Kultur

Öffentliche Entschuldigungen

Tut mir ja sooo leid

Wer etwas falsch gemacht hat, bittet um Verzeihung - so weit die Theorie. Doch in der Praxis läuft das oft anders: Entschuldigt wird sich für vermeintlich verletzte Gefühle statt für Fehlgriffe.

Leonhard Foeger/ REUTERS

FPÖ-Politiker Strache: "Den wichtigsten Menschen in meinem Leben zutiefst verletzt"

Eine Kolumne von
Montag, 20.05.2019   16:51 Uhr

Es scheint ein mehr oder weniger geheimes Protokoll zu geben, nach dem eine Vielzahl von Unternehmen oder Einzelpersonen sich richtet, wenn es darum geht, nach öffentlicher Kritik einen Fehler zu gestehen.

Im Frühsommer 2018 drehte die Lufthansa einen Werbespot für Flüge zur Fußball-WM nach Moskau. Das Video wurde allerdings nicht in Russland, sondern in der Ukraine gedreht, aus logistischen Gründen, wie es hieß. Nach Kritik in den sozialen Netzwerken löschte Lufthansa den Clip und erklärte: "Wir haben in den ersten Kommentaren gesehen, dass dies in dem konkreten Fall die Gefühle einiger Nutzer verletzt hat."

Immerhin: nur "einige Nutzer". Daimler schaffte es ein paar Monate vorher auf magische Art, mit einer einzigen Werbung "die Chinesen" zu verletzen. Der Autokonzern hatte in einer Anzeige auf dem Instagram-Account der Marke Mercedes-Benz ein Zitat verwendet: "Betrachte Situationen von allen Seiten, und du wirst offener" - ein ziemlich schlichter Spruch, allerdings vom Dalai Lama, der für die chinesische Regierung als Vertreter einer separatistischen Bewegung gilt. Nach Kritik aus China - wo Instagram offiziell gar nicht nutzbar ist - wurde der Post gelöscht. Der Konzern erklärte: "Wir wissen, dass wir die Gefühle der Chinesen verletzt haben." Man kann sich leicht vorstellen, dass es für solche Fälle ein Stylesheet von der Kommunistischen Partei gibt.

"Loch ist Loch"

Im deutschsprachigen Raum allerdings dürfte es eine solche Vorlage nicht geben, und dennoch wirkt es oft so, als ob. Anfang dieses Jahres veröffentlichte Lidl eine Werbung auf Facebook, in der Bagels und Donuts zu sehen waren, also Gebäcksorten mit Loch, dazu der Spruch "Loch ist Loch": ein Satz, der ansonsten üblicherweise von frauenfeindlichen Menschen verwendet wird, die Frauen auf Körperöffnungen reduzieren.

Entsprechend schlecht kam die Werbung an. Lidl löschte das Bild und erklärte dazu: "Wir haben soeben unseren Bagel vs. Donut Post gelöscht, da es zu sehr kontroversen Diskussionen gekommen ist, die wir so nicht führen möchten. Klar ist, wir möchten unterhalten und eure Reaktionen haben auch mehrheitlich gezeigt, dass wir genau das geschafft haben. Unterhaltung hört aber da auf, wo sich Menschen verletzt fühlen und das ist leider auch passiert." Mit anderen Worten: sorry, manche von euch haben leider echt nicht unseren sexy Stammtischhumor, konnten wir nicht wissen.

Das Portal "Nordbuzz" schrieb vergangene Woche über eine Frau, die bei einem Spaziergang mit ihrem Hund im Wald vergewaltigt worden sein soll. Der mutmaßliche Täter stahl außerdem ihr Handy und soll letztlich darüber geortet worden sein. Die Redaktion wählte für diesen Fall die Überschrift: "Frau beim Gassigehen vergewaltigt - dann macht Mann einen Fehler". Die Überschrift wurde später - nach einiger Kritik, Disclaimer: auch von mir - geändert und der Text durch einen kurzen Absatz ergänzt: "Wichtige Anmerkung: Ursprünglich trug dieser Artikel eine andere Überschrift, von der wir uns aber distanzieren möchten - sie war unglücklich gewählt und unpassend. Wir wollten mit der ursprünglichen Überschrift niemandem zu nahe treten." Ob sie jemals darüber nachgedacht haben, warum der Titel kritisiert wurde: unklar.

Strache entschuldigt sich - bei seiner Frau

Kekserbin Verena Bahlsen wählte einen ähnlichen Weg. Nachdem sie sich kürzlich äußerst geschichtsvergessen über die Zwangsarbeiter geäußert hatte, die Bahlsen im Nationalsozialismus beschäftigt hatte, entschuldigte sie sich später für ihre Aussagen: "Als Nachfolgegeneration haben wir Verantwortung für unsere Geschichte; ich entschuldige mich ausdrücklich bei all denen, deren Gefühle ich verletzt habe." Lerneffekt: nur vermutbar.

Und dann war da natürlich noch Österreichs Vizekanzler Heinz-Christian Strache, der in seiner Rücktrittsrede sagte: "Es war ein typisch alkoholbedingtes Machogehabe, mit dem ich, ja, wahrscheinlich auch die attraktive Gastgeberin beeindrucken wollte (...). Und damit habe ich letztlich den wichtigsten Menschen in meinem Leben zutiefst verletzt, nämlich meine Frau." Ein eigenartiger Höhepunkt in einer Rede, in der es auch hätte darum gehen können, dass Pressefreiheit und Demokratie gefährdet sind, wo Politiker sich aufführen wie Strache in dem Video, das ihn letztlich zu Fall brachte, aber darauf kommt ein Rechter nicht, der sich als Opfer eines politischen Attentats wähnt.

Kaum jemand hatte wohl erwartet, dass Strache sich dafür rechtfertigt, dass er eventuell die angebliche Nichte eines russischen Oligarchen heiß fand ("Bist du deppert, die ist scharf"); ehrlich gesagt hat wahrscheinlich exakt niemand das Auftreten Straches hauptsächlich als Balzverhalten interpretiert. Die Entschuldigung an seine Frau: ein eigenartiges, mittelmäßig geschicktes Ablenkungsmanöver von einem, der versucht, seine arg zerrüttete Ehre zu flicken.

Bequeme Abkürzung

All diesen Entschuldigungen ist gemein, dass in ihnen erklärt wird, einzelne Menschen oder Gruppen seien "verletzt worden", jemandem sei "zu nahe getreten" worden. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, das Phänomen der "verletzten Gefühle" zieht sich durch die Geschichte der öffentlichen Kritik an Unternehmen und Einzelpersonen. Es mag sein, dass es in jedem dieser Fälle auch Menschen gab, die durch bestimmte Formulierungen verletzt wurden.

Wer aber den Schwerpunkt einer Entschuldigung darauf legt, Personen "verletzt" zu haben, anstatt sich inhaltlich mit der Kritik auseinanderzusetzen, wählt eine bequeme Abkürzung, bei der es letztlich oft so wirkt, als sei das eigentliche Problem die Empfindlichkeit der betroffenen Menschen. Nicht jede Kritik ist ein Ausdruck von Schmerz, nicht jede heftige Reaktion ist ein Zeichen von Überempfindlichkeit. Es ist der simpelste Weg, in einer Zeit, in der ohnehin oft davon die Rede ist, dass Minderheiten angeblich so empfindlich sind und man eh nichts mehr sagen dürfe, sich zwar offiziell und formal zu entschuldigen, faktisch aber auf die inhaltliche Kritik möglichst wenig einzugehen.

insgesamt 97 Beiträge
jinroh 20.05.2019
1.
Die Menschen die sich über das verhalten von Strache aufregen sind entweder Heuchler oder Weltfremd! Man könnte in jedem Land der Welt an jedem Tag mit Politikern aller Parteien solche Videos drehen!
Die Menschen die sich über das verhalten von Strache aufregen sind entweder Heuchler oder Weltfremd! Man könnte in jedem Land der Welt an jedem Tag mit Politikern aller Parteien solche Videos drehen!
htoru.forum 20.05.2019
2.
Irgendwas müssen die Firmen ja sagen. Können ja schlecht ehrlich sein und sagen: "Wir haben echt keinen Bock auf den Shitstorm nur weil irgendjemand mal wieder was in den falschen Hals bekommen hat und rumheult. Und bevor [...]
Irgendwas müssen die Firmen ja sagen. Können ja schlecht ehrlich sein und sagen: "Wir haben echt keinen Bock auf den Shitstorm nur weil irgendjemand mal wieder was in den falschen Hals bekommen hat und rumheult. Und bevor das hier ausartet veröffentlichen wir halt eine Standardentschuldigung aus der Schublade. Mehr aber auch nicht". Im Internet besteht auch halt die Tendenz alles missverstehen zu wollen und beim Anderen immer nur von der schlechtmöglichsten Intention auszugehen anstatt den Interpretationsspielraum auch mal positiv für den anderen auszulegen (Beispiel: Überschrift von Artikel zur Vergewaltigung im Text erwähnt).
mereexposure 20.05.2019
3. "Ich entschuldige mich"..
ist sowieso ein Nonsens. Keiner kann sich selbst entschuldigen, also sich selbst von Schuld befreien. Das muss der Partner tun. Also lautet der korrekte Versuch der Entschuldigung: "Entschuldige bitte, entschuldigen Sie bitte [...]
ist sowieso ein Nonsens. Keiner kann sich selbst entschuldigen, also sich selbst von Schuld befreien. Das muss der Partner tun. Also lautet der korrekte Versuch der Entschuldigung: "Entschuldige bitte, entschuldigen Sie bitte mein Verhalten." Ich entschuldige mich ist die typische Form des sich nicht wirklich seiner Verantwortung zu stellen. So redet man, wenn einem das, was man sagt, nicht wirklich nahe geht. Wer wirklich bereut, wird niemals diese Form wählen. Wem es ernst ist der redet anders.
noalk 20.05.2019
4. Egal, wie man's macht, ...
... irgend jemand, dem's nicht passt, findet sich immer. Am besten ist man wohl beraten, was Misslungenes einfach kommentarlos zu löschen ... ach nee, da findet sich ja auch wieder jemand ... Im übrigen: Diese (Un-)Sitte mit [...]
... irgend jemand, dem's nicht passt, findet sich immer. Am besten ist man wohl beraten, was Misslungenes einfach kommentarlos zu löschen ... ach nee, da findet sich ja auch wieder jemand ... Im übrigen: Diese (Un-)Sitte mit dem Löschen wegen verletzter Gefühle ist wohl (strafzollfrei) aus den USA imprtiert.
dasfred 20.05.2019
5. Passiert ist passiert
Ich mag keine Entschuldigungen. Wenn jemandem sein Fehler wirklich unangenehm ist, merkt man es ihm an und sollte ihn nicht zur öffentlichen Selbstkasteiung nötigen. Wenn nicht, ist jede Bitte um Verzeihung nur ein [...]
Ich mag keine Entschuldigungen. Wenn jemandem sein Fehler wirklich unangenehm ist, merkt man es ihm an und sollte ihn nicht zur öffentlichen Selbstkasteiung nötigen. Wenn nicht, ist jede Bitte um Verzeihung nur ein Lippenbekenntnis. Ein großer Teil unserer Witze ist geeignet, dass Menschen sich betroffen und verunglimpft fühlen können. Ich nehme bedingt Rücksicht auf Empfindungen, deswegen verzichte ich aber nicht auf kleine Boshaftigkeiten im Alltag. Mit den richtigen Menschen beleben sie eine Diskussion. Statt bei Loch ist Loch gleich in Betroffenheit zu verfallen, wäre eine Abbildung von Aldi und Lidl mit der Textzeile Discounter ist Discounter viel wirkungsvoller. Wer verbal über die Stränge schlägt, kann nur eine Antwort in eigener Sprache erwarten.
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