Kultur

Vorurteile gegen Vornamen

Macht mit bei der Namens-Guerilla!

Faschos zu ärgern, ist leicht: Immer mehr Migrationshintergründler geben ihren Kindern typisch deutsche Namen. Auch Originaldeutsche können sich an der Namens-Guerilla beteiligen.

Sina Schuldt/ DPA

Belit Onay und seine Frau Derya

Eine Kolumne von
Donnerstag, 14.11.2019   17:41 Uhr

Der Oberbürgermeister von Hannover heißt ab nächster Woche Belit Onay, die neue First Lady der Stadt Derya. Das sind schöne türkische Namen, aber vor allem sind sie praktisch. Stellen Sie sich vor, es würde nur ein wenig komplizierter: Wäre Deutschland bereit für einen Bürgermeister namens Çagdas Imamoglu-Nebiogullari, die türkische Version von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger? Ich fürchte, nein. Viele Journalisten tun sich schon schwer damit, Cem Özdemir richtig auszusprechen.

Machen wir uns nichts vor: Namen spielen eine große Rolle. Woran denken Sie zum Beispiel eher, wenn Sie den Namen "Mandy " hören - an die Vorstandschefin eines globalen Konzerns oder an eine Frisörin aus Jena? Oder stellen Sie sich zwei Beamte im Auswärtigen Amt vor, welche Namen haben sie wahrscheinlich? Ali und Olga, Ronny und Jacqueline oder Anja und Robert? Oder: hat sich bei Ihnen schon mal jemand in einer Telefonhotline gemeldet mit "Leopold von und zu Irgendwas, wie kann ich Ihnen helfen"? Nein? Eben. Nomen est Omen.

"Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose" - das sitzt bis heute

Namen weisen meistens auf eine Gruppenzugehörigkeit hin und sind mit Vorurteilen verknüpft, zum Beispiel deutsch-akademisch, ausländisch-akademisch ("Henry-James"), ostdeutsch-proletarisch, ausländisch-problematisch, usw. Ein Teufelskreis, der sich immer wieder reproduziert. 2014 zeigte eine Studie, dass Schüler mit türkischen Namen selbst bei gleichen Ausgangsvoraussetzungen deutlich schlechtere Berufschancen haben als ihre Freunde mit deutschen Namen. Und vor zehn Jahren zitierte eine Studie über Vornamensvorurteile bei Lehrern die geflügelte Antwort aus einem Fragebogen: "Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose". Das sitzt bis heute.

Wir sollten das aber nicht hinnehmen. Wer nicht noch einmal 70 Jahre warten will, bis es jemand mit einem Gastarbeiternamen überraschend an die Spitze schafft, der oder die sollte jetzt anfangen zu handeln. Wie? Mit maximaler Irritation. Liebe Schwarze und muslimische Eltern: Gebt euren Söhnen Alte-weiße-Männer-Namen wie Helmut, Gerhard oder Ulf, und nennt eure Töchter am besten Hannelore, Sieglinde oder Waltraud. Oder, wer auf adeligen Sound steht: Apollonia, Helene und Leonore oder Eduard, Ferdinand und Valentin funktionieren bestimmt auch gut.

Der Migrationshintergrund wird unsichtbar

Einige meiner Freunde mit Migrationshintergrund haben mit der Namens-Guerilla schon begonnen. Sie geben ihrem Nachwuchs unauffällige, international gut aussprechbare Namen wie Lina, Ella und Jacob und den Nachnamen ihrer originaldeutschen Partner, falls vorhanden. Damit wird der Migrationshintergrund unsichtbar - bei manchen nur auf dem Papier, bei einigen sogar im Alltag. Denn die Zuordnung "ausländisches Aussehen" funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad. Bei vielen Deutschen hat die Jahrtausende andauernde Migrationsgeschichte ihre Spuren hinterlassen - manche sehen einfach "südländisch" aus. Auch manche AfD-Politiker könnten in der Türkei gut und gerne als Ahmet durchgehen. Aber bei "Uwe" oder "Stefan" fragt sich niemand, wo er ursprünglich herkommt. Gut so. Damit können wir arbeiten.

Es brauchen natürlich nicht alle Adelheid, Egidius und Renate zu heißen. Deutsche Namen allein schützen nicht vor Rassismus - und schon gar nicht vor Faschisten. Die Nationalsozialisten hatten auch keinen Überblick, wer alles jüdisch ist, und haben einfach 1938 eine Namensverordnung eingeführt: Alle, die in ihren Augen Juden waren und keinen eindeutigen Namen hatten, mussten den zweiten Vornamen "Israel" oder "Sara" annehmen. So konnte man sie leichter erkennen, erniedrigen und später ermorden.

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Ohne Gewähr

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Wir kommen mit der Namens-Guerilla also nur voran, wenn alle Seiten mitmachen bei der Irritation. Liebe weiße Mitmenschen, die ihr dem völkischen Nationalismus auch einen Strich durch die Rechnung machen wollt: Macht mit! Nennt eure Kinder einfach Osman, Aliyeh, Khuyen oder was euch so gefällt. Laut Bunte sind "blumige, türkische Namen" schon im Trend. Ich danke jetzt schon allen, die den Nachnamen ihrer ausländischen Ehepartner annehmen - ihr seid wahre Integrationspioniere.

Dazu zählen auch die Eltern von Fatima Krumm, einer Kollegin von der "Westdeutschen Zeitung". Ihre Eltern dachten sich offenbar nichts dabei, als sie der Tochter 1988 in Eisenhüttenstadt den Namen einer Beduinenprinzessin aus einem DDR-Comic gaben. Sie fanden ihn einfach schön. Fatima Krumm beschreibt in einem Artikel, wie es sich nach der Wende im Westen als Kartoffeldeutsche mit arabischem Namen so lebt. Offenbar passt sie für niemanden ins Schema, nicht für weiße Deutsche, nicht für die Anderen. Damit sich das ändert und sich alle endlich lockermachen, brauchen wir mehr Ahmet Lehmanns, Gülten Krügers und Bijan Böhnings.

Das klingt vermutlich erst mal schräg, aber die Namens-Guerilla hat schon einmal sehr gut funktioniert: jüdische Namen sind voll im Trend. Hannah, Esther, Sara, Leah, Elias, Noah, Benjamin sind allseits beliebt und keine "jüdischen Namen" mehr. Was für ein sympathischer, antifaschistischer Guerilla-Move. Jetzt sollten wir dafür sorgen, dass man auch Osman nicht mehr von Otto unterscheiden kann.

Faschos zu ärgern ist leichter, als man denkt.

insgesamt 159 Beiträge
surgeon84 14.11.2019
1. Standesamt muss mitspielen!
Bekannte von mir, original-deutsch und malaysisch mussten sogar den Wohnort wechseln, damit ihre Töchter 'deutsche ' Namen bekommen konnten! Das eigentlich zuständige Standesamt bestand auf Namen, die die Herkunft der Mutter [...]
Bekannte von mir, original-deutsch und malaysisch mussten sogar den Wohnort wechseln, damit ihre Töchter 'deutsche ' Namen bekommen konnten! Das eigentlich zuständige Standesamt bestand auf Namen, die die Herkunft der Mutter eindeutig bei den Kindern kenntlich machen sollten!
Beauregard 14.11.2019
2. Bedeutung?
Für mich hat ein Name allerdings auch eine Bedeutung, wie sicherlich für viele andere auch, egal ob aus Deutschland, der Türkei oder woher. Und daher würde ich mein Kind sicherlich nicht Osman und auch nicht Adelgunde oder wie [...]
Für mich hat ein Name allerdings auch eine Bedeutung, wie sicherlich für viele andere auch, egal ob aus Deutschland, der Türkei oder woher. Und daher würde ich mein Kind sicherlich nicht Osman und auch nicht Adelgunde oder wie in Amerika häufig üblich völlig sinnbefreit nach irgendetwas nennen....
eunegin 14.11.2019
3. Auswärtiges Amt? Falsch gewickelt!
"Oder stellen Sie sich zwei Beamte im Auswärtigen Amt vor, welche Namen haben sie wahrscheinlich?" Ein alter Hut. Ich habe beruflich regelmäßig mit dem AA zu tun. Die Namen dort sind, insbesondere bei den U40ern, so [...]
"Oder stellen Sie sich zwei Beamte im Auswärtigen Amt vor, welche Namen haben sie wahrscheinlich?" Ein alter Hut. Ich habe beruflich regelmäßig mit dem AA zu tun. Die Namen dort sind, insbesondere bei den U40ern, so bunt wie unsere Welt. Wir leben doch nicht in den 1960ern!
alle_zusammen 14.11.2019
4. sehr gute Idee
Geben wir unseren Kindern Namen, um unsere Mitmenschen zu ärgern. Wie progressiv. Vielleicht sind ihre Freunde auch einfach in Deutschland angekommen und fanden die Namen schön...
Geben wir unseren Kindern Namen, um unsere Mitmenschen zu ärgern. Wie progressiv. Vielleicht sind ihre Freunde auch einfach in Deutschland angekommen und fanden die Namen schön...
yurguen 14.11.2019
5.
Gute Idee! Es muss nicht türkisch, arabisch, jüdisch sein, man kann sich auch in Lateinamerika oder in der Karibik bedienen, da heißen Mädchen Massiel, Arlenis, Isaunny, Yessenia, Alayna, Yanilda, Nairoby, Lineisy, Yelissa, [...]
Gute Idee! Es muss nicht türkisch, arabisch, jüdisch sein, man kann sich auch in Lateinamerika oder in der Karibik bedienen, da heißen Mädchen Massiel, Arlenis, Isaunny, Yessenia, Alayna, Yanilda, Nairoby, Lineisy, Yelissa, Charlina, Jimena, Yenyina, Kenya, Marianela ... das alles klingt nach großer weiter Welt auf Deutsch, Englisch und Spanisch, vermeidet aber einen negativen Stempel, den Namen wie Jacqueline nun einmal haben.
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