Kultur

Soziale Medien

Das Klick-Vieh, das sind wir

Wir starren in Endgeräte, laufen vor Bäume, sind abhängig von schlechter Grafik und miserablen Codes. Statt relevanter Inhalte sind da Katzen, Babys und Bibis. Warum es das demokratische Internet nicht mehr gibt.

Sportfoto Rudel/ imago images

Menschen am Handy: "Das Suchtpotenzial einer gesamten Generation ist um 300 Prozent gestiegen"

Eine Kolumne von
Samstag, 14.09.2019   15:59 Uhr

Es läuft hervorragend. Das größte soziale Experiment der Menschheitsgeschichte. Das Netz. Das alle verbindende, demokratische Netz mit seinen großartigen Erfindungen. Facebook, oh Mann, Facebook. Eine Plattform. Nicht mehr als Algorithmus, schlechtes Design und die Idee, Daten zu sammeln, Menschen zu katalogisieren, zu durchleuchten, um sie am Ende zu manipulieren. War das eine Sause. Der Mensch trat sozusagen aus seinem menschlichen Schatten, aus seiner Unbedeutung, auf einmal waren da - viele.

Nicht aus der Masse stechen, das wurde online belohnt

Vor dem Sofa, im Raum schienen sie zu schweben und begannen zu reden, ihre Kinderfotos zu teilen. Vergessend, dass alles, was sie sagten, öffentlich ist. Selbst wenn es nicht öffentlich ist, da gab es Cambridge Analytica, die heute anders heißen, und die NSA und den MI5. Und "hey" - mochten die vielleicht gedacht haben - "die Toastbrote legen echt ihre eignen Profile an, was die uns für Arbeit sparen."

Dann kam Twitter. Eine Plattform. Nicht mehr als Algorithmen, schlechtes Design und die Idee, Daten zu sammeln, Menschen zu katalogisieren, zu durchleuchten, um sie am Ende zu manipulieren. Das war für die, denen Facebook zu alt schien. Die Menschen übten sich in Haikus, erzählten sich Witze, häkelten Schweine.

Und dann kam Instagram. Eine Plattform. Nicht mehr als Algorithmen, schlechtes Design und die Idee, Daten zu sammeln, Menschen zu katalogisieren, zu durchleuchten, um sie am Ende zu manipulieren. Und Snapchat und WhatsApp und TikTok und Tinder und Grinder - hey!

Die Algorithmen liefen zur Hochform auf, die Menschen dito. Sie hatten eine Stimme gefunden, die sich - wie immer, wenn Menschen Gruppen bilden - bald schon gegen die richtete, die anders sind, anders aussehen, anders denken, anders sprechen. Nicht aus der Masse stechen, das wurde belohnt, durch Likes und Herzen und Kommentare, die auf Instagram jene umschmeicheln, die aussehen wie Gummipuppen vor Regenbogen. YouTube. (Eine Plattform. Nicht mehr als Algorithmen, schlechtes Design und die Idee, Daten zu sammeln, usw.)

Die Werbegetriebenen-Plattform, die gerade das Fernsehen ablöst. Okay, um viele Sender nicht schade aber - wirklich? Ein Konzern, der Werbung verkauft, entscheidet über die bildungsrelevanten Inhalte einer kommenden Generation. Mit Katzen. Und Babys. Und Bibis. Was gegen die Regeln verstößt, wird geblockt. Die Regeln machen die da oben, bei all den Menschenbeschäftigungsplattformen, die süchtig machen, die Augen flackern lassen - um mein eigenes Buch "GRM Brainfuck" zu zitieren:

"Das Suchtpotenzial einer gesamten Generation ist um 300 Prozent gestiegen, der Anteil von Gammaaminobuttersäure ist im Vergleich zu Glutamat und Glutamin im anterioren cingulären Cortex stark erhöht, wenn man die Werte der Toten zugrunde legt. Die dritte Generation von Suchtkranken, Angstgestörten, Depressiven, die nicht mehr in der Lage sind, sich länger als zwei Minuten auf ein Thema zu konzentrieren."

Nun aber ruhig, Kulturpessimistin, das Netz ist auch das größte freiheitliche Experiment. Hier entsteht das neue Weltwissen. Aber halt, das entsteht doch auf Wikipedia. Das Weltwissen steht in diesem wunderbaren, demokratischen Wissenstool, das von allen Vertretern der Medien teils als einzige Referenzquelle genutzt wird. Die daraus entstandenen Artikel gelten als Beleg für die Richtigkeit von Wikipedia-Einträgen - egal, wer die erstellt. War denn das alte System besser, in dem wenige über das Weltwissen befanden? Sicher nicht. Wissen von allen für alle - wird schon gut gehen, mit der Schwarmintelligenz.

Der Sieg der sozialen Medien ging zusammen mit dem der Populisten

Woran soll man sich halten, wenn die Zeitungen aus Wiki abschreiben, Nazis als bürgerlich verkaufen, die Fotos auf den Plattformen Avatare sind oder Filter - und dazu kommen noch die basisdemokratischen Blogs, Vlogs, Podcasts, Onlinezeitungen, Tutorials.

Die Menschen, Milliarden, abhängig von schlechter Grafik und miserablen Codeketten, starren in Endgeräte, laufen vor Bäume, geraten unter Autos und es dämmert ihnen langsam, dass sie nicht einzigartig sind, nur Klick-Vieh auf digitalen Weiden.

Der Sieg der sozialen Plattformen ging seltsamerweise zusammen mit dem der Populisten, der Moderatoren als Präsidenten, der einfachen Lösungen, der dumpfen Sprache, der uneleganten Gedanken. Im Netz setzt sich durch, wer am lautesten schreit. Schnell noch ein Foto hochladen, "wir sind Deppen" murmeln, untergehen.

insgesamt 146 Beiträge
betaknight 14.09.2019
1. Demokratisches Internet
Hier liegt der Trugschluß, es gab nie so etwas wie ein demokratisches Internet.
Hier liegt der Trugschluß, es gab nie so etwas wie ein demokratisches Internet.
Peter A. M. K. Lublewski 14.09.2019
2. Immerhin tröstlich,
dass noch nicht alle Bürger so deppert sind, diesen so genannten "sozialen Medien" zu folgen.
dass noch nicht alle Bürger so deppert sind, diesen so genannten "sozialen Medien" zu folgen.
chrimirk 14.09.2019
3. Vielen Dank!
War ja auch Zeit. Bitte an diesem Thema weiter bleiben. Die anderen, lauten, politischen "Wichtgkeiten" sind im Vergleich zum o.g. Thema, absolute Nichtigkeiten!
War ja auch Zeit. Bitte an diesem Thema weiter bleiben. Die anderen, lauten, politischen "Wichtgkeiten" sind im Vergleich zum o.g. Thema, absolute Nichtigkeiten!
Andreas Wedel 14.09.2019
4. Leider ist es so.
Ganz offenbar, leider ja.
Ganz offenbar, leider ja.
markusb07 14.09.2019
5. Internet und kommerzielle Werbung
Die Autorin vergißt die enorme Rolle der Werbung zu erwähnen, die wesentliche Ursache dafür war dass "unser" Internet zu "deren" Internet wurde, nämlich zu einem kommerziell ausbeutbaren und damit von Grund [...]
Die Autorin vergißt die enorme Rolle der Werbung zu erwähnen, die wesentliche Ursache dafür war dass "unser" Internet zu "deren" Internet wurde, nämlich zu einem kommerziell ausbeutbaren und damit von Grund auf kaputtem Netz. Zwischenmenschliche Kommunikation ist da nur ein Grundrauschen welches geduldet wird. Oder warum werden an vielen Stellen die bekannten Werbekonzernnetzwerke plötzlich zu "social networks", umgedeutscht zu "sozialen Netzwerken"? Es geht um das Geld, wie immer in unserer Marktwirtschaft. Alle anderen aufgeführten Gründe sind nebensächliches Beiwerk.
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