Kultur

Kritik am Kapitalismus

Herzlich willkommen, Jahr der Umbrüche!

Die Armen werden ärmer und die Reichen reicher: Die Gesellschaft muss sich ändern, damit die Ungleichheit sie nicht zerreißt - und so steht uns ein turbulentes Jahr bevor.

imago/Pacific Press Agency

Kapitalismuskritiker in New York

Eine Kolumne von
Sonntag, 31.12.2017   14:58 Uhr

Lieber Freund,

wir kennen uns schon mehr als 30 Jahre, damals lebten wir noch in derselben Stadt und dachten, man müsste einen Laden aufmachen, wo man Sandwiches wie in Amerika kaufen kann. Wir liebten Amerika, und wir lieben es immer noch, auf die komplizierte Art und Weise, wie man Amerika wohl nur lieben kann.

Wir sind verschiedene Wege gegangen, du deinen sehr erfolgreich - mit Anfang 20 hast du gesagt, dass du mit 40 nicht mehr arbeiten willst, weil du bis dahin so viel Geld verdient hast, dass es reicht. Und mir scheint, dass du das Ziel im Grunde erreicht hast. Du besitzt viel, so wie du es wolltest.

Für dich hat dieses Wirtschaftssystem, das du so geschickt genutzt hast, seinen Zweck erfüllt. Und dein Erfolg formt deinen Blick auf dieses System. Über die Jahre hinweg hast du mir immer mal wieder geschrieben, dass dich die pauschale Art der Kapitalismuskritik nervt, und ich habe verstanden, was du gemeint hast.

Du hast gesagt, dass der Kapitalismus an sich besser sei als die Diktatur, und das sei die Alternative. Freiheit also auf der einen Seite, Unfreiheit auf der anderen. Das war und ist dein Bild des Kapitalismus. Freie Individuen, die die Umstände nutzen, um voranzukommen, um für sich ein besseres Leben zu erreichen.

Ich weiß, dass dein Blick auf die Gesellschaft komplexer und nicht so kalt ist, aber das ist doch, würde ich sagen, das Menschenbild, auf dem für dich die Lebensform Kapitalismus aufbaut.

Nun ist nichts statisch, und so etwas Dynamisches wie der Kapitalismus schon gar nicht. Der Kapitalismus, von dem du sprichst, ist eine Idealform, dein Bild ist geformt von der Nachkriegszeit zwischen 1950 und 1980, als wachsender Wohlstand und wachsende gesellschaftliche Gleichheit möglich waren.

Diese Periode, die nicht nur dein Denken prägt, ist jedoch die Ausnahme in diesem System. Die Gründe dafür waren einerseits staatliche Interventionen wie der New Deal in den USA, die zu mehr Gleichheit und Gerechtigkeit geführt haben, und andererseits der Weltkrieg, der zu einer Unterbrechung der Umverteilungslogik von unten nach oben geführt hat.

Denn das ist die Realität dieses Systems, wie es heute funktioniert, nach dem Epochenbruch von 1980 und 1981, als Ronald Reagan und Margaret Thatcher den Kapitalismus zum Mittel des Klassenkampfes machten: ein Klassenkampf von oben gegen unten, eine Wirtschaft, in der vom Tisch der Reichen immer mal wieder ein paar Krumen für die Armen abfallen.

Wie das funktioniert, sehen wir heute. Vor Kurzem ist der "World Inequality Report" erschienen, und er ist so faszinierend wie deprimierend. Der Report liest sich wie das Porträt einer Welt ohne Maß und Mitte, verloren vor den Kräften des Kapitalismus, der seit 1980 ein System für Starke und Egoistische ist und keine tragfähige Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft.

Das Fazit des Reports ist nicht überraschend: Die oberen ein Prozent werden reicher und reicher, die unteren 50 Prozent, die Hälfte der Gesellschaft, werden ärmer und ärmer, nicht nur in den USA, nicht nur in Europa, weltweit werden die Extreme immer größer, was Einkommens- und vor allem Besitzverteilung angeht.

Unterschiede sind allerdings da: In den USA hat sich der Anteil der oberen ein Prozent am Einkommen seit 1980 verdoppelt, sie verdienen nun 20 Prozent von allem, während sich der Anteil der unteren 50 Prozent knapp halbiert hat, sie verdienen zusammen etwa zwölf Prozent von allem.

In Europa, wo staatliche Eingriffe immer noch wirken, ist die Bilanz ausgeglichener. Die unteren 50 Prozent haben einen Anteil von fast konstant 22 Prozent am gesellschaftlichen Gesamteinkommen, die oberen ein Prozent haben ihren Anteil leicht erhöht, von zehn auf zwölf Prozent.

In Deutschland allerdings gehen seit der Wiedervereinigung die Einkommen der Top-Zehn-Prozent und der unteren 50 Prozent der Bevölkerung deutlicher auseinander. Der Kapitalismus ist, das zeigt der "World Inequality Report", eine Umverteilungsmaschine von unten nach oben, Berkeley-Professor Robert Reich erklärt sie hier mit einem Schaubild.

Es gibt mittlerweile genug Menschen, die verstehen, dass das nicht ewig so weitergehen wird, dass Ungleichheit jede Gesellschaft zerreißt und schließlich zu Kämpfen und Revolutionen führt.

Was machen wir also, mein lieber Freund? Du sagst, dass der Kapitalismus, wie er in den USA und in weiten Teilen der Welt existiert, nicht vergleichbar ist mit dem Kapitalismus in Europa und speziell in Deutschland, und in gewisser Weise stimmt das auch. Aber die Frage ist doch längst eine nach dem Wesen und dem Bestand der Gesellschaft.

Und deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, das Menschenbild des Kapitalismus zu hinterfragen, so wie du es beschreibst, so wie es viele beschreiben, weil es seit Jahrzehnten wiederholt wird. Die Verbindung von Freiheit und Kapitalismus ist weder evident noch gegeben, jedenfalls nicht die Art von Freiheit, auf der sich eine Gesellschaft aufbauen kann.

Ich glaube wie du, dass jede Gesellschaft auf Freiheit aufbauen sollte. Wie also würde das funktionieren in einer Welt, die, und darauf läuft es hinaus, postkapitalistisch sein wird? Entweder sie wird bestimmt von Monopolisten, die ihre Macht mehr oder weniger unkontrolliert einsetzen. Oder sie wird bestimmt vom Konzept eines Menschen, der Arbeit, Konsum und Eigentum anders definiert.

Wir leben in Übergangszeiten, wir leben an einem Epochenbruch. Ein Tag wie Silvester ist ganz gut, um das mal wieder zu erkennen: Herzlich willkommen, 2018, Jahr der Umbrüche! Und danke, lieber Freund, dass du so beharrlich anderer Meinung bist und doch immer wieder schreibst. Am Ende kommen wir nur zusammen weiter.

Cheers und alles Gute.

G

insgesamt 72 Beiträge
dasfred 31.12.2017
1. Schön beschrieben und offensichtlich auch so gewünscht
Die letzte Wahl hat ja wieder gezeigt, dass die einzige Partei, die diese Form des Kapitalismus massiv in ihre Schranken weisen will nur bei etwa zehn Prozent der Wähler Anklang gefunden hat. Dann müsste es rechnerisch noch [...]
Die letzte Wahl hat ja wieder gezeigt, dass die einzige Partei, die diese Form des Kapitalismus massiv in ihre Schranken weisen will nur bei etwa zehn Prozent der Wähler Anklang gefunden hat. Dann müsste es rechnerisch noch einmal etwa zehn Prozent Wähler gegeben haben, die aus direktem Eigennutz für schwarzgelb gestimmt haben. Bleibt ein Rest, dem ich einfach mal unterstelle, sie glauben nicht an den Abstieg, hoffen insgeheim auf den eigenen Aufstieg oder sind fügsame Untertanen, welche mit ihrer Stimme die Gunst der Obrigkeit hoffen.
Actionscript 31.12.2017
2. Hat der Sozialismus versagt?
Ich sehe jetzt schon die vielen Kommentare, die sagen, dass es unter dem Sozialismus nicht funktioniert hat und im bestehen den System es den meisten doch gut geht. Die solche Kommentare schreiben, denen geht es wahrscheinlich [...]
Ich sehe jetzt schon die vielen Kommentare, die sagen, dass es unter dem Sozialismus nicht funktioniert hat und im bestehen den System es den meisten doch gut geht. Die solche Kommentare schreiben, denen geht es wahrscheinlich gut. Denn Leuten, denen es nicht gut geht, haben vermutlich andere Sorgen als bei SPON Kommentare zu schreiben. Doch nun zu meiner Überschrift. Das Problem des Sozialismus, wie wir ihn bisher kennengelernt haben, ist, dass Sozialismus zur falschen Zeit gekommen ist von der DDR, die ja sehr stark von der Sowjetunion abhängig war und die deutschen Kriegsschulden bezahlen musste. Russland hatte keinen Kapitalismus als die Revolution kam. Doch wenn es nach Marx ging, so hätte er die Revolution in England erwartet. Das heisst also, dass die Zeit für den Sozialismus erst jetzt gekommen ist, da der Kapitalismus sich immer mehr zum Raubkapitalismus verwandelt, und eben nicht wie in der sozialen Marktwirtschaft jeder mehr profitiert, und der Mittelstand schrumpft. Sozialismus hat also immer nur in armen Ländern stattgefunden, in denen es keinen Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen gegeben hat, und er ist immer in Diktaturen Einzelner geendet. Von daher hat man gelernt, dass der Sozialismus zB der ehemaligen UDSSR nicht gut war. Es war eine Diktatur einiger weniger, wie wir sie in ganz extremer Form jetzt in Nordkorea sehen. Auch hat sich gezeigt, dass die Abschaffung des Privateigentums nicht gut war. Es gibt einige Bestrebungen. Bernie Sanders hat vermutlich etwas im Sinn gehabt, was viele als eine Verschmelzung von Sozialismus und dem bestehendem System ansehen. Systeme wie Skandinavien haben sich bewährt. Skandinavische Länder haben den höchsten allgemeinen Lebensstandard in der Welt.
volker_morales 31.12.2017
3. Immer die gleiche linke Leier!
Ja, ja, einfach nur mehr Geld vom reichen Mitbürger X in die Taschen der armen Mitbürger A,B,C und D und schwups herrscht endlich die lang ersehnte Gerechtigkeit in Deutschland und bald schon auf der ganzen Welt... Fragt [...]
Ja, ja, einfach nur mehr Geld vom reichen Mitbürger X in die Taschen der armen Mitbürger A,B,C und D und schwups herrscht endlich die lang ersehnte Gerechtigkeit in Deutschland und bald schon auf der ganzen Welt... Fragt eigentlich mal jemand, warum wir einen Fachkräftemangel bei Millionen Transferleistungsempfängern haben. Ist die Schule zu teuer, sind die Grundrechenarten komplizierter geworden oder haben sich die Arbeitgeber zu Sklavenhaltern römischen Musters entwickelt? Wenn man wirklich mal etwas Gutes erreichen wollte, müsste nach meinem Verständnis vor allem bei der berufliche Qualifikation von Transferleistungsempfängern und der Fähigkeit, einer geregelten Erwerbstätigkeit nachzugehen, angesetzt werden. Übrig blieben am Ende die echten Härtefälle und denen könnte dann besser und gezielter geholfen werden.
die Stechmücke 31.12.2017
4. Wie die Bewegung organisieren
Es ist nicht in Sicht wie die wachsende Schere zwischen arm und reich (Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital) zu stoppen ist. Die Ausprägung der Armut trägt klare Züge, die gegen die Würde des Menschen und damit gegen [...]
Es ist nicht in Sicht wie die wachsende Schere zwischen arm und reich (Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital) zu stoppen ist. Die Ausprägung der Armut trägt klare Züge, die gegen die Würde des Menschen und damit gegen das GG verstösst. Nur ein Beispiel aus jüngster Zeit: die Zahl der Obdachlosen und Wohnungslosen erreicht allmählich die Millionen Marke. 'Deutschland ist ein Land in dem man gerne und gut lebt', so die Kanzlerin. Die Zornesröte steigt einem ins Gesicht. Die sozialdemokratische Partei ist unfähig eine effektive Balance zwischen arm und reich (Lohnarbeit und Kapital) herzustellen. Die Frage, die sich also stellt ist: Wie eine Bewegung zu organisieren und zu steuern ist, die die soziale Spaltung des Landes überwinden kann.
Patrik74 31.12.2017
5. Auf den Punkt
"Für dich hat dieses Wirtschaftssystem, das du so geschickt genutzt hast, seinen Zweck erfüllt. Und dein Erfolg formt deinen Blick auf dieses System. ... Der Kapitalismus, von dem du sprichst, ist eine Idealform, dein [...]
"Für dich hat dieses Wirtschaftssystem, das du so geschickt genutzt hast, seinen Zweck erfüllt. Und dein Erfolg formt deinen Blick auf dieses System. ... Der Kapitalismus, von dem du sprichst, ist eine Idealform, dein Bild ist geformt von der Nachkriegszeit zwischen 1950 und 1980, als wachsender Wohlstand und wachsende gesellschaftliche Gleichheit möglich waren. ... Die Gründe dafür waren einerseits staatliche Interventionen wie der New Deal in den USA, die zu mehr Gleichheit und Gerechtigkeit geführt haben, und andererseits der Weltkrieg, der zu einer Unterbrechung der Umverteilungslogik von unten nach oben geführt hat." Das fasst das Wesentliche Zusammen; früher konnte man dem "Kapitalismus westlicher Prägung" durchaus etwas abgewinnen - weil er schlicht keiner war! Es bedurfte erheblicher staatlicher Eingriffe, um die systemimmanenten Exzesse, die sich zur Zeit so überdeutlich wieder zeigen, zu zügeln, und dafür zu sorgen, dass auf der einen Seite der Innovationskraft "der Märkte" ausreichend Raum gegeben wurde, auf der anderen Seite aber auch die Früchte dieser Innovationen allen zu Gute kamen. Leider hat es "die Elite" geschafft, aus diesem Rahmen auszubrechen und nur noch in die eigene Tasche zu wirtschaften. Das ging eine ganze Weile gut, weil man von der Substanz leben konnte, und es deshalb einer breiteren Öffentlichkeit nicht aufgefallen ist - der (Netto-)Vermögenstransfer erfolgte nicht durch Enteignung, sondern durch zunehmende Verschuldung, das ist unauffälliger - aber seit der Finanzkrise, funktioniert dieser Trick nun auch nicht mehr so ohne weiteres. Der Weg vorwärts ist der Weg zurück, wir brauchen keine marktkonforme Demokratien, sondern demokratiekonforme Märkte.
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