Kultur

Kostensteigerung beim Museum der Moderne

Von Anfang an unseriös

Statt 200 Millionen soll das geplante Museum der Moderne in Berlin rund 450 Millionen Euro kosten. Erinnerungen an Budget-Explosionen bei anderen Mammutprojekten werden wach. Warum passiert das immer wieder?

Jens Kalaene/ DPA

Das Museum der Moderne in Berlin soll ein Vielfaches des ursprünglichen Budgets verschlingen

Eine Analyse von
Freitag, 15.11.2019   19:31 Uhr

Niemand ist überrascht von den steigenden Baukosten für das noch ungebaute Berliner Museum der Moderne, das nun rund 450 Millionen Euro statt 200 Millionen kosten soll - und doch, oder gerade deshalb, ist die Aufregung so groß: Man fühlt sich erinnert an den Berliner Flughafen, noch mehr an die Hamburger Elbphilharmonie. Auch das ein von den Schweizer Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfener Kulturbau. Womöglich haben es doch alle zu schnell verziehen, dass dieses architektonisch neue Hamburger Wahrzeichen statt ursprünglich behaupteter 77 Millionen Euro dann 866 Millionen Euro kostete.

Trotz skandalöser Verzögerungen und einer noch skandalöseren Teuerungsrate gilt das Konzerthaus seit seiner Eröffnung im Januar 2017 als Erfolg, mehr noch: als Triumph. Seine Architekten fürchteten zwischendurch wirklich um ihren guten Ruf. Am Ende aber waren sie umso strahlendere Sieger. Herzog und de Meuron gelten als Magier, die Städte in echte Metropolen verwandeln können.

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Fotostrecke: Die neuen Entwürfe für das Museum der Moderne

Natürlich haben sie auch in Berlin jetzt ihr Bestes gegeben, aber zum Besseren werden sie diese Stadt trotzdem nicht verändern. Auch dort sollen sie bauen, ein Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts, umgangssprachlich eben das Museum der Moderne. Im Oktober 2016 gewannen sie den Wettbewerb. Sie haben den "Archetypus" eines Hauses entworfen, nur in größer. Der Bundestag hatte schon im Vorfeld 200 Millionen Euro bewilligt - alle Verantwortlichen erweckten den Eindruck, und zwar jahrelang, das reiche für ein First-Class-Museum.

Als der SPIEGEL Jacques Herzog im Februar 2019 fragte, ob die Kosten nicht doch auf 450 oder mehr Millionen Euro stiegen, sagte er, darüber könne er nicht reden, denn: "Das war der größte Fehler in Hamburg, dass da schon Summen genannt wurden, als es noch nicht einmal ein Projekt, sondern nur eine Idee gab."

Das Problem ist nur, auch in Berlin waren schon Summen genannt worden - eben die vom Bundestag zugesagten 200 Millionen Euro. Dann gab es Änderungswünsche, Umplanungen, das Übliche, Erwartbare - und auf einmal waren 200 Millionen Euro doch viel zu wenig. Auch das war erwartbar gewesen, nur hat es lange keiner ausgesprochen.

Ein Beweis von Sparsamkeit?

Es geht hier nicht einmal darum, was ein solches Museum kostet oder kosten darf - sondern um eine Unverfrorenheit, mit der hier zuerst der Schlussverkaufspreis aufgeklebt und an der Kasse dann doch der Originalpreis verlangt wird: Am Donnerstag hat der Haushaltsausschuss des Bundestages in einer Bereinigungssitzung 364, 2 Millionen Euro bewilligt, übernimmt also Mehrkosten von mehr als 160 Millionen Euro, und vielleicht wäre das auch noch hinzunehmen.

Doch nun erwecken alle den Eindruck, als sei dieser Aufschlag ein Beweis von Sparsamkeit, weil die Initiatorin des Projektes, CDU-Politikerin und Kulturstaatsministerin Monika Grütters, am liebsten noch mehr gehabt hätte. Sie selbst ließ sich so zitieren: Diese Summe sei für sie eine echte "Schmerzgrenze". Und sie meinte eben nicht, dass es eine schmerzlich hohe Summe sei, sondern eine schmerzlich niedrige, jedenfalls habe sie daher für ein "strenges Kostenmanagement" geworben. Autsch.

Offenbar hat nach Meinung der fürs Budget zuständigen Politiker das Projekt längst den Punkt erreicht, an dem nichts mehr umzukehren ist. Die Befürchtung dürfte diese sein: Ließe man das staatliche Vorhaben jetzt noch platzen, wäre das eine Blamage für den Staat. Die eigentliche Blamage nimmt man dafür in Kauf.

Dabei wirkte das Projekt von Anfang an nicht seriös: Das Kulturforum am Potsdamer Platz mit seinen diversen Einrichtung ist so attraktiv wie eine Supermarkt-Ladezone, und hier wird auch der Neubau nicht viel ausrichten können. Experten forderten, erst ein Konzept vorzulegen, mit dem sich das gesamte Gelände retten ließe, und daher übrigens bitte auf ein anderes, zuerst auch vorgesehenes Grundstück auszuweichen. Doch es sollte unbedingt dieses werden, die Fläche zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie. Sie war übrigens nicht gleich im ganzen Umfang zu haben, es musste noch ein für den Staat eher nachteiliger Immobilientausch mit einem Hamburger Unternehmer eingegangen werden.

Jens Kalaene/ DPA

Schon früh gab es Kritik an den Entwürfen der Architekten, sie wurden als "Scheune" und Bierzelt" verspottet

Der Bauherr, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und die ehrgeizige Initiatorin Grütters aber wollten mit dem Kopf durch die Schallmauer - sie möchten ein neues Zeitalter für Berlin einläuten. Vielleicht möchte Grütters auch ein Zeichen in eigener Sache setzen. Angeblich sprechen die Berliner vom "Grüttoleum", ein bezeichnend alberner Name, schon er fast ein Grund, das Projekt zu begraben.

Naheliegender, aber weniger prestigeträchtig wäre es gewesen, sich erst einmal den Museen und anderen Kultureinrichtungen zu widmen, die man schon besitzt - und vernachlässigt. Fast alle haben große Probleme. Es fehlt an inhaltlichen Konzepten, an Mitteln, den Betrieb auch nur einigermaßen am Laufen zu halten.

Der SPIEGEL bescheinigte Berlin vor ein paar Jahren, die langweiligste Museumsmetropole der Welt zu sein, und daran hat sich wenig geändert. Vielleicht hätte man damals noch erwähnen sollen, dass es dennoch auch die arroganteste ist. Die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bilden einen großen Apparat, allein daraus zieht man eine enorme Selbstgefälligkeit, die mit dem Museum der Moderne noch zunehmen wird.

Es gab ja noch viel mehr Diskussionen, mehr Ärger. Angeblich war das Museum laut Grütters ein Muss, um wichtige private Sammlungen in der Stadt zu halten, die sonst abwandern würden. Das klang nach Erpressung - und zwar der Steuerzahler, die seltsam in die Pflicht genommen wurden. Zuletzt machte Grütters, angeblich an den Museumsleuten vorbei, einen Deal mit Gerhard Richter. Der berühmte Maler gibt Bilder nach Berlin, sie garantierte deren wohl erstklassige Präsentation.

Im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion aber steht die Kostensteigerung - dazu lässt sich nur noch einmal sagen und betonen, dass sie eben nicht überrascht. Schon im Sommer 2013 hatte Pierre de Meuron in einem SPIEGEL-Gespräch für absolute Offenheit im Hinblick auf die Kosten plädiert. Sein Kollege Meinhard von Gerkan, Architekt des Berliner Flughafens BER, gab sich dagegen überzeugt, dass bei großen Bauprojekten am Anfang oft eine Lüge stehe. Und Christoph Ingenhoven, der den neuen Stuttgarter Bahnhof entwarf, stellte die Frage, ob es so laufen müsse. Die Antwort darauf scheint so einfach zu sein.

insgesamt 55 Beiträge
memyselfeandi 15.11.2019
1. Transrapid
Hätten wir in München damals doch nur den Transrapid gebaut. Der Bau entpuppt sich immer mehr als Schnäppchen im Vergleich zu den bling bling Bauten in Berlin.
Hätten wir in München damals doch nur den Transrapid gebaut. Der Bau entpuppt sich immer mehr als Schnäppchen im Vergleich zu den bling bling Bauten in Berlin.
wunsiedel 15.11.2019
2. Wie üblich
Der billigste Anbieter erhält den Zuschlag. Bei der Kalkulation lässt man vorher halt einiges weg und gewisse Zeit nach Baubeginn wird geltend gemacht, dass einige Dinge unbedingt mitverarbeitet werden müssen, um die [...]
Der billigste Anbieter erhält den Zuschlag. Bei der Kalkulation lässt man vorher halt einiges weg und gewisse Zeit nach Baubeginn wird geltend gemacht, dass einige Dinge unbedingt mitverarbeitet werden müssen, um die Qualitätsstandards zu gewährleisten. In der Schweiz wird nie der billigste Anbieter genommen. Vielleicht sollte man dort mal nachfragen, warum Kalkulation und Fertigstellung eines Projekts immer eingehalten werden. Vielleicht gibt es dort auch weniger Seilschaften.
eunegin 15.11.2019
3. Berlin halt.
Ich lebe in Berlin und eins wird einem hier schnell klar: planen kann in dieser Stadt niemand und das Input-Output-Verhältnis ist in allen Bereichen katastrophal. Daran hat man sich eben seit vielen Jahrzehnten gewöhnt. Von [...]
Ich lebe in Berlin und eins wird einem hier schnell klar: planen kann in dieser Stadt niemand und das Input-Output-Verhältnis ist in allen Bereichen katastrophal. Daran hat man sich eben seit vielen Jahrzehnten gewöhnt. Von einer hochsubventionierten Inselstadt bzw. Hauptstadt eines wirtschaftlichen Fehlkonstrukts zum Jetzt ist es nur ein kleiner Schritt. Gleichzeitig leben davon aber auch einige in Berlin ganz gut.
ulli7 15.11.2019
4. Kosten von öffentlichen Bauvorhaben werden bewusst niedrig angesetzt
damit sie die erste Hürde durch die Gremien passieren können. Wenn sich anschließend die Kosten verdoppeln oder verdreifachen, dann passiert nichts. Denn die Landes- und Bundesrechnungshöfe sind zahnlose Tiger. Dieses [...]
damit sie die erste Hürde durch die Gremien passieren können. Wenn sich anschließend die Kosten verdoppeln oder verdreifachen, dann passiert nichts. Denn die Landes- und Bundesrechnungshöfe sind zahnlose Tiger. Dieses unhaltbare System wollen die gesetzgebenden Politiker(innen) und auch die Spitzen der Ministerialverwaltungen offensichtlich nicht ändern. Denn sie wollen ihren Handlungsspielraum nicht einengen.
prime 15.11.2019
5. Hunderte von Millionen
für nur ein Gebäude? Na Klar! Da kostet dann der Hammer 1500 Euro und der Nagel nochmal 500? Wohin verschwindet das ganze Geld? Was soll diese Irrsinnige Verschwendungssucht dieser Politikdarsteller? Für knapp 500 Millionen [...]
für nur ein Gebäude? Na Klar! Da kostet dann der Hammer 1500 Euro und der Nagel nochmal 500? Wohin verschwindet das ganze Geld? Was soll diese Irrsinnige Verschwendungssucht dieser Politikdarsteller? Für knapp 500 Millionen baue ich Ihnen ein Gebäude mit bloßen Händen in der halben Zeit! Wetten? Denn "natürlich" werden es dann 2 Milliarden Euro und 10 Jahre Bauzeit! Berlin ist und bleibt eine Stadt für Traumtänzer und Geldverschwender. Ich plädiere mit einer Einzelhaftung für all jene, die so vehement für diesen Unsinn eintreten. PRIME

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