Kultur

Erlebnisflächen für Kinder

Schön verspielt

Was brauchen Kinder, um glücklich zu spielen? Eine Ausstellung in Frankfurt am Main zeigt, wie sich die Gestaltung von Spielplätzen über Jahrzehnte veränderte. Was weckt den Drang zum Klettern oder Bauen?

Heidy Gantner/ DAM
Von
Donnerstag, 14.11.2019   12:42 Uhr

1949 landet plötzlich ein merkwürdiges Ding im Stockholmer Stadtpark: Eine Art überdimensioniertes Saurierfossil, an mehreren Stellen durchlöchert, die Kanten abgeschliffen, einen Hohlraum umschließend. Ein historisches Artefakt? Kunst im öffentlichen Raum?

Ganz falsch liegt man mit Letzterem nicht - denn mit dem abstrakten Gebilde namens Tufsen hatte Egon Møller-Nielsen eine Skulptur zum Bespielen, ergo die erste sogenannte Spielskulptur geschaffen. Inspiration lieferte Møller-Nielsens dreijährige Tochter: Die wünschte sich Felsen zum Klettern und Rutschen und Grotten zum Verstecken. Zunächst entwarf der dänische Architekt und Bildhauer Konzepte für den eigenen Garten, bis er die erste komplett bespielbare Skulptur für den öffentlichen Raum bauen ließ.

Gestaltet wurden Spielplätze auch schon eine ganze Weile zuvor: Leitern und Schaukeln aus Stahl dienten vor allem der körperlichen Ertüchtigung an der frischen Luft, und auch vom kindlichen Spiel hatten ihre erwachsenen Erbauer recht genaue Vorstellungen. Plötzlich aber setzte eine Ära ein, in der Kinder und ihre Bedürfnisse zunehmend in den Fokus rückten - und mit ihnen die Frage, wie sich jene am besten in Architektur übersetzen ließen. Die Ausstellung "The Playground Project. Architektur für Kinder", die zunächst in Zürich zu sehen war und nun im Frankfurter Architekturmuseum , widmet sich jenem Experimentierfeld der Spielplatzgestaltung, das etwa in den Vierzigerjahren begann und das seinen Zenit in den Achtzigerjahren langsam wieder überschritten hatte.

Von minimal bis wildromantisch

Vorgestellt werden knapp zwei Dutzend Pionierinnen und Pioniere der Spielplatzarchitektur aus Europa, Amerika und Japan mit Texten, Fotos und Bauskizzen. Einige von ihnen, wie Møller-Nielsen, wurden schnell international erfolgreich. Andere, wie Joseph Brown, sind heute nahezu in Vergessenheit geraten. Denn auch in der experimentellen Spielplatzgestaltung bildeten sich bald einige Vorlieben heraus - und die beweglichen Geräte des US-amerikanischen Profiboxers Brown, der es über Umwege als Lehrkraft an die Architekturfakultät in Princeton schaffte, fielen wirklich durch jedes Raster.

Mit wabernden Seilen und federnden Metallbändern laden Browns Spielgeräte zu Gleichgewichtsspielen ein, die einen Moment der Unberechenbarkeit ins Spiel bringen. Nebenbei bieten sie auch noch Gelegenheit, um kindliche Hierarchien auszutesten - die neuen Geräte seien prima geeignet, einen Schultyrannen in die Mitte zu nehmen und es ihm heimzuzahlen, wird ein begeisterter Vater in der Ausstellung zitiert.

Fotostrecke

Fotostrecke: "The Playground Project"

Pragmatisches und Ideologisches, antiautoritäre Spielaktionen in Deutschland, Community-Projekte in New York, meterhohe Kletternetze, die auch auf kleinstem Grundriss funktionieren, die weitläufigen Spiellandschaften der Group Ludic Paris in den sozialen Randbezirken der Stadt und wildromantische Abenteuerspielplätze: So verschieden die Ansätze, so ähnlich sind die Grundlagen, auf denen sie entwickelt wurden. Kinder, lautet eine der wichtigsten Entdeckungen jener Zeit, spielen am liebsten frei. Gern mit anderen. Und sie brauchen dazu nicht allzu viel.

Im Subtext erzählen "The Playground Project" und ausführlicher noch der Begleitkatalog somit noch ein bisschen mehr als die Geschichte der Spielplatzarchitektur: Vor dem Hintergrund der Gestaltung von Spielräumen wird nachvollziehbar, unter welchen politischen, ökonomischen und auch technischen Umständen die Vorstellung von dem, das wir heute selbstverständlich Kindheit nennen, in der industrialisierten Welt überhaupt erst entstehen konnte.

Schönheit im Unbestimmten

Unübersehbar verknüpfen sich dabei Architektur, soziale Utopie und Kunst: Viele Spielplatzarchitekten waren zugleich Bildhauer, andere Sozialpädagogen oder komplette Quereinsteiger. Der Japaner Isamo Noguchi zum Beispiel musste erst den Umweg über die Kunst nehmen, um mit seinen fantastischen Spiellandschaften aus Mulden, Hügeln und Pyramiden Aufmerksamkeit zu finden. Niki de Saint Phalles knallbunte Skulpturen wecken ohnehin einen natürlichen Drang zum Klettern und Entdecken. Und auch Yvan Pestalozzis knallfarbener "Lozziwurm" hat es schon auf manche Kunstschau geschafft. Im Architekturmuseum wird er aktuell nun von Erwachsenen bewundert und von jungen Besuchern laut kreischend in Beschlag genommen.

Es ist eine Schönheit des Unbestimmten, die sich durch die gesamte Ausstellung zieht: Die besten Spielgeräte und - Landschaften sind jene, die gar nicht erst vorgeben, wie genau sie bespielt werden sollen. So entstehen Spielplätze als Verschnaufpausen im städtischen Raum, an denen man fernab des elterlichen Zugriffs, unabhängig von Konsumangeboten spielen und Gleichgesinnte außerhalb des unmittelbaren Freundeskreises treffen kann.

So abenteuerlich wie dereinst geht es dabei aber längst nicht mehr überall zu: Beiläufig informieren die Wandtexte, wo Spielgeräte und - Landschaften inzwischen aus Sicherheitsgründen abgerissen oder zumindest deutlich umgestaltet werden mussten.


"The Playground Project. Architektur für Kinder", bis 21. Juni 2020 im DAM Frankfurt. Katalog im Museum 34 Euro, sonst 40.

insgesamt 3 Beiträge
streifenpuppe 14.11.2019
1. "The Playground Project"
...ein deutschsprachiger Titel wäre natürlich völlig undenkbar....
...ein deutschsprachiger Titel wäre natürlich völlig undenkbar....
badsachsa37441 14.11.2019
2. tja damals war es noch nicht aufwendig gestaltet.
In Verden das 5m hohe Netz existiert immernoch, wir haben es immer Spinne genannt. In meiner Heimat gab es undefinierbares Hölzernes zum klettern und verstecken. Ein rundes Gittergeflecht das aussah wie das Raumschiff von Bug [...]
In Verden das 5m hohe Netz existiert immernoch, wir haben es immer Spinne genannt. In meiner Heimat gab es undefinierbares Hölzernes zum klettern und verstecken. Ein rundes Gittergeflecht das aussah wie das Raumschiff von Bug Rogers. Oder aber das tolle nachgebaute Schiff auf dem Schifferspielplatz aus Holz. Heutiges auf Spielplätzen ist irgendwie undefinierbar.
senkfuss 14.11.2019
3.
Leider gibts heute solche spannenden Spielgeräte nicht mehr. Die lieben Kleinen könnten sich ja womöglich eine Schramme holen. Das erinnert mich an einen Part aus "Greg's Tagebuch". Hier erzählt er, wie nach und nach [...]
Leider gibts heute solche spannenden Spielgeräte nicht mehr. Die lieben Kleinen könnten sich ja womöglich eine Schramme holen. Das erinnert mich an einen Part aus "Greg's Tagebuch". Hier erzählt er, wie nach und nach alle Spielgeräte aus Sicherheitsgründen vom Schulhof verschwanden und am Ende nur noch ein eingezäuntes Geviert gefüllt mit Sägemehl und von Lehrern bewacht übrig blieb.

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