Kultur

Forderung nach höheren Flugpreisen

Muss man sich leisten können

Klassenhass ist genauso real wie Rassismus oder Sexismus - und spiegelt sich in Vorurteilen, Gesetzen und politischen Forderungen. Selbst bei denen, die eigentlich die Welt retten wollen.

DPA

Überleben fernab des Ökotrends: Ausgabetheke der Mainzer Tafel

Eine Kolumne von
Dienstag, 30.07.2019   16:10 Uhr

Zuerst die gute Nachricht. Langsam - wirklich ganz langsam - beginnen manche Menschen zu verstehen, dass es so etwas wie alltäglichen Rassismus und Sexismus gibt, den viele von uns verinnerlicht haben und abbauen müssen. Es setzt sich hier und da die Erkenntnis durch, dass auch diejenigen, die sich emanzipiert wähnen, oft noch misogynen Denkmustern folgen oder Vorurteile über Leute mit sogenanntem Migrationshintergrund haben. Dieser Lernprozess findet statt - neben all dem, was leider auch stattfindet.

Jetzt die schlechte Nachricht: Das gilt nicht für Klassismus. (Funfact: Ich habe gerade dieses Wort getippt, und Microsoft Word unterstreicht es rot, weil das Programm es nicht kennt.) Klassismus bedeutet Diskriminierung nach sozialer Herkunft oder sozialem Status, und diese Diskriminierung kann sich in unbewussten Vorurteilen finden oder in ganz bewusster Ablehnung; zum Beispiel, wenn Menschen davon ausgehen, dass arme Menschen eher faul und dumm sind, oder dass ungebildete Leute sich eher asozial verhalten.

Preiserhöhungen treffen Menschen unterschiedlich

Klassenhass ist genauso real und wirksam wie Rassismus oder Sexismus, auch wenn seltener über ihn gesprochen wird. Es gibt nicht nur die Ablehnung gegen "die da oben", es gibt auch die tiefe Verachtung derer, die denken, dass man bei Discountern nur "Müll" kaufen kann, obwohl dieser vermeintliche Müll das ist, was Millionen Menschen täglich essen. Klassismus findet sich in Klischees, in der Sprache, in Gesetzen, in allen möglichen Institutionen und in politischen Forderungen. Selbst bei denen, die eigentlich die Welt retten wollen.

Ein paar Forderungen aus den vergangenen Wochen: "Fliegen muss teurer werden" - "Heizen und Tanken muss teurer werden" - "Autofahren in Städten muss teurer werden" - "Pendeln mit dem Auto muss teurer werden" -"Benutzung der Fernstraßen muss teurer werden" - "Plastik muss teurer werden" - "Reisen muss teurer werden" - "Fleisch muss teurer werden".

Es passiert immer wieder, und zurzeit besonders oft, dass politisch nicht gewollte Verhaltensweisen dadurch eingedämmt werden sollen, dass die Kosten für dieses Verhalten erhöht werden sollen: Mal soll klimaschädliches Verhalten teurer werden, mal gesundheitsschädliches, oft beides gleichzeitig. Fleisch, Benzin, Strom, Plastik, Zigaretten, Alkohol, Fertigprodukte, Zucker, manchmal auch Lebensmittel im Allgemeinen, all das soll immer wieder teurer werden. Das kann für manches eine Lösung sein - aber keine gerechte. Weil Preiserhöhungen verschiedene Menschen sehr unterschiedlich hart treffen.

Der Trick, arme Leute zu bestrafen

"Eigentlich ist es einfach: Klimasünden müssen teuer sein", hieß es zum Beispiel neulich in einem SPIEGEL-Artikel. So einfach ist es dann aber doch nicht. Wie teuer Verkehrs- und Nahrungsmittel sind, hat auch viel mit Gesetzen und staatlichen Subventionen zu tun. Es kann sein, dass Fliegen und Autofahren teurer werden müssen, aber dann müssen Bahnfahren und generell der öffentliche Personennahverkehr billiger werden (und zwar: sehr viel billiger), sonst werden mit gut gemeinter Klimapolitik hauptsächlich arme Leute bestraft: Sie müssen sich dann, weil sie arm sind, noch mehr einschränken als ohnehin schon.

Diskriminierung muss nicht immer offener Hass sein, sie kann auch einfach darin bestehen, dass man Leute vergisst. Oder sie kann darin bestehen, dass man findet, es sollten sich eben nicht alle Leute die gleichen Dinge leisten können.

In einem Kommentar der "Tagesschau" wies neulich Kristin Joachim darauf hin, dass die Reise von Berlin nach Köln mit der Bahn 90 Euro, mit dem Flugzeug aber nur 27 Euro kostet: "Ehrlich gesagt will ich diese Entscheidung nicht mehr ständig treffen müssen. Fliegen muss teurer werden! Ja! Und zwar ordentlich, damit das Ganze auch einen Effekt hat. (...) Wer jetzt sagt, höhere Flugpreise seien unfair, dann könnten sich Menschen mit weniger Geld Fliegen nicht mehr leisten. Ja, das stimmt! Aber Fliegen ist auch kein Grundrecht." Klar. Es ist aber auch kein Grundrecht, bei Reiseentscheidungen nicht mehr nachdenken zu müssen.

Leute mit wenig Einkommen sparen oft das ganze Jahr für den einen Urlaub, bei dem sie dann eben fliegen, oder sie fliegen ab und zu mal ihre Familie im Ausland besuchen. Eine Klimapolitik, die das unmöglich macht, ist peinlich ohne Ende und mindestens so eklig wie ein Kilo Fleisch aus Massentierhaltung von wundgescheuerten und qualvoll getöteten Schweinen oder Kühen, die nie die Sonne gesehen haben (wobei, wenn Sie mich fragen, edles Hirsch- oder Krokodilfleisch genauso eklig ist, anderes Thema).

Es gibt dieses Problem nicht nur bei Klima- oder Gesundheitsfragen. Wenn zum Beispiel diskutiert wird, ob Bluttests auf das Risiko für das Vorliegen einer genetischen Störung wie Trisomie während der Schwangerschaft eine Kassenleistung sein sollten, dann geht es einerseits um sehr grundlegende ethische Fragen: Wie geht unsere Gesellschaft mit Menschen mit Behinderung um?

Das Problem ist: Es geht dabei nicht nur um diese Fragen, sondern auch darum, wer diesen Test überhaupt machen kann. Denn für einige sind 200 Euro, die so ein Test kostet, nichts, für andere ist das ein Vermögen, das sie nicht aufbringen können. Wer dafür argumentiert, dass solche Blutuntersuchungen generell nicht von Krankenkassen bezahlt werden sollten, den kann man auch so verstehen: "Eigentlich wollen wir diese Tests nicht, aber Leute mit Geld sollen sie trotzdem machen können." Ärmeren Menschen bleibt dann im Falle einer Risikoschwangerschaft nur die kassenbezahlte invasive Untersuchung, die aber häufig als riskanter bewertet wird.

Es gibt für all das keine einfache Lösung. Fleisch ist zu billig, aber die Antwort darauf kann nicht sein, dass nur noch Leute aus der Mittel- oder Oberschicht Fleisch essen dürfen. Fliegen ist im Verhältnis zum Bahnfahren zu billig, aber die Antwort darauf kann nicht sein, dass arme Leute zuhause bleiben müssen oder nur noch an die Ostsee dürfen.

Ein Vorurteil gegen arme Menschen ist, dass sie sich nur nicht genug anstrengen. Im Moment ist es eher so, dass viele derjenigen, die über politische Veränderungen nachdenken, sich nicht genug anstrengen: um politische Mittel zu finden, die nicht einfach nur darin bestehen, dass arme Leute noch weniger Freiheiten bekommen und reiche Leute einfach mehr bezahlen: das ist dann einfach ein Ablasshandel für sogenannte Klimasünden, und Ablasshandel findet selbst die katholische Kirche vorgestrig, also bitte.

insgesamt 453 Beiträge
fridericus1 30.07.2019
1. Wenn man die Wahlbeteiligung ...
... in den sognannten schlechten Gegenden (niedrig) mit denen in den sogenannten besseren Gegenden (hoch) vergleicht, ahnt man, warum sich die meisten Politiker keinen Deut um arme Menschen scheren. Die Linke machts, kommt aber [...]
... in den sognannten schlechten Gegenden (niedrig) mit denen in den sogenannten besseren Gegenden (hoch) vergleicht, ahnt man, warum sich die meisten Politiker keinen Deut um arme Menschen scheren. Die Linke machts, kommt aber u.a. wegen der politischen Absenz ihres Klientels kaum vom Fleck. Solange arme Menschen sich nicht wirklich effektiv an der Willensbildung beteiligen, wird auch gegen sie Politik gemacht.
nelson76 30.07.2019
2. Danke!
Zum ersten mal kann ich Ihnen Zustimmen! Danke und habe nichts hinzuzufügen!
Zum ersten mal kann ich Ihnen Zustimmen! Danke und habe nichts hinzuzufügen!
christine.rudi 30.07.2019
3. Also wenn Fliegen (Flugbenzin !) nicht teurer werden darf,
... dann sollte die Autorin auch dafür eintreten, daß Autobenzin genauso billig wird wie Flugbenzin. Jede andere Position ist unlogisch !
... dann sollte die Autorin auch dafür eintreten, daß Autobenzin genauso billig wird wie Flugbenzin. Jede andere Position ist unlogisch !
ambulans 30.07.2019
4. sehr
geehrte frau stokowski, ich habe eine ausgewachsene "muss"-allergie und sehe rot, wo auch immer ich mit diesem ausgesprochenen "nicht"-wort (sind doch eigentlich immer nur ideologen, die sowas brauchen, oder [...]
geehrte frau stokowski, ich habe eine ausgewachsene "muss"-allergie und sehe rot, wo auch immer ich mit diesem ausgesprochenen "nicht"-wort (sind doch eigentlich immer nur ideologen, die sowas brauchen, oder nicht?) überzogen werde. a propos: wie oft haben sies eigentlich oben verwendet?
846627 30.07.2019
5. nicht autofahren muss teuer werden, Überfluss muss teuer werden
Warum orientiert sich die Besteuerung von Autos am Hubraum? Warum nicht an Leistung und Gewicht? denn wer wenig Geld hat, der kauft keinen SUV oder Luxusauto. Sprit muss nicht teurer werden. die Spritproduktion muss teuer werden [...]
Warum orientiert sich die Besteuerung von Autos am Hubraum? Warum nicht an Leistung und Gewicht? denn wer wenig Geld hat, der kauft keinen SUV oder Luxusauto. Sprit muss nicht teurer werden. die Spritproduktion muss teuer werden und darf nicht auf den Verbraucher umgelegt werden. nicht heizen muss teuer werden, sondern umweltschädliche Energieproduktion muss teuer werden und darf nicht auf den Verbraucher umgelegt werden. Denn der Produzent ist verantwortlich für die Emission von Treibhausgasen. Wenn Unternehmen für Ihre Produktionsweisen zahlen müssen, dann denken die sich neue Methoden aus, weniger schädlich zu produzieren.
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