KarriereSPIEGEL

Wiedereinstieg nach Krankheit

Hier geht's zurück in den Job

Johannes Egerer verteilt am Opernhaus Stuttgart neue Aufgaben: Er hilft Kollegen nach langer Krankheit bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz. Trotzdem löst seine erste Kontaktaufnahme oft Angst aus.

Corbis
Von Gudrun Weitzenbürger
Mittwoch, 05.03.2014   09:11 Uhr

Marta S., Mitte 40, hatte nach ihrem Unfall Schmerzen an den Bandscheiben und der Halswirbelsäule. Körperliche Arbeit war unmöglich - eine Katastrophe für sie, die als Reinigungskraft am Opernhaus Stuttgart arbeitet. So landete sie im Büro von Johannes Egerer. Sein Jobtitel klingt abschreckend: Disability Manager. Aber Egerer und seine Kollegin Martina Lutz konnten helfen. Sie schlugen S. eine Umschulung zur Bürohilfe vor, inklusive Sprachkurs, um ihr Deutsch zu verbessern. Heute verdient sie ihr Geld in der Opernhausverwaltung.

Die Sozialreferenten Egerer und Lutz kümmern sich seit vier Jahren um solche Problemfälle. Beide haben eine Zusatzausbildung gemacht. Egerer ist eigentlich Sänger, Lutz leitet die Kostümfärberei und -malerei. Anfangs war das Duo gefürchtet. Denn die kranken Kollegen werden schriftlich um ein persönliches Gespräch gebeten. "So ein Brief macht immer noch Angst", sagt Lutz. Es könnte ja auch eine Kündigung bevorstehen. "Aber die Vorbehalte nehmen ab, je mehr sich herumspricht, dass das Betriebliche Eingliederungsmanagement eine gute Sache ist."

Zum Beispiel für eine verletzte Tänzerin des Balletts. Sie machte in ihrer Genesungszeit verschiedene Praktika im Haus. "Durch diese Perspektivenöffnung ging der Heilungsprozess schneller voran, und sie kann heute wieder aktiv tanzen", sagt Lutz.

Riecht's schon brenzlig?

Eigentlich müssten solche Bemühungen selbstverständlich sein. Laut Sozialgesetzbuch sind Unternehmen in Deutschland verpflichtet, sich um die Wiedereingliederung länger erkrankter Mitarbeiter zu kümmern. Im eigenen Interesse - die Zahl der Krankheitstage nimmt zu. Laut den Betrieblichen Krankenkassen sind Arbeitnehmer im Schnitt 16 Tage pro Jahr krankgeschrieben, mit steigender Tendenz. Burn-out, Depressionen und andere psychische Leiden machen 13,2 Prozent aller Krankheitstage aus und liegen an dritter Stelle nach Muskel- und Skeletterkrankungen (26,3 Prozent) sowie Problemen mit den Atemwegen (14,4 Prozent). Allein die psychischen Erkrankungen belasten die Unternehmen mit fast 30 Milliarden Euro, schreibt die Hans-Böckler-Stiftung.

"Der Druck auf die Arbeitgeber ist enorm", sagt Oliver Fröhlke, Leiter des Referates Disability Management bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) in Sankt Augustin. Der Spezialist für Arbeitsausfälle hilft Unternehmen und begutachtet Arbeitsplätze - manchmal sogar präventiv, damit es gar nicht erst zu Langzeiterkrankungen kommt. "Die Raumluft zu verändern ist einfach", sagt Fröhlke, "doch oftmals sind die Probleme komplexer." Bei psychischen Beschwerden müssten Gespräche mit Vorgesetzten geführt werden, ohne Verantwortlichkeiten zu benennen oder Schuldzuweisungen auszusprechen. "Das ist oft sehr heikel, und die Gespräche bringen manchmal kein Ergebnis", sagt Fröhlke.

"Frau Grunau, ich schaffe es nicht mehr"

Die DGUV vergibt Zertifikate für Dis ability Manager, rund 250 im vergangenen Jahr. Damit ist aber auch soziale Verantwortung verbunden. Denn oft muss sich der Eingliederungsmanager gegen wirtschaftliche Zwänge stemmen und den Arbeitgeber überzeugen, dass sich die Wiedereingliederung lohnt. "Wenn ein Arbeitgeber einen Disability Manager nur sucht, um Entlassungen rechtssicher zu machen, und der Bewerber sich darauf einlässt, widerspricht er den ethischen Regeln, und das Zertifikat wird ihm entzogen", sagt Fröhlke.

Der Beruf des Disability Managers kam vor knapp zehn Jahren aus Kanada nach Deutschland. In einigen großen Betrieben hat sich der Job schon etabliert. Wie bei den Essener Verkehrsbetrieben oder dem Fertiggerichthersteller Dr. Oetker in Bielefeld, der sich von einem externen Dienstleister beraten lässt. Der Autohersteller Ford in Köln hat ein fünfköpfiges Disability-Team, das 19 Integrationsteams unterstützt. "Oft kommen Leute zu mir ins Büro und erklären: Frau Grunau, ich schaffe es nicht mehr", so Sonja Grunau von Ford. Die Disability Managerin findet dann mit "geschickten Fragetechniken" heraus, welche Probleme aufgetreten sind und ob sie eine medizinische Ursache haben. Fühlt der Betroffene sich am Arbeitsplatz überlastet oder gibt es eine schwierige Phase in der Familie?

In einigen Fällen sind es auch jüngere Mitarbeiter, die sich melden. Sie arbeiten nach ihrer Ausbildung zunächst am Band, sind irgendwann unterfordert und deshalb gestresst. "Ihnen steht jeder Weg der Weiterbildung offen: Sie können studieren oder ihren Meister machen", sagt Diplom-Pädagogin Grunau.

Es ist ein Ringen um die Gesundheit der Mitarbeiter gegen den Kostenanstieg. Egerer und Lutz an der Opernbühne lassen alle Arbeitsplätze von einem Betriebsarzt und Physiotherapeuten untersuchen - vom Büro bis zum Orchester. "Das ist unser Hauptziel", sagt Egerer, "den Mitarbeiter zu seinem alten Arbeitsplatz zurückzubringen."

insgesamt 2 Beiträge
Susi Sorglos 05.03.2014
1. Freundliche Empfehlung
Wie wäre es, diesen Artikel den "Fallmanagern" der Bundesagentur als Pflichtlektüre zu bestimmen? Derzeit bieten sie den Betroffenen immer noch und ausschliesslich sinnfreie Kurse oder Sklavenagenturen an. Zu mehr [...]
Wie wäre es, diesen Artikel den "Fallmanagern" der Bundesagentur als Pflichtlektüre zu bestimmen? Derzeit bieten sie den Betroffenen immer noch und ausschliesslich sinnfreie Kurse oder Sklavenagenturen an. Zu mehr scheint man nicht in der Lage zu sein.
Trompetenblech 09.03.2014
2. Bitte mehr...
... solche Themen und Inhalte. Zu selten hört man von Möglichkeiten der Burnoutprävention. Aufklärung für viele Arbeitnehmer ist notwendig, und wenn es Ängste sind die abgebaut werden.
... solche Themen und Inhalte. Zu selten hört man von Möglichkeiten der Burnoutprävention. Aufklärung für viele Arbeitnehmer ist notwendig, und wenn es Ängste sind die abgebaut werden.

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