Kultur

Besetzte Volksbühne in Berlin

Was für ein Theater

Aktivisten haben die Berliner Volksbühne besetzt. Sie demonstrieren gegen Gentrifizierung, gegen ein Berlin des "Standortmarketings". Vielleicht wird es aber nur eine lange 60-Stunden-Party.

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Maskierter Aktivist in der Berliner Volksbühne.

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Freitag, 22.09.2017   21:02 Uhr

Bei dem Satz "Wenn wir lesen: 'be berlin' wissen wir: wir sind Berlin!" scheint sogar der Mann, der ihn vorliest, kichern zu müssen. Ganz sicher lässt es sich aber nicht sagen, denn neben einem pinkfarbenen Minirock hat er noch, ähnlich den Pussy-Riot-Mitgliedern, einen glitzernden Stoffschlauch übers Gesicht gezogen. Das Kichern würde jedenfalls gut passen zu einer Aktion, die beständig zwischen Quatsch und Kunst, Performance und Politik schwankt: der Besetzung der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin.

Seit Freitagnachmittag halten einige hundert Leute das Traditionsgebäude besetz, samt Schlafsäcken und einem Riesenbanner, auf dem "Doch Kunst" steht. Als verantwortlich zeichnet eine sogenannte Kollektivintendanz namens "Staub zu Glitzer", die, wie es Name und Banner schon andeuten, denkbar wenig mit der schwarz gekleideten Besetzerszene aus So36 zu tun hat.

Vielmehr laufen junge Leute, die zumindest von der Kleidung, wenn auch nicht von der Hautfarbe her bunt gemischt sind, durch die Räume der Volksbühne, räumen Sessel aus dem Roten Salon und stellen Lautsprecher hin. Auf dem Pamphlet, aus dem der Mann im Rock vorgelesen hat, steht als Eigenbeschreibung der Beteiligten: "Wir machen Partys, Clubs, Konzerte, Festivals, Musik, Kunst, Politik, Theater". Und genau das soll nun auch in der Volksbühne gemacht werden - zumindest am Haupthaus in Berlin-Mitte.

Die Besetzung kommt nicht überraschend

Chris Dercon, dem umstrittenen neuen Intendanten der Volksbühne, hatte eine Sprecherin von "Staub zu Glitzer" auf einer Pressekonferenz im Volksbühnen-Foyer zuvor zugestanden, dass er gern weiter die neue Spielstätte im ehemaligen Tempelhofer Flughafen bespielen könnte. Gegen seine Person richte sich die Aktion nämlich nicht, versicherte sie - und von Gewalt und Militanz distanzierte sie sich vorbeugend auch schon.

Doch nach dem Saisonauftakt in Tempelhof sollte sich Dercon doch bitte ein anderes Theater in Berlin als kreative Heimat suchen. Am Rosa-Luxemburg-Platz werde man sich ab jetzt gegen ein Berlin "des Standortmarketings, der Investitionsanreize, der sozialen Ausgrenzung, der Abschiebungen, der Gentrifizierung" stellen. Breiter Applaus von den versammelten Aktivisten und Sympathisanten.

So konfrontationslustig, wie sich "Staub zu Glitzer" bei der Pressekonferenz mitunter zeigt, ist das Ganze aber nicht aufgezogen. Über eine Besetzung der Volksbühne war in der Berliner Kulturszene schon seit Wochen gemunkelt worden, in dieser Woche machten "Staub zu Glitzer" ihre Pläne schließlich per Facebook bekannt. Die neue Leitung dürfte deshalb von der Aktion kaum überrascht worden sein - und auch das entspannte Polizeiaufkommen, das aus wenig mehr als einer Hand voll Beamter besteht, deutet daraufhin, dass hier niemand die Situation als außer Kontrolle erachtet.

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Gebäude der Volksbühne

Außerdem haben die Besetzer auch schon ein Ende ihrer Aktion in Aussicht gestellt. Im Roten Salon soll ab 22 Uhr "der beste Club, den Berlin je gesehen hat" entstehen, so der Mann im Minirock, "für rund 60 Stunden", schiebt er hinterher. Wahrscheinlich ist auch "Staub zu Glitzer" klar, dass am Tag nach der Bundestagswahl, bei der erstmalig eine rechtsextreme Partei in den Bundestag einziehen wird, Disco und Cocktails fehl am Platz sind.

Zu einem Bolle, dem legendären Supermarkt, der während der ersten Kreuzberger 1.Mai-Krawalle abbrannte, wird die Volksbühne also erst einmal nicht. Aber vielleicht ja zu einer Berliner Version des Gängeviertels. Von dem Hamburger Gebäudekomplex, der vor ziemlich genau acht Jahren besetzt wurde, um gegen Gentrifizierung zu protestieren, gäbe es jedenfalls einiges zu lernen - vor allem die Bündelung der verschiedenen stadtpolitischen Interessen und ihre Überführung in semi-permanente Strukturen und Anlaufpunkte.

Am Ende könnte es einfach eine lange Party werden

Bislang liefen in Berlin Diskussionen über Mietexplosion, Clubsterben, prekäres Arbeiten im Kulturbetrieb und Einbindung von Geflüchteten größtenteils parallel. So spielerisch und gleichzeitig tatkräftig, wie sich "Staub zu Glitzer" bei der Volksbühnen-Besetzung präsentiert, könnten hier nun tatsächlich Knotenpunkte entstehen und sich Kräfte bündeln lassen.

Und wenn alles scheitert und es doch nur auf eine 60-Stunden-Party unter Duldung der Behörden hinausläuft? Dann hat "Staub zu Glitzer" auch schon vorgesorgt und sich ein ironisches Hintertürchen offen gehalten. Auf dem Banner vor der Volksbühne steht ja "Doch Kunst", nicht "Doch Revolution".

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