Kultur

Hate Speech

Hobbypsychiater, gebt auf!

Immer wieder werden psychische Erkrankungen oder Behinderungen benutzt, um Menschen abzuwerten oder aus Debatten auszuschließen. Wer hat denn hier bitte die verzerrte Wahrnehmung?

Paul Zinken / DPA

Demonstration von Menschen mit Behinderung

Eine Kolumne von
Montag, 29.04.2019   14:17 Uhr

Der Moderator Frank Elstner hat in mehreren Interviews offen über seine Parkinson-Erkrankung gesprochen und viel Zuspruch dafür bekommen. Würdevoll, beeindruckend und mutig fand die "Bunte" seinen Auftritt, andere schrieben in ähnlichen Worten darüber. Das ist alles richtig und gut. Besser wäre es, wenn Krankheiten wie Parkinson und andere nicht so stigmatisiert wären, dass man "zugeben" muss, sie zu haben.

Dasselbe gilt für sogenannte Entwicklungsstörungen, Behinderungen oder Traumata. Das Asperger-Syndrom von Greta Thunberg wird immer wieder thematisiert, auch von schlecht informierten Gestalten, die sie damit diffamieren wollen, wie der AfD-Politiker Marc Jongen, der Thunberg im Bundestag "ein krankes Kind" nannte: "Denn es ist bekannt, dass Greta Thunberg am Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus, leidet", sagte er. Nun ist das Asperger-Syndrom gar keine Krankheit und Greta Thunberg hat klargestellt, dass sie ihre Diagnose für ein Geschenk hält. Leiden tun darunter wohl hauptsächlich diejenigen Typen, die es mit 50 oder 60 noch nicht so weit gebracht haben wie Thunberg mit 16.

Der Versuch, Menschen zu diskreditieren, indem man ihnen Krankheiten, Störungen oder ähnliches andichtet oder ihr politisches Engagement auf vorhandene Diagnosen zurückführt, ist sehr alt, aber äußerst en vogue.

Ich habe ungefähr fünf Wochen lang - mit längeren Unterbrechungen und nicht besonders diszipliniert - eine Liste hobbypsychiatrischer Diagnosen gesammelt, die mir im Internet gestellt wurden, als Reaktion auf meine Texte. Dabei habe ich nicht explizit danach gesucht, sondern nur diejenigen zusammengetragen, die mir direkt geschickt wurden oder auf die ich aufmerksam gemacht wurde. Kurze Urteile wie "Irrsinn", "Wahnsinn", "Idiotie", "bekloppt" oder "einen an der Waffel" habe ich nicht mitnotiert. Die Liste hat neun Seiten (Times New Roman, Schriftgröße 12).

Ein paar Beispiele, damit Sie einen Eindruck bekommen. Ohne den gleichen Fehler machen zu wollen, wie die im Folgenden beschriebenen Personen, vermute ich, dass eine hohe Zahl von Männern in Deutschland komplett davon besessen ist, privat und online die Tatsache zu verarbeiten, dass sie nicht Psychologie oder Medizin studiert haben.

Auszüge aus neun Seiten Reaktionen

Alexander zu S.-L. schreibt, dass "die einschlägig verhaltensauffällige Margarete Stokowski versucht, dicke Happen aus dem Teppich zu beißen... zu hoffen bleibt, dass sie vor der Abfassung ihres nächsten Beitrags nicht wieder ihre Medikamente vergisst." Lukas I. schreibt, ich sei hochsensibel. Und: "Ihre Wahrnehmung deckt sich so gar nicht mit meiner Realität" - vielleicht, weil er selbst merkt, dass der Satz beschämend tautologisch geworden wäre, wenn er "...mit meiner Wahrnehmung" geschrieben hätte. Irgendein Bernd schreibt, ich sei für den "Frigidenpreis des deutschen Buchhandels" nominiert.

"Pinkman" schreibt: "Stokowski hat wie die meisten 3rd Wave Feministinnen reichlich psychische Störungen." Ein User namens "Blonde Buy" erklärt, ich hätte "die Schwelle zum moralischen Faschismus und in eine psychotische Fantasiewelt längst überschritten", Tina schreibt, ich sei "sehr krank" und solle einen Arzttermin ausmachen, A. schreibt, "ein guter Psychiater könnte Dir vielleicht (!) helfen", C. ferndiagnostiziert direkt, ich sei "egozentrisch und narzisstisch", Z. bescheinigt mir eine "Sucht, sich unterdrückt zu fühlen", Bob schreibt, ich hätte "schwerwiegende Komplexe", W. schreibt, ich hätte "Daddy Issues", T. schreibt, ich sei "ungeküsst", E. fragt: "Ist die untervögelt???"

S. schreibt von einem "toxischen Mix aus Hauptschule Neukölln und geschlossener Psychiatrie". B. schreibt: "Sie brauchen dringend Hilfe. Ich meine, Sie müssen schwer geistig behindert sein. Und den Spiegel müsste man für die Veröffentlichung für Missbrauch von einer geistig Behinderten gleich mit belangen."

Hans schreibt: "Ich wünsche Frau Stokowski die Fähigkeit zur Selbstreflexion." Kai antwortet: "Das könnte sie in den Selbstmord treiben. Aber bitte,..." Mehreren Usern gefällt das. Michael schreibt: "Die Stokowski ist das lebende Beispiel für die These, dass Feminismus aus Neid gemacht ist. Neid auf die gutaussehenden Frauen der Welt." Ein anderer Michael, vielleicht auch derselbe, schreibt, ich sei "voller Selbsthass" und würde mich "heute wieder ritzen". User Akif P. verkündet, dass ich plane, Suizid zu begehen.

Sandro, ein Software-Entwickler, liest meine vorletzte Kolumne als "Projektionen einer Frau, deren männlichen Persönlichkeitsanteile unterentwickelt sind." Patrick, ein Physiotherapeut, schreibt mir, ich hätte einen "von deutlich erkennbarer Gehirnamputation geschwängerten Schreibdurchfall", und solle mich auf Demenz untersuchen lassen.

Zahlreiche User äußerten sich zu meiner letzten Kolumne mit folgender Idee wie "Terrorkain": "Vielleicht einen besonders großen 'Spargel' mal unten einführen? Vielleicht sind Sie dann entspannter". Insgesamt wollte eine zweistellige Zahl von Menschen mir Spargel (oder "Spargel") in die Vagina einführen. G. sah eine "Penisphobie", E. dagegen Penisneid, Perversion und Minderwertigkeitskomplexe, gleichzeitig (!) aber auch "feminine Hybris". Einzig User Erwin lag nicht ganz falsch, als er schrieb, er sehe bei mir "einen Hang zur Melancholie bis hin zu depressiven Episoden". Was aber keine Kunst ist, weil ich darüber schon geschrieben habe.

Warum sollen Menschen mit bestimmten Diagnosen sich nicht an politischen Debatten beteiligen?

Egal, ob ich selbst auf das Thema zu sprechen komme oder nicht: Auf so ziemlich jeder meiner Lesungen werde ich nach Hate Speech gefragt. Die Fragen zielen dabei so gut wie immer auf die psychischen Folgen bei mir ("Was macht das mit Ihnen?", "Wie schützen Sie sich?") und fast nie darauf, wie ich diese Nachrichten aus sozialwissenschaftlicher Sicht bewerte. Gut, ich verstehe das Interesse ein bisschen, aber auch nicht wirklich. Wer denkt, ich hätte einen Dachschaden, soll mir einfach eine Milliarde Euro spenden und gucken, ob's hilft.

Ich würde mir eher eine Stange Spargel tätowieren lassen, als wegen solcher Kommentare traurig oder gekränkt zu sein, aber als Forschungsmaterial taugen sie allemal. Denn selbst wenn es einen Menschen gäbe, der alle oben genannten Diagnosen hätte, wäre das immer noch ein Mensch, der seine politische Meinung äußern darf. Was ist das für eine Idee, Menschen mit bestimmten Diagnosen dürften sich nicht an politischen Debatten beteiligen?

Preisabfragezeitpunkt:
06.12.2019, 02:53 Uhr
Ohne Gewähr

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Stokowski, Margarete
Untenrum frei

Verlag:
Rowohlt Taschenbuch
Seiten:
256
Preis:
12,00 €

Abgesehen davon, dass es ganze Bibliotheken voller Literatur darüber gibt, wie gesellschaftliche Verhältnisse psychische Erkrankungen fördern können - Kapitalismus und Depression, match made in heaven -, ist es auch eine typisch misogyne Strategie, Frauen mittels Gaslighting zu erklären, es stimme einfach nur etwas mit ihrer Wahrnehmung nicht, wenn sie sich über irgendwas beschweren. Männer, die oft über ein Thema schreiben, sind Experten, Frauen "fällt nichts anderes ein" als dieses Thema. Wenn Feministinnen etwas ansprechen, das irgendein Typ noch nicht bemerkt hat, dann haben sie eine "verzerrte Wahrnehmung" und müssen penetriert werden, um zu Verstand zu kommen. (Was ist das, Penishybris?)

Verwundbarkeit einerseits, Mangel an Wissen andererseits

Wer sich daran beteiligt, zeigt nicht nur das Offensichtliche: dass er schlechte Argumente hat und inhaltlich überfordert ist, sondern auch, dass er psychische Erkrankungen oder Behinderungen als etwas sieht, das einen Menschen abwertet und von Diskursen ausschließen sollte - was im Übrigen tatsächlich passiert: Menschen mit Behinderungen dürfen zum Teil immer noch nicht wählen.

Menschen mit psychischen und/oder chronischen Erkrankungen, mit Behinderungen, mit Entwicklungsstörungen oder Traumata gehören marginalisierten Gruppen an. Sie sind um ein Vielfaches verwundbarer, wenn sie darüber hinaus auch noch weitere Formen der Diskriminierung erfahren wie Rassismus, Sexismus oder Transfeindlichkeit. Sonst würde der Mann, der vor Kurzem in einer Klinik in Hamburg starb, nachdem er von "Sicherheitskräften" attackiert wurde, wahrscheinlich noch leben.

Dieser Verwundbarkeit steht ein eklatanter Mangel an Wissen gegenüber, den viele Menschen über Krankheiten, Störungen etc. haben. Sie denken, das Gegenteil zu "behindert" sei "gesund", oder glauben, Schokolade helfe gegen Depressionen (kein Witz, 18 Prozent der Deutschen glauben das). Ein Mensch, der in dieser Gesellschaft trotz Normabweichung seinen Job gut macht, kann einfach nur doppelt stolz sein.

insgesamt 162 Beiträge
Mr Bounz 29.04.2019
1. Schade
Schade, ich hatte auf lustigeres gehofft. Aber eigentlich hätte ich es wissen müssen, die Kommentare gegen Frau Stokowski sind in der Regel langweilig. Den Frauenhassern fällt meist gar nichts ein. Es werden unter jeder [...]
Schade, ich hatte auf lustigeres gehofft. Aber eigentlich hätte ich es wissen müssen, die Kommentare gegen Frau Stokowski sind in der Regel langweilig. Den Frauenhassern fällt meist gar nichts ein. Es werden unter jeder Kolumne die gleichen Cop-&-Paste-Kommentare geschrieben die häufig nicht mal etwas mit dem Thema zu tun haben. Es völlig uninspiriert die "Scheiß Feministinnen"-Platte aufgelegt und mit ein paar alten Stammtischsprüchen garniert. Zum Text an sich, kann doch nur sagen, ja es wird gerne versucht andere Menschen die gute Argumente haben über solche Herabsetzungen aus dem Diskurs zu drängen. Aber dafür ist Frau Stokowski zu intelligent! Danke und bitte weitermachen, sagt ein Vater zweier Töchter die hoffentlich in unserer Gesellschaft nicht mehr so behandelt werden!
Newspeak 29.04.2019
2. ...
"Immer wieder werden psychische Erkrankungen oder Behinderungen benutzt, um Menschen abzuwerten oder aus Debatten auszuschließen. Wer hat denn hier bitte die verzerrte Wahrnehmung?" Ja, es stimmt leider, es soll [...]
"Immer wieder werden psychische Erkrankungen oder Behinderungen benutzt, um Menschen abzuwerten oder aus Debatten auszuschließen. Wer hat denn hier bitte die verzerrte Wahrnehmung?" Ja, es stimmt leider, es soll sogar Menschen geben, die andere Menschen wegen ihres Alters oder ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts diskriminieren. Feministinnen z.B. "alte, weisse, Maenner". Da wird das kleinere Y Chromosom gerne mal als genetischer Defekt gesehen und Maenner duerfen von manchen Feministinnen sogar als trash beschrieben werden, ohne dass man dies als das bezeichnet, was es ist, naemlich menschenverachtende Hetze. Davon abgesehen wird alles Anschreiben gegen Fakten nichts an den Fakten aendern. Das Asperger Syndrom zu haben bedeutet NICHT gesund zu sein. Ebensowenig, wie man seinen Chromosomenstatus durch eine Behauptung aendert. Das Traurige ist, dass man nicht einmal realisiert, dass man gegen Diskriminierung sein kann, ohne solche Fakten zu leugnen. Von mir aus kann jemand, der mit XX Chromosomensatz biologisch als Frau geboren wurde trotzdem gerne als Mann leben, aber er ist und wird auch nie ein Mann sein, wie Maenner, die XY als Chromosomensatz haben. Diese Unterschiede verwischen zu wollen, durch Denk- und Sprachverbote, bedeuten die eigentliche Abwertung von Menschen, denn sie zielen auf eine ideologische Gleichmacherei, die der Individualitaet und Herkunft der Menschen gar nicht gerecht wird. So wie LGBT nicht alle queeren Menschen repraesentiert, so wie Afroamerikaner nicht jeden Schwarzen in Amerika repraesentiert, so wie Sinti und Roma selbst nicht inklusiv fuer alle Menschen dieser Gruppe sind. Es ist eben nicht alles Schwarz-Weiss und Diskriminierung, in ihrem wertfreien Sinn, bedeutet eben nur, die Unterschiedlichkeiten der Menschen wahrzunehmen und zu respektieren. Was Feministinnen nicht tun.
moritz27 29.04.2019
3. Ach Frau Stokowski,
bei anderen Personen wird in Ferndiagnosen Xenophobie und Islamophobie diagnostiziert, obwohl der Betroffene Ausländer und nur ein kritischer Moslem ist. Regen Sie sich also bitte nicht auf. Sowas erscheint mir noch schräger. [...]
bei anderen Personen wird in Ferndiagnosen Xenophobie und Islamophobie diagnostiziert, obwohl der Betroffene Ausländer und nur ein kritischer Moslem ist. Regen Sie sich also bitte nicht auf. Sowas erscheint mir noch schräger. Und diese selbsternannten Ferndiagnose-Psychiater und Psychologen gehen auch zu Wahl. Sind allerdings keine Minderheit.
pizzerino 29.04.2019
4.
Bedauerlich aber nicht besonders überraschend sind die zitierten Kommentare zur Spargelkolumne. Jedoch, was hat sich MS denn erwartet? Wenn sogar mir mein Senf zu schade ist zum kommentieren, was soll denn da gescheiteres [...]
Bedauerlich aber nicht besonders überraschend sind die zitierten Kommentare zur Spargelkolumne. Jedoch, was hat sich MS denn erwartet? Wenn sogar mir mein Senf zu schade ist zum kommentieren, was soll denn da gescheiteres rauskommen als das übliche Getrolle der ewig unartigen. Wir alle wissen, dass man in Foren noch nicht mal einfachste und unverfänglichste Dinge sagen/fragen darf, ohne darauf Antworten zu erhalten die man/männin einfach nur löscht. Also richtig Überrascht kann man hier wohl nicht sein. Schlau allerdings: Nach der merklichen Verflachung dieser Kolumne (trotz des gehaltvollen Themas....) war das jetzt eine nette Idee zur Schreiberleichterung. Geschäftsmodell: eine Idee, zwei Texte. Nur wie hier Greta und Elstner reinpassen verstehe ich nicht.
Magentasalex 29.04.2019
5. Prinzipiell gilt....
Prinzipiell gilt, dass alle Menschen, in dem Moment, indem sie sich mit Worten nicht mehr zur Wehr setzen können, je nach Temperament, entweder abrupt gehen, sich ihren Teil denken, körperliche Gewalt oder seelische Gewalt [...]
Prinzipiell gilt, dass alle Menschen, in dem Moment, indem sie sich mit Worten nicht mehr zur Wehr setzen können, je nach Temperament, entweder abrupt gehen, sich ihren Teil denken, körperliche Gewalt oder seelische Gewalt anwenden. Jeder Mensch weiß, dass man mit einem "bösen" Wort einem Menschen sehr weh tun kann. Allein aus diesem Grund werden diese Worte ja gesagt. So verschafft es dem "Bösewortsager" ein regelrechtes Triumphgefühl, wenn der Angegriffene mit " Ich möchte nicht von Ihnen beleidigt werden" reagiert. Es geht dem "Bösewortsager" nicht darum, dass seinen Worten ein Körnchen Wahrheit innewohnt, es geht ihm nur darum, dass seine Worte seelisch weh tun.
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