Kultur

S.P.O.N. - Der Kritiker

Die bürgerliche Schrumpfkopfpresse

Chris Dercon ist ein echtes Geschenk für die Berliner Volksbühne - aber die Kulturjournalisten jaulen auf über die Ernennung. Ihre Entrüstung demaskiert einen Betrieb, in dem die Borniertheit zum Maß aller Dinge geworden ist.

AFP

Chris Dercon: Bald in Berlin an der Volksbühne

Eine Kolumne von
Freitag, 24.04.2015   16:07 Uhr

Deutsche Kulturmenschen machen besonders gern den umgekehrten Candide: Sie leben in der schlechtesten aller Welten, und nur sie, sie alleine bilden den Damm gegen das Neue, das dann immer auch gleich das Schlimmste ist.

Mit diesem Claim sichern sie sich schließlich ihre Subventionen: Nach uns wahlweise die Müllabfuhr, das Privatfernsehen, die Eventkultur, die neoliberale Diktatur - es ist im Grunde egal, wo sie den Feind sehen, denn sie verstehen Kultur immer noch, im Sinne des 19. Jahrhunderts, als Milieuschutz für Leute mit feinem Porzellan.

Deshalb haben die Eitelkeiten in diesen Kreisen oft einen Zug ins Verzweifelte. Deshalb wird die eigene Borniertheit hier zum Maß aller Dinge. Deshalb hat der Kampf gegen die Gegenwart fast schon eine ontologische Dimension.

Womit wir bei Chris Dercon wären, der bislang das Haus der Kunst in München leitete und die Tate Modern in London: Der wird nun also wirklich Chef der Berliner Volksbühne - was ja erst mal eine Hammer-Nachricht ist, die jeden elektrisieren sollte, dem noch Blut durch Herz und Hirn fließt.

Wie beim Kindergeburtstag

Frank Castorf, der große, grimmige Demokratiefeind Frank Castorf geht - ein Vierteljahrhundert war er Chef, es waren tolle Jahre, es war die Zeit, als Berlin zu Berlin wurde und sich im Schmutz und im Schrei und im Lärm seine Form gegeben hat.

Und die Volksbühne war immer der Ort, an dem sich die Leute trafen, die cool genug waren, dass sie keine Revolution machen mussten, die sich aber sicher waren, dass sie es könnten, wenn es nötig und kein kaltes Bier mehr im Kühlschrank wäre.

Die angemessene Haltung auf diesen Wechsel wäre: Feiern, glücklich sein, weitermachen.

Aber was passiert in dieser berlinerischsten aller Welten? Die bürgerliche Schrumpfkopfpresse hat nichts Besseres zu tun, als persönlich beleidigt zu sein - und die sogenannten Kulturjournalisten nehmen das Wort "neoliberal" und werfen damit um sich, als sei es eine Tortenschlacht bei einem Kindergeburtstag.

Ein lächerliches Schauspiel

Ohne das alles noch mal zu wiederholen, was da gesagt und geschrieben wurde: Am peinlichsten war natürlich mal wieder Claus Peymann, der zuletzt 1966 eine irgendwie bemerkenswerte Inszenierung lieferte, da hieß er allerdings noch Fritz Kortner.

Der Theaterbetrieb hat sich in diesen Tagen jedenfalls noch einmal, bis zur Karikatur, als Theaterbetrieb gezeigt - dabei war und ist das Theater ja eigentlich längst viel weiter, und zwar auch und gerade - das ist die Ironie bei der Sache - wegen der Volksbühne.

Hier wurde ja seit den Neunzigerjahren daran gearbeitet, die Mauern zwischen Pop und Philosophie, Party und Pathos, Ernst und Exzess und verschiedenen anderen Alliterationspaaren zu schleifen und das Theater in alle möglichen und unmöglichen Richtungen zu öffnen. Zur Straße, zur Kunst, zum Keller.

So provinziell wie Berlin nie mehr sein sollte

Das Theater wurde damals für eine ganze Generation gerettet, es wurde in wilden und repolitisierten Zeiten geradezu neu erfunden, bevor es sich in unserer biedermeierlichen Epoche in die Konfektionsschachteln zurückverwandelte, nach denen jetzt plötzlich alle wieder schreien. Ein lächerliches Schauspiel.

Dabei - und das weiß eigentlich Castorf, das weiß Matthias Lilienthal in München, das weiß auch Dercon - dabei ist das Theater der ideale Ort jeder, speziell aber dieser Gegenwart: Wo die Verwirrung epische Ausmaße angenommen hat, die Fragen existenziell sind, der städtische wie auch der digitale Raum immer enger und reprivatisiert wird und die Demokratie mehr denn je Orte braucht, an denen man gemeinsam öffentlich denken kann.

Das wäre ja, im empathischen Sinn, die Definition dessen, was Theater heute sein kann: ein lebendiges Gegenstück zum Museum in jeder Form. Eine kommunikative Kultur der Offenheit und des Experiments und nicht das ewige Foyer als Rückzugsort und Sicherheitskammer. Keine Standesgesellschaft, wenigstens für einen Abend lang.

Dercon, der klug ist und konstruktiv, offen, charmant und weltgewandt, weiß das und will das. Und der Verweis darauf, dass es in Berlin doch schon solche Orte gebe, das Hebbel-Theater oder das immer wieder aufregende Haus der Kulturen der Welt etwa, dieser Verweis ist so provinziell, wie es Berlin nie mehr sein sollte.

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insgesamt 34 Beiträge
michibln 24.04.2015
1. Ein wahnsinniges Affentheater
Wer geht denn noch ins Theater? Diese Kunstform war im 19 Jahrhundert mal wichtig, im Zeitalter von Film, Fernsehserien und Videospielen ist es allenfalls eine Randerscheinung, die nur von wenigen überhaupt noch wahrgenommen [...]
Wer geht denn noch ins Theater? Diese Kunstform war im 19 Jahrhundert mal wichtig, im Zeitalter von Film, Fernsehserien und Videospielen ist es allenfalls eine Randerscheinung, die nur von wenigen überhaupt noch wahrgenommen wird. Peymann, Castorf und wie sie alle heißen sollten also die Kirche im Dorf lassen und sich demütig freuen, dass der Steuerzahler in ein solch üppiges Gnadenbrot gewährt.
Bondurant 24.04.2015
2.
ich zweifle, ob er hier Wo die Verwirrung epische Ausmaße angenommen hat, die Fragen existenziell sind, der städtische wie auch der digitale Raum immer enger und reprivatisiert wird und die Demokratie mehr denn je Orte [...]
ich zweifle, ob er hier Wo die Verwirrung epische Ausmaße angenommen hat, die Fragen existenziell sind, der städtische wie auch der digitale Raum immer enger und reprivatisiert wird und die Demokratie mehr denn je Orte braucht, an denen man gemeinsam öffentlich denken kann. Das wäre ja, im empathischen Sinn, die Definition dessen, was Theater heute sein kann: ein lebendiges Gegenstück zum Museum in jeder Form. Eine kommunikative Kultur der Offenheit und des Experiments und nicht das ewige Foyer als Rückzugsort und Sicherheitskammer. nicht eigentlich doch emphatisch gemeint hat, da man aber das Obige sowieso übersetzen lassen müsste, bleibt die Frage wie üblich: was will uns der Künstler damit sagen.
L!nk 24.04.2015
3. Es gibt noch Theater?
Zitat: "Wie beim Kindergeburtstag" - das ist genau dass, womit ich diese Dinosaurierkultur noch verbinden könnte.
Zitat: "Wie beim Kindergeburtstag" - das ist genau dass, womit ich diese Dinosaurierkultur noch verbinden könnte.
gersco 24.04.2015
4. @ michibln #1. Sollten Sie mal tun! Mit der richtigen...
...Aufführung im richtigen Haus kann das durchaus den Horizont erweitern. Quantitativ mögen Sie mit Ihrer Behauptung der Randerscheinung gegenüber Film, Fernsehserien und Videospielen ja eventuell richtig liegen, aber bitte [...]
...Aufführung im richtigen Haus kann das durchaus den Horizont erweitern. Quantitativ mögen Sie mit Ihrer Behauptung der Randerscheinung gegenüber Film, Fernsehserien und Videospielen ja eventuell richtig liegen, aber bitte vergleichen Sie z.B. BE-Aufführungen nicht ansatzweise mit Transformer-Filmen, amerikanisierten Fernsehserien, schwachsinnigen Casting-Shows und billigst in Asien produzierten Videospielen, qualitativ ist schon die Nennung im gleichen Satz mit besagtem Trash eine schwere Beleidigung. Es geht beim Theater und auch in artverwandten Aufführungen nämlich um Aussage und Kreativität und das werden Sie doch vom heutigen z.B. TV-Programm nicht allen Ernstes erfüllt sehen.
marcw 24.04.2015
5.
Nicht jede Theateraufführung ist hohe Kunst, nicht jeder Film ist Ramsch. Sie bestätigen nur das Klischee vom überheblichen Theatergänger, der die Zahler der massiven Subventionen für sein Hobby auch noch als Banausen [...]
Zitat von gersco...Aufführung im richtigen Haus kann das durchaus den Horizont erweitern. Quantitativ mögen Sie mit Ihrer Behauptung der Randerscheinung gegenüber Film, Fernsehserien und Videospielen ja eventuell richtig liegen, aber bitte vergleichen Sie z.B. BE-Aufführungen nicht ansatzweise mit Transformer-Filmen, amerikanisierten Fernsehserien, schwachsinnigen Casting-Shows und billigst in Asien produzierten Videospielen, qualitativ ist schon die Nennung im gleichen Satz mit besagtem Trash eine schwere Beleidigung. Es geht beim Theater und auch in artverwandten Aufführungen nämlich um Aussage und Kreativität und das werden Sie doch vom heutigen z.B. TV-Programm nicht allen Ernstes erfüllt sehen.
Nicht jede Theateraufführung ist hohe Kunst, nicht jeder Film ist Ramsch. Sie bestätigen nur das Klischee vom überheblichen Theatergänger, der die Zahler der massiven Subventionen für sein Hobby auch noch als Banausen beschimpft, wenn Sie seinen Geschmack nicht teilen.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) befasst sich mit Selbstbestimmung und dem Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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