Kultur

Vorstellung des neuen Volksbühnen-Chefs

Duell mit Dercon

Noch bevor er berufen wurde, schlug dem künftigen Intendanten der Berliner Volksbühne viel Kritik entgegen. Nun hat sich Chris Dercon der skeptischen Hauptstadtpresse gestellt - und sein Team und seine Pläne für das Traditionshaus präsentiert.

AFP

Chris Dercon: Am Freitagnachmittag vor der Hauptstadtpresse

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Freitag, 24.04.2015   18:51 Uhr

Um 15 Uhr am Freitagnachmittag lässt Chris Dercon einen besorgten Blick durch Raum 319 im Roten Rathaus streifen. Er muss zum Duell antreten: Der künftige Intendant der Volksbühne gegen die Hauptstadtpresse. Eine missratene Kommunikationspolitik des Berliner Senats und eine überhitzte Kulturberichterstattung, die mit der Berufung Dercons das Ende des deutschen Stadttheatermodells heraufbeschwor, haben für die kämpferische Stimmung gesorgt. Um 15.50 Uhr ist das Duell entschieden. Dercon siegt nicht nur nach Punkten, er landet einen sauberen K.o.

Kein dümmliches Event-Theater, keine Abwicklung des Ensembles, keine Abkehr vom Repertoire-Prinzip: Alles, was die Feuilletons in den vergangenen Wochen auf die Volksbühne zukommen sahen, versichert Dercon zunächst, wird es mit ihm nicht geben. In der Pressekonferenz, die der Belgier zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller und dem Staatsekretär für kulturelle Angelegenheiten Tim Renner abhält, will Dercon zunächst die Kontinuitäten aufzeigen, die auch nach der Ablösung von Frank Castorf bestehen werden.

Es ist eine Art Beruhigungsmaßnahme für die aufgeregten Kulturjournalisten, die zuletzt nur in den Alternativen "altes Modell" oder "Untergang" über die Zukunft des Traditionshauses am Rosa-Luxemburg-Platz zu denken vermochten. Dercon gibt sich als sachkundiger Theaterwissenschaftler zu erkennen, er referiert Details aus der Geschichte der Volksbühne, zitiert Ulrich Beck und nimmt Bezug auf aktuelle Independent-Filme aus Berlin. Als derzeitiger Direktor des Londoner Mega-Museums Tate Modern steht er unter Verdacht, mehr Stichwortgeber für die milliardenschwere Kunstwelt zu sein als umsichtiger Kenner der disparaten Theaterszene. "Ich habe gelernt, dass 'Kurator' ein Schimpfwort in Berlin ist", sagt er nur halb im Scherz.

Dercon behagt die Defensive nicht, es ist ein punching below his weight, wenn er argumentieren muss, warum sich in der Volksbühne nach 25 Jahren Castorf ruhig auch was ändern darf. Der 56-Jährige ist ein begnadeter Kommunikator, der wie sein Kuratorenkollege Hans-Ulrich Obrist ständig mit neuen Ideen stimuliert werden will - und der seltsame Kulturkonservatismus, der ihm in der deutschen Presse entgegengeschlagen ist, gehört sichtlich nicht dazu.

Mann, Frau, alt, jung, Tanz, Film, Theater

Es dauert deshalb eine Weile, bis Dercon endlich mit den News rausrückt. Mehrere Wochen bis Monate im Jahr soll ein Hangar im stillgelegten Flughafen Tempelhof bespielt werden. Die bisherige Volksbühnen-Spielstätte Prater am Prenzlauer Berg bleibt erhalten, dazu soll es eine neue "digitale Bühne", genannt Terminal Plus, geben. Außerdem soll mit dem Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz kooperiert werden.

Wichtiger ist aber das fünfköpfige Team, mit dem Dercon ab 2017 die Volksbühne leiten will: Die deutsche Theaterregisseurin Susanne Kennedy ist dabei und die dänische Choreografin Mette Ingvartsen, der französische Tänzer und Choreograf Boris Charmatz sowie die deutschen Filmemacher Romuald Karmakar ("Der Totmacher") und Alexander Kluge. Als Programmdirektorin wird die Dramaturgin Marietta Piekenbrock fungieren.

Ein internationales Team, jung, alt, Mann, Frau, Tanz, Film, Theater: Es fällt schwer, gegen diese Mischung etwas einzuwenden, besonders, solange es noch keinen Spielplan und keine Inszenierungen gibt, an denen man ihre Qualität konkret messen könnte. Ein Journalist von der "Welt" versucht es trotzdem. Das furiose Männertheater von Castorf, wo werde das denn bitte fortgeführt? Die Frage kommt dem Anbieten des Kinns im Boxkampf gleich, und Dercon nutzt die Chance zum Knock-out: Ein mackerhaftes Theater mit männlichem Dominanzverhalten - das werde es mit ihm nicht geben.

Da sich danach keine Drohkulisse mehr für die Dercon-Intendanz ernsthaft beschwören lassen kann, wird es endlich richtig interessant. Denn dann lässt Dercon durchscheinen, warum er der Tate Modern, dem weltweit erfolgreichsten Museum für moderne Kunst, den Rücken kehrt. Er wolle nicht mit den Mechanismen der bildenden Kunst das Theater retten, so Dercon. Vielmehr sei die bildende Kunst vollständig durchökonomisiert, weshalb sie eher vom Theater gerettet werden könnte und müsste statt andersherum.

Zudem spricht Dercon noch die Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb an - schon bei der Tate Modern hat er kritisiert, dass einige Mitarbeiter von ihrem Gehalt nicht leben könnten. Enthusiasmus, das sei auch eine Quelle von Selbstausbeutung. Diese Mechanismen sollte man deshalb auf keinen Fall bedienen.

Ein politisch umsichtiger Kurator, der vor dem neoliberalen Alltag einer gigantomanischen Kunstinstitution nach Berlin flieht - in ein paar Jahren wird es wahrscheinlich schwer vorstellbar sein, warum Dercon 2015 nicht mit offenen Armen in Berlin begrüßt wurde. Bis dahin ist das dümmste Duell des Berliner Kulturfrühlings vielleicht aber auch schon vergessen.

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