Kultur

Leserbriefe zum Fall Relotius

"Gut geschrieben. Auf Kosten der Wahrheit"

Der Fall Relotius beschäftigt auch die SPIEGEL-Leser. Wir dokumentieren hier eine Auswahl der Zusendungen.

Freitag, 28.12.2018   18:03 Uhr

Die derzeitige "SPIEGEL-Affäre" ist umso schlimmer, da sie gerade für diejenigen, die ständig Parolen von "Lügenpresse" und "Fake News" verbreiten, ein gefundenes Fressen sein wird.
Joachim Kasten, Hamburg


Auch ich habe Herrn Relotius' Texte gerne gelesen. Sie waren und sind sehr gut geschrieben. Auf Kosten der Wahrheit, wie wir jetzt wissen. Die Kontrollen müssen und werden Sie verbessern. Aber eine hundertprozentige Kontrolle von Menschen kann und wird es nie geben, und ich denke, das kann auch niemand wollen. Wichtig sind Transparenz und Selbstkritik. Das leisten Sie. Und Sie leisten es auf die gewohnt professionelle Weise, gern auch gut geschrieben. Warum auch nicht?
Sabine Lagies, Pleystein (Bayern)


Mit Ihrer vorschnell erscheinenden öffentlichen Aufarbeitung der "gefälschten Geschichten" und "betrügerischen Machwerke" eines "kriminellen Einzeltäters" will der Spiegel offenbar die eigene Bedeutung in Zeiten des zunehmenden Niedergangs der obsolet wirkenden Printmedien angesichts der übermächtigen Digitalisierung und vielfältigen Internetangebote noch einmal künstlich aufwerten.
Dr. David Perteck, Hamburg


Durch den Fall des Betrugs durch Herrn Relotius wurde ich mit der Frage konfrontiert, ob ich mein Spiegel-Abo kündigen sollte. Ich bin zum Entschluss gekommen, dass auch Leser eine Verpflichtung gegenüber einer Zeitschrift haben, diese Zeitschrift auch in dunklen Zeiten zu unterstützen. Meine Erschütterung ist erheblich. Auch ich habe die Reportagen des betroffenen Kollegen als Höhepunkte Ihrer Arbeit als Nachrichten vermittelndes und darstellendes Medium empfunden. Ich bin der Meinung, dass man diesen Fall bis zum letzten Blatt Papier untersuchen und auswerten sollte. Ergebnis dieser Untersuchung sollte eine neue Art der Herangehensweise an die Berichterstattung wirklich wichtiger Themen sein.
Dr. Volker Thieme, Leipzig


Bei den Texten des Herrn Relotius hatte ich eine Vorahnung, dass irgendetwas faul ist, gerade wegen der vielen girlandenartig ausschmückenden Details. Warum hatte dieses Gefühl beim SPIEGEL keiner der Verantwortlichen und bedurfte es erst eines mutigen Kollegen, um den Fall aufzudecken? Mich nervten, ja ärgerten diese Texte. Zu kitschig, zu sülzig, zu perfekt.
Jochen Weber, Koblenz


Die ganze Sache hat fast grotesk komische Momente. Die Type ist ja in erster Linie ein genialer Enkeltrickbetrüger, nicht nur der Spiegel ist dem auf den Leim gegangen. Trotzdem scheinen erhebliche strukturelle Defizite beim Spiegel und die generelle Ausrichtung der zuständigen Redaktion/Chefredaktion, solche Drama-Soap-Storys zu pushen, diesen "Albtraum" erheblich begünstigt zu haben. Dieser könnte eine Chance sein, sich auf die Kernkompetenzen des Nachrichten-Magazins zurückzubesinnen. Ich denke, der Spiegel schafft das.
Ralf Spiller, Berlin


Der Fall Relotius

Relotius war mit seinen "Erzählungen" so erfolgreich, weil er das Weltbild des SPIEGEL bedient hat, die Voreingenommenheit eines Blatts, dass die Wirklichkeit so zu sein hat, wie der SPIEGEL sie sieht. Dem Blatt fehlt leider zunehmend die kritische Distanz, die man von einem Nachrichten-Magazin erwartet. Ob die neue Demut zu mehr Unvoreingenommenheit führt? Wünschenswert wäre es!
Prof. Dr. Christian Kölbel, Schweich (Rhld.-Pf.)


Hinfallen, aufstehen, Mund abputzen, weitermachen. Never surrender!
Wilfried Merg, Leverkusen


Peinlich und beschämend finde ich nicht so sehr das Fehlverhalten des Herrn Relotius, sondern das Ausmaß und die Intensität, mit welcher der SPIEGEL sich auf mehr als 22 Seiten plus Umschlagtitel mit Gebrüll darum bemüht, seine hehre Journalistentugend herauszustellen, und zu diesem Zweck den Delinquenten unbekümmert an den Pranger stellt. Geschäftsinteresse ist ja okay, aber Heuchelei ist uncool. Wie soll man auch im Land der Dichter, Denker und "Bunte"-"Bild"-etc.-Leser glauben, dass unsere Medien frei von derart zweifelhaftem Verhalten sind? Kriegt euch mal wieder ein; ihr seid nicht der Nabel der Welt. Und ich habe keine Lust, euch beim Waschen eurer schmutzigen Wäsche zuzuschauen und noch dafür zu bezahlen.
Ernst Terhardt, München


Nun ist bei Dir, SPIEGEL, eine Art Super-GAU eingetreten. Auch das wirst Du überstehen, vorausgesetzt, auch die Chefredaktion übernimmt einen Teil der Verantwortung für dieses Desaster, das auch durch deren allgemeine Orientierung verursacht wurde. Vom Motto des Gründershast Du Dich in den letzten Jahren leider etwas entfernt, aber das kann man ja wieder zurechtrücken. Vor allem der Tränendrüsen-Journalismus muss jetzt auf den Prüfstand! Gefühlsduseleien haben in Deinen Heften nichts zu suchen.
Benno Spring, Belo Horizonte (Brasilien)


Wie bei jedem guten Betrug gelang es Claas Relotius ausgezeichnet, die Bedürfnisse seiner Betrugsopfer zu erfühlen und zu erfüllen. Ein riesiges Kompliment an Juan Moreno! Er repräsentiert, wie ein guter Journalist sein soll. Autoritäten infrage stellen und schreiben, was ist.
Dr. Karsten Strey, Hamburg


Relotius ist ein wunderbarer Schreiber, ich habe seine Geschichten mit Twain- und Waugh-Vergnügen gelesen. Der Grundfehler seiner Arbeit lag nur darin, dass er kein Reporter ist, sondern Schriftsteller.
Axel Thorer, München


Zurück zu den Fakten. Nichts beschönigen. Nichts aufrechnen. Nichts weglassen. Nichts relativieren. Zurück zu den Argumenten. Einordnen. Vergleichen. Kommentieren. Diskutieren. Ich möchte mich in einer guten Reportage nicht mit dem Autor auseinandersetzen müssen.
Horst Schniedenharn, Wiesbaden


Gesinnungsethisch stets auf der "richtigen" Seite passten die Geschichten des Herrn Relotius eben nur zu gut in Ihr Blatt.
Ralf Altmann, Siegen


Seit mehr als einem halben Jahrhundert bin ich Ihr treuer Leser. Doch nach diesem von mir nie für möglich gehaltenen Vertrauensbruch hätte es sich zumindest gehört, das Heft Nr. 52 als Freiexemplar abzugeben.
Uwe George, Hamburg


Bevor sich SPIEGEL-Redakteure auch noch einen Journalistenpreis wegen vorbildlicher Transparenz in der Fake-News-Aufdeckung im eigenen Haus ans Revers heften, werde ich jetzt schleunigst den SPIEGEL aus meinem Alltag tilgen.
Dr. Manfred Zink, Lehrberg (Bayern)


Ich schätze die unvoreingenommene und informative Arbeit Ihrer Mitarbeiter. Ich werde weiterhin mit Ihnen gehen. Sie haben den Dieselskandal aufgedeckt. Sie schaffen es, fast immer, mich mit Ihren Berichten zu begeistern. Ich bedanke mich für alles Wissen, welches ich von Ihnen gelernt habe. Bitte lassen Sie sich nicht beirren. Nur weil einer Quatsch macht, werden nicht alle diskreditiert. Ich habe mir gerade einen Spiegel gekauft und freue mich darauf, ihn zu lesen.
Patricia Hoepke, München


Die Affäre Relotius ist für die AfD das schönste Weihnachtsgeschenk.
Günter Kohlbecker, München


Für mich stand schon lange fest, dass in den Zeitungen nur das Datum und der aufgedruckte Verkaufspreis richtig waren. Wie wohltuend war doch der SPIEGEL. Und nun das - auch der SPIEGEL begibt sich auf unterstes journalistisches Niveau -, pfui Deibel! Es ehrt Sie aber, dass Sie sofort mit einer Titelgeschichte darauf reagieren. Mit dem entstandenen Vertrauensverlust müssen Sie nun zu leben lernen - das wird sicherlich nicht einfach. Ich wünsche und hoffe, dass es dem SPIEGEL gelingt.
Eberhard Block, Dörverden (Nieders.)


Es tut mir für die gesamte Redaktion sehr leid, dass sie einem vertraut hat, der es nicht verdient hat. Es gibt Menschen, die können andere einlullen, bis das natürliche Warngefühl ausgeschaltet ist. Bleibt erschütterbar - und widersteht, kann man mit Peter Rühmkorf nur noch sagen.
Gudrun Anderson, Hamburg


Bitte die Selbstkasteiungen in Sachen Relotius jetzt auch nicht übertreiben. Langsam wird's peinlich. Wir SPIEGEL-Leser vermögen einzuschätzen, ob und in welchem Maße auch Ihre Redaktion versagt hat. Das ist jetzt klar. Bitte die Leserschaft auch weiterhin informieren, aber nach Möglichkeit nur noch sehr eingeschränkt mit dem selbstanklagenden Unterton.
Hagen Körber, Köln


In jeder Institution gibt es schwarze Schafe, die Unheil anrichten. Verlassen wir uns auf das Versprechen des SPIEGEL: Er wird sein "SPIEGEL-Gate" sorgfältig analysieren und aufarbeiten - mit angemessener Demut und weiterhin notwendigem Selbstbewusstsein, anspruchsvoll und doch verständlich, informativ und zugleich packend, sachlich, aber auch unterhaltsam.
Fred Maurer, Aalen (Bad.-Württ.)


Ich bin Blockchain-Entwickler und habe die Vision, dass jegliches Rohmaterial, das in den Nachrichten auftaucht, zur späteren eventuellen Kontrolle in eine Blockchain abgelegt wird, sodass man als interessierter Leser sich bis zu den Quellen eines Artikels vorarbeiten kann, wenn man denn will. Bei einer vertraulichen Quelle könnte ein sogenannter Multi-Signatur-Kontrakt eingesetzt werden, mit dem Redakteur und Chefredakteur die Inhalte entschlüsseln müssen, damit sie einsehbar sind. Authentizität von Informationen wird in Zukunft einen immer höheren Stellenwert einnehmen.
Christophe Leske, Düsseldorf


Im Vertrauen auf korrekte Berichterstattung kaufe und lese ich seit 55 Jahren den SPIEGEL, ob im Ausland oder zu Hause. Und nun dieses Desaster. Der sträfliche Vorsatz Ihres preissüchtigen Claas Relotius und die doch nicht so perfekt funktionierende Kontrollinstanz Ihrer Dokumentation haben nicht nur dem SPIEGEL geschadet, die gesamte Medienbranche gerät in Misskredit und unter Generalverdacht. Ich überlege schon, ob der aktuelle SPIEGEL mein letzter ist.
Wilfried Dieterichs, Laatzen (Nieders.)


Der SPIEGEL verstand sich ursprünglich als Nachrichten-Magazin. Inzwischen bringt er Fotos, die malerisch aufgehübscht und künstlich dramatischer gestaltet wurden. Etliche Meldungen schaffen es ganz offenbar nur wegen ihres Unterhaltungswerts in die Ausgaben, wegen ihrer Boulevardaffinität. Zu diesem Trend passen aufgehübschte Reportagen nur allzu gut. Claas Relotius hat das ganz richtig eingeschätzt. Ich wünsche mir sehr, dass sich der Spiegel wieder auf seine Wurzeln besinnt!
Michaele Happich, Fürth


Das seitenlange kitschige Geschreibe hatte, auch thematisch, einen offenkundigen Doku-Soap-Charakter. Das habe ich einfach überblättert. Egal ob die Informationen stimmten oder nicht: So etwas gehört nicht in ein Nachrichten-Magazin. Schluss damit. Mir genügen sorgfältig recherchierte Berichte und Hintergrundartikel.
Rainer Warnecke, Bad Harzburg (Nieders.)


Laut Statistik haben Sie im dritten Quartal 2018 716.663 Exemplare des SPIEGEL verkauft. Diese Zahl wird sich um ein Exemplar je Erscheinung verringern: Lügen muss ich nicht bezahlen, die gibt es reichlich kostenlos im Internet.
Roland Legler, Berlin


Selbst mir sind beim Lesen der Syrien-Reportage "Ein Kinderspiel" erhebliche Zweifel an deren Wahrheitsgehalt gekommen. Dass es möglich ist, für eine inhaltlich derart realitätsferne und abseitige Geschichte den Deutschen Reporterpreis verliehen zu bekommen, lässt mich fassungslos zurück. Ich weiß nicht, welches Blatt ich heute noch bedenkenlos in den Händen halten kann. Ob ich mein SPIEGEL-Abo kündigen werde, weiß ich noch nicht.
Verena Breum, Wedel (Schl.-Holst.)


Ich habe den SPIEGEL seit Jahren abonniert. Warum? Weil Ihr Blatt bei dem überwiegenden Teil der interessanten Reportagen einen enormen Tiefgang abbildet und ich Ihnen grundsätzlich mein Vertrauen beim Lesen schenke. Das wird ganz sicher auch in Zukunft so bleiben! Insbesondere, da ich sehe, wie Sie aktuell mit der notwendigen Aufarbeitung umgehen. Fakt ist und bleibt: Bei entsprechender Motivation lässt sich so etwas niemals ausschließen. Die Konsequenz kann allerdings nicht lauten, kein Vertrauen mehr zu haben. Was für eine arme Welt wäre das dann?
Frank Reisch, Wuppertal


Mir liegt, wie Ihnen selbst, an schneller und lückenloser Aufklärung und daran, dass solches Fehlverhalten künftig weitgehend ausgeschlossen werden kann. Mir liegt aber auch sehr viel daran, dass Sie, nach angemessener Beschäftigung mit SPIEGEL-internen Abläufen, schnell zu Ihrer eigentlichen Arbeit zurückfinden: Sagen, was ist! Ich bleibe dem SPIEGEL treu.
Joachim Driefmeier, Neuchâtel (Schweiz)


Seit meinem 14. Lebensjahr begleitet mich der Spiegel. Das sind 57 lange Jahre. Mit Euch habe ich Politik und Wirtschaft gelernt. Ihr habt mir auch gutes Deutsch beigebracht. Wegen einer faulen Tomate werf ich nicht den ganzen Korb weg. Ihr macht das schon, auch wenn es nicht schön ist, Kollegen strenger kontrollieren zu müssen.
Peter Seiler, Heddesheim (Bad.-Württ.)


Als langjähriger Spiegel-Leser war ich zuerst einmal schockiert über die Nachricht, dass Ihr Magazin verfälschte Artikel veröffentlicht hat. Nachdem ich allerdings Ihre offene und lobenswerte Darstellung der Hintergründe dieser manipulierten Artikel eingehend gelesen habe, ist mein Vertrauen in Ihr Nachrichten-Magazin auch weiterhin ungebrochen. Gerade diese Offenheit und "Sagen, was ist" zeichnet den Spiegel aus. Es wäre zu wünschen, dass auch in anderen Bereichen der Politik und Gesellschaft mit einer solch vehementen Offenheit Verfehlungen ans Licht kämen.
Hans-Peter Klaussner, Olsztyn (Polen)


Ein erster Schritt, wie Sie künftig berichten wollen, scheint mir der Bericht über die Krawalle in Chemnitz zu sein. Sachlich, informativ, beinahe gerichtsverwertbar. Aber die Story über die texanische Grenze war eindeutig spannender zu lesen. Letztlich kaufe ich Ihr Magazin auch wegen guter sprachlicher Ausgestaltung. Die Anforderungen an Ihre Mitarbeiter, beide Anforderungen zu erfüllen, steigen also nochmals. Ich gehe davon aus, dass Sie es schaffen werden.
Guido Hasel, Sindelfingen (Bad.-Württ.)


Dass die SPIEGEL-Redaktion versagt hat, ist schlimm. Dass die Glaubwürdigkeit auch anderer Medien in Zweifel gerät, ist schlimmer. Und am schlimmsten ist der Kollateralschaden für die Demokratie, weil "Lügenpresse" nun nicht mehr so abwegig klingt.
Claus Bienfait, Köln


Nun hat ein Mensch - nicht eine Redaktion - einen gravierenden Fehler gemacht. Und diesen Fehler macht der SPIEGEL selbstkritisch publik. So etwas nennt man Transparenz. Mein Fazit: weitermachen.
Dr. Christopher Busch, Hamburg


Es ist unvermeidbar, leider, dass es auch Betrüger gibt. Mich hat das überhaupt nicht erschüttert. Als mündige, kritische Leserin mache ich mir meine eigenen Gedanken zu den Themen dieser Welt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Aufklärung. Auf keinen Fall sollte in Ihre Redaktion das Misstrauen einziehen und eine vertrauensvolle kollegiale Zusammenarbeit zerstören.
Simone Hemkentokrax, Bielefeld


Die Redaktion des SPIEGEL stellt sich jetzt als Opfer dar - aber von der Warte der Leser aus gesehen ist sie die eigentlich Schuldige. Betrüger, und auch sehr geschickte, wird es immer geben, aber das System muss verhindern können, dass sie mehr als 50-mal am selben Ort und mit demselben Modus Operandi zuschlagen.
Karl Lackner, Garching (Bayern)


Klar, Ganoven gibt es immer und überall, wohl auch unter Journalist(*)en. Und die sind eben nicht mehr so gut wie früher, da helfen auch keine Preise. Nee, das ist eben kein Qualitätsjournalismus mehr, den hat der SPIEGEL früher wohl mal gemacht - heute nicht mehr. Etwas mehr Demut, bitte, meine Damen und Herren Journalist(*)en, wäre wohl angebracht. Nicht nur, wenn eine/r mal erwischt wurde.
Klaus Bock, Stralsund


Jetzt haben Sie Ihren eigenen Dieselskandal. Wie bei VW oder anderen ist die Mischung aus persönlichem Ehrgeiz und Machtstreben, Gier nach Profiten, Konkurrenzdruck, Sparzwang (Lohndumping auch bei freien Journalisten) und die vermeintlich alternativlose Schnelligkeit des Alltags ein Grundübel. Das ist auch ein Ergebnis des neoliberalen Wirtschaftens der vergangenen Jahrzehnte.
Frank Jourdan, Pforzheim


Wenn Redaktionen in wesentlichen Teilen gesinnungsethisch und mit gleicher Geisteshaltung zusammengesetzt sind, werden irgendwann alle Sicherungen versagen. Mein erstes Heft habe ich 1967 (wegen der Berichterstattung zum Sechstagekrieg) gekauft, von da an hatte ich 51 Jahre volles Vertrauen in den SPIEGEL und habe ihn mehrfach gegen Anwürfe verteidigt. Dieses Vertrauen wieder aufzubauen wird lange dauern, wenn es denn gelingt.
Reinhold Rückstein, Klein Nordende (Schl.-Holst.)


In meiner Wahlheimat Frankreich bin ich seit über 25 Jahren begeisterte SPIEGEL-Leserin, wenn mir auch mehr als einmal das berühmte Wort "Scheißblatt" durch den Kopf ging - vor allem wenn es um Heilpraktiker und Homöopathie geht. Trotzdem - weiter so! "Sagen, was ist" wird immer seltener im Journalismus, und es ist mehr als schwierig, hier in Frankreich ein vergleichbares Nachrichten-Magazin zu finden - also, ab wann die Ausgabe in französischer Sprache?
Gundula Walter, La Brigue (Frankreich)


Ich bin seit 50 Jahren Journalist und beobachte seit einigen Jahren, wie eine Art "scripted reality" auch in meinem Metier selbstverständlich zu werden scheint. Da geht es nicht mehr um das klassische "wann, wie, wo, wer und warum", sondern darum, mit außerordentlichen Geschichten Gefühle statt Interesse zu wecken, um Emotionen statt um Aufklärung. Befeuert wird diese Entwicklung von einem Netzwerk vermeintlicher "Edelfedern", die einander in unerhörten, gerne sozialkitschigen Beiträgen überbieten. Angeblich ist eine "Dok" machtlos gegen gut erfundene Geschichten. Aber ist sie das wirklich? Es gibt da ein letztes probates Instrument dagegen: eidesstattliche Versicherungen der Autoren zum Beispiel.
Rupp Doinet, München


Der Fall Claas Relotius ist für den Journalismus, was der Fall Diederik Stapel für die Psychologie war. Hier wie da gab es jemanden, der fantastische Artikel schrieb, zu glatt und perfekt, um wahr sein zu können.
Oliver Schultheiss, Erlangen


Dieses Interview mit Giovanni di Lorenzo hatte etwas von einer Therapiesitzung, und Sie haben sich diesem sicherlich sehr schmerzhaften Gespräch und di Lorenzos Aussagen und Bewertungen auch und zuvorderst zum SPIEGEL und seiner Art der zuspitzenden Berichterstattung gestellt! Das Interview war das bisher Beste und Grundsätzlichste über die Thematik eines Fälschers in der Rolle des Reporters und die Auswirkungen auf eine ganze Branche.
Albert Kock, Köln


Die Crux liegt meines Erachtens darin, dass die Redaktionsleitungen ihre Leute rausschicken - sofern das noch passiert und nicht irgendwo abgeschrieben wird - zum Beispiel mit dem Auftrag, die Stimmung in einem Kaff im Mittleren Westen zu beschreiben. Im Auftrag wird oft schon impliziert, in welche Richtung die Reportage laufen soll, um die herrschende Meinung im Redaktionsstab und in der Leserschaft zu bedienen.
Bernulf Schlauch, Langenburg-Bächlingen (Bad.-Württ.)


Ja, Sie sind entsetzt, in Ihren Grundfesten erschüttert und entrüstet über Herrn Relotius, das bin ich auch. Aber in der Welt ist mehr los, als Ihr Wunden-lecken-im-eigenen-Saft zum Titelthema machen zu müssen. Bitte verwechseln Sie nicht, dass das, was Sie am meisten bewegt, nicht ganz Deutschland am meisten bewegt.
Kathrin Corda, Stelle (Nieders.)


So erschütternd der Fall auch ist, beweist er aber auch, dass die Selbstregulierungskräfte bei Ihnen, hoffentlich in der ganzen Branche, funktionieren. Ein Blick in eine andere Branche zeigt, wie es deutlich schlechter geht: der Blick in die Automobilindustrie. Diese kann sich auch in der Krise bei Ihnen etwas abgucken.
Uwe Fischbeck, Weiterstadt (Hessen)

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