Kultur

Udai-Doppelgänger bei Biolek

Gutenachtgeschichten von Saddams falschem Sohn

Alfred Biolek auf vermintem Gelände: Zu Gast in seiner jüngsten Sendung war der ehemalige Doppelgänger des Saddam-Hussein-Sohns Udai - ein fragwürdiger Zeitzeuge, der durch Europa tingelt und farbenfrohe Schauergeschichten über sein Double erzählt. Der Schmuse-Talker zeigte sich leicht überfordert.

Von Henryk M. Broder
Mittwoch, 12.02.2003   18:31 Uhr

Wer bis 23 Uhr aufbleibt, um sich Biolek anzusehen, nachdem er schon das Wirtschaftsmagazin "plusminus" und die Tagesthemen gesehen hat, der möchte in aller Regel nicht weiter mit dem Elend dieser Welt konfrontiert werden. Da kommt ihm Alfred, die Plaudertüte aus Köln, sehr gelegen. Und wenn der dann noch Uschi Glas, Inge Meisel oder Günter Grass und Gerhard Schröder zu Besuch hat, dann klingt der Abend besinnlich aus. Große Politik ist Bioleks Sache nicht, und das spricht nicht gegen, sondern für ihn.

Gestern freilich hat sich Biolek in vermintes Gelände gewagt. Er hatte als einzigen Gast einen Iraker (und dessen deutschen Ghostwriter) im Studio, der von 1987 bis 1991 als Udai Hussein ein Doppelgängerleben führte: "Ich war Saddams Sohn" - so heißt auch ein Buch der beiden, das Mitte der neunziger Jahre in einem österreichischen Verlag erschienen und nicht weiter aufgefallen ist. Jetzt sorgt die Neuauflage als Taschenbuch für Aufsehen.

Latif Yahia, Saddams falscher Sohn, traf den Wiener Journalisten Karl Wendl - wie es sich gehört in einem Wiener Café, nachdem er aus Bagdad nach Europa geflohen war. Yahia erzählte, Wendl notierte: Wie der Iraker auf Grund seiner verblüffenden Ähnlichkeit mit Udai, Saddams ältestem Sohn, den er von der Schule kannte, eines Tages "in den Palast zitiert" und von Udai vor die Alternative gestellt wurde: "Arbeite für mich oder ich werde deine Schwester vergewaltigen." Wie er nach sieben Tagen in einer winzigen Zelle einwilligte und mit Hilfe einer Kieferoperation, eines Friseurs und eines Ausstatters in Udai verwandelt wurde, "Saddams missratenen Sohn", der noch weniger Skrupel und eine noch größere Neigung zu sadistischen Exzessen als sein Vater hatte. "Udai ist abartig", sagte Wendl, "schon als Kind war er bei Exekutionen dabei. Er ist, wie er ist".

"Was war das Schlimmste, was Sie gesehen haben?", wollte Biolek wissen. "Die Vergewaltigung von Frauen und Mädchen", antwortete Yahia und setzte gleich hinzu, er habe zwar "vieles wie Udai gemacht - außer Töten und Vergewaltigen". Für Biolek war das glaubwürdig, er fragte nicht nach, wie Udai auf diese Art der Dienstauslegung reagiert hat.

Dann ging es um die angeblich 500 bis 600 Autos und die über 1000 Uhren, die Udai besitzen soll und die vielen "Parties und Orgien", die Udai in seinen Palästen und den Bagdader Hotels veranstaltet. Und es gab auch eine ziemlich irre Geschichte, wie Udai einen Onkel erschoss und ihm eigenhändig die Kehle durchschnitt, worauf er nach Genf verbannt wurde und Latif seine "Vertretung" in Bagdad übernahm. Auch beim Überfall auf Kuweit 1990 spielte Latif nach eigener Aussage "eine große Rolle". Er "sammelte 125 Millionen Dollar" ein. Da lächelte Biolek zum ersten Mal und fragte: "Konnten Sie ein bisschen was für sich..." Nein, habe er nicht, sagte der ehrliche Doppelgänger, er habe alles abgeliefert, obwohl "jeder geklaut hat".

Damit gab sich Biolek zufrieden. Statt zu fragen, wie und mit wessen Hilfe Latif nach Europa gekommen war und wovon er heute lebe, reichte ihm die Auskunft, der ehemalige Udai-Darsteller würde heute "zwischen London und Dublin" pendeln. Ist das schon ein Beruf, der einem Flüchtling ein Auskommen sichert? "Können Sie das Leben uneingeschränkt genießen?", setzte Biolek, der Genießer, nach und "Sind sind Sie für einen Krieg?" Nein, er sei dagegen, denn "Amerika will das Öl, keine Demokratie", antwortete Latif, der offenbar trotz allem ein Patriot geblieben ist. Worauf ihm sogar sein Freund und Ghostwriter widersprach: "Nur militärische Gewalt könnte helfen, das Land zu befreien."

Es war eine merkwürdige Sendung, die einen mit einem unguten Gefühl zurück ließ. Das muss auch Biolek geahnt haben, der ziemlich zum Schluss sagte: "Wenn es nicht so tragisch wäre, könnte man sagen: Kindergeschichten." Denn wenn nur ein Bruchteil der Geschichten, die Latif und Wendl erzählen, wahr ist, dann müsste die Friedensbewegung ihre Marschrichtung ändern und sofort auf Bagdad loslaufen, um Saddam und seine Bande "gewaltfrei" abzusetzen. Und wenn die Geschichten nicht stimmen, dann stellt sich die Frage: Wer denkt sich so was aus? Und was macht der irakische Patriot und Udai-Doppelgänger heute in Europa? Wie immer hatte Biolek auch bei diesem Thema das passende Resumé parat. Er sei "für die Beseitigung der Diktatur aber gegen einen Krieg". Gut gesagt, Alfred, aber sooo genau wollten wir es gar nicht wissen.

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