Kultur

Fragile Rollenbilder

Männlichkeit am Limit

Männlichkeit ist so zerbrechlich, dass sie permanent symbolhaft gestützt werden muss. Auch deshalb erklären Politiker und Journalisten im Streit über ein Tempolimit so gern, dass hier eine Freiheit aufgegeben werden soll.

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Eine Kolumne von
Dienstag, 22.01.2019   11:18 Uhr

Theoretisch können Männer es derzeit unglaublich einfach haben. Wenn sie sich in einem halben Satz zu Gleichberechtigung äußern, bekommen sie ganze Artikel gewidmet. Männer, die zwei Monate Elternzeit nehmen, werden als tolle, fortschrittliche Väter gefeiert, während Frauen, die ein paar Monate nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten, in Verdacht geraten, karrieregeile, seelenlose Roboter zu sein.

Der Schauspieler Benedict Cumberbatch forderte vor Kurzem gleiche Bezahlung für seine Kolleginnen. Männer sollten keine Jobs annehmen, bei denen Frauen schlechter bezahlt werden als sie, findet er. Das ist gut und richtig. Verrückt ist, was draus gemacht wird. "Danke, Sherlock!", schrieb die "Barbara". "Ja, er war schon immer unser Held. Jetzt aber noch ein bisschen mehr." Ja, Wahnsinn. Am besten direkt den Friedensnobelpreis bereithalten.

Männer könnten es einfach haben, aber sie machen es sich häufig sehr schwer. Als vergangene Woche der neue Gillette-Werbespot veröffentlicht wurde, in dem von Männern gefordert wird, coole Vorbilder und angenehme Mitmenschen zu sein, rasteten sehr viele Männer komplett aus angesichts dieser frech überzogenen Fantasien. Unter dem Hashtag #boycottgillette posteten sie Fotos von weggeworfenen Rasierern. Denn mit einer Firma, die sich gegen Belästigung und Gewalt einsetzt, will man natürlich nicht in Verbindung gebracht werden, wenn man Überlegenheit und Aggression immer noch für das Beste im Mann hält.

Über diese Debatte hat Christian Stöcker bereits geschrieben, und er hat recht mit allem, was er sagt, wenn er erklärt, dass es keinen "Krieg gegen die Männlichkeit" gibt, wie im britischen Fernsehen diskutiert wurde, sondern lediglich einen besonders spektakulären Fall der Verteidigung dessen, was als "toxic masculinity" bezeichnet wird. (Hier auch eine Erklärung von bento.) Recht hat außerdem Linus Volkmann, wenn er schreibt:

"Keine Liebe für Companies, die soziale Bewegungen für ihr Image und ihren Profit auf sich münzen wollen. Aber dennoch Anteilnahme. Auf so einem breiten Level [...] toxische Maskulinität nicht nur sichtbar zu machen, sondern auch noch komplett gegen sich aufzubringen, das beweist entweder Mut - oder eine völlige Fehleinschätzung der eigenen Kundschaft."

Unterdessen hat "Edition F" herausgekramt, wie die Gillette-Werbespots vor ein paar Jahren noch aussahen. Ende der Achtziger hieß es dort noch ganz unsubtil:

"Du siehst gut aus, man sieht's dir an, du hast es weit gebracht... in vielen Gesichtern kannst du es sehen, wir geben dir alles, um deinen Mann zu stehen, du bist ganz vorn, du bist der Champion!"

Das waren noch Zeiten voller Poesie.

Aber das Männlichkeitsideal, gegen das Gillette sich heute wendet - eines, das durch Grapschen, Prügeln, Mobben am Laufen gehalten wird -, ist nicht nur giftig und gefährlich ohne Ende, es ist auch sehr, sehr zerbrechlich.

Klassische Männlichkeit ist ein so fragiles Gut, dass sie überall gestützt werden muss, wo sie nur minimal gefährdet erscheint. Wenn Männern Pflegeprodukte angeboten werden, dann kommt das selten ohne ein Marketing aus, das kurz vor Kriegsrhetorik angesiedelt ist: Ready, Active, Strong, Power, Xtreme, Energy, so sind Duschgele und Cremes beschriftet für Männer, die es wagen, sich nicht allein mit Benzin und WD-40 zu waschen. Oder, wie Paula Irmschler mal geschrieben hat:

"Die Badezusätze und Duschgele für Frauen sind dem Namen nach immer so 'Hey, lehn dich zurück, entspann dich, zieh die Schuhe aus, geh nicht raus, leg dich nieder, sei schön, halt die Fresse', die für Männer sollen ihn immer vorbereiten für die Schlacht, sie geben ihm keine Zeit, sondern immer einen 'Kick', immer bereit, hinfort mit dir, SPARTA!"

Und hiermit auch ein herzliches Danke an den Instagram-Nutzer, der mich darauf hinwies, dass Slipeinlagen der Marke Tena für Männer "Protective Shield" heißen. Auf in die Schlacht, ohne Nachtröpfeln!

Exot Hausmann und Vater

Dieses immer noch aktuelle Bild von Männlichkeit führt allerdings auch dazu, dass Männer in Bereichen, in denen es nicht ums Kämpfen und Starksein geht, häufig als quasi lebensunfähige Loser dargestellt werden. RTL zeigt zurzeit eine Doku mit dem Titel "Mensch Papa! Väter allein zu Haus", darin bleiben Väter allein mit Kind und Haushalt, ein völlig neues experimentelles Avantgardekonzept. Gänsehaut-Feeling garantiert!

Und als Wolfgang Schäuble anlässlich der Feier zum Frauenwahlrecht erklärte, Kindererziehung, Hausarbeit und Pflege müssen gerecht verteilt werden, konnte die "Bild"-Zeitung das nur so verstehen, dass Männer nun häufiger im Haushalt - Achtung - "helfen" sollen. Nein, sie sollen einfach nur wie erwachsene Menschen einen Teil der Aufgaben übernehmen, die man hat, wenn man irgendwo wohnt oder sich vermehrt hat.

Überall, wo es um Einschränkungen vermeintlich besonders männlicher Tätigkeiten geht, egal ob Fleischessen, Böllern oder schnelles Autofahren, stehen jedes Mal Bataillone von Politikern oder Journalisten bereit, die erklären, dass hier eine vermeintlich gottgegebene menschliche Freiheit mit völlig unvernünftigen, lustfeindlichen Beweggründen wegkastriert werden soll.

Beispiel Tempolimit

Beispiel Tempolimit: Menschen mit viel Expertise haben sich zusammengesetzt und vorgeschlagen, ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen einzuführen. Eine Maßnahme, die gut fürs Klima wäre, gut für den Verkehr, und nicht zuletzt gut gegen Unfälle. Verkehrsminister Andreas Scheuer schaffte es dennoch zu behaupten, solche Vorschläge seien "gegen jeden Menschenverstand".

"Forderungen, die Zorn, Verärgerung, Belastungen auslösen oder unseren Wohlstand gefährden, werden nicht Realität und lehne ich ab", erklärte er .

Okay, Unfalltote lösen auch Zorn, Verärgerung und Belastung aus, aber who cares?

Im Dezember twitterte eine Frau, die offenbar im Rettungsdienst arbeitete, als Reaktion auf einen Artikel von "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt, über mehrere Einsätze bei von Rasern verursachten Unfällen. Erinnerungen dieser Art: "Ich war die kleinste und passte ins Wrack hinein, sein Kopf war abgeschnitten, in der Hand noch sein Telefon, seine Frau schrie noch immer seinen Namen." Ulf Poschardt twitterte am selben Tag : "Wenn der Unfall als Argument genutzt wird, kann man die Zivilisation einrollen und/oder sein Leben in einem veganem Safe geniessen", und bekräftigte noch mal im Deutschlandfunk-Kultur-Interview, dass ihm seine persönliche Freiheit wichtiger ist als die Sicherheit anderer Menschen. "Aber wenn wir es damit schaffen würden, auch nur einen schweren Verkehrsunfall mit Toten weniger zu haben im Jahr, dann wäre das doch schon ein Wert, oder?", fragte der Moderator. Poschardt: "Nö, das ist ne sehr verkürzte, sentimentale Diskussion." Und sentimental geht natürlich gar nicht.

Was bleibt den Männern?

Man könnte zwar behaupten, das habe mit Männlichkeit alles überhaupt nichts zu tun. Aber nur wenn Aufeinander-Achtgeben und Sentimentalität nicht immer noch weiblich besetzte Eigenschaften wären. Wenn traditionell weiblich oder männlich konnotierte Tätigkeiten gleichwertig wären. Wenn Männlichkeit nicht mehr in latenter Kampfbereitschaft und Ablehnung von Weiblichkeit bestehen würde.

"Klar, Jungs und Männer werden in den nächsten Generationen die Mehrarbeit leisten müssen, ihre Rolle zu reflektieren, um die seit Langem bestehenden Ungerechtigkeiten nicht weiter auszunutzen, sondern abzubauen" , schrieb neulich der Psychiater Jan Kalbitzer auf "Welt Online".

So weit korrekt. Die Überschrift dazu: "Jungs drohen zu den neuen Mädchen zu werden". Ja, was könnte gruseliger sein? Wenn Männlichkeit nicht mehr Überlegenheit und Stärke bedeutet, was bleibt von ihr?

Männer müssen sehr strikte Regeln einhalten, wenn sie das alte Bild von Männlichkeit am Leben halten wollen. Sie sollen einander in der Öffentlichkeit nicht anders anfassen als durch festen Händedruck oder Faustschlag, sonst sind sie schwul, sie sollen im Sommer keine kurzen Hosen tragen, sonst sieht man, dass sie Menschen sind.

"Wie viele Auswüchse toxischer Männlichkeit könnten beseitigt werden, wenn sich frustrierte Typen einfach mal gegenseitig in den Arm nehmen könnten, anstatt anonym im Internet Frauen zu belästigen?", hat Alena Schröder mal im "SZ Magazin" gefragt.

Es sind nicht alle Männer Teil des Problems, aber alle können Teil der Lösung sein.


Anmerkung der Redaktion: In dieser Kolumne wird ein Tweet der - im Text namentlich nicht genannten - Historikerin Marie Sophie Hingst (@MlleReadOn) zu Erfahrungen bei Rettungseinsätzen zitiert. Nach SPIEGEL-Recherchen hat Hingst große Teile ihrer Biographie erfunden, insbesondere ihre Herkunft aus einer im Holocaust ermordeten jüdischen Familie. Es ist in diesem Zusammenhang fraglich, ob Hingst jemals als Rettungssanitäterin gearbeitet hat.

insgesamt 329 Beiträge
oliver_loessl 22.01.2019
1. Hier ein Vorschlag
Mich würde im Ernst interessieren, wer Artikel wie diese gut findet...und dies auch zum Ausdruck bringen will. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass irgendwer, der differenziert denken kann, diesen Artikel als [...]
Mich würde im Ernst interessieren, wer Artikel wie diese gut findet...und dies auch zum Ausdruck bringen will. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass irgendwer, der differenziert denken kann, diesen Artikel als wertvoll für unsere Gesellschaft ansieht. Hier mein Vorschlag: Einfach den Artikel, falls man nicht wirklich damit einverstanden ist, NICHT kommentieren und das Feld denen überlassen, die dem Ganzen zustimmen. Würde mich freuen, wenn das funktioniert...und würde mich natürlich interessieren, wie die Kommentare aussehen, wenn sie nicht von all der Negativität ummantelt sind.
samothrake.von.nike 22.01.2019
2. Hm.
Ich bin eine Frau und auch gegen das Tempolimit. Und nun?
Ich bin eine Frau und auch gegen das Tempolimit. Und nun?
hörwurm 22.01.2019
3. Loch im Kopf
Ich werde einen Gedanken nicht los, und er blockiert jetzt ständig mein Denken: wieso hat es was mit Freiheit zu tun, auf der Autobahn rasen zu dürfen? Glauben Sie mir, wenn ich sage, als Zeuge eines durch einen Raser [...]
Ich werde einen Gedanken nicht los, und er blockiert jetzt ständig mein Denken: wieso hat es was mit Freiheit zu tun, auf der Autobahn rasen zu dürfen? Glauben Sie mir, wenn ich sage, als Zeuge eines durch einen Raser verursachten Unfalls wäre nach der Nothilfe für dessen Opfer mein zweiter Gedanke, den Raser zu verprügeln. Ich habe auf der Autobahn genug Tote gesehen, auch kleinste Kinder. In Kinofilmen gehen dann immer die Rächer um oder ein Mann sieht Rot. Die Realität fordert allerdings und billigt das Unfallopfer. Was würden Sie denken oder tun, wenn Sie nach solch einem Unfall am Straßenrand einen Polizisten sähen, der einen an die Leitplanke gefesselten Autofahrer vermöbelt, weil er es nicht mehr aushält, jahrelang diese Unfälle zu erleben. Im Film geht das. Die Realität sieht anders aus. Und mir wird man wieder Böses nachsagen.
Barbaras Rhabarberbar 22.01.2019
4. oh mannomann!
nachdem Ihr Artikel letzte Woche tatsächlich zum Nachdenken angeregt hat und einen Lichtblick darstellte, heute wieder die alte Stockowski-Leier. Schade! btw: Glauben Sie wirklich, dass eine RTL Skripted Reality Doku geeignet [...]
nachdem Ihr Artikel letzte Woche tatsächlich zum Nachdenken angeregt hat und einen Lichtblick darstellte, heute wieder die alte Stockowski-Leier. Schade! btw: Glauben Sie wirklich, dass eine RTL Skripted Reality Doku geeignet ist, um den gesellschaftlichen Stand des Mannes zu verorten? really?!?
karsten.wilke 22.01.2019
5. Allitteration gefällig? Unfassbarer Unsinn....
'Männer müssen sehr strikte Regeln einhalten, wenn sie das alte Bild von Männlichkeit am Leben halten wollen. Sie sollen einander in der Öffentlichkeit nicht anders anfassen als durch festen Händedruck oder Faustschlag, sonst [...]
'Männer müssen sehr strikte Regeln einhalten, wenn sie das alte Bild von Männlichkeit am Leben halten wollen. Sie sollen einander in der Öffentlichkeit nicht anders anfassen als durch festen Händedruck oder Faustschlag, sonst sind sie schwul, sie sollen im Sommer keine kurzen Hosen tragen, sonst sieht man, dass sie Menschen sind.' Das ist alles so unfassbar altbacken, dass ich kaum glauben kann... Offensichtlich ist gerade der Autorin verborgen geblieben, wie weit sich doch die Gesellschaft zwischenzeitlich weiterentwickelt hat, und das - im Rückblick an mehrere ähnliche Beiträge denkend - ohne irgendeinen sinnvollen Beitrag von ihrer Seite. Aber es ist natürlich auch sehr viel leichter, auf Konflikt gebürstet irgendwelche Fahnen hochhalten und Argumente aus dem Museum herunterbeten zu können.... Nebenbei: Ich BIN schwul, und mich ärgert nichts mehr, als wenn Vorurteile wieder und wieder hervorgeholt werden, die schon lange nicht mehr in der genannten Form existieren. Die Gesellschaft ist da schon VIEL weiter als die Autorin selbst, keine Frage.
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