Kultur

US-Serie am Vorabend

"Sexuelle Zumutungen"

Zu viel Sex im Vorabendprogramm? Nachdem Zuschauerbeschwerden eine Debatte um die Wiederholung der amerikanischen Erfolgs-Serie "Sex and the City" im Vorabendprogramm ausgelöst hatten, kritisiert nun auch eine CDU-Ministerin den frühen Sendeplatz.

Mittwoch, 19.07.2006   18:43 Uhr

München - Bayerns Familienministerin Christa Stewens (CSU) sagte am Mittwoch in München, es sei "eine falsche und gefährliche Entwicklung", dass immer mehr Formate rund um Sexualität und Erotik im Vorabendprogramm platziert würden. Sie forderte die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) und die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) auf, "kritisch zu prüfen, ob der Jugendschutz beachtet wurde". Bei der KJM gingen inzwischen zahlreiche Beschwerden aus der Bevölkerung ein.

ProSieben wiederholt die Kultserie um vier New Yorker Freundinnen und ihre Liebesturbulenzen seit einer Woche montags bis freitags um 18 Uhr. Alle sechs Staffeln sollen ausgestrahlt werden. Stewens kritisierte: "Kinder, die ja gerade um diese Uhrzeit viel fernsehen, werden unerwartet mit sexuellen Zumutungen konfrontiert." Ihnen würden "fragwürdige Bilder" von Partnerschaft und Liebe vermittelt. Den Eltern werde die Erziehung unnötig schwer gemacht.

Die Ministerin sagte weiter: "'Sex sells' war offenbar die ausschließliche Motivation des Senders." Der sture Blick auf die Quote gehe aber immer mehr zu Lasten der Qualität. "Ich wünsche mir mehr Verantwortung und mehr Weitsicht bei der Programmplanung", sagte sie.

Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag sehe ausdrücklich vor, dass bei der Wahl der Sendezeit dem Wohl der jüngeren Kinder Rechnung getragen werden müsse. Auch ein paar "chirurgische Eingriffe" ins Filmmaterial und das Ausblenden der härtesten Szenen könnten nicht helfen, damit "Sex and the City" für Teenager und Kinder zu einer unbedenklichen Sendung werde, betonte sie.

Schon vor Wiederholung der ersten Folge waren bei der KJM Beschwerden von Zuschauern eingegangen, die allzu offenherzige Szenen um Liebe und Sex befürchteten. Ihre Zahl habe sich in den vergangenen Tagen noch einmal "deutlich vermehrt", sagte der Vorsitzende der Kommission, Wolf-Dieter Ring.

Auf ihrer Sitzung am Mittwoch habe sich die KJM erstmals mit dem Thema beschäftigt und beschlossen, in den kommenden Wochen einige der ausgestrahlten "Sex and the City"-Folgen zu prüfen. Dabei handle es sich insbesondere um solche, die vom Sender nicht der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen vorgelegt worden seien.

Vorsorglich hatte ProSieben im Vorfeld mehrere Folgen entschärft, Dialogpassagen oder Bildszenen mit eindeutig sexuellem Inhalt gestrichen und sie von der FSF prüfen lassen. Dieser Prozess dauere weiter an, sagte eine Sprecherin des Senders. Auf die Ausstrahlung einer Folge verzichtete ProSieben bereits.

Der stellvertretende Leiter "Jugendschutz und Programmberatung" des Senders, Markus Gaitzsch, sagte, es könne "keine Rede davon sein, dass Kinder und Jugendliche durch die Serie pauschal gefährdet werden könnten". Die meisten Episoden der Serie seien von den Prüfausschüssen der FSK ab 12 Jahren freigegeben worden. Jene Folgen mit einer Freigabe ab 16 Jahren seien bearbeitet und erneut zur Prüfung vorgelegt worden.

Gaitzsch betonte, es wäre ein "überholter Jugendschutz, wenn das Vorhandensein von Erotik in einer Serie eine Ausstrahlung vor 20 Uhr automatisch ausschließen würde". Die Serie lebe vor allem von der Originalität der unterschiedlichen Hauptcharaktere. "Schon wegen ihres Alters ist aber keine der dargestellten Frauenfiguren für eine Identifikation besonders geeignet, so dass die Übernahme problematischer Rollenbilder durch Kinder und Jugendliche ausgeschlossen werden kann".

Der Sender hatte "Sex and the City" wieder ins Programm genommen, nachdem die Telenovela "Lotta in Love" wegen schlechter Zuschauerzahlen von dem Programmplatz auf den Sonntagmorgen verbannt worden war. Die 94 Episoden um die New Yorker Frauen Carrie, Miranda, Charlotte und Samantha waren erstmals zwischen September 2001 und Dezember 2004 gezeigt worden. Im vergangenen Jahr liefen Wiederholungen - die Episoden wurden aber bisher nie vor 20 Uhr ausgestrahlt. Zu Spitzenzeiten hatte die Serie bis zu 4,5 Millionen Zuschauer vor die Fernseher gelockt.

Marina Antonioni, ddp

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