Kultur

Klimagerechtigkeit

Nach unten treten

Der Bahn-Beauftragte der Regierung findet, das Reisen mit der Bahn müsste teurer werden. Und Männer von rechts bieten alles auf, um eine junge Umweltaktivistin zu diskreditieren. So fährt der Klimaschutz gegen die Wand.

DPA

Freitagsdemo von Schülern

Eine Kolumne von
Dienstag, 29.01.2019   14:26 Uhr

Der Mensch ist ein besonderes Tier und vielleicht das einzige, das sich am Ende durch Dummheit selbst ausrotten wird. Eigentlich wissen zwar sehr viele Leute inzwischen, was zu tun wäre, um die Welt zumindest nicht durch Umweltzerstörung untergehen zu lassen. Weniger Müll, weniger Treibhausgase, weniger Ressourcenraubbau. Wie einfach es sein könnte! Und wie schlecht es klappt! Wunder der Natur.

Ein Weg, die Selbstausrottung hinauszuzögern, ist, weniger zu fliegen oder Auto zu fahren und stattdessen die Bahn zu nehmen. Es könnte somit ein ziemlich glorreicher Job sein, in dieser Zeit und unter diesen Umständen der Bahnbeauftragte der Bundesregierung zu sein. Für pünktliche und funktionierende Züge sorgen, deren Benutzung sich möglichst viele Menschen leisten können, das könnte ein Ziel sein.

Oder eben nicht. Enak Ferlemann von der CDU ist Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium und Beauftragter der Bundesregierung für den Schienenverkehr. Er hat der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gesagt, die Bahn sollte teurer werden. "Die Bahn könnte ihre Preise anheben oder die Sondertarife reduzieren. Die Personalkosten steigen, neue Züge werden gebraucht, das alles kostet Geld. Auch die Fernbusse werden teurer. Die Zeiten des ruinösen Wettbewerbs sind vorbei. Für 19 Euro quer durch Deutschland, das kann nicht der Normalfall sein."

Für 19 Euro quer durch Deutschland ist allerdings überhaupt nicht der Normalfall. Entweder fährt der Bahnbeauftragte nur sehr selten Bahn oder er hat lange keine Fahrkarte mehr gesehen. Von Berlin nach Stuttgart oder München mit der Bahn zu fahren, also quer durch Deutschland, kostet zurzeit ohne Sparpreis knapp über 150 Euro für eine Strecke. Von Berlin aus kommt man für 19 Euro zum Normalpreis mit der Bahn nicht mal bis kurz vor Magdeburg.

Wenn die Bahn noch teurer wird, können arme Menschen entweder Auto fahren, Billigflieger fliegen, laufen oder zu Hause bleiben. Vielleicht könnte man die Bahn zu einem Unternehmen machen, in dem die Züge pünktlicher sind und seltener kaputt gehen, wenn man die Preise noch weiter anhebt. Man würde dann allerdings die Möglichkeiten, halbwegs klimagerecht unterwegs zu sein, für sehr viele Leute drastisch einschränken. Es ist ohnehin schon schwieriger, nachhaltig zu konsumieren und unterwegs zu sein, wenn man wenig Geld zur Verfügung hat.

Man könnte einwenden, Ferlemann sei ja nun Bahn- und nicht Umweltbeauftragter und in dem Gespräch mit der "FAS" sei es gar nicht um Umweltfragen gegangen. Könnte man machen, wenn es die Möglichkeit gäbe, über die Zukunft des Verkehrs in Deutschland zu reden und dabei Umweltfragen vollständig auszuklammern. Schwierig. Wer Mobilitätsprobleme lösen will, indem er Preise anhebt, schafft gleichzeitig neue Mobilitätsprobleme für alle, die zu den sogenannten unteren Schichten gehören.

Es ist beachtlich, wie schnell bei so offenkundig anstehenden Herausforderungen wie Umweltfragen die Lösung für viele darin zu bestehen scheint, einfach noch ein bisschen mehr zu diskriminieren. Man könnte meinen, kaum jemand könne sich anhören, was die junge Umweltaktivistin Greta Thunberg sagt, ohne ihr zuzustimmen. Die heute 16-Jährige hat unter anderem auf der UN-Klimakonferenz in Kattowitz gesprochen und auf dem Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos. Ziemlich simple Sachen, eigentlich: dass die Umwelt zerstört wird, weil reiche Minderheiten weiter in Luxus leben wollen. Dass der CO2-Ausstoß verringert werden muss und die Zeit davonläuft. Dass spätere Generationen alles ausbaden müssen.

Foto: AFP

Aber seit sie in der Öffentlichkeit steht, wird Greta Thunberg angefeindet, hauptsächlich von Männern aus dem rechten Spektrum. Dabei wird alles aufgefahren, was Greta Thunberg von einem alten, innerlich verrotteten Nazi unterscheidet. Ihr Alter, ihr Geschlecht, Mutmaßungen über Geisteszustand und Behinderungen, all das spielt eine Rolle, weil auf all das abzuzielen leichter ist, als ein Gegenargument vorzubringen. Im Großen und Ganzen sei sie eine von Wahnvorstellungen und Geldgier getriebene, manipulierte und hässliche Gestalt, so die Kritik. (Zusammenstellungen der Beleidigungen kann man hier und hier nachlesen.)

Das ist es, was sie können. Im Zweifel immer nach unten treten, wenn sie merken, dass die Luft für sie dünn wird. Wie praktisch: Wenn man sich simple Fakten von einem Mädchen mit Asperger-Syndrom anhören muss, dann muss man auf die Fakten nicht eingehen.

Besonders vielsagend war dabei die Kritik des Anwalts und Publizisten Joachim Steinhöfel.

Er nannte Greta Thunberg auf Twitter unter anderem "altklug und verhaltensgestört, von Untergangsphantasien verfolgt" und schrieb dann: "Früher hat Schweden großartige Kinderpersönlichkeiten wie Kalle Blomquist, Pippi Langstrumpf und vor allem Michel aus Lönneberga hervorgebracht. Und heute? Was ist bloß aus diesem Land geworden?"

Der Witz ist, dass Kalle Blomquist, Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga ausgedachte Figuren sind. Greta Thunberg ist echt, und wie sie Rechte zum Rotieren bringt, macht sie umso beeindruckender.

insgesamt 316 Beiträge
nobody_incognito 29.01.2019
1.
Ein pragmatischer ;-) Kompromiss wäre, wenn alle Autobesitzer mit der Entrichtung ihrer Kfz-Steuer ein Ticket für die kostenlose Benutzung aller öffentlicher Verkehrsmittel bekämen. Für die anderen müssten die Preise erhöht [...]
Ein pragmatischer ;-) Kompromiss wäre, wenn alle Autobesitzer mit der Entrichtung ihrer Kfz-Steuer ein Ticket für die kostenlose Benutzung aller öffentlicher Verkehrsmittel bekämen. Für die anderen müssten die Preise erhöht werden, damit sie sich ein Auto kaufen. Damit wäre der Umwelt und den Arbeitsplätzen geholfen. ;-)
n61 29.01.2019
2. mal nachgefragt
welche Fahrkarte kauft Herr Ferlemann? Oder hat er eine Freikarte? Kann das jemand bitte verifizieren. Ich fürchte, der Herr ist nicht im Alltagsgeschäft eingebunden und damit disqualifiziert für eine objektive Meinung. Und [...]
welche Fahrkarte kauft Herr Ferlemann? Oder hat er eine Freikarte? Kann das jemand bitte verifizieren. Ich fürchte, der Herr ist nicht im Alltagsgeschäft eingebunden und damit disqualifiziert für eine objektive Meinung. Und Umweltschutz? Beschämend.
TLB 29.01.2019
3.
Der Ferlemann ist ein Diener seines Herren und hat einen engen Horizont. Und dem Steinhöfel scheint zumindest eine Windung im Hirn zu fehlen, offensichtlich im Areal für Anstand. Schön wäre, wenn es gesamtgesellschaftliche [...]
Der Ferlemann ist ein Diener seines Herren und hat einen engen Horizont. Und dem Steinhöfel scheint zumindest eine Windung im Hirn zu fehlen, offensichtlich im Areal für Anstand. Schön wäre, wenn es gesamtgesellschaftliche Bestrebungen zu weniger Umweltbelastung, zu mehr Nutzung der Bahn oder überhaupt öffentlicher Verkehrsmittel gäbe.
fletcherfahrer 29.01.2019
4. Ach, Frau Stokowski,
mit den 19 Euro quer durch Deutschland meint Herr Ferlemann den Fernbus, und das meint er mit ruinösem Wettbewerb für die Bahn, denn das kann sie nicht bringen. Bevor sie sowas vom Stapel lassen, erstmal ein bisschen überlegen. [...]
mit den 19 Euro quer durch Deutschland meint Herr Ferlemann den Fernbus, und das meint er mit ruinösem Wettbewerb für die Bahn, denn das kann sie nicht bringen. Bevor sie sowas vom Stapel lassen, erstmal ein bisschen überlegen. Herr Steinhöfel hat durchaus recht. Ist zwar sehr hart ausgedrückt, aber ein junges Mädchen zieht natürlich genauso wie Reklame mit süßen Hundchen oder Kätzchen. Also eine ziemlich billige Masche. Und: Ich bin 63, weiß, heterosexuell und beziehe eine gute Rente. Der schlimmste Alptraum von Frau Stokowski.
wopress1104 29.01.2019
5. Kann es nicht mehr hören
Klimaschutz und nochmals Klimaschutz. Schüler/innen schwänzen für "Klimaschutz" die Schule, streiken für eine besseren Zukunft. Auf die Idee dass nur mit guter Schulbildung eine gute Zukunft sichert, auf die Idee [...]
Klimaschutz und nochmals Klimaschutz. Schüler/innen schwänzen für "Klimaschutz" die Schule, streiken für eine besseren Zukunft. Auf die Idee dass nur mit guter Schulbildung eine gute Zukunft sichert, auf die Idee kommen die nicht. Die Gehirnwäsche zeigt Wirkung. Das Klima ändert sich, ob wir es wollen oder nicht. Anfang der Siebziger Jahre sagte der "Club of Rome" eine Eiszeit voraus. In den Neunzigern kam Al Gore und sagte eine Warmzeit voraus und da es keiner weis was kommt spricht man nun vom Klimawandel und hält sich damit alle Türen offen. Deswegen und weil wir Menschen viel zu klein gegen die Kräfte der Natur sind, kann ich es nicht mehr hören, das gequatsche vom Klimaschutz und Klimawandel. Das bedeutet aber nicht dass ich gegen den Schutz der Natur bin. Da wird m.E. viel zu wenig getan. Die wird sogar vorsätzlich für den "Klimaschutz" zerstört (Lithium- und Kobalt-Abbau),
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