Kultur

Schutz von Synagogen

Es reicht

Seit Jahren ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland mit Angriffen konfrontiert. Sicherheitsbehörden und Politik sollten uns endlich vor Antisemiten schützen.

Jens Schlueter / Getty Images

Blumen von der Synagoge in Halle: offenkundig keine Gefahr?

Ein Gastbeitrag von
Freitag, 11.10.2019   23:03 Uhr

Wir waren gerade auf dem Weg zum Jom-Kippur-Gottesdienst, als uns die Nachricht erreichte. Schießerei vor der Synagoge, die Beter haben sich verbarrikadiert, bislang zwei Tote, Näheres noch unklar.

Der erste Gedanke: Jetzt ist es also doch passiert. Doch der Terroranschlag auf die Jüdische Gemeinde fand - anders als von mir befürchtet - nicht in Berlin statt, sondern in Halle. In den Tagen zuvor hatten viele Berliner Juden mit Angst und Sorge daran gedacht, dass an Jom Kippur der 23-jährige Syrer Mohamad M. ein zweites Mal losziehen könnte, um einen Terroranschlag zu begehen.

Denn am Freitag vergangener Woche zückte der junge Mann vor der Synagoge Oranienburger Straße sein Kampfmesser, rief "Allahu Akbar" und "Fuck Israel" - und wurde nach seiner Festnahme direkt am nächsten Morgen wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Staatsanwaltschaft sah offenkundig keine Gefahr. Man kann von Glück reden, dass er die Jüdische Gemeinde nicht erneut angriff.

Nun also Halle. Eine Bekannte, die Berliner Jüdin Anastassia Pletoukhina, befand sich zum Zeitpunkt des Attentats in ebenjener Synagoge in Halle. Sie und die anderen Beter überlebten nur durch sehr viel Glück. Wäre der Täter etwas professioneller vorgegangen, es wäre ein Massaker, ein entsetzliches Blutbad geworden. Der Täter hätte leichtes Spiel gehabt.

Am Morgen nach dem Attentat erreichte ich Anastassia in ihrem Hotelzimmer. Sie wirkte ruhig und gefasst, noch fokussierter als sonst. Über den Anschlag sagte sie mir: "Nach den ersten Schüssen sind wir nach oben gerannt und haben uns versteckt. (...) Dann hörten wir immer wieder laute Schüsse, der Sicherheitsmann verfolgte alles über die Sicherheitskamera und hielt uns auf dem Laufenden. Er und mehrere andere Männer, darunter mein Mann, haben die Eingangstür mit Stühlen, Tischen und anderen Gegenständen verbarrikadiert, für den Fall, dass der Täter die Tür überwindet. Es war wirklich ganz, ganz knapp."

Ja, in der Tat, es war knapp. Polizeischutz gab es nicht in der Synagoge nicht - trotz der mehrmaligen Bitten des Gemeindechefs. Noch gestern, am Donnerstag, einen Tag nach dem Anschlag, sagte der Innenminister von Sachsen-Anhalt, es habe in der Vergangenheit keine Gefahr für die Jüdische Gemeinde bestanden.

Nun, jeder, der es sehen wollte, musste es sehen. Es ist in Deutschland immer nur eine Frage der Zeit, bis eine Gemeinde bedroht wird - und dann ist angemessener Schutz unabdingbar. Wer jetzt noch von überraschenden Ereignissen spricht, hat ein gestörtes Verhältnis zur Realität. Seit Jahren ist die jüdische Gemeinschaft mit derartigen Angriffen konfrontiert - sei es 2014 in Wuppertal, 2000 in Düsseldorf oder 2003 bei dem geplanten Bombenanschlag in München. Alles Einzelfälle? Natürlich nicht.

Und verbal ist in Deutschland der Feldzug der Antisemiten gegen die jüdische Gemeinschaft schon lange im Gange. AfD-Chef Alexander Gauland fordert den Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit und will wieder stolz sein "auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen". Sein Parteikollege Björn Höcke soll den offenen Umgang mit wegen Gewaltdelikten vorbestraften Neonazis wie Thorsten Heise von der "freien Kameradschaftsszene" pflegen.

In Berlin demonstrieren jeden Sommer auf dem Al-Quds-Marsch Islamisten für die Vernichtung Israels. Auch das alles Einzelfälle? Gewiss nicht, wie zwei Beispiele, wiederum aus Berlin, allein aus den vergangenen sieben Monaten zeigen. Im März konnte die frühere PFLP-Terroristin Rasmea Odeh, verurteilt für ihre Beteiligung an einem Sprengstoffanschlag in Jerusalem 1969 mit zwei jüdischen Todesopfern, nach Deutschland einreisen. Und im September wollten zwei palästinensische Rapper vor dem Brandenburger Tor über ihren Traum, Tel Aviv zu bombardieren und Israelis abzuschlachten, singen. Der Auftritt wurde zwar im letzten Moment nach massivem politischen und medialen Druck untersagt, ihre Musik war trotzdem auf der genehmigten Demonstration zu hören.

Die Reaktionen der politisch Verantwortlichen auf Mobbing gegen jüdische Schüler oder Attacken auf Israelis überall in Deutschland erfolgen gemäß der immer gleichen Choreografie. Doch sie helfen uns nicht. Kein potenzieller Angreifer lässt sich davon abschrecken, wenn wieder einmal die "Solidarität mit Juden" beschworen wird. Und gut gemeinte, aber unglückliche Äußerungen, die die Morde von Halle als "ein Alarmsignal" beschreiben, verstärken den Eindruck, dass Politik und Sicherheitsbehörden den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt haben.

Um es klar zu sagen: Es reicht! Mit den "Nie wieder!"-Sonntagsreden muss endlich Schluss sein. Wir Juden können diese Phrasen von "Betroffenheit", "Null Toleranz gegen den Hass" und "Angriff auf die Zivilgesellschaft" nicht mehr hören. Sie klingen wie Hohn in unseren Ohren. Sicherheitsbehörden und Politik sollen endlich ihren Job machen und die jüdische Gemeinschaft vor Antisemiten schützen - sei es von rechts, links oder aus dem islamistischen Spektrum.

Der israelische Fernsehsender KAN veröffentlichte am Tag des Anschlags ein Video von Anastassia und den anderen Betern. Das Video wirkte auf viele Zuschauer befremdlich. Nachdem die Polizei sie ins Hotel eskortiert hatte, war ihre Stimmung ausgelassen, fast fröhlich. Die Beter sangen laut auf Hebräisch. "Wir haben gefeiert", sagt Anastassia. "Das Leben, unser Überleben, das jüdische Volk, das Wunder von Jom Kippur."

Wunder ereignen sich selten ein zweites Mal. Mord und Bedrohung leider schon.


Der SPIEGEL bemüht sich, unterschiedliche Perspektiven auf den Anschlag in Halle abzubilden. Lesen Sie hier einen Beitrag von dem Publizisten Max Czollek, der argumentiert, dass Deutschland einen antifaschisten Konsens braucht.

insgesamt 77 Beiträge
stelzerdd 11.10.2019
1. Schande
Ja, Synagogen müssen spätestens jetzt dauerhaft geschützt werden. Aber daß es so weit kommen konnte ist eine Schande für Deutschland und Europa.
Ja, Synagogen müssen spätestens jetzt dauerhaft geschützt werden. Aber daß es so weit kommen konnte ist eine Schande für Deutschland und Europa.
u-bahner 11.10.2019
2. schwierige Sache
Eigentlich sollte es in einem pluralistischen, freien Land nicht erforderlich sein, religiöse Versammlungen mit Polizeischutz zu bewehren. Und wie immer bei Terrorismus: Bewachung derartiger zentraler Orte hilft oft wenig. Die [...]
Eigentlich sollte es in einem pluralistischen, freien Land nicht erforderlich sein, religiöse Versammlungen mit Polizeischutz zu bewehren. Und wie immer bei Terrorismus: Bewachung derartiger zentraler Orte hilft oft wenig. Die Terroristen suchen sich dann einfach das nächstbeste Ziel - und radikale Irre haben in der Regel kein allzu großes Problem damit, ihr Leben für ihre verrückten Ideen zu opfern. Besser wäre daher vermutlich, Entstehung und Entwicklung von Radikalismus besser in den Griff zu bekommen, z.B. durch Nulltoleranz von Symbolik usw.
pdqbach2005 12.10.2019
3. Ich schäme mich für mein Land
Lieber Herr Engel, ich bin entsetzt, dass jüdische Gemeinden in einigen Ländern so ungeschützt sind, hier in Hessen steht vor den Synagogen ein Polizeiauto. Und ich finde schlimm, dass das anscheinend nötig ist. Dass unser [...]
Lieber Herr Engel, ich bin entsetzt, dass jüdische Gemeinden in einigen Ländern so ungeschützt sind, hier in Hessen steht vor den Synagogen ein Polizeiauto. Und ich finde schlimm, dass das anscheinend nötig ist. Dass unser Bundespräsident sich so einen Anschlag nicht vorstellen konnte, spricht zumindest für Fantasielosigkeit, ich persönlich glaube, dass wir von der braunen Brut nach den Dönermorden und Halle noch viele unmenschliche Taten sehen werden, es wäre schön, wenn unser auf dem rechten Auge blindes System endlich aufwachte.
vormaerz 12.10.2019
4. Ja
aber: neben Juden stehen Muslime, Nicht-Weiße und jeder Einzelne links von der AfD auf deren Abschusslisten. Das rechtsextreme Spektrum agitiert seit geraumer Zeit ungeniert auf allen Kanälen und zu allen Themen, die dieser Form [...]
aber: neben Juden stehen Muslime, Nicht-Weiße und jeder Einzelne links von der AfD auf deren Abschusslisten. Das rechtsextreme Spektrum agitiert seit geraumer Zeit ungeniert auf allen Kanälen und zu allen Themen, die dieser Form des rationalisierten Sadismus die Türen öffnen. Mit etwas mehr Polizeischutz ist es lange nicht getan. Und die Gründe, warum Justiz und Behörden in sehr vielen Fällen sich das rechte Auge zuhalten können, bitte gleich mit beseitigen.
Newspeak 12.10.2019
5. ....
Ja, es reicht. Es reicht aber mit den Nazis genauso wie mit ALLEN Religionen. Alle saeen sie nur Hass. Alle grenzen sie aus. Es reicht mit allen diesen Menschen, die glauben sie wären im Besitz der Wahrheit oder das auserwählte [...]
Ja, es reicht. Es reicht aber mit den Nazis genauso wie mit ALLEN Religionen. Alle saeen sie nur Hass. Alle grenzen sie aus. Es reicht mit allen diesen Menschen, die glauben sie wären im Besitz der Wahrheit oder das auserwählte Volk. Jede Ideologie und jede Religion gehört verboten.
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