Kultur

Studie zu rechten Einstellungen

Wo bleibt das Antivirus-Programm?

Der Rechtsextremismus infiziert die Mitte der Gesellschaft. Leider haben unsere Politiker offenbar wenig Lust darauf, sich mit diesem Problem zu beschäftigen.

TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Reichstag in Berlin

Ein Kolumne von
Samstag, 04.05.2019   14:34 Uhr

Wetten, dass diesen Artikel nicht viele Leute lesen? Rechtsextremismus ist ein Abtörner. Davon wollen die Leute nichts hören. Deswegen gibt es wenig Talkshows, Dokus und Filme darüber - die Quoten sind nicht gut. Außerdem interessiert es viele Menschen nicht, weil sie es für unwichtig halten. Viele glauben, dass sich extrem rechte Einstellungen nur am äußersten Rand der Gesellschaft finden. Jedenfalls nicht in der Mitte. Die ist moralisch sauber - sonst würde sie ja nicht "Mitte" heißen.

Das ist zwar falsch, aber so denken wohl die meisten. Dass ultrarechte Weltbilder immer salonfähiger werden, scheinen sie dabei zu verdrängen. "Rechtsextrem" gilt weiterhin als Synonym für gewaltbereite Glatzköpfe mit Bierflasche und Baseballschläger.

Vor Kurzem hat die Friedrich-Ebert-Stiftung eine nicht unumstrittene Studie mit einem provokanten Titel herausgebracht: "Verlorene Mitte, Feindselige Zustände - Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland". Zentrales Ergebnis: Völkische Denke hat zugenommen, und immer mehr Menschen stimmen "menschenfeindlichen Aussagen" zu. Im Vorwort steht, "dass rechtsextreme, -populistische und demokratiefeindliche Einstellungen und Tendenzen in der Mitte tief verwurzelt sind".

Das rührt an unserem Selbstbild. Wir Deutschen glauben von uns, dass wir alles Ultrarechte 1945 mit dem Ende des Nationalsozialismus überwunden haben. Mit dem braunen Bodensatz will heute niemand mehr was zu tun haben. Im Grunde ist der Antifa-Spruch "Kein Bock auf Nazis" ein Lebensmotto der bürgerlichen Mitte. Und leider auch der bürgerlichen Politik.

So gesehen ist es nicht überraschend, dass die unangenehmen Ergebnisse der Studie prompt angezweifelt wurden. Die Auslegung der Mitte-Studie sei "unfassbar dumm", erklärte zum Beispiel Sigmar Gabriel. Das habe "mit Wissenschaft nichts zu tun". Was zu einem Ergebnis dieser Studie passt: "Jede zweite Person gibt an, den eigenen Gefühlen mehr zu vertrauen als Expert_innen."

Nachhaken verboten

Auch die "Bild"-Redaktion wollte die verlorene Ehre der deutschen Mitte retten und titelte groß auf Seite eins: "ZDF-Kleber entlarvt Asyl-Studie. Wie Forscher durch geschickte Fragen jeden zweiten Deutschen zum Fremdenfeind machen." Dass es keine Asyl-Studie war und Claus Kleber in den Abendnachrichten nicht entlarvt, sondern nur kritisch nachgehakt hat, war offenbar egal.

Ich kann nicht beurteilen, ob die Studie methodische Schwächen hat. Empirische Forschung ist komplex und kritische Nachfragen sind immer berechtigt. Aber statt beleidigt den moralischen Kompass der Mitte zu verteidigen, könnte man - nur so eine Idee - Experten zum Studiendesign befragen.

Oder man könnte schauen, was andere Studien ergeben, die sich mit dem Thema befassen, zum Beispiel die Leipziger Autoritarismus-Studie oder das Populismus-Barometer der Bertelsmann-Stiftung. Die kamen 2018 nämlich unterm Strich zum gleichen Ergebnis: Hardcore-rechte und demokratiefeindliche Einstellungen finden sich überall. Sie sind eine Minderheit, aber kein Randphänomen. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz warnte jüngst in einer Analyse davor, dass Radikalisierung und Gewaltbereitschaft immer weitere Kreise ziehen.

Der Kampf um die heilige Mitte

Vielleicht müssen wir kurz klären, was gesellschaftliche "Mitte" heißt, schließlich buhlen alle um sie. Die Mitte ist die heilige Kuh der Politik. Wer sie für seine Anliegen in Anspruch nehmen kann, hat es gut. Nur wer ist "die Mitte"? In den Achtzigerjahren hätte man das wohl beschreiben können mit: alle, die keine Neonazis oder Kommunisten wählen. Heute ist das nicht so einfach. Kommunisten gibt es kaum noch, und die NPD hat politisch nichts mehr zu melden - allerdings nur deshalb, weil ihre Klientel in großer Zahl zur AfD migriert ist.

Die AfD aber wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, als rechtsaußen abgestempelt zu werden, weil sie unbedingt anschlussfähig bleiben will für die Mitte. Sie hat bei ihrem Lieblingsmeinungsforschungsinstitut Insa eine Analyse in Auftrag gegeben und rausgefunden, dass 61 Prozent ihrer Wähler ein Problem damit hätten, wenn ihre Partei vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Aber - und jetzt wird's spannend - nur Wenige stört, dass sie sich nicht vom rechten Rand abgrenzt (28 Prozent). Also Nazi-Vokabeln und andere Schmusereien mit Extremisten finden die meisten AfD-Anhänger okay - solange sie nicht als rechts eingestuft werden.

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Man könnte das als Beleg für die Extremisierung der Mitte sehen. Aber offenbar scheuen sich manche bürgerlichen Politiker davor und versuchen lieber, Rassisten mit einer härteren Flüchtlingspolitik zu beschwichtigen. Vielleicht weil Wahlkampf ist (aber wann ist schon keiner?), ziehen sich viele lieber Samthandschuhe an, wenn sie die Mitte erreichen wollen. Bloß niemandem auf die Füße treten. Rassisten sind zerbrechliche Wesen. Nur: Rechtsradikale werden nicht weltoffener durch mehr Abschiebungen - sie fühlen sich dadurch bestätigt. Untersuchungen wie die Mitte-Studie zeigen das sehr gut.

Wahlkampf hin oder her, das eigentliche Problem betrifft nicht nur Politiker, sondern uns alle: Wir glauben einer rechtsextremen Gesinnung erst, wenn sie mit fahnenschwenkenden Fackel-Nazis daherkommt, wie neulich in Plauen. Und wir wollen partout nicht wahrhaben, was nicht sein darf: dass das Problem größer ist, als ein paar "Spinner" am rechten Rand in Ostdeutschland.

Dabei vernachlässigen wir das eigentliche Thema der Stunde: die Bedrohung unserer Demokratie. Das anzuerkennen, wäre ein erster, hilfreicher Schritt.

insgesamt 174 Beiträge
fcl1k 04.05.2019
1.
Tut mir Leid, aber die Studie war einfach nur Abfall. Es wurde nicht mit dem Ziel herangegangen, wissenschaftlich eine Fragestellung zu lösen, sondern Möglichst Ideologiegefällige Schlagzeilen abliefern zu können. Ich kann [...]
Tut mir Leid, aber die Studie war einfach nur Abfall. Es wurde nicht mit dem Ziel herangegangen, wissenschaftlich eine Fragestellung zu lösen, sondern Möglichst Ideologiegefällige Schlagzeilen abliefern zu können. Ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass wer die vollen 300 Seiten gelesen hat und in der Realität lebt, diese "Studie" und die darauf aufbauende Berichterstattung ernst nehmen kann. Anstatt die Mitte als rechtsextrem zu bezeichnen und sich zu fragen, warum denn die Deutschen so böse Rechte werde, sollte man viel eher mal etwas introspektive selbstkritik üben und nachdenken, ob man nicht vielleicht selbst so weit links gerutscht ist, dass die breite Masse auf einmal rechts wirkt.
ratloserleser 04.05.2019
2. Ach, Frau Atamann...
"Ich kann nicht beurteilen, ob die Studie methodische Schwächen hat. Empirische Forschung ist komplex und kritische Nachfragen sind immer berechtigt." Sollte es nicht Ihre Aufgabe sein, als Journalistin der [...]
"Ich kann nicht beurteilen, ob die Studie methodische Schwächen hat. Empirische Forschung ist komplex und kritische Nachfragen sind immer berechtigt." Sollte es nicht Ihre Aufgabe sein, als Journalistin der "Neuen deutschen Medienmacher", gerade dies zu hinterfragen (Stichwort: Recherche) und sollte es nicht zu der Mindestanforderung eines Journalisten gehören Suggestivfragen von offenen Fragen zu unterscheiden? Auch sollte Ihnen bekannt sein, dass die Formulierung der Fragestellung durchaus zu einem "gewünschten" Ergebnis führen kann, aber das scheint Sie ja nicht zu interessieren, denn Ihr Artikel ist als "Meinung" deklariert, also nur als Ausdruck Ihrer Befindlichkeit, ohne journalistischen Grundansprüchen genügen zu müssen. Meinungen gibt es verschiedene, aber ohne fundierte Kenntnisse und Argumentation, ist eine wie die andere nur Bullshit! Ich empfehle Ihnen, mit journalistischen Grüssen, noch einmal das Grundstudium zu wiederholen, oder sich zumindest auf die Aufgaben des Journalismus zu besinnen.
cato. 04.05.2019
3.
//Im Vorwort steht, "dass rechtsextreme, -populistische und demokratiefeindliche Einstellungen und Tendenzen in der Mitte tief verwurzelt sind".// Das Vorwort und die Studie selbst sagt alles über die Autoren und [...]
//Im Vorwort steht, "dass rechtsextreme, -populistische und demokratiefeindliche Einstellungen und Tendenzen in der Mitte tief verwurzelt sind".// Das Vorwort und die Studie selbst sagt alles über die Autoren und leider so gut wie nichts über ihr Untersuchungsobjekt aus. Was diese Leute für extrem rechts halten, war der Konsens der alten Bundesrepublik bis in die 00er Jahre hinein. Die Studie ist nicht nur ideologisch massiv aufgeladen, sondern auch handwerklich eine absolute Katastrophe. Oder anders formuliert, die Autoren sind keine Experten, sondern vertauen ihren Gefühlen so sehr, dass sie ihre Datenbasis manipulieren, um das gewünschte Ergebnis zu bekommen. //Ich kann nicht beurteilen, ob die Studie methodische Schwächen hat. Empirische Forschung ist komplex // Nun so komplex ist es jetzt auch nicht und ein einfaches Telefonat mit einem Professor für Sozialwissenschaften oder sonstigen allgemein anerkannten Experten für das Handwerkliche (und zwar egal welchen in der gesamten westlichen Welt - der bereit wäre sich die Studie mal kurz anzusehen) hätte diese Frage beantworten können und dem Artikel die notwendige Expertise geben können. PS: Der Antivirus ist ganz einfach gefunden, löst das Problem, dann verschwinden die Leute, die ihre politische Existenz auf der Benennung eben dieses Problems aufbauen. Nur fehlt dazu eben der politische Wille.
Lykanthrop_ 04.05.2019
4.
Analyse so mittel OK. Antiviren Programm - Fehlanzeige. Frau Ataman hat auch kein Plan.
Analyse so mittel OK. Antiviren Programm - Fehlanzeige. Frau Ataman hat auch kein Plan.
Hukowski 04.05.2019
5. Einfache Antwort:
Die Deutschen vertragen eine gewisse "Größe" nicht. Nach den Verbrechen der Nazizeit wurde D.land geteilt. Die zivilisierte Welt wusste schon warum. Und die Gründe existieren immer noch. Kaum hat man die Teilung [...]
Die Deutschen vertragen eine gewisse "Größe" nicht. Nach den Verbrechen der Nazizeit wurde D.land geteilt. Die zivilisierte Welt wusste schon warum. Und die Gründe existieren immer noch. Kaum hat man die Teilung zurückgenommen, ging es wieder los.
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