles darauf hinaus, ob und wie ich mich wehre. Dann kann ich das auch gleich nach der ersten Beleidigung tun. Jeder muss wissen, welchen Druck er aushält. Ich persönlich bin immer dafür, auch dem Chef auf Augenhöhe zu begegnen. Wer mich beleidigt, der bekommt auch von mir scharfe Worte zu hören. Anders kann es zwischen erwachsenen Menschen nicht ablaufen. Das allererste Schlucken einer Demütigung ist der fatale Abstieg in die Unterwürfigkeit. Der Chef hat in Grenzen das Recht, mir meine Arbeit vorzuschreiben. In Grenzen, damit meine ich, wenn ich ein Spezialgebiet bearbeite, von dem er keine Ahnung hat, dann sollte auch er sich in Bescheidenheit üben. Im Umgang zwischen Mensch zu Mensch hat er sich mir gegenüber höflich zu verhalten, auch wenn er mich kritisiert. Etwas anderes muss ich mir nicht gefallen lassen. Leider ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt in manchen Branchen derart, dass die Arbeitnehmer sich ins duldende ohnmächtige Schweigen verkriechen müssen, bis sie platzen. Dann ist es meistens zu spät für eine vernünftige Regelung.
talackova 30.05.2012
3. Warum gleich verklagen
Abmahnunen an den Arbeitgeber sind ein wunderbaren Mittel, um aus der dreimonatigen Sperre für Arbeitslosengeld bei eigener Kündigung herauszukommen.
Zitat von sysopCorbisWas tun, wenn der Vorgesetzte einem Mitarbeiter den Job zur Hölle macht? Ständige Beleidigungen und Schikanen muss niemand ohnmächtig hinnehmen. Es gibt Auswege aus dem Dilemma: Mit Strategien von der Anti-Mobbing-Allianz bis zur Klage können Sie sich wehren. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,835344,00.html
Abmahnunen an den Arbeitgeber sind ein wunderbaren Mittel, um aus der dreimonatigen Sperre für Arbeitslosengeld bei eigener Kündigung herauszukommen.
ernstmoritzarndt 30.05.2012
4. Artikel sehr problematisch
a.) Mobbing stellt eine drastische Missachtung der Arbeitnehmerrechte dar und gehört geahndet. b.) Wenn ein Chef denn verurteilt wird zur Unterlassung (das ist im Artikel falsch dargestellt) wird verurteilt zur Unterlassung bei [...]
a.) Mobbing stellt eine drastische Missachtung der Arbeitnehmerrechte dar und gehört geahndet. b.) Wenn ein Chef denn verurteilt wird zur Unterlassung (das ist im Artikel falsch dargestellt) wird verurteilt zur Unterlassung bei Meidung von Ordnungsgeld bis zu € 250.000,-- ersatzweise ordnungshaft oder Ordnungshaft. c.) Das ist zu kurz gekommen: Es muß Material gesammelt werden, auf die gründlichste Art und Weise, das hat extrem substantiell zu geschehen, Zusammenhänge zwischen einzelnen Vorgängen herstellen. Immer wieder: substantielles Material. Es gibt bisher kaum erfolgreiche Mobbingprozesse. Diese bleiben meistens wegen unvollständiger Materialsammlungen stecken. Am besten ist es, wenn ich eine "Linie" des Fehlverhaltens darstellen kann, wie im Falle des bekannten Leiturteils des Thüringischen LAG. Ohne die Entscheidung läuft nichts. d.) Unterstützung von Kolleginnen/Kollegen meistens sehr problematisch. Die haben Angst, selbst in die Schußlinie zu geraten.
john789 30.05.2012
5. gekündigt, arbeitslos und dann?
Was wird wohl der zuständige Bearbeiter der Arge sagen? Man habe selbst gekündigt, also erstmal 3-monatige Streichung der Arbeitslosenhilfe!! Etwaige "Beweise", die man über den Chef gesammelt hat, werden nicht [...]
Was wird wohl der zuständige Bearbeiter der Arge sagen? Man habe selbst gekündigt, also erstmal 3-monatige Streichung der Arbeitslosenhilfe!! Etwaige "Beweise", die man über den Chef gesammelt hat, werden nicht anerkannt, also muss man doch wieder klagen, diesmal gegen die Arge, um an sein Recht zu kommen. Da kann man auch gleich gegen den eigenen Chef klagen. So oder so, es geht an die Substanz, finanziell wie psychisch. Darf man entsprechendes, eindeutiges Verhalten seines Chefs eigentlich heimlich filmen? Nicht zur Veröffentlichung, sondern den Film dann einem Notar oder so zur Aufbewahrung geben bis zur Gerichtsverhandlung?

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