Kultur

Fall Relotius

Die gefälschte Stadt

Der frühere SPIEGEL-Mitarbeiter Claas Relotius erfand eine Reportage über die US-Kleinstadt Fergus Falls in Minnesota. Versuch einer Aufarbeitung.

Matthew Hintz / DER SPIEGEL

Gäste des Viking Cafes in Fergus Falls, SPIEGEL-Korrespondent Scheuermann (6.v.r.)

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Freitag, 28.12.2018   18:03 Uhr

Am 17. Januar 2017, einem Dienstag, tritt der Reporter Claas Relotius eine Reise in die USA an. Er soll, so wünschen es sich seine Chefs, jene Menschen begreifen, die Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt haben. Relotius geht in eine Kleinstadt im US-Bundesstaat Minnesota, nähert sich den Bewohnern an, begleitet sie zum Bowling, besucht eine Kirche und isst in der Pizzeria, die dem Bürgermeister gehört. 38 Tage wohnt er in Fergus Falls. Er ist freier Mitarbeiter des SPIEGEL und soll für das Magazin eine Reportage schreiben. Was er mitbringt, ist ein Märchen, eine Erfindung, eine Lüge.

Der Text von Claas Relotius, erschienen Ende März vergangenen Jahres, trägt den Titel "In einer kleinen Stadt". Vorigen Mittwoch legte die SPIEGEL-Chefredaktion offen, dass dieser und wohl die meisten anderen Texte von Relotius Fälschungen enthalten, wenn sie nicht gar komplett erfunden sind. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Er dachte sich Namen aus, Menschen, Szenen, er spann sich eine völlig neue Realität zusammen, auch in Fergus Falls in Minnesota, "typisch für das ländliche Amerika", wie es in der Unterzeile seiner Reportage heißt.

Der Fall Relotius

Am vorigen Donnerstag kam ich in der Kleinstadt an, am Tag nach der Enthüllung. Fergus Falls ist zu einem Tatort in der Causa Relotius geworden, ein Ort, an dem sich eine Katastrophe für den Journalismus erzählen lässt. Auch "Bild" und die "New York Times" waren hier.

Es wird sich im Verlauf der Recherche zeigen, dass Relotius schon von hier aus seine Lügen inszenierte, als er seinen Chefs in Hamburg schrieb. In Nachrichten kündigte er etwa an, eine Schulklasse nach New York begleiten zu wollen - "wären 30 Stunden Busfahrt durch sieben Bundesstaaten, hart, aber irgendwie auch gut". Ob er diesen Höllenritt auf sich nehmen solle? Die Klassenfahrt ist Teil des Textes geworden, in Wirklichkeit fand sie wohl nie statt.

Die Nachricht über den Fälscher erreicht die Bewohner schnell. Noch am Mittwoch voriger Woche, wenige Stunden nach den ersten Meldungen über den Skandal, veröffentlichen zwei Bürger einen Text im Internet, in dem sie viele von Relotius' Behauptungen widerlegen. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Relotius schrieb seinen Text für das Gesellschaftsressort, das Reportageressort des Magazins. Ich erinnere mich, dass ich die Geschichte, zehn Seiten lang, damals eher spröde fand und am Ende immer noch nicht wusste, wie Trump-Wähler nun tickten. Auf die Idee, dass sie eine Erfindung sein könnte, kam ich nie.

Relotius hat nicht nur diese Geschichte gefälscht, wie mittlerweile die halbe Welt weiß. Beim SPIEGEL ist seit vergangener Woche ein Krisenteam mit der Nachrecherche seiner Texte beschäftigt, die er hier geschrieben hat, zunächst als freier Mitarbeiter, seit April 2017 fest angestellt. Der künftige SPIEGEL-Chefredakteur Steffen Klusmann schrieb am Samstag, man müsse davon ausgehen, "dass sämtliche Relotius-Geschichten Fälschungen sind".

Eine dreiköpfige Kommission soll jetzt herausfinden, wie es dazu kommen konnte. Der neue Chefredakteur will dann die notwendigen Konsequenzen ziehen.

Ich kam nach Fergus Falls als Journalist. Was hat Relotius hier eigentlich 38 Tage lang gemacht? Hat er mit den Leuten gesprochen? Was lässt sich heute über diese Stadt sagen? Am Ende wurde daraus eine diplomatische Aufgabe, ich entschuldigte mich bei den Bewohnern im Namen meines Arbeitgebers, einer der unerfreulichsten Jobs, die man als Reporter vier Tage vor Heiligabend haben kann.

Die Entstehungsgeschichte dieses Märchens beginnt kurz nach der Wahl von Donald Trump zum 45. US-Präsidenten im November 2016. Die Überraschung über das Ergebnis der Präsidentschaftswahl ist groß, auch beim SPIEGEL. Die Redaktion hat viele Fragen: Wie konnte Trump es schaffen, Präsident zu werden? Wer sind die Menschen, die ihn gewählt haben? Wie geht es weiter für Amerika?

Im Gesellschaftsressort keimt die Idee, sich länger mit Trump-Wählern zu befassen, man will ihre Motive verstehen, ihre Ängste, Hoffnungen. Der Plan ist, eine Reportage aus dem Innern der Vereinigten Staaten zu liefern.

DER SPIEGEL

Reportage im SPIEGEL 13/2017

Das Ressort unter der Leitung von Matthias Geyer entscheidet, einem Reporter so viel Zeit zu geben, wie er benötigt. "Eine Tiefenbohrung" nennt es Geyer. Die ursprüngliche Idee sei gewesen, jemanden 100 Tage lang graben zu lassen, erzählt er am Telefon, eine kleine Ewigkeit im Journalismus. Jeder Reporter träumt von so viel Zeit für einen Text. Das Unverständliche ist, dass Relotius alle Möglichkeiten zur Recherche hatte, aber am Ende seine Geschichte einfach erfand.

Er macht sich im Internet auf die Suche nach einem geeigneten Ort. Eine Woche nach der Präsidentschaftswahl schreibt er in einer E-Mail an sein Ressort, er habe sich Kleinstädte in Ohio, Pennsylvania, Illinois und Michigan angeschaut. "Bin noch unschlüssig, was die ideale Größe angeht." Er stößt auf die Stadt Carpentersville im Bundesstaat Illinois, hält sie aber mit fast 40.000 Einwohnern für "viel zu groß, um sie als 'nutshell' erforschen oder überhaupt fassen zu können". Solche Überlegungen stellt jeder Reporter an, wenn er nach Orten sucht, an denen sich Phänomene erzählen lassen. Das Problem ist, dass Relotius natürlich kein Reporter war, der an der Wahrheit interessiert war.

Er entscheidet sich für Fergus Falls, warum genau, lässt sich nicht mehr klären. Rückblickend betrachtet ist es eine seltsame Wahl, denn bei den letzten drei Präsidentschaftswahlen stimmten die Bürger mehrheitlich für den jeweiligen Kandidaten der Republikaner.

In Fergus Falls herrscht tiefer Winter, als er im Januar ankommt, drei Tage vor Trumps Vereidigung. Er hat ein billiges Hotel am Stadtrand gebucht, das Super 8 am College Way, 43 Dollar die Nacht, 37 Nächte wird er bleiben, es gibt angenehmere Unterkünfte in der Gegend. Die heutige Managerin sagt, sie sei damals noch nicht im Hotel gewesen und könne zu Relotius daher nichts sagen.

Die Reise in das echte Fergus Falls ist ein merkwürdiger Trip in eine Realität, die mit dem Ort aus dem Text wenig bis nichts gemein hat. Es gibt hier keinen dunklen Wald, "der aussieht, als würden darin Drachen hausen", wie es im Einstieg heißt.

Fergus Falls ist halb Dorf, halb Stadt, mit Fast-Food-Restaurants, mindestens 20 Kirchen, einem Walmart und einem Aldi, mit Einfamilienhäusern und Gärten. Es wohnen viele Familien hier, die Stadt ist umgeben von Seen, im Sommer kann man hier Kanu fahren, im Winter eisangeln. Die Menschen sind konservativer als in den Küstenstädten, sie gehen sonntags in die Kirche, sie sind stolz auf ihre Gastfreundschaft, Offenheit, Gottgefälligkeit.

Es ist seltsam, den Erfindungen eines Ex-Kollegen hinterherzureisen, noch seltsamer aber ist es, mit einer Fiktion im Kopf durch die Wirklichkeit zu laufen und Vergleiche zu ziehen. Man trifft Menschen, die Relotius' Figuren ähneln, aber sich immer weiter von ihnen entfernen, je länger man mit ihnen spricht. Manchmal sind die Namen identisch mit der Realität, wie bei Maria Rodriguez ("eine Mutter und Lokalbesitzerin aus Mexiko") und dem Verwaltungsleiter der Stadt; teils sind sie verfälscht, wie bei "Neil Becker" ("ein Arbeiter, der sein Leben lang Kohle geschaufelt hatte und eines Tages seine Partei, die Demokraten, nicht mehr verstand") oder "Israel Rodriguez" (dem angeblichen Sohn von Maria). Am Ende muss man feststellen, dass die wirklichen Menschen nichts mit den Figuren verbindet, die der Artikel beschreibt.

Relotius schafft in seinem Text keine plump gezeichneten Zerrbilder, die als Fälschung erkennbar wären. Er sagt nie explizit, dass hier rechte Hinterwäldler lebten, er schreibt sogar: "Diese Menschen sind keine Rassisten." Und: "Wenn die Sonne scheint, ist Fergus Falls eine schöne Kleinstadt mit aufgeräumten Vorgärten und hölzernen Einfamilienhäusern."

Er stellt die Bewohner aber, mithilfe von erfundenen Szenen, als rechte Hinterwäldler dar und suggeriert, dass in den Köpfen Gewalt und Vorurteile herrschten. Wenige Tage nach seiner Ankunft hängt angeblich ein Schild mit der Aufschrift "Mexicans Keep Out" am Ortseingang, "Mexikaner haltet euch fern", auch das gab es, nach allem, was man vor Ort erfahren kann, nie.

Die Figuren, die Relotius erfindet, ringen fast täglich mit Trump und den Folgen der Präsidentschaftswahl. Der erfundene "Neil Becker" bereut, für Trump gestimmt zu haben. Der Verwaltungsleiter freut sich in Relotius' Märchen über den Präsidenten, weil ihm Hillary Clinton die Waffen nehmen wollte. Maria Rodriguez, Einwanderin aus Mexiko und angeblich erkrankt an einem Nierenleiden, zweifelt an ihrer Stimme für Trump. Und "Israel Rodriguez", Marias Sohn, wird von Mitschülern wegen seiner Herkunft gehänselt, auch er ein Opfer dieser hässlichen, gewalttätigen Trump-Zeiten.

Diese vier sind die Hauptfiguren in Relotius' Fantasie - ein Geschenk für einen Reporter. Wenn es sie denn gäbe. "Neil Becker" und "Israel Rodriguez" sind zwar angeblich auf Fotos zu sehen, die den Text begleiten, Relotius hat die Aufnahmen selbst gemacht. Ihre Biografien sind jedoch erfunden. Den Verwaltungsleiter von Fergus Falls gibt es, aber nicht so, wie ihn Relotius beschreibt. Und Maria Rodriguez arbeitete, als der Reporter sie traf, als Kellnerin in einem mexikanischen Restaurant, nicht als Inhaberin.

Matthew Hintz / DER SPIEGEL

Rechercheurin Anderson

Das Perfide an dieser sogenannten Reportage ist, dass der Autor innere und äußere Konflikte zeichnet, die komplett erdacht sind. Bei meiner Recherche in Fergus Falls treffe ich freundliche Leute, die über Deutschland und Europa reden wollen. Wenn es hier wütende weiße Männer gibt, dann verstecken sie sich gut. Es gibt Liberale, Konservative, Trump-Wähler, Trump-Kritiker und Leute, die um die Politik einen Bogen machen. Viele sagen den Satz, sie respektierten das Amt des Präsidenten, unabhängig davon, wer das Amt gerade innehabe.

Meine erste Verabredung führt mich in das Büro von Michele Anderson, Mitarbeiterin bei "Springboard for the Arts", einer vom Bundesstaat Minnesota finanzierten Initiative, die lokale Künstler berät. Anderson war es, zusammen mit dem IT-Berater Jake Krohn, einem Freund, die in Fergus Falls mit der Aufklärung begannen.

Relotius beschreibe eine Kleinstadt, die im Abstieg begriffen sei, sagt Michele Anderson, das sei das Problem. Neben ihr auf dem Sofa sitzt Krohn und nickt. "Der Autor folgt dem sehr einfachen Narrativ des ländlichen Verfalls. Das ist aber genauso irreführend wie das Narrativ von der Kleinstadtidylle. Die Wahrheit liegt in der Mitte." Sie habe damals bei einer Gemeindeversammlung versucht, Bürger an Relotius zu vermitteln, für Gespräche. Der Reporter sei aber nur an seinen Fotos interessiert gewesen, was wiederum die Bürger irritierte.

Im April vorigen Jahres übersetzten und prüften sie den Relotius-Artikel, lange bevor die Sache öffentlich wurde. Schon damals versuchte Anderson, den SPIEGEL auf Unstimmigkeiten und Erfindungen aufmerksam zu machen - vergebens. Auf eine Nachricht an den Twitter-Account des Magazins erhielt sie keine Antwort.

Anderson und Krohn stellten rasch fest, dass viele Details falsch waren, sie fanden heraus, dass das Kino in der Stadt den Film "American Sniper" damals gar nicht zeigte, anders als Relotius schrieb. Auch war die Stadtbibliothek nie ein Kindergarten.

Natürlich ärgern sich viele Bewohner von Fergus Falls darüber, dass an diesem Text so vieles erfunden ist. Von allen Menschen, mit denen ich spreche, ärgert sich am meisten der Verwaltungsleiter, der bis heute tief getroffen wirkt; sein Name soll hier nicht auftauchen. Die Leute hier sind enttäuscht von meinem Ex-Kollegen, weil sie ihm Vertrauen geschenkt haben. Noch wütender aber sind sie darüber, auf welche Weise ihr Ort beschrieben wird - als Heimat von tendenziell rassistischen Provinzbewohnern, die selten verreisen und Angst haben vor allem, was sie nicht kennen.

Ben Schierer sagt, die Leute seien zu Recht stolz auf ihre kleine Stadt. Natürlich sagt Schierer solche Sätze, er ist der Bürgermeister, ein Mann mit bester Laune und roten Wangen. Er bittet an einen Tisch des Restaurants Union Pizza & Brewing Co. an der Union Avenue, das ihm gehört. "Ich habe mich auf diesen Reporter aus Deutschland gefreut", sagt Schierer. "Er wirkte offen, mein erster Gedanke war: Was für eine tolle Gelegenheit, ihm die Stadt zu zeigen."

Schierer hat Pläne für Fergus Falls, einen neuen Spielplatz, ein kleines Amphitheater, überdachte Marktstände, er wird mir die Pläne am nächsten Morgen im Rathaus detailliert erklären, begeisternd, mitreißend. So war er vermutlich auch beim Gespräch mit Relotius. Schierer wollte und will beweisen, dass seine Stadt lebendig ist, dass sie Ambitionen hat, dass sie nicht im Gestern stecken bleibt.

Vermutlich erklärt das einen Teil der Enttäuschung der Menschen hier: Sie dachten, da höre ihnen jemand zu und wolle nicht schon wieder die Geschichte einer sterbenden Kleinstadt erzählen. Sie dachten, der Kerl aus Deutschland wäre aufrichtig, als er ihnen versicherte, er wolle sie wirklich verstehen.

Ich spreche in diesen Tagen vor Weihnachten mit ungefähr zwei Dutzend Bewohnern, mal einige Minuten lang, mal Stunden. Nach allem, was ich höre, geht Relotius aufmerksam durch die Stadt, auch wenn er auf einige Menschen zurückhaltend wirkt. Er trifft den Leiter des Heimatkundemuseums, Chris Schuelke, geht ins Viking Cafe an der Lincoln Avenue, das Patrick Shol gehört, genannt Pat, spricht mit dem Bürgermeister und dem Verwaltungsleiter. Er klopft nach Aussagen von Einwohnern an Türen, macht Fotos von der Bowlingbahn.

Nach zwei Wochen schickt Relotius eine Nachricht an sein Ressort in Hamburg: "Es ist mühsam hier, kenne tausend Leute, war schon überall, werde auch viel eingeladen. Aber es lässt sich nichts beschreiben, es gibt keine Entwicklung." Es ist eine normale Nachricht eines Journalisten an seine Chefs, jeder hat erlebt, dass eine Recherche nicht glattläuft. Doch Relotius verschickte wohl viele dieser Nachrichten in täuschender Absicht. Er simulierte einen mühsamen Rechercheweg und vermeldete später erfundene Erfolge. Er machte die Täuschung wasserdicht.

Die Nachrichten an ihn aus dieser Zeit, die mir das Ressort schickt, klingen nicht drängend, sondern eher ermutigend, aufmunternd, interessiert. Seine Chefs stellten sich damals, wenn überhaupt, einen ruhig erzählten Text vor, sagt Matthias Geyer heute, eine Reportage, "die nicht aufs Gaspedal drückt". Wenn Relotius in Fergus Falls Gleichgültigkeit gegenüber Trump und seiner Politik erlebe, schrieb er ihm damals, solle er diese Gleichgültigkeit eben beschreiben und nicht versuchen, Aufregung zu erzeugen. Es gab keinen Zeitdruck, der ursprüngliche Plan sah eine hunderttägige Recherche vor, er wurde nach einigen Wochen gekippt.

Die Sache ist: Man könnte, denke ich, über Fergus Falls eine spannende Geschichte erzählen. Über eine konservative Stadt, die Trump wählte, weil Hillary einfach keine Option für die meisten Leute war. Oder über eine Stadt mit vielen Christen, die einen Präsidenten wählte, der mitunter das Gegenteil eines Christen zu sein scheint. Oder über eine Stadt, in der mancher seine Entscheidung für Trump bereut, wie Douglas Becker.

Becker sagt, er wollte einen Mann in Washington, "der das Land durchrüttelt", deshalb habe er für Trump gestimmt. Inzwischen glaubt er, einen Fehler begangen zu haben. Sollte Trump 2020 kandidieren, werde er ihm nicht mehr seine Stimme geben. Becker, 57 Jahre alt, muskulös, nimmt die Lügen von Relotius gelassen. Er lacht darüber. In dem Text von Relotius heißt er "Neil Becker", hat keine Kinder und fuhr im Sommer 89 nach Hamburg, auf die Reeperbahn. Doug Becker dagegen ist stolz auf seinen Sohn, ein Mitglied der U.S. Navy, war aber "leider" noch nie in Hamburg, dafür in Montreal und Costa Rica.

Wir essen Pizza im Restaurant des Bürgermeisters. Der falsche Becker, der Becker aus dem Text, liegt im Kohlekraftwerk im Zwist mit seinem Kollegen "Bashir" aus Somalia, mit dem er angeblich den Arbeitsplatz teilen und dafür offenbar eine Gehaltskürzung hinnehmen musste.

Der echte Becker sagt, er kenne keinen Bashir. Wenn ihn die Erinnerung nicht trüge, traf er Relotius erstmals in seinem Fitnessklub auf der Lincoln Avenue. Der Klub stand jedem offen, halb Kraftraum, halb Musikladen, Becker lagerte dort Teile seiner Plattensammlung. Im März verkaufte er den Klub. Jetzt verschickt er seine Schallplatten von zu Hause an die Kundschaft. Er erzählt von seinen Marathons in Los Angeles, Seattle, Chicago; er joggte durch halb Amerika. Wenn er nicht rannte, trainierte er die Hockey-Jugend. Dazu liefert er Pakete für UPS aus.

Becker schüttelt den Kopf. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand diesen Text liest und ernst nimmt, was drin steht."

Er hat Fragen. "Kam der Reporter wirklich her, um eine wahre Geschichte aufzuschreiben, keine Satire? Hat niemand die Fakten geprüft, bevor die Story in Druck ging? Konnte niemand herausfinden, dass bei uns nicht mehr Kohle per Hand auf ein Förderband geschaufelt wird?"

Tja, und was das angebliche Schild am Ortseingang betrifft, "Mexicans Keep Out", das er angeblich entfernt und mit einer Axt zerkleinert habe: "Das ist nie passiert." Das Schild habe es nie gegeben.

Nach 17 Tagen schreibt Claas Relotius an seinen Ressortleiter in Hamburg eine optimistischere Nachricht. Er habe schon "ein paar Figuren im Kopf, die ich sehr regelmäßig treffe". Zum Beispiel den Stadtverwalter, der immer eine Waffe trage und Trump wählte, weil ihm Clinton die Waffe nehmen wollte. Er habe auch eine mexikanische Köchin kennengelernt, die er im Restaurant besuchen wolle. Er testet seine Erfindungen, er bereitet ihnen den Boden.

Matthew Hintz / DER SPIEGEL

Hauptstraße von Fergus Falls

Ich weiß nicht, wie oft ich den Text von Claas Relotius inzwischen gelesen habe. Wenn man ihn mit dem Blick eines Lesers betrachtet, der weiß, dass es sich um eine Fälschung handelt, könnte man fragen: Ist es plausibel, dass heute Arbeiter in den USA täglich neun Stunden lang Kohle schaufeln, um ein Kraftwerk anzuheizen? Hätte man stutzig werden müssen bei der Szene, als "Neil Becker" mit seiner angeblich vom Kohleschaufeln schwarzen Hand auf den Tisch haut, beim Frühstück?

Schwerer wiegen die falschen Behauptungen, die sich hätten überprüfen lassen. Die Bewohner haben nicht 40 Jahre lang immer demokratische Kandidaten gewählt, wie es im Text steht. 2012 etwa stimmten sie für den Republikaner Mitt Romney. Es ist zudem unwahrscheinlich, dass der Verwaltungsleiter sagt, er schieße bei der Jagd Wölfe, weil Wölfe in Minnesota unter Schutz stehen. Auch das ausgestopfte Wildschwein im Rathaus, das erwähnt wird, ist unwahrscheinlich, denn es gibt in Minnesota keine Wildschweine.

Das Restaurant "Union Pizza & Brewing Co.", das im Text als "Pizza Union" bezeichnet wird, ist bei Weitem nicht "die einzige Kneipe" im Ort. Und von Fergus Falls sind es auch nicht 2200 Kilometer Luftlinie nach New York, wie bei Relotius nachzulesen ist.

Jeder Text, der im SPIEGEL gedruckt werden soll, wird von einem oder mehreren der über 50 Dokumentationsjournalisten des Hauses geprüft. Auch die Reportage "In einer kleinen Stadt" wurde gecheckt. Anders als bei amerikanischen Magazinen rufen die Dokumentare aber nicht noch einmal bei zitierten Personen an. Sie überprüfen alle unabhängig überprüfbaren Fakten, wie die oben genannten.

Die Dokumentation hat nach einer ersten internen Untersuchung schon festgestellt: In diesem Fall wich die Methode der Verifikation deutlich von den Standards ab, die sich Redaktion und Dokumentation gemeinsam gesetzt haben. Unstimmigkeiten, die hätten auffallen können oder müssen, rutschten durch.

Als die Sache auffliegt und Relotius mit seinen Lügen konfrontiert wird, kommt er in einem Geständnis gegenüber seinen früheren Ressortleitern mehrfach auf Fergus Falls zurück. Es sei der Text gewesen, sagt Relotius, bei dem die Gefahr entdeckt zu werden sehr groß gewesen sei. Die Fotos von echten Menschen mit falschen Namen und falschen Biografien - ihm war offenbar klar, dass ihn seine Gesprächspartner damit schnell hätten enttarnen können. Fergus Falls war ein Risiko.

Wenn man den Schriftverkehr zwischen Autor und Redaktion heute durchliest, zeigt sich immer wieder, dass Relotius nicht erst später am Schreibtisch entscheidet, Szenen zu erfinden, sondern bereits vor Ort.

Am 21. Februar 2017 schickt er eine Nachricht nach Hamburg, dass er über die Highschool schreiben möchte, "wo dieser mexikanische Junge gemobbt wird". Er würde gern mit dessen Schulklasse nach New York fahren, "die waren noch nie in New York und sie werden natürlich nicht die Freiheitsstatue angucken, sondern den Trump Tower".

Der mexikanische Schüler, den Relotius meint, heißt im Text "Israel Rodriguez", sei in Fergus Falls geboren und werde in der Schule gehänselt, "Drogenjunge, Zaunjunge" werde er genannt. Zu sehen ist ein Foto von Pablo Rodriguez, heute 21 Jahre alt, der echte Rodriguez. Er ist in Fargo geboren, eine Stunde nördlich von Fergus Falls, und sagt, das treffe alles nicht zu. Er habe zwar in der zweiten oder dritten Klasse einmal eine Lehrerin gehabt, die ihn zum Weinen gebracht habe, mehr nicht. Keine Hänseleien, völliger Unsinn.

Ich treffe Rodriguez im Restaurant "Fajitas Place" in Alexandria, das seine Mutter und sein Vater vor Kurzem eröffnet haben. Pablo ist ein gutmütiger Riese, bebrillt, Mathematikstudent, später möchte er Professor werden. Pablo sagt, er habe mit Claas Relotius "maximal zehn Minuten" gesprochen. Er war nie auf Klassenreise in New York, schon gar nicht voriges Jahr. Sein letzter Ausflug mit Mitschülern war 2015 nach Chicago.

Matthew Hintz / DER SPIEGEL

Gastwirtin Rodriguez, Sohn Pablo

Neben ihm sitzt seine Mutter Maria, die laut Relotius Trump gewählt hat. Sie sagt, sie habe eine Arbeitserlaubnis, aber keine US-Staatsbürgerschaft. 2016 durfte sie nicht wählen. Sie redet ungern über Politik. "Ich habe mich geschämt, als ich gehört habe, was über mich geschrieben wird."

Die Reise von "Israels" Klasse nimmt im Relotius-Text viel Platz ein. Es liest sich, als fahre der Reporter mit dem Bus durch halb Amerika, sieben Bundesstaaten, 31 Stunden Fahrtzeit.

Vor dem Gespräch mit Pablo Rodriguez bin ich zur Schule gefahren, die nach John F. Kennedy benannt ist, um mit dem Schulleiter und dem Schulinspektor zu sprechen, Dean Monke und Jerry Ness. Beide wissen nichts von einer Klassenreise voriges Jahr nach New York, sie halten es für ausgeschlossen.

"Ich habe keine großen Thesen", schreibt Relotius gegen Ende. Es ist einer der wenigen Sätze, die wohl wahr sind.

Am 25. Februar checkt er aus dem Super-8-Hotel aus und macht sich auf den Rückweg, um eine Geschichte aufzuschreiben, die sich niemals zutrug. Er erhält für sein Manuskript ein großes Kompliment aus Hamburg verbunden mit der Bitte, die Konturen seiner Figuren etwas zu schärfen und hier und da noch einen Gedanken einzufügen.

Was bleibt von diesem Text? Eine kleine Stadt in Minnesota, die sich fragt, womit sie das verdient hat. Ein Plattenhändler, der den Autor gern noch mal treffen würde. Ein Junge, der Mathematik studiert, eine Mutter, die glücklich ist in Fergus Falls. Ein Verwaltungsleiter, der tief getroffen wirkt von den absurden Erfindungen über sich und sich deshalb nur mit zwei Sätzen zitieren lässt: "Das ist eine wunderbare, liebenswerte Gemeinschaft. Eine Stadt wie ein Edelstein."

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Bei mir bleibt nur Ratlosigkeit. Mir fehlen viele Informationen. Relotius war nicht verfügbar für ein Gespräch. Ich kann aus der Ferne nicht nachprüfen, ob die Hamburger Redaktion bei diesem oder anderen Texten hätte skeptisch werden können, ich weiß nicht, warum in der Dokumentationsabteilung so viel schiefgelaufen ist. Es ist eine vorläufige Bestandsaufnahme, mehr nicht.

Drei Tage als SPIEGEL-Reporter in Fergus Falls sind eine Übung in Demut. Vielleicht ist das die wichtigste Lektion. Fast niemand in dem Ort, mit dem ich gesprochen habe, ist nachhaltig böse. Entschuldigung angenommen, das ist der häufigste Satz, den ich höre. Wenn überhaupt, freuen sich die Bürger über das Interesse und den Versuch, die Dinge geradezurücken.

Relotius hatte eine beneidenswerte Aufgabe. Er durfte fünf Wochen unter Menschen leben, die ihm erklären wollten, wie Amerika tickt. Er hatte zehn Seiten Platz. Er wollte oder konnte ihnen nicht zuhören, er wollte ihre Geschichten nicht so aufschreiben, wie sie waren. Was für eine verdammte Verschwendung.

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