Kultur

Schuhe als Kulturkonflikt

Fußscham - ein Teil deutscher Leitkultur

Darf man Gäste bitten, die Schuhe in der eigenen Wohnung auszuziehen? Migrationshintergründler sind bei dieser Frage im Vorteil: Bei uns legt man den Reinlichkeitsfimmel nicht als Spießertum aus.

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Schuhe vor der Tür ausziehen - ist das typisch deutsch? Oder türkisch?

Eine Kolumne von
Donnerstag, 25.07.2019   16:09 Uhr

Ich liebe das Sommerloch. Wenn Politiker in den Urlaub fahren und die Theater schließen, kommen in Zeitungen mal andere Themen an die Reihe. Zum Beispiel die Frage: "Bin ich ein Spießer, wenn ich Gäste bitte, ihre Schuhe auszuziehen?" Vor Kurzem hat die "Bild am Sonntag" auf der Titelseite (!) eine dialektische Abhandlung dazu angekündigt. Ich meine das nicht ironisch: Ich finde das wirklich spannend. Denn als Frau vom Stamm der Türken begleitet mich die Frage von Straßenschuhen in der Wohnung schon ein Leben lang.

Ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob die Bitte, Schuhe auszuziehen, "spießig" rüberkommen könnte. Mit schmutzigen Stiefeln auf dem Teppich der Gastgeber*in rumzulaufen, ist für mich eher "Punk" und wer Wert auf einen sauberen Boden legt, vernünftig. Aber das hängt wohl vom kulturellen Standpunkt ab.

Ich zum Beispiel bin damit aufgewachsen, dass Straßenschuhe gleichbedeutend sind mit Straßendreck und dass man den als anständige Familie draußen lässt. Deswegen gibt es Hausschuhe. Jede türkische Familie hält einen Vorrat an Pantoffeln bereit, der auf wundersame Weise immer genau so groß ist wie die Zahl der Besucher. Es gibt sie in allen Farben und Formen und für jeden Anlass, mit Pailletten oder Schottenkaro. Als integrierte Halbhipster-Turkodeutsche habe ich nur fünf Paar, darunter einfache Hotel-Slipper und - extra für meine Kartoffelfreunde - auch Birkenstock-Sandalen.

Puschen tun der anatolischen Männlichkeit nichts ab

Keimfreiheit galt bei uns als Tugend. Vermutlich wurde der Werbeslogan "kraftvolle Hygiene" (Domestos) für unsereins erfunden. Aber vermutlich ist das einer der wenigen Punkte, bei denen wir Migrationshintergründler im klaren Vorteil sind: Bei uns legt man den Reinlichkeitsfimmel nicht als Spießertum aus. Er wird als kulturelle Marotte abgehakt. Die meisten meiner Gäste fragen gar nicht erst, ob sie die Schuhe ausziehen sollen, sie zeigen "interkulturelle Kompetenz" und streifen ihre Treter ab. Als Zeichen meiner interkulturellen Kompetenz bringe ich ihnen dann ungefragt die Birkenstocks. Integration ist schließlich keine Einbahnstraße.

Die No-Shoes-Einlasspolitik gibt es übrigens nicht nur bei Türken und Arabern, wie manche denken. Die Pantoffelkultur gilt zum Beispiel auch in Japan, China, Indien. Europa ist da gespalten. Im Land der Dichter und Denker hat der Hausschuh aber keinen besonders guten Ruf: Ein "Pantoffelheld" ist ein Mann, der sich gegenüber seiner Frau nicht durchsetzen kann. Schlappen gelten als Zeichen der Schwäche. Bei Türken ist das anders: Puschen tun der anatolischen Männlichkeit nichts ab, man(n) steht dazu.

Die Kollegin von der "Bild am Sonntag" sah sich genötigt, ein Keramikschild zu kaufen, mit der Aufschrift: "Wir freuen uns über euren Besuch, aber bitte zieht die Schuhe aus". Trotzdem (oder deswegen) musste sie mit vielen Gästen darüber diskutieren und hatte dabei, so meine Interpretation, ein ziemlich schlechtes Gewissen.

In der Kolumne Heimatkunde schreibt Ferda Ataman über Migration, Politik und Gesellschaft. Abonnieren Sie den Newsletter direkt und kostenlos hier:

Zur deutschen Leitkultur gehört offenbar die Fußscham. Manche finden es unerhört, wenn ihnen abverlangt wird, sich untenrum frei zu machen und ihre Socken oder Füße zu entblößen. In Deutschland gelten Füße eher als Privatsphäre und Schuhe gehören zum Outfit, was sogar Knigge-Coaches bestätigen, weshalb Straßenschuhe in der Wohnung angelassen werden können und man von seinen Gästen nicht erwarten darf, dass sie sie ausziehen.

Die Schuhfrage wächst sich langsam zu einem Kulturkonflikt aus

Doch ganz so einfach ist das natürlich nicht. Die deutsche Schuhpolitik hat sich in den vergangenen Jahren ziemlich verändert - ja fast schon migrantisiert.

Inzwischen fragen die meisten Leute, wenn sie eine Wohnung betreten, ob sie das Schuhwerk ausziehen sollen - auch unter Standarddeutschen. Kritische Zeitgeister beschäftigen sich in den Feuilletons schon länger mit dem kulturellen Umbruch in Sachen Inhouse-Fußbekleidung. Nicht alle finden ihn gut.

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Offenbar wächst sich die Schuhfrage langsam zu einem Kulturkonflikt aus. Ähnlich wie das Kopftuch könnte auch die Fußverhüllung zum Streitpunkt werden, an dem sich Nachbarschaften und Freundeskreise spalten. Wobei hier andere Themen aufeinanderprallen: Alltagskultur und Allzweckreiniger.

Denn der Sinneswandel liegt vermutlich weniger am Einfluss von Migranten, sondern eher am Zeitmangel zum Putzen. Und daran, dass immer mehr Menschen immer mehr Wert auf Hygiene legen. Denn Schuhsohlen bringen nicht nur Schmutz in die Wohnung, sie strotzen nur so vor Bakterien, Viren und Parasiten. Gewissermaßen zieht sich in Sachen Schuhen ein Domestos-Äquator durch die Republik.

Mir persönlich ist ja die gelassene, deutsche Einstellung à la "Dreck reinigt den Magen" viel sympathischer als die Panik vor Keimen, mit der ich aufgezogen wurde. Nur bei Straßenschuhen auf dem Teppich hört der Spaß auf. Zum Glück wohne ich auf Holzdielen. Übrigens: Das Thema wird längst auch in türkischen Feuilletons diskutiert. Offenbar lassen dort immer mehr junge Leute die Schuhe Zuhause an. Die "Verwestlichung" der Schuhkultur sehen manche kritisch. Verkehrte Welt.

insgesamt 178 Beiträge
Phil2302 25.07.2019
1. Viel zu besprechen
1. Sie behaupten, dass immer mehr Menschen immer mehr Wert auf Hygiene legen. Woher nehmen Sie diese Behauptung? Alle alten Menschen, die ich kenne, bei denen ist Hygiene so unglaublich wichtig. Meine Eltern sind super saubere [...]
1. Sie behaupten, dass immer mehr Menschen immer mehr Wert auf Hygiene legen. Woher nehmen Sie diese Behauptung? Alle alten Menschen, die ich kenne, bei denen ist Hygiene so unglaublich wichtig. Meine Eltern sind super saubere Leute, bei allen Nachbarn, bei denen ich als Kind war, da sah es wie geleckt aus, und wenn ich nur heute meine Freunde, Bekannte und auch Arbeitskollegen ansehe: Viel mehr Unordnung darunter. Also, woher die Behauptung? 2. Warum muss ich mich hier immer noch als Kartoffel anreden lassen? Verstehe nicht, warum Frau Ataman rassistisch sein darf. 3. "bei denen wir Migrationshintergründler im klaren Vorteil sind" Warum darf Frau Ataman für alle Menschen mit Migrationshintergrund sprechen? Ist das nicht wieder Rassismus, alle über einen Kamm zu scheren? Ich verstehe die Welt nicht. Gehe aber natürlich davon aus, dass der Kommentar nicht durch kommt.
grumpy53 25.07.2019
2. Fußscham
witziger Begriff. Weniger witzig finde ich, was manche Menschen einem zumuten, wenn sie ihre Füsse "entblössen". Auch bei weniger extremen Temperaturen werden in Zügen bestrumpfte oder auch nackte Füsse gerne mal auf [...]
witziger Begriff. Weniger witzig finde ich, was manche Menschen einem zumuten, wenn sie ihre Füsse "entblössen". Auch bei weniger extremen Temperaturen werden in Zügen bestrumpfte oder auch nackte Füsse gerne mal auf den freien Platz neben dem Gegenüber gelegt, "stört sie doch nicht, oder?!". Was da an Anblick oder Geruch aus ausgelatschten Turnschuhen oder auch zu engen Pumps kommt, möchte ich nicht beschreiben. Oder es wird der leere Platz neben dem eigenen nicht nur mit Gepäck belegt (es will sich doch bloß da keiner hinsetzen, oder?!) , als Abschreckung werden dann auch gerne mal verschwitzte Füsse mit oder ohne Strümpfe draufgestellt. Und da kann man dann begucken, was dringend zur Pediküre müsste, Hornhaut, Nagelpilz, verfärbte Stellen von Schuhen oder Socken, nein danke. Nackte Füsse gerne bei sich zuhause, im Schwimmbad, auf dem Rasen. In öffentlichen Verkehrsmitteln eher nicht. Und nein, ich schramme damit nicht am Thema des Artikels vorbei. Wenn ich Menschen besuche, die sich wünschen, dass ich ohne Schuhe die Wohnung betrete, ist das absolut in Ordnung. Dann bringe ich mir selbst ein paar frische Socken oder gepflegte eigene indoor-Schläppchen mit. Zur Verfügung gestellte Pantoffeln, die womöglich die oben geschilderten Füsse von früheren Besuchern aufgenommen haben, möchte ich bitte nicht tragen. Gegenseitiger Respekt sieht anders aus.
Sensør 25.07.2019
3. türkisches Spießertum
Das wirklich spießige ist Ihr Teppich, Frau Ataman, nicht, dass Sie diesen sauber halten wollen ;-)
Das wirklich spießige ist Ihr Teppich, Frau Ataman, nicht, dass Sie diesen sauber halten wollen ;-)
blubbblubber 25.07.2019
4.
natürlich werden hier die schuhe ausgezogen sommer wie winter. wer hat schon lust auf staub/dreck und oder salzwasser auf dem echtholzlaminat?
natürlich werden hier die schuhe ausgezogen sommer wie winter. wer hat schon lust auf staub/dreck und oder salzwasser auf dem echtholzlaminat?
rootero 25.07.2019
5. Die Deutschen sind bekannt dafuer die Schuhe auszuziehen
Ich empfinde den Artikel etwas konstruiert. Es ist normal die Schuhe in D auszuziehen. In anderen europaeischen Laendern und in Amerika stellt sich die Frage viel eher.
Ich empfinde den Artikel etwas konstruiert. Es ist normal die Schuhe in D auszuziehen. In anderen europaeischen Laendern und in Amerika stellt sich die Frage viel eher.
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