Kultur

TV-Serie "Sex And The City"

Von Längen und Härtegraden

Seit die überaus erfolgreiche TV-Serie "Sex And The City" auch bei uns läuft, wissen wir, dass die ganze Prüderie der Amerikaner nur Fassade ist: Vier New Yorker Frauen reden jeden Dienstag ganz unbefangen über Sex. In einer der jüngsten Folgen ging es um die kulturellen Unterschiede zwischen Ost- und Westküste.

Von Henryk M. Broder
Mittwoch, 18.12.2002   14:57 Uhr

Der Amerikaner als solcher ist ein Mensch, den man im allgemeinen mögen kann. Wenn er auf dem Lande lebt, dann heißt er Ben Cartwright und kennt jede seiner Kühe beim Vornamen. Er hat einen hoch entwickelten Sinn für Gerechtigkeit und jagt - wenn er Clint Eastwood oder Charles Bronson heißt - Verbrecher auf eigene Faust. Sogar wenn er im Leben gescheitert ist, wie der Schuhverkäufer Al Bundy, dann erweist er sich noch immer als fürsorglicher Familienvater. Allerdings ist der Amerikaner, wie wir alle wissen, auch prüde. Auf der Ponderosa gab es keine Frauen, und in den Filmen mit Doris Day und Rock Hudson sah man in den ehelichen Schlafzimmern nur schmale Einzelbetten. Viele fragten sich: Wie pflanzt sich die Amerikaner fort? Etwa durch Zellteilung?

Inzwischen wissen wir: Trotz ihrer Überlegenheit in der Raumfahrt und bei der Entwicklung von Software können auch die Amerikaner auf die primäre Begegnung der Geschlechter nicht verzichten. Und die Prüderie, die ihnen nachgesagt wird, ist nur Fassade, hinter der die Leidenschaften lodern.

Wir wissen es, seit wir "Sex And The City" sehen, eine Comedy-Serie über vier New Yorkerinnen: Carrie, eine Reporterin, Miranda, eine Anwältin, Charlotte, eine Tochter aus gutem Haus und Samantha, das versaute Luder. Carrie hat Affären, meistens nur eine nach der anderen, Miranda ist wählerisch, Charlotte romantisch und Samantha von Natur aus immer geil. Das dramaturgische Prinzip der Serie ist einfach: Vier Frauen kommunizieren über Sex auf eine Art, wie es üblicherweise nur Männer tun, sehr klar und direkt. Von "Liebe machen" ist nie die Rede, dafür von Ficken, Blasen und Lecken. Es geht um die Länge und den Umfang, den Härtegrad, die Tiefe und die Weite.

In einer der letzten Folgen hatte Samantha eine Affäre mit einem Kerl, dessen Samen so übel schmeckte, dass sie ihn nicht schlucken mochte. Also stellte sie Überlegungen an, was den Geschmack des Ejakulats beeinflusst und wie der Mann seine Ernährung umstellen müsste. Sie sprach darüber, wie andere über dick machende Sahnetorten sprechen und worauf kalorienbewusste Konsumenten beim Verzehr achten sollten. Keine Serie, die derzeit im deutschen Fernsehen läuft, ist krasser und eindeutiger. Freilich: schaut man genau hin, sieht man, dass die vier Mädels auch in den wildesten Sex-Szenen ihre Unterwäsche anbehalten. "Fick mich, besorg's mir!" flüstert Carrie ihrem Lover ins Ohr - und wir freuen uns nicht nur über ihre verbale Ausgelassenheit, sondern auch über die Dessous von "Victoria's Secret".

"Meine Ehe ist wie eine gefälschte Fendi-Tasche"


Verglichen mit deutschen Serien wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder "Marienhof" ist "Sex And The City" ein Meisterwerk der Unterhaltung, sozusagen eine Patek Philippe unter lauter Junghans-Küchenuhren. Jeder Plot ist eine in sich abgeschlossene Geschichte, die Dialoge sind schnell und witzig, die Pointen genau platziert. "Wir sind New Yorkerinnen, wir mögen es, wenn Männer neurotisch sind", sagt Charlotte, die eben geheiratet hat und erleben muss, dass ihr Mann impotent ist. "Meine Ehe ist wie eine gefälschte Fendi-Tasche. Er kriegt noch nicht mal einen Steifen, wir hatten noch nie Sex." "Ihr seid ja auch erst einen Monat verheiratet", gibt Miranda zurück, ihr Mitgefühl für die Leiden der Freundin hält sich in Grenzen, wer heiratet, ist selber schuld, wenn er nicht auf seine Kosten kommt.

Letzten Dienstag waren die vier Sex-Vampire in Los Angeles unterwegs, und dabei wurden auch die kulturellen Unterschiede zwischen Ost- und Westküste vorgeführt. In Kalifornien geht es noch schneller zur Sache und es ist noch schneller alles vorbei. Eine Party mit dem leibhaftigen Playboy Hugh Hefner, bei der die Blondinen BH-los im Pool plantschen - "Tittensuppe", stellt Miranda fest - gerät zum Desaster, weil sich Samantha mit einer Hefner-Braut anlegt; die Männer sind allesamt Banausen, Hochstapler und Sprücheklopfer. Carrie gerät an einen "Agenten", der in Wirklichkeit nur auf Häuser von Prominenten aufpasst, Charlotte flirtet betrunken mit einem Kerl, der ihr nach dem dritten Cocktail ein Angebot macht: "Ich spendiere ihnen ein paar Möpse." und Miranda geht mit einem Drehbuchautor aus, der sein Steak nur durchkaut und in die Serviette spuckt, weil er nicht zunehmen möchte, denn dicke Drehbuchautoren bekommen in Hollywood keine Aufträge.

Am Ende landen Carrie, Charlotte, Samantha und Miranda wieder in New York, um einige Erfahrungen reicher und fest entschlossen, die Stadt so schnell nicht wieder zu verlassen. Mag das Wetter in L.A. besser sein, vom richtigen Ficken, Lecken und Blasen haben die Kalifornier trotzdem keine Ahnung.

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