Kultur

Klimaschutz als Trend

Niemand braucht Glamour-Ökos

Jahrelang waren wir Umweltschützer die uncoolen Spielverderber. Das ändert sich gerade, Klimaschutz ist das neue große Ding. Aber wer es ernst damit meint, muss mehr tun, als saisonales Gemüse essen.

Uwe Anspach/ DPA

Klimaschutzdemonstration (in Heidelberg)

Eine Kolumne von
Samstag, 01.06.2019   16:12 Uhr

Am Chaos an unseren Mülltonnen erkenne ich, wie viele Nachbarn gerade ihre Wohnung an Touristen vermieten. Am liebsten würde ich Anweisungen zur Mülltrennung für den Fremdenverkehr anpinnen - ich finde, wer unter Einheimischen wohnt, sollte ihre Recycling-Sitten annehmen. Was soll ich sagen: Müll macht mich zur Spießerin.

Ich bin ein Öko der alten Schule. Unsere großen Themen in den Achtziger- und Neunzigerjahren waren das Waldsterben, die Atomkraft und das Ozonloch. Mülltrennung war keine Frage des Haushalts, sondern der geistigen Haltung.

Mein Umweltbewusstsein habe ich von meiner alleinerziehenden Hippie-Mutter, deren Freunde in meiner Erinnerung alle Uwe hießen, Schnurrbart trugen und im linken Ohr einen Ring baumeln hatten. Im Nachhaltigkeitsmagazin "Biorama" schrieb eine Kollegin vor ein paar Jahren über "10 Dinge, an die du dich erinnerst, wenn du unter Ökos in den Neunzigern groß geworden bist" und brachte meine Kindheit gut auf den Punkt.

Statt Cola gab es bei uns Ayran, statt Gummibärchen nur Trockenobst. Die Klospülung musste immer akkurat von Hand gestoppt werden (Wassersparen war unsere Religion), und der jährliche Besuch bei McDonald's war wie Weihnachten. Im "Biorama"-Artikel steht, Jugendliche wie ich "mussten mit ihren Klassenkollegen nicht um Coolness wetteifern - sie waren von vornherein disqualifiziert." Das stimmt.

Ich hatte die Arschkarte für Sonderlinge gleich doppelt gezogen: Ich war in meiner Lernkohorte die einzige Türkin und die einzige "Öko". Bei Erkältungen bekam ich keine Wick-Bonbons, sondern eine Knoblauchkur verpasst. Und statt Micky-Maus-Shirt und Jeans trug ich ausgewaschene Wollpullis und Cord.

Aber nicht nur in der Schule galt ökiges Auftreten als uncool - auch später sahen die meisten in übersteigertem Umweltbewusstsein mehr eine Marotte als eine Mission. An jedem Arbeitsplatz war ich die Spielverderberin, die zu beidseitigem Druck von Altpapier ermahnt. Beim Brunch nerve ich meine Freunde mit Infos aus dem "Greenpeace Magazin", wie zum Beispiel, dass man keinen Fisch mit gutem Gewissen essen kann, außer Karpfen.

Plötzlich neidische Blicke auf die Dinkelkauer

Doch neuerdings, seit unzählige Schüler bei "Fridays for Future" demonstrieren und die Klimafrage zum politischen Nahkampfthema geworden ist, gilt die ideologische Nähe zu Leinen liebenden Umweltaktivisten nicht mehr als peinlich. Und seit der Europawahl ist es amtlich: Klimaschutz ist der neue Hot Shit. Die Grünen fahren damit berauschende Erfolge ein, und sogar die Krawattenträger von den Unionsparteien und die kohlefreundlichen Sozialdemokraten schielen neidisch auf die Dinkelkauer.

In meinem Alltag finden es die Menschen um mich herum neuerdings gut, wenn ich es mir nicht verkneifen kann zu sagen, "nimm doch Porzellan statt Alufolie" oder "das kann man ausspülen und noch mal verwenden". Sie nicken verständnisvoll, statt mit den Augen zu rollen. Extrovertiertes Umweltbewusstsein ist voll im Trend.

Es gibt inzwischen Cyber-Ökos, die ihren ökologischen Fußabdruck per App analysieren und Glamour-Ökos, die ihren teuren Latschen-Look mit schicker Naturkosmetik kombinieren. Birkenstock ist Hollywood, Grün ist Kult und Ökologie ein wirtschaftlicher Megatrend. Bislang eher geschmähte Original-Müslis wie ich müssen sich an so viel Zuspruch erst gewöhnen.

Preisabfragezeitpunkt:
15.12.2019, 12:05 Uhr
Ohne Gewähr

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Es ist zwar schön, dass müsloides Verhalten ein Upgrade bekommt - aber ein Grund zum Aufatmen ist es leider nicht. Alles spricht dafür, dass vielen Neulingen im Ökoklub überhaupt nicht klar ist, was ein nachhaltiger Umgang mit der Umwelt tatsächlich bedeutet. Es geht jedenfalls nicht darum, im Parteiprogramm ein paar nette Sätze zum Klimaschutz zu schreiben, wie sich bürgerliche Trittbrettfahrer das offenbar vorstellen. Es geht auch nicht darum, Wasser aus der Leitung selbst zu sprudeln, saisonales Suppengemüse zu essen und nur noch Waren mit grünem Label zu shoppen, wie viele Eintagsklimaschützer sich ihr Engagement offenbar ausmalen.

Wahre Ökos stellen die Systemfrage. Der schlimmste Feind der Umwelt ist nichts Geringeres als der Kapitalismus. Wer Mutter Erde und uns vor der Umweltkatastrophe schützen will, muss auf Konsum verzichten und sein Leben radikal umstellen.

Ich will gar nicht groß rummoralisieren - ich bin auch keine konsequente Systemkritikerin. Mein Umweltbewusstsein beschränkt sich noch immer auf die Themen der Neunziger: Wasser, Bäume, Müll. Aus Sicht der "Fridays for Future"-Jugend bin ich vermutlich nur eine Öko-Light. Aber ich mache mir nichts vor: Mülltrennen wird uns nicht retten. Und ich nehme die jungen Klimaaktivisten ernst.

Außerdem: Würden weniger Leute für einen Wochenendtrip nach Berlin fliegen, hätte ich ein ganz persönliches Problem weniger - das Recycling-Chaos an den Mülltonnen in unserem Hof. Das wäre schön.

insgesamt 166 Beiträge
froh und heiter 01.06.2019
1. Real existierender Konsumismus
Wenn wir nur noch kaufen, was wir wirklich brauchen, dann ...
Wenn wir nur noch kaufen, was wir wirklich brauchen, dann ...
sinnmacher 01.06.2019
2. Das ich das noch erleben darf...
Ich zitiere: "ich finde, wer unter Einheimischen wohnt, sollte ihre Recycling-Sitten annehmen." Unglaublich.
Ich zitiere: "ich finde, wer unter Einheimischen wohnt, sollte ihre Recycling-Sitten annehmen." Unglaublich.
alebrijes 01.06.2019
3.
Liebe Frau Ataman, jetzt habe ich mir die Zeit genommen, Ihren Artikel zu lesen - die Einleitung versprach neue Erkenntnisse oder zumindest Anregungen zu liefern. Weit gefehlt, oder wollen Sie nur Ihr Buch bewerben. Der Versuch [...]
Liebe Frau Ataman, jetzt habe ich mir die Zeit genommen, Ihren Artikel zu lesen - die Einleitung versprach neue Erkenntnisse oder zumindest Anregungen zu liefern. Weit gefehlt, oder wollen Sie nur Ihr Buch bewerben. Der Versuch ist ja nicht strafbar, aber trotzdem ziemlich öde... gäääähn
Nordstadtbewohner 01.06.2019
4. Mal etwas anderes - Keine (reine) Migrantengeschichte
Der Schutz der Umwelt und vor allem des Klimas geht alle an, also Deutsche, Deutsche mit Migrationshintergrund und Nichtdeutsche. Denn der Klimawandel betrifft alle Menschen in Deutschland und der Welt. Von daher finde ich es gut, [...]
Der Schutz der Umwelt und vor allem des Klimas geht alle an, also Deutsche, Deutsche mit Migrationshintergrund und Nichtdeutsche. Denn der Klimawandel betrifft alle Menschen in Deutschland und der Welt. Von daher finde ich es gut, dass Sie mal (ausnahmsweise) nicht eine sonst übliche Migrantengeschichte erzählen, sondern die Geschichte von nicht mehr ganz so jungen bzw. alten "Ökos". Ich kenne dieses Umfeld auch aus meiner Kindheit, vor allem das mit der Mülltrennung um dem Müsli. Ich denke auch, die derzeit aktiven "Glamour-Ökos" nicht wirklich verstanden haben, was tatsächlicher Verzicht bedeutet, um den Klimawandel aufzuhalten. Dagegen spricht die Lebensweise der hiesigen Klimaaktivisten, die mitunter eine Lebensweise pflegen (Konsumartikel und viele Flugreisen), die mit ursächlich für den Klimawandel selbst sind.
appenzella 01.06.2019
5. Öko
oder nicht, das ist die Frage. William Shakesbeer
oder nicht, das ist die Frage. William Shakesbeer
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