Kultur

Zum Tode der Stararchitektin Hadid

Die Frau, die baute

Zaha Hadid zählte zu den wenigen Architekten, deren Name global zur Marke wurde - und zu den ganz wenigen Frauen, die in dieser Branche Welterfolge feierte. Nun ist die geniale Britin unerwartet gestorben.

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Freitag, 01.04.2016   01:32 Uhr

DPA

Zaha Hadid vor dem MAXXI-Museum in Rom

Zaha Hadid hat gebaut. Dabei wäre sie beinahe in die Geschichte eingegangen als tragische Fußnote einer genialen Architektin, die nie gebaut hat.

Nie gebaut hat sie ein Bürohaus am Kurfürstendamm in Berlin, den Vergnügungspark in Hongkong, die Oper für Cardiff - mehrfach hatte die Irakerin mit britischem Pass bei Ausschreibungen den ersten Preis gewonnen, mehrfach waren ihre Entwürfe den Entscheidern zu teuer, zu kühn, zu extravagant. Vielleicht zu arabisch. Oder zu weiblich.

Aber Zaha Hadid hat gebaut.

Die Legende will, dass ihr Erstlingswerk 1993 in Weil am Rhein entstehen konnte. Archaisch und schwebend zugleich, verschachtelt und dennoch funktional gestaltete Hadid für die Möbelfabrik der Firma Vitra eine Feuerwache, die heute als leere Skulptur nur noch auf sich selbst verweist. Ein ästhetischer Urknall, der Zaha Hadid mit einem Schlag in die Gesellschaft - wenn nicht an die Spitze - der wenigen Architekten katapultierte, deren Namen weltweit zu Marken geworden sind.

Tatsächlich steht das erste von Hadid geplante Gebäude seit 1987 in Berlin-Kreuzberg, es ist ein eher wenig spektakuläres Wohnhaus, angeblich von Bauvorschriften auf Normalmaß gestutzt - und deshalb von der späteren Stararchitektin aus dem Werkverzeichnis gestrichen wie eine Jugendsünde. Und ein Witz im Vergleich zu den monumentalen Werken, die heute von Moskau bis Abu Dhabi, von Baku bis Cincinatti, von Rom bis London mal zu besichtigen, mal zu betreten und immer zu bewundern sind.

Ihre irakische Heimat hatte Hadid schon früh verlassen und an der US-Universität von Beirut Mathematik studiert, bevor sie sich in London der Architektur zuwandte. An der Architectural Association School (AAA) machte sie ihre Lehrer mit ihrer am russischen Suprematisten Kasimir Malewitsch geschulten Exzentrik auf sich aufmerksam. Ihre Entwürfe wirkten bisweilen wie betretbare Explosionszeichnungen, mit kippenden Wänden, tanzenden Säulen und splitternden Dächern.

Eine Avantgarde, die Kollegen wie Frank O. Gehry, Daniel Libeskind oder Peter Eisenman sehr schätzten - die aber, anders als Gehry, Libeskind oder Eisenman, lange keine Bauherren fand. Als Zaha Hadid dann endlich baute, gab es kein Halten mehr. Allein in Deutschland, einem wichtigen Geschäftsfeld, erzählen unter anderem das "Phaeno" in Wolfburg oder die BMW-Fabrik in Leipzig von ihrem Genie.

Die Hartnäckigkeit und der Aplomb, mit denen sich eine arabische Frau in einem weiß und männlich dominierten Umfeld durchsetzen musste, zahlten sich nicht nur aus - sie wurden ihr Markenzeichen. Als Hadid 2004 als erste Frau und jüngste Kandidatin mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, der als Nobelpreis für Architektur gilt, wurde sie von der Jury mit Oscar Niemeyer verglichen, dem ähnlich furchtlosen Schöpfer der sinnlichen Kurven von Brasilia. Frank O. Gehry bezeichnete sie als "außergewöhnliche Naturgewalt".

Da hatte sich Hadid bereits von Futurismus und Kubismus entfernt und barocken Solitären zugewandt, die durch schiere Flamboyanz überwältigen wollten. In Abu Dhabi, Baku oder Peking errichtete sie schillernde "signature buildings" für das Geltungsbewusstsein ihrer Auftraggeber, aber ohne Interesse an architektonischer Umgebung, kulturellem Erbe, menschlicher Stadtplanung oder Umweltschutz - alles Themen, die einer neuen Generation architektonischer Avantgardisten am Herzen liegen.

Ein Gestirn von solcher Größe freilich warf auch einigen Schatten. Hadid, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, stand auch für eine ins Gigantische aufgeblasene Gestrigkeit, gestützt durch den Stahlbeton am Computer errechneter Extravaganzen - ein Albtraum für Statiker, unpraktisch bis zur Unbenutzbarkeit, wie ihr olympisches Schwimmstadion in London oder Museen, an deren gewölbten Wänden sich kein Bild befestigen lässt.

Ihr Kompagnon und theoretischer Stichwortgeber Patrick Schumacher nannte diese Manier "Parametrismus" und adelte das digitale Bauen in Strudeln und Falten zum endgültigen Stil, in den Übergangsperioden wie Dekonstruktivismus und Postmoderne münden müssten. Das Flüssige als Hegemonialstil der Postmoderne. Und das Gebäude als Welt für sich.

AP/ Qatar¿s Supreme Committee for Delivery & Legacy

Entwurf für das WM-Stadion in Katar

Ihr Entwurf für ein WM-Stadion in Katar erinnerte manche Beobachter an eine Vagina. Aber diese eigentlich sympathische, weil womöglich subversive Assoziation wies Hadid ebenso entrüstet von sich wie jede Verantwortung für die Zustände auf den dortigen Baustellen: "Das ist nicht meine Aufgabe als Architektin." Die Gelegenheit, als "Königin der Architektur" ihre Stimme zu erheben, hat sie verstreichen lassen.

Ein Vergleich mit den Arbeiten von Elezabeth Diller, Nathalie de Vries oder Kazuyo Sejima zeigt, wie antiquiert ihre Architektur im Grunde war - und wie offensiv sie sich als flamboyante Schöpferin eines dezidiert "weiblichen Bauens" in Szene zu setzen verstand. Eine Montserrat Caballé der Architektur. Wenn sie als Rollenmodell eine Vorreiterin war, dann eine nicht unproblematische. In Interviews beklagte sie sich zu Recht, Frauen bekämen in ihrem Beruf nicht die gleichen Chancen wie Männer - aber nur ein Drittel ihrer eigenen angestellten Architekten waren weiblich.

Zuletzt beschäftigte ihr Büro 400 Angestellte, die parallel an 95 Projekten rund um die Welt arbeiteten, während die Meisterin nebenbei noch Möbel, Bühnenbilder für die Pet Shop Boys oder ein Liebesnest entwarf, das der Oligarch Vladislam Doronin seiner Freundin Naomi Campbell schenken wollte. Der Höhepunkt ihrer erstaunlichen Karriere könnte auch der Scheitelpunkt gewesen sein. Ihre Planung für ein Olympiastadion in Tokio wurde nach heftiger Kritik an und 35.000 Unterschriften gegen diesem "galaktischen Fahrradhelm" gekippt - nicht nur aus Kostengründen.

Geplant hat sie ein neues Parlament für Bagdad und ein Hochhaus für die Zentralbank am Ufer des Tigris. Auch Syrien hätte sie "als Araberin" gern beim Aufbau geholfen, wie sie sich auch 2007 um einen Neubau des Verteidigungsministeriums in Damaskus bewarb.

"Ich bin keine Politikerin", sagte sie einmal: "Ich bin keine Agitprop-Künstlerin. Wenn ich sage, ich baue an bestimmen Orten nicht, dann gibt es viele andere Orte, an denen ich ebenfalls nicht bauen würde. Ich würde nirgendwo mehr irgendwas machen. Ich würde einfach nicht bauen."

Also baute Zaha Hadid.

Nur ein Haus für sich selbst hat sie nicht bauen wollen, wie sie einmal sagte: "Ich bin kaum jemals zu Hause."

Völlig überraschend ist Zaha Hadid nun an einem Herzinfarkt in einem Krankenhaus in Miami gestorben. Sie wurde 65 Jahre alt.

insgesamt 50 Beiträge
Vex 01.04.2016
1. schade
Sehr schade ich fand ihre Entwürfe genial gerade weil sie nicht funktional ökologisch etc waren ... sie waren eben nur fürs Auge und den Sinn für Ästhetik und sonst für gar nichts eben Kunst. Den Mut muss man in der [...]
Sehr schade ich fand ihre Entwürfe genial gerade weil sie nicht funktional ökologisch etc waren ... sie waren eben nur fürs Auge und den Sinn für Ästhetik und sonst für gar nichts eben Kunst. Den Mut muss man in der heutigen Welt erstmal haben dem ganzen effektivitäts, rentabilitäts und funktionalitäts Wahn zu trotzen. Gerade das im Artikel erwähnte Tokio mit dem galaktischen Fahrradhelm hat sich selbst ins Bein geschossen sie hätten Kunst haben können an die man sich noch Jahrhunderte erfreut jetzt bekommen sie zum Stadtteil passende viereckige Gebäude mit ein bisschen grün dazwischen das nach 10 Jahren keinen mehr interessiert. Ja es ist billiger und praktischer aber eben auch völlig unbedeutend und leider keine Kunst sondern solides Handwerk.
Vex 01.04.2016
2. schade
Sehr schade ich fand ihre Entwürfe genial gerade weil sie nicht funktional ökologisch etc waren ... sie waren eben nur fürs Auge und den Sinn für Ästhetik und sonst für gar nichts eben Kunst. Den Mut muss man in der [...]
Sehr schade ich fand ihre Entwürfe genial gerade weil sie nicht funktional ökologisch etc waren ... sie waren eben nur fürs Auge und den Sinn für Ästhetik und sonst für gar nichts eben Kunst. Den Mut muss man in der heutigen Welt erstmal haben dem ganzen effektivitäts, rentabilitäts und funktionalitäts Wahn zu trotzen. Gerade das im Artikel erwähnte Tokio mit dem galaktischen Fahrradhelm hat sich selbst ins Bein geschossen sie hätten Kunst haben können an die man sich noch Jahrhunderte erfreut jetzt bekommen sie zum Stadtteil passende viereckige Gebäude mit ein bisschen grün dazwischen das nach 10 Jahren keinen mehr interessiert. Ja es ist billiger und praktischer aber eben auch völlig unbedeutend und leider keine Kunst sondern solides Handwerk.
lordofaiur 01.04.2016
3.
Tut mir leid für die Dame, aber ich habe noch nie von ihr gehört. R.I.P.
Tut mir leid für die Dame, aber ich habe noch nie von ihr gehört. R.I.P.
maximillian64 01.04.2016
4. Respekt für eine ganz Grosse
Eigentlich wahr Zaha Hadid ja immer die Frau die nicht "baute". Zu verrückt und technisch anspruchsvoll ware Ihre Entwürfe um dann vom normalen Baubetrieb realisiert zu werden. Immerhin in den 23 Jahren die sie dann [...]
Eigentlich wahr Zaha Hadid ja immer die Frau die nicht "baute". Zu verrückt und technisch anspruchsvoll ware Ihre Entwürfe um dann vom normalen Baubetrieb realisiert zu werden. Immerhin in den 23 Jahren die sie dann wirklich gebaut hat, hat sie bleibenden Eindruck hinterlassen. Schade das sie uns nicht mehr verblüffen kann.
voiceecho 01.04.2016
5. Rip
Es ist ein Jahr, indem viele großartige Menschen von uns gehen, sie war eine großartige "Künstlerin", die sich mit ihren Bauten verewigt hat. Schade für die Architekturwelt, Schade für uns alle... RIP Zaha [...]
Es ist ein Jahr, indem viele großartige Menschen von uns gehen, sie war eine großartige "Künstlerin", die sich mit ihren Bauten verewigt hat. Schade für die Architekturwelt, Schade für uns alle... RIP Zaha "Stahl" Hadid...

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